Neoklassische Annahmen
Das Saysche Theorem eine neoklassische Annahme
Die heutige volkswirtschaftliche Lehre und Forschung fußt auf der Theorie der Neoklassik. Eine ihrer Glaubensätze besagt:
Die Produktion (das Angebot) von Gütern schafft ihre (seine) eigene Nachfrage nach Gütern.
Diese Aussage wurde als Saysche Theorem im Jahre 1803 von Jean-Baptiste Say formuliert. Sie wird von der heutigen neoliberalen, angebotsorientierten Wirtschaftspolitik vertreten, deren Credo lautet: Alles ist zu fördern, das die Güterproduktion erleichtert. Das sind Steuererniedrigung für Unternehmer, Rückfahren von Lohnforderungen, denn sie sind Produktionskosten (über Kapitalkosten wird nicht gesprochen) und die Förderung von Geldakkumulation, weil das die Investitionen fördert.
Wie soll es durch die Stärkung der Angebotsseite zur Nachfrageerhöhung kommen? Gemeint ist Folgendes:
In einer Fabrik werden Fahrräder hergestellt. Deren Arbeiter erhalten dafür Lohn. Mit dem verdienten Geld kaufen sie Produkte anderer Hersteller. Die Fabrikbesitzer und die anderen Hersteller erwirtschaften Gewinn. Ein Teil des gewonnenen Geldes fließt in Investitionen oder zu Zulieferer, die damit mehr Geld in ihren Taschen haben. So steigt die allgemeine Kaufkraft und es gibt genügend Leute, die sich heue Fahrräder kaufen können.
Dahinter steht die richtige Vorstellung, dass in einer Volkswirtschaft die heutigen Ausgaben die zukünftigen Einnahmen sind. Dies kann als ein volkswirtschaftliches Axiom bezeichnet werden und lautet: In einer Volkswirtschaft, die durch Geldwirtschaft gekennzeichnet ist, gilt, dass die volkswirtschaftlichen Ausgaben die zukünftigen Einnahmen sind oder anders betrachtet, bei einer stabilen (!) Volkswirtschaft ist die Summe aller Ausgaben gleich der Summe aller Einnahmen.
Dieser Aussage liegt das volkswirtschaftlich Kreislaufmodell zugrunde: Während das Geld in die eine Richtung fließt, strömen entgegengesetzt die Güter bzw. Leistungen. Die Neoklassiker konstruieren daraus aber eine Automatik: Die Ausgaben erzwingen die Einnahmen und die Einnahmen bewirken automatisch auch die Ausgaben.
Nur was passiert mit einer Volkswirtschaft, in der das eingenommene Geld nicht wieder ausgegeben wird ? Zum Beispiel wird das Geld auf Schweitzer Konten verschoben oder in internationalen Spekulationsblasen transferiert, weil dort höhere Rendite winken, anstatt die heimischen Wirtschaft anzukurbeln, deren Absatzmarkt bereits gesättigt ist? Oder die Fabrikbesitzer leben im Ausland und investieren den Gewinn lieber dort. Oder das Geld wird schlicht und einfach bar gehortet mit dem Ziel, es für ein günstiges Schnäppchen auszugeben.
Die angebotsorientierten Vorschläge der Neoliberalen blenden die eigenständige Wirkung unseres Geldsystems auf die Wirtschaftsprozesse völlig aus.
Vor allem blenden sie die Verteilungsfrage aus.
Die Probleme treten dann auf, wenn große Teile des eingenommene Geld sich auf wenige Personen verteilt. Bei diesem Personenkreis häuft sich ein Überschuss von Geldvermögen an. Wenn dieses Geld nicht wieder ausgegeben wird, sei es als Konsum oder Investition (eine besondere Konsumart), sondern in die Schweiz verschoben wird oder in Spekulationsblasen verschwindet, fehlt es der Volkswirtschaft. Diesem nicht ausgegebenen Überschuss stehen produzierte Güter, bzw. Leistungen gegenüber, die nicht vom Markt geräumt werden. Unternehmen gehen pleite, die Volkswirtschaft schrumpft.
Ein Rechenbeispiel möge das Problem verdeutlichen.
Hier wird die sog. reiche Gruppe, bei der die Einnahmen größer sind als die Ausgaben und die einen Bevölkerungsanteil von 25% umfassen soll, in ihren Einnahmen dem großen Rest der Bevölkerung gegenübergestellt. Die Annahme von 40% Einnahmeanteil dieser Bevölkerungsgruppe am BIP, hier mit 2000 Mrd. €./Jahr angegeben, kommt der bundesrepublikanischen Wirklichkeit recht nahe. Beim großen Teil der Bevölkerung sind im Wesentlichen die Ausgaben so groß wie die Einnahmen. Die Ausgaben des kleinen reichen Teils mögen bei konstant (!) z.B. 720 Mrd. Euro/Jahr liegen, das sind 36% des anfänglichen (!) BIP von 2000 Mrd. €. Der Gewinn würde dann anfänglich bei 4% BIP liegen oder 10% des anfänglichen Einkommens, der voraussetzungsgemäß angehäuft wird. Da die Ausgaben immer auch die zukünftigen Einnahmen sind, schrumpft das BIP im folgenden Jahr, in unserem Beispiel um 80 Mrd. € (4% von 2000). Das BIP schrumpft unter diesen Voraussetzungen solange , bis die Ausgaben der reichen Gruppe gleich deren Einnahmen sind, d.h. bis in unserem Beispiel 720 Mrd. € 40% des dann erreichten BIP ausmachen, also auf 1800 Mrd. €. Der Gewinn ist dann natürlich auf null geschrumpft (Marx: tendenzielle Fall der Profitrate = Keynes: Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals).
Das Entscheidende bei diesem Vorgang ist, dass der reiche Teil seine Einnahmen nicht konsumieren kann und dadurch Vermögen anhäuft. Diente diese Anhäufung nun auch dazu, die anfänglich ungleiche Einkommensverteilung zu Lasten des ärmeren Teils weiter zu verschieben, z.B. durch Rationalisierungs-Investitionen oder Kreditvergabe, würde sich letztlich die Krisendynamik verschärfen.
Unser Wirtschafts- und Geldsystem kann so nicht krisenfest funktionieren:
Eine extrem ungleichmäßige Einkommensverteilung führt zu wirtschaftlichen Störungen. Solche Einkommensverhältnisse entstehen vor allem dann, wenn es in der Gesellschaft Möglichkeiten gibt, durch den bloßen Besitz von knappen, aber für alle notwendigen Gütern leistungsloses Einkommen zu erzielen (gewinnbringendes Vermögen, s. www.dr-wo.de/schriften/feudalismus/) . In einer modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaft sind:
- Produktionsmittel knappe Güter. – Ihr Besitz führt zu Profiten.
- Weiterhin ist der Boden ein knappes, nicht vermehrbares Gut. – Sein Besitz führt zur Bodenrente.
- Aber besonders ist Geld ein solches Gut, denn das Geld ist nicht nur bloßes Tausch- , sondern auch Aufbewahrungsmittel, das durch Hortung (Verschiebung, Spekulation) dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden kann und dadurch knapp wird. Dies ist die Liquiditätspräferenz des Geldes, die dazu führt, dass der Zins nicht unter den Liquiditätswert (erfahrungsgemäß 2%) sinkt. – Der Besitz von Geld führt in unserem Geldsystem zum Zins als leistungsloses Einkommen.
Eine langfristig wirksame und nachhaltige Therapie kann nur in Maßnahmen liegen, die verhindern, dass durch den Besitz von knappen gesellschaftlich nötigen Gütern, im großen Stil leistungsloses Einkommen erzielt wird, z.B. durch den Besitz von Geld, Boden, Produktionsmitteln u.a..)
Das kann sein:
- eine Besteuerung der Kapitalvermögen
- eine Besteuerung von Kapitalerträgen
- eine Besteuerung liquider Mittel, durch Einführung einer Rückhaltegebühr (s. H. Creutz: Das Geldsyndrom; u. www.INWO.de)
Steuern in der Art der Tobin‑Steuer, bzw. Besteuerung von Finanztransfer
Das Elend der naturwissenschaftlichen Annahmen
Das Elend der naturwissenschaftlichen Annahmen
Eine meiner hartnäckigen Überzeugungen ist die Annahme, die Dinge, die wir wahrnehmen, gäbe es an sich, getrennt von den anderen – Tief in meinem Inneren ist eingebrannt, daß in unserer Welt voneinander unabhängig existierende Objekte auf voll vorhersagbarer Weise aufeinander einwirken. Dabei hat diese Weltsicht – und sie ist eine spezielle, seit der Aufklärung existierende, vom Christentum beeinflußte Sicht – bis in das politische Handeln Folgen: Die so verbreitete Unterscheidung zwischen Völkern, Rassen, Nationen, Familien, Berufen, schlechte und böse Menschen usw. , hat eine ihrer Wurzeln in jener Denkweise, welche die Dinge als an und für sich voneinander getrennt (inhärent), unverbunden und „zerstückelt“ in noch kleinere Bestandteile vorstellt. Ich ordne mich da gut in die Reihe der meisten Naturwissenschaftler und Ingenieure ein, die über den Rand ihres Spezialwissen nur mühsam sehen können, dabei aber die Sichtweise haben, daß ihre Vorstellungen die allgemeine Sichtweise sei. Eine Erklärung gibt das folgende Zitat:
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Physik zum Modell nicht nur des physikalischen Universums, sondern auch des menschlichen Verhaltens geworden…….Jede Wirkung mußte eine bekannte Ursache haben. Jede Ursache mußte zu erklärbaren (meßbaren! ) Wirkungen führen. Damit wurde Zukunft eine logische Folge der Vergangenheit…. Selbst unser Denken mußte in irgeneiner Weise mit der Maschine Newton erklärt werden… Sie forschten nach allgemeinen Gesetzen, mit denen sich die Geschichte und das menschliche Verhalten erklären ließen. Karl Marx, z.B., nahm an, das Subjekt jeder Veränderung sei die Materie (was immer man damals unter Materie verstand!), und jede Veränderung sei das Ergebnis eines fortwährenden Konfliktes zwischen den Widersprüchen, die allen Dingen innewohnten…Diese Theorie, die als dialektischer Materialismus bekannt ist, erinnert in mancher Hinsicht an das zweite Newtonsche Axiom, das besagt, daß die Ursache einer Bewegungsänderung eine Kraft ist, und daß es die Materie ist, auf die die Kraft einwirkt…. (F.A. Wolf; Der Quantensprung ist keine Hexerei, Birkhäuser, 1986, S. 54 ff)
Diese Sichtweise ist auch heute noch die herrschende Sichtweise der Naturwissenschaftler. Dazu folgender Text:
Peter Mulser, Prof. f. theoretische Physik: Über Voraussetzungen einer quantitativen Naturbeschreibung;
In: V. Braitenberg/Inga Hosp (Hg.), Die Natur ist unser Modell von ihr, rororo, 1996, S. 156 ff
<<Das philosophische Nachdenken hat das Denken überhaupt geschärft und sukzessive zahlreiche vermeintlich tiefe Probleme als grundsätzlich unlösbar und somit als Scheinprobleme entlarvt. Wohl berühmtestes Beispiel ist das nicht erkennbare Kantsche «Ding an sich». Es scheint, als seien Erfolg und Nutzen philosophischen Denkens in der Aufgabe von Positionen und in der freiwilligen Beschränkung am größten gewesen. Der andere Aspekt traditioneller Naturerkenntnis und ‑Philosophie ist ihr Mangel an Folgerichtigkeit, die qualitative Naturbeschreibung tritt auf der Stelle. Sie lebt, in ihren besten Vertretern, von der Bildung neuer interessanter Assoziationen und geistreicher Bezüge und gehört somit mehr in das Reich von Kunst und Dichtung. In diesem vorwissenschaftlichen Feld kommt der Philosophie als Anreger und Wegbereiter, und auch als Regulativ für Geist und Psyche, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nur darf sie nicht den Anspruch gesicherter Erkenntnis erheben. Diese nämlich setzt als Postulat Nachprüfbarkeit voraus und fordert das Experiment.
Das Experimentieren als systematisches Befragen der Natur kannte das alte Denken nicht. Es ist eine echte Erfindung am Übergang zur Neuzeit, mit einschneidenden Folgen für Denken und Handeln. Die neue Methode der Naturwissenschaften führt zu systematischem Wissensaufbau und zu Lehr‑ und Übertragbarkeit von Wissen über alle historischen Kulturen hinweg. Wie durchschlagend ihr Erfolg war, geht aus der Tatsache hervor, daß die Naturwissenschaften ganze Themenkomplexe der Philosophie entrissen und letztere in ihr Vorfeld verwiesen, wo sie sich um die Grundlegung der wissenschaftlichen Disziplinen bemüht. (S. 156)……
Worauf gründet sich dieser Erfolg der Naturwissenschaften? Auf die Existenz isolierter und isolierbarer oder zumindest verdünnbarer Systeme. Diese Eigenschaft erlaubt die Ordnung nach « reinen » Fällen. Sie führt zu Reproduzier‑ und Steuerbarkeit. Bis heute haben die Wissenschaftler durch Abtrennen, durch « Zerhacken » immer wieder Erfolg gehabt. Wer weiß, wo und wie dieser Vorgang zum Stillstand kommen wird?
Und der Herausgeber Valentin Braitenber schreibt (S.11):
Schließlich entscheidet immer der Erfolg über die Bilder, die wir uns von der Welt machen: Die erfolgreichen sind wahr, die anderen nennen wir Irrtümer.>>
Die Naturwissenschaftler sollten es anders wissen, wenn sie gründlich wären. Gründlich, da meine ich, sie müßten sich mit den Grundlagen ihrer Wissenschaft beschäftigen und das ist heute die Relativitäts- und Quantentheorie.
Einstein ist ein Beispiel für die angeführte hartnäckige Überzeugung von der Unabhängigkeit der Dinge, obwohl er mit seinen Theorien half, diese Vorstellung zu überwinden. Zum einen versuchte er in seinem großen Disput mit Heisenberg und Bohr an dieser Überzeugung festzuhalten. Das gipfelte dann in dem berühmten Ausspruch: <<Gott würfele nicht>>. Dahinter steht die Vorstellung, wie schon formuliert, daß bei Kenntnis des (Bewegungs)Zustandes eines isolierten Objektes der zukünftige Zustand (über Berechnungen unter Anwendung der physikalischen Gesetze) vorhersagbar, also kein Zufallsprodukt des Würfelspiel sei. Doch sogenannte Objekte im Mikrobereich benehmen sich nicht so, wie Quantenphysiker entdeckten, allen voran Heisenberg. Ihrer zukünftiger Zustand ist nur mit einer Wahrscheinlichkeit anzugeben. Diese Wahrscheinlichkeit ist aber nicht die Wahrscheinlichkeit eines Würfelspiels, bei dem der klassische Physiker annimmt, wenn wir von allen Einflüssen auf den Würfel Kenntnis hätten, wir sehr wohl voraussagen könnten, wann zehn Mal hintereinander die 6 gewürfelt würde. Da wir das aber „noch“ nicht können, ermitteln wir eine Wahrscheinlichkeit aus der großen Zahl von Würfelvorgängen. Der Quantenphysiker behauptet im Gegensatz dazu, auch mit dem größten Forschungsaufwand könnte man weder im Prinzip, noch in der Praxis den exakten Zeitpunkt eines individuellen Ereignisses – wo hält sich das sog. Objekt Elektron auf – bestimmen. Es gibt keine spezielle Ursache für dieses Ereignis. In der Auffassung von Heisenber gibt es weder implizite, noch explizit irgendeine Bindung dieses Ereignisses an die Kausalität. Bezogen auf das Ort/Zeit-Verhalten des Elektrons gibt es für dieses keinen speziellen Aufenthaltsort, bevor man das Elektron nicht wahrnimmt, d.h. mißt. Salopp gesagt, es ist überall und nirgends. Es hat in dieser Hinsicht keine Existenz an sich. Es ist nicht als Ding vorhanden, wie wir Dinge im Alltag wahrnehmen, getrennt , isolierbar von anderen. 1)
Aber auch in seiner speziellen Relativitätstheorie müßte Einstein zu diesem Schluß des Fehlens einer inhärenten Existenz kommen. Auf der einen Seite zeigt seine spezielle Relativitätstheorie die Systemabhängigkeit der Raumzeit und vieler Primärqualitäten der klassischen Physik (Masse, Energie usw.) Ein anderer fast noch wichtiger Aspekt sind die unveränderlichen Qualitäten, die sich von einem System zum anderen nicht ändern. So ist zum Beispiel die Lichtgeschwindigkeit (Licht die nicht zu begreifende oder nur in Modellen erfaßbare Erscheinung) für alle Systeme dieselbe, eine Beobachtung, die er als einziger seiner Zunft zu erst voll akzeptierte und zur Formulierung seiner speziellen Theorie führte. Die wichtigste Gruppe solcher Invarianzen sind die physikalischen Gesetze selbst. Hier versteht man, warum Einstein so fest an seiner Überzeugung von der Inhärenz der Dinge festhielt. In gewisser Hinsicht widerspricht dies auch der von Heisenberg beobachteten Akausalität von Quantenprozessen.. In anderer Hinsicht erhält jeder physikalische Standpunkt gleiches Recht, gleiche Realität, wenn man die physikalischen Gesetze als unabhängig von jedem Bezugsrahmen formuliert. Es gibt keinen ausgezeichneten oder privilegierten Standpunkt an sich.
Übrigens, diese Auffassung findet ihre Parallele im tibetanischen Buddhismus, in der Lehre von der Leere, die verneint, daß irgendeine Person oder ein Ding eine unabhängige Existenz besäße. Alle Menschen und Dinge sind voneinander abhängig, gleichermaßen leer und doch der Konvention nach (im Alltag) gleichermaßen wirklich. Nicht nur Quantensystem, sondern auch unser Ich, sogar der Buddha, sogar die Leere selbst haben keine unabhängige Existenz. 2)
Wegen dieser Illusion über unsere behauptete Eigenständigkeit rennen wir hinter dem feed back der Menschen her, in der Hoffnung, dort unsere Einheit zu finden. Paradoxerweise haben wir sie bereits, wenn wir uns nur auf sie besinnen könnten: in der Stille mit sich, als Entleerung von dieser Illusion vom Getrenntsein, sozusagen in der religiösen Begegnung und kündigt sich dann als Gefühl des Gewolltseins an. 3)
Dieses Gewolltsein ist sozusagen als Gegenbewegung zum Weg nach Innen auch außen erfahrbar: in der Liebe zweier Menschen – allerdings nur punktuell und als Modell. Doch wie erfahren es die vielen Menschen, die nie das Glück hatten, eine solche Liebe zu erleben?
Es ist erfahrbar in der Unendlichkeit des Himmels. Schließe die Augen und entleere Dich vom Lärm Deiner Gedanken! 4)
Die Überzeugung von der Inhärenz der Dinge ist Ausgangspunkt für unsere Existenzangst, denn wir machen die Erfahrung, daß nichts für sich existiert – kein Apfelbaum würde ohne die anderen Apfelbäume existieren, kein Apfel ohne den Baum usw. Alles ist im Fluß. 5) Wer bin ich? Bin ich der, der 1965 in die USA auswanderte, der in Guatemala lebte, der in Holzminden …, der in Göttingen….., der in Braunschweig……….usw.. Der Widerspruch ist, erst wenn ich die Haftung an die Idee löse, ich würde an und für sich existieren, heute und in alle Ewigkeit, wenn ich die Vorstellung von dem Getrenntsein löse, eröffnet sich für mich die Ewigkeit. Doch wie schwer ist das, vor allem in einer kapitalistischen Welt, die das Gegenteil propagiert! In einem Gebet der Chippewa- Indianer heißt es u.a.:
Ich suche die Stärke nicht, um über andere erhaben zu sein, sondern um meinen größten Feind überwinden zu könne – mich selbst. Gib mir die Kraft dazu!
Anmerkungen
1) Dazu Erwin Schrödinger, Geist und Materie, Diogenes, 1989, S. 73 ff):
<<Um diese strittige Frage (der Frage nach der Beobachtbarkeit des Dings an sich ) unter die Lupe zu nehmen, will ich fürs erste die altehrwürdige Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt, akzeptieren, wie es viele Denker in alten Zeiten getan haben und auch heute noch tun. Unter den Philosophen, die sie akzeptierten ‑ von ‘ Demokri»t von Abdera bis zu dem Alten von Königsberg ‑ hat es nur wenige, wenn überhaupt welche, gegeben, die nicht mit Nachdruck betont haben, daß alle unsre Sinnesempfindungen, Wahrnehmungen und Beobachtungen eine starke, subjektive Färbung haben und von der Natur des “Dinges an sich”, wie Kant es nennt, nichts verraten. Während einige dieser Denker nur an eine mehr oder weniger starke oder geringfügige Verzerrung gedacht haben mögen, schlägt uns Kant mit einer vollkommenen Resignation zu Boden: Über das “Ding an sich” werden wir nie irgend etwas erfahren. Allem Anschein nach ist also die Idee der Subjektivierung sehr alt und allgemein verbreitet. Neu an der gegenwärtigen Auffassung ist aber dieses: Nicht nur hängen die Eindrücke, die wir von unsrer Umgebung erhalten, weitgehend von der Natur und dem zufälligen Zustand unsres Sensoriums ab, sondern auch eben die Umgebung, die wir zu erfassen suchen, wird von uns verändert, vor allem durch die Mittel, die wir zu ihrer Beobachtung anwenden.
Vielleicht ist es so, sicherlich in gewissem Grade. Vielleicht kann nach den neu entdeckten Gesetzen der Quantenphysik diese Änderung wirklich nicht unter gewisse, in jedem Falle grundsätzlich angebbare Grenzen herabgedrückt werden. Dennoch möchte ich das auch dann nicht eine unmittelbare Einwirkung des Subjekts auf das Objekt nennen. Denn das Subjekt ist, wenn irgendwas, das Ding, das fühlt und denkt. Sinnesempfindungen und Gedanken gehören aber nicht der “energetischen Welt“ an; sie können auf sie keinen Einfluß üben, wie wir von Spinoza und Sir Charles Sherrington wissen.
All dies wurde gesagt von dem Standpunkt aus, daß wir die altehrwürdige Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt akzeptieren. Zwar müssen wir das im täglichen Leben “aus praktischen Gründen” tun, aber mir scheint, wir sollten sie im philosophischen Denken aufgeben. Ihre unerbittliche logische Konsequenz hat Kant enthüllt: Die erhabene, aber leere Idee des “Dinges an sich”, von dem wir in alle Ewigkeit nichts wissen können.
Es sind die gleichen Gegebenheiten, aus denen mein Geist und die Welt gebildet sind. Die Lage ist für jeden Geist und seine Welt die gleiche, trotz der unermeßlichen Fülle der “Querverbindungen” zwischen ihnen. DieWelt gibt es für mich nur einmal, nicht eine existierende und eine wahrgenommene Welt. Subjekt und Objekt sind nur eines. Man kann nicht sagen, die Schranke zwischen ihnen sei unter dem Ansturm neuester physikalischer Erfahrungen gefallen; denn diese Schranke gibt es gar nicht.>>
2) Für den tibetanischen Buddhisten ist die Illusion – der Glaube – an die Persönlichkeit die eigentliche Quelle allen Leids.
3) Das ist der Widerspruch: Auf dem Weg nach Innen, in der Abkehr von der Ichbezogenheit – von dem Glauben an eine unveränderliche, einmalige Persönlichkeit- erleben wir das Gefühl von Gewolltsein, das nichts anderes bedeutet als: „Ich bin als Individuum gewollt“, wie ein Wasserwirbel im Fluß des ewigen Entstehens und Vergehens
4)Im Archetypus der Liebe begegnen wir dieser Fähigkeit als kollektive Eigenschaft des Menschen. Wir begegnen hier unserem Selbst als Teil eines allumfassenden Selbst in der religiösen Erfahrung. So würde die Gestalt Jesu als Chiffre eine Verkörperung dieses Archetypus sein. Ohne diese innere von allem Äußeren abzusehende Erfahrung bleibt jede religiöse die Projektion von illusionärer Konkretion: Die konkret erfahrene Vaterperson wird zum Gottesbild und damit zum Aberglauben.
Was ist ein Archetypus? Dazu Victor Mansfield (Tao des Zufalls, Diederichs, 1998, S. 107):
<<In Jungs Tiefenpsychologie sind die Archetypen die nicht weiter rückführbaren Grundelemente. Sie vermitteln uns die wesentlichen Sinngehalte und strukturieren unser Verhalten und Denken. Außer daß sie Sinn stiften, können aber die Archetypen bei manchen psychologischen Phänomenen auch kausal wirken ……( Jung. Der Archetypus stellt die psychische Wahrscheinlichkeit dar ) …Wir könnten zum Beispiel sagen:>>Der Mutter-Archetyp hat Denken und Handeln der Frau verändert<< Indessen erleben wir die Archetypen niemals unmittelbar, da es sich um universelle transzendente Prinzipien handelt, doch leben sie sich durch uns aus. Wir schließen auf die Existenz der Archetypen durch transkulturelle Untersuchungen von Mythen und Ritualen sowie unzähligen Träume von Menschen überall auf der Welt. Mit anderen Worten, aus zahllosen indirekten Erfahrungen mit dem Archetypus schließen wir auf seine Natur, obwohl wir ihn niemals direkt und an sich erleben können.“>>
5) Dazu Victor Mansfield (Tao des Zufalls, Diederichs, 1998, S. 184 ff):
<<Niemals führt die Suche nach der Trennung von Subjekt und Objekt zu unabhängig existierenden Objekten, sondern immer nur zu solchen, die auf drei miteinander in Verbindung stehende Arten abhängig sind.
Erstens sind alle Phänomene abhängig von Ursachen und Bedingungen, also von dem ausgedehnten Netz der Kausalfaktoren und Voraussetzungen, die ein Ding überhaupt erst ermöglichen. Mein Apfelbaum hängt von gutem Boden, Licht, Wasser und Krankheitsbekämpfung ab. Schon aus diesen Gründen fehlt es ihm an unabhängiger Existenz.
Zweitens sind alle Phänomene vom Ganzen und seinen Teilen und ihren gegenseitigen Beziehungen abhängig. Mein Apfelbaum zum Beispiel hängt davon ab, daß er Zweige, Stamm und Blätter hat und daß alles auf genau definierte Weise so angeordnet ist, daß wir es als Baum erkennen. Betrachten wir in dieser Hinsicht die Definition eines intrinsisch existierenden Objektes. Da eine unabhängige Essenz, ein eigenständiges Wesen, per definitionem in sich geschlossen und isolierbar ist, muß ein inhärent existierendes Phänomen ein Wesen ohne Teile sein. Es kann deshalb nicht in Teile zerfallen, und es kann kein Unterschied zwischen dem Ganzen und den Teilen bestehen. Da wir ein Phänomen aber immer als ein Ganzes und dessen Teile sehen können, kann ihm keine unabhängige Existenz innewohnen. Obwohl wir inhärente Existenz unreflektiert als den Grundpfeiler der Wirklichkeit betrachten, ist sie aufgrund ihrer logischen inkonsistenz zur Nicht‑Existenz verdammt.
Drittens, und das ist das Wichtigste, sind alle Phänomene von Unterstellungen, also mentalen Bestimmungen, abhängig. Unablässig geht eine gewaltige Informationslawine auf uns nieder, die wir organisieren, filtern und mit anderen Erfahrungen koordinieren. Wir zerlegen den ununterbrochenen Erlebnisstrom in erkennbare Einheiten (Farbe, Struktur, Erinnerung, Assoziation). Dann sammeln wir diese Elemente und erklären sie zu einem Baum oder benennen sie so. Das Bewußtsein ist der Erbauer seiner Welt, der einzigen Welt, die wir kennen können. Wir bestimmen diesen Komplex von Wahrnehmungen, Erinnerungen und Erwartungen als einen Baum oder unterstellen es oder bezeichnen ihn so. Das ist Teil der normalen Arbeit unseres Bewußtseins. Das Problem entsteht erst dann, wenn das Bewußtsein das von ihm bestimmte Objekt irrtümlich mit der nicht‑existierenden Eigenschaft einer inhärenten Existenz ausstattet. Mit anderen Worten, wir projizieren den falschen Begriff einer inhärenten Existenz in die Phänomene und erleiden die Folgen dieser Projektion.
Es ist gewiß ein ganz außergewöhnlicher Gedanke, daß eine inhärente Existenz, die wir irrtümlich als die Kernrealität eines Gegenstandes nehmen, schlicht nicht existiert und daß wir weiterhin fälschlicherweise Objekte mit unserer Projektion dieses NichtExistenten ausstatten. Auf dieser falschen Projektion bauen wir unsere Sympathien und Antipathien auf und halten damit das Rad des <<Samsära<< in Gang. Wir müssen aus dieser Unwissenheit erwachen, wenn wir aus dem Reich des Leidens dauerhaft ausbrechen wollen.
In Wirklichkeit existieren also alle Dinge nur als Bündel von Beziehungen oder Abhängigkeiten ‑ zwischen verschiedenen Dingen und zwischen dem Ding und dem es Erkennenden, der es denkend bezeichnet. Kein Kern einer eigenständigen Natur oder eines intrinsischen Wesens liegt unseren Namen, sprachlichen Konventionen und Projektionen zugrunde. Nichts existiert »unterhalb« unserer Unterstellungen und mentalen Bezeichnungen. Objekte sind nichts anderes als Abhängigkeiten, Beziehungen und Namen. Mit anderen Worten, alle Phänomene existieren als eine Art abhängigen Entstehens ‑ abhängig von Ursachen und Bedingungen, vom Teil und dem Ganzen und mentalen Bezeichnungen. Diese Auffassung verwirft die Trennung des kartesianischen Dualismus zwischen Geist und Materie gänzlich, den Kern so vieler westlicher Vorurteile, der es uns so schwermacht, die .. Einheit zwischen Geist und Materie zu begreifen.
Es liegt nun auf der Hand zu fragen: Wenn den Dingen eine Existenz an sich fehlt, wenn sie leer sind, wie können sie dann überhaupt funktionieren? Wie kann ein im Grunde leerer Baum Früchte tragen, die wir essen? Im Buddhismus des Mittleren Weges ist es gerade diese Leere aller Phänomene in bezug auf unabhängige Existenz, die es ihnen ermöglicht, eben mittels ihrer Beziehungen zu funktionieren und dadurch Urheber von Schaden und Nutzen zu sein. Wenn im Gegensatz dazu Objekte an sich existierten, würden sie notwendigerweise unveränderlich und deshalb ohnmächtig sein, sie könnten nicht auf uns einwirken und wir nicht auf sie. innerhalb dieser leeren, aber den Konventionen nach existierenden Welt müssen wir unsere Buddhaschaft erlangen. Deshalb nennen die Buddhisten unsere Welt den »Schoß der Buddhas«. Philosophisch betrachtet müssen wir in der Lage sein, uns zwischen der höchsten und der konventionellen Wahrheit der Phänomene hin und her zu bewegen.
Da die Phänomene nichts anderes sind als ihre Beziehungen, die sich unaufhörlich verändern, verwandeln sie sich ununterbrochen und sind nicht dauerhaft. Das Fehlen einer inhärenten Existenz garantiert, daß alle Phänomene nicht dauerhaft, sondern nur zeitliche Beziehungsgefüge sind. Wäre das Umgekehrte der Fall – würden alle Objekte an sich existieren -, so blieben sie in ihrer Ohnmacht und Unveränderlichkeit erstarrt.>>
Die Lehre von der Leere im Buddhismus und Christentum
Die Erläuterungen beziehen sich auf das Buch <<Tao des Zufalls>, Victor Mansfiel, Diederichs Verlag, 1998 (Tao) und auf <<Der 6. Tag>>, E. Drewermann, Walter Verlag, 1998 (6.Tag)
Buddhismus des Mittleren Wege
- 1. Leiden bestimmt bzw. durchdringt alles Leben.
- 2. Verlangen oder Haften verursacht es.
- 3. Dauernde Freiheit von Leiden ist möglich.
- 4. Der Pfad der Erkenntnis und Meditation kann vom Leiden dauerhaft erlösen.
Leiden bestimmt unser Leben, hervorgerufen durch Verlangen und Haften (1.u.2)
Alles vergeht, nichts ist dauerhaft, sowohl Glück als auch Unglück. Daraus erwächst das Leid. Dieser Mangel an einer festen, stabilen Natur in allen Dingen führt zur Verneinung einer inhärenten Existenz aller Dinge (inhärent = an sich innewohnend, unabhängig von anderen Dingen). Das ist der zentrale Lehrsatz. Er leitet zum Begriff der Leere. Kein Ding, keine Erscheinung hat eine Existenz an sich (inhärent) bzw. existiert unabhängig von anderen Dingen und Erscheinungen. Wir glauben die Dinge z.B. ein Apfelbaum oder Erscheinungen z.B. mein Ich besitzen ein Dasein unabhängig von anderen Dingen, von Raum, Zeit, unsere Wahrnehmung, Sinnesbegrenzungen usw.. Wir glauben, hinter den auf das Ding sich beziehende Assoziationen, Projektionen, Sinneseindrücke und sprachlichen Konventionen sich ein inhärent existierende Etwas befindet. Ohne diese Annahme könnten wir im Alltag nicht handeln.
Doch diese Annahme, die uns den Alltag ermöglicht, ist eine idealisierte, nur für eine bestimmte Phase, bestimmte Zeit, bestimmten Raum zutreffende Annahme. Was darüber hinaus existiert können wir nicht wissen. Wir können diese Unabhängigkeit bestreiten, sie aber nicht positiv durch einen anderen Begriff ersetzen. Insofern ist sie leer, leer von einer inhärenten Existenz. Diese Negation ist die Leere, die uns mit allen Dingen, Lebewesen und Erscheinungen verbindet und letztlich unser Mitleiden begründet.
Dazu Victor Mansfield (Tao des Zufalls, Diederichs, 1998, S. 184 ff, s. o. Das Elend……., Anmerkung)::
Das Leugnen einer inhärenten Existenz in unserer Welt bedeutet nicht, daß Objekte nicht existieren. Sie besitzen mit Sicherheit ein konventionelles Dasein und bringen Nutzen und Schaden. Sie haben eine konventionelle Natur, wir können uns über sie einigen, sie sind im Rahmen von Gesetzen wirksam, man muß auf dieser Ebene ihnen begegnen. Sie haben aber keine inhärente Existen. Zum Beispiel das Land Tibet hat keine inhärente Existenz. Aber in Bezug auf die politische Zukunft, darüber, daß Menschen dort leiden und gelitten haben, müssen wir uns auf dieses Land einstellen und entsprechend handeln.
Im praktischen Leben müssen wir alle Erscheinungen so behandeln, wie es angemessen ist. Doch wenn wir uns dabei immer ihrer Leere bewußt bleiben – daß sie nicht unabhängig von anderen Erscheinungen sind, werden wir nicht Sklaven unserer Bindungen – sei es an ein Land, einen Menschen, Auffassungen, Vergangenheit, Ängste, Erwartungen, Dingen oder unser eigenes Leben-
Der Glaube an unabhängig existierende Phänomene, ob es unser eigenes Ich ist oder irgendein materieller Besitz, ist die Grundlage unserer Sympathien und Antipathien, die letzten Endes nur durch ein tiefes Verständnis der Lehre von der Leere überwunden werden können. Diese Transformation der Persönlichkeit erfordert eine radikale begriffliche Umerziehung ‑ eine Erneuerung auf jeder Ebene der Persönlichkeit.
(Tao, S. 182)
Die Lehre von der Leer und das Christentum
Die Leere
Diese Entleerung des Bewußtseins läßt den Buddhismus in den Augen westlicher, vom Christentum geprägter Menschen häufig als atheistische Weisheitslehr, denn als Religion erscheinen. Der Gott der christlichen Theologen gibt durch Offenbarung Gewißheit von seiner Existenz und läßt sich in der Bibel – letztlich ebenfalls durch Offenbarung entstanden -als sein Wort beschreiben. Einem solchen Theologen muß die Überwindung aller religiöser Bilder und Begriffe unfaßbar erscheinen – ein Sakrileg, nihilistisch, schlechthin gottlos.
In der Tat kam es dem <<Erleuchteten>> – Buddha – darauf an, sich in geistiger Versenkung alle Begrifflichkeit, aber auch alle Sinnlichkeit und Begehrlichkeit zu entledigen und damit den Glauben an Gott bzw. an die Götter zu überwinden, da all die Götter der traditionellen Religionen nichts anderes waren als Spiegelungen des Bewußtseins, Projektionen, nichts als Blendwerke der Angst und der Hoffnung, die sich sogleich auflösten, wenn nur das Innere des Menschen sich weitgehend beruhigte.
Als das „Heiligen“ gilt ihm das eigene Herz als Ort der Stille im Sinne dieser Entleerung, die keinen Grund hat. Es ist diese Entdeckung der Grundlosigkeit, die alle Lebewesen eignet, allen uns in der Welt begegnenden Erscheinungen, die allesamt untereinander verbindet.
Aber auch im Christentum gibt es eine Tradition, die dies genauso sieht. Es ist dies die Mystik des mittelalterlichen Meister Eckhart. Gott selber, lehrt er, ist grundlos. In der Abgeschiedenheit wird der Mensch wieder so wie da er nicht war. Auf diesem Wege in das Nichts muß die Seele sogar das Höchste der abendländischen Christenheit überwinden, den dreifaltigen Gott: Vater, Sohn, und heilger Geist. Eckhart fordert den Durchgang durch sie und über sie hinaus in die <<Wüste der Gottheit>>, wie es auch von Jesus der Bibel berichtet wird.
Dazu E. Drewermann, Der 6. Tag, S. 329, Walter Verlag:
<<Die dem Verstand unbegründbare Wirklichkeit wird hier zu einer vertrauensvollen Selbstverständlichkeit des Daseins, und aus ihr zu leben heißt: Gott finden und in Gott geboren werden. Eine Alternative dazu scheint es nicht zu geben. Denn: Entweder ein Mensch bleibt bei dem Eindruck der «Grundlosigkeit» ‑ der Zufälligkeit der Ereignisse und der Kontingenz des Daseins aller Dinge ‑ stehen, oder er nimmt eben diese «Grundlosigkeit» zur Grundlage einer vertieften Weltsicht von Weisheit und Güte. In keinem Falle ist es möglich, die Welt von «Gott» her zu denken oder Gott von der Welt her als Erklärung ihres Daseins und Soseins zu denken. Im Gegenteil: die Entdeckung der Mystik lautet, daß der Gott, der dem Menschen als <<Schöpfer>> erscheint, streng von der Gottheit selbst unterschieden werden muß.>>
In dieser Hinsicht scheint die Theologie eines Benedikt VI , mit seinem Marienkult, seiner wörtlichen Auslegung der Bibel, der tatsächlichen leiblichen Himmelfahrt usw.. als Abergauben, nämlich als Projektion der Welt des Menschen auf das Transzendente.
Natürlich ist diese religiöse Herangehensweise eines Meister Eckhart für die verfaßten Kirchen inakzeptabel, der den Gott vieler Frommen, Halbfrommen und Unfrommen als Projektion hinstellt, als einen AB-Gott einen Götzen zu erweisen sucht, als eine religiöse Ideologie zur Tarnung aller autoritären Machtausübungen.
Das hört sich in der Predigt des Papstes Benedikt VI zum Weltjugendtag 2005 wie folgt an:
<<Aber die selbstgesuchte Religion hilft uns im letzten nicht weiter. Sie ist bequem, aber in der stunde der Krise läßt sie uns allein…… deswegen ist es so wichtig den Glauben der Kirche zu kennen, in dem uns die Schrift aufgeschlüsselt wird….. wichtig ist auch , dabei die Gemeinschaft mit dem Pabst und den Bischhöfen zu halten, die uns garantieren, daß wir nicht Privatwege suchen, sondern wirklich in der großen Familie Gottes leben….>>
Die Zentrierung der Christenheit und damit des Westens auf das Ich, auf den Verstand hat nicht nur den Gott als Schöpfer der Welt angesichts der absurden Wirklichkeit, der Kontigenz des Daseins (Zufälligkeit) bis in das Groteske unglaubwürdig gemacht, sondern auch den Atheismus des Alltags hervorgebracht.
Sie hat zugleich die christlich-abendländischen Kultur zu der gewaltätigsten und gewaltbereitesten, zerstörerischsten Zivilisation der Geschichte der Menschheit gemacht
Die Liebe
Wegen dieser Illusion über unsere behauptete Eigenständigkeit rennen wir hinter dem feed back der Menschen her, in der Hoffnung, dort unsere Einheit zu finden. Paradoxerweise haben wir sie bereits, wenn wir uns nur auf sie besinnen könnten, in der Stille mit sich, als Entleerung von dieser Illusion vom Getrenntsein, sozusagen in der religiösen Begegnung und kündigt sich dann als Gefühl des Gewolltseins an.
Dieses Gewolltsein ist sozusagen als Gegenbewegung zum Weg nach Innen auch außen erfahrbar: in der Liebe zweier Menschen – allerdings nur punktuell und als Modell. Doch wie erfahren es die vielen Menschen, die nie das Glück hatten, eine solche Liebe zu erleben? Es ist erfahrbar in der Unendlichkeit des Himmels. Schließe die Augen und entleere Dich vom Lärm Deiner Gedanken!
Dann geschieht das Wunder, sich mit der ganzen Welt verbunden zu fühlen. Eben noch im Zustand der Versenkung schwingt dieser zurück, als ob das Schließen der Augen zu einem Öffnen für den Anderen wird. Es handelt sich um die Entdeckung der Liebe: aus der eigenen Mitte entdeckt er ein Fühlen und Denken jenseits aller eigenen Zwecke, die Auszeichnung des anderen, dem unbedingte Bedeutung zukommt.
Führte ihn die Leere der Zwecklosigkeit in einem ersten Schritt aus der Welt, so nimmt er sie jetzt in die Welt hinein und findet sie wieder in der Zwecklosigkeit dieses Anderen, dieses Einen, den er liebt.
Ein solche Erfahrung ist alles andere als rational, sie ist eine Mischung aus hellsichtiger Wahrnehmung und sehnsüchtiger Projektion.
Die Entdeckung der Liebe ist nicht bloßer Subjektivismus – Benedikt VI spricht von der Diktatur des Relativismus – im Gegenteil: sie ist die stärkste Kraft der Selbstläuterung, gefürchtet von allen Mächtigen.
Unausweichlich wird der Liebende wie von selber merken, daß der andere, den er ins Herz geschlossen hat, kein «allervollkommenstes Wesen» darstellt, daß er nicht Gott ist, sondern nur sein erstes, wichtigstes Gottesbild, und daß es darauf ankommt, den Archetypus von «Mutter» und «Vater» nach und nach von ihm zu lösen, um ihn, als einen «einfachen» Menschen, wirklich so, wie er ist, lieben zu können. Es ist der Schimmer des Göttlichen, der den anderen liebenswert macht, doch indem der andere in seiner Liebe auf Gott verweist, braucht er selber nicht länger mehr «Gott» zu sein. Die «Inkarnation» des Göttlichen in der Liebe ist erneut nie anders denn als eine Chiffrensprache menschlicher Reifung zu verstehen, die darin besteht, im Fremden das Eigene zu finden, um im Eigenen die unendliche Sehnsucht nach dem ganz Anderen zu entfalten. ………….Was eben noch in der Mystik der Leere als das zu Überwindende ja, Täuschende erschien, das persönliche Ich, das wird jetzt in einer gegenläufigen Erfahrung zu dem Zentrum einer neuen und eigentlichen Sinnfindung und ‑begründung. Jene Aufhebung aller Zwecke in der Entdeckung der Leere wandelt sich jetzt zu der Absichtslosigkeit einer Zuwendung, die den Geliebten reinweg um seiner selbst willen in die Aura des Göttlichen stellt.
(Der 6. Tag, S. 355 und 354)
Im Archetypus der Liebe begegnen wir dieser Fähigkeit als kollektive Eigenschaft des Menschen. Wir begegnen hier unserem Selbst als Teil eines allumfassenden Selbst in der religiösen Erfahrung.
So würde die Gestalt Jesu als Chiffre eine Verkörperung dieses Archetypus sein. Ohne diese innere von allem Äußeren abzusehende Erfahrung bleibt jede religiöse Erfahrung die Projektion von illusionärer Konkretion:
Die konkret erfahrene Vaterperson wird zum Gottesbild und damit zum Aberglauben. (Anmerkung 1)
Die Praxis
<<Dieser Weg der Entdeckung der Liebe wird zur unerhörten Möglichkeit, die Welt umzuformen in eine Stätte der Begegnung. Die Welt der Notwendigkeit, der Ursächlichkeit und Zweckmäßigkeit wird zu einer personenhaften Begegnung zur DU-Welt. Und nur dadurch wird der kalte Kosmos uns Menschen zur Heimat, in der wir erst dann seine Schönheit und Erhabenheit finden werden.>> (Der 6. Tag, S. 359-360)
Der Glaube an unabhängig existierende Phänomene, ob es unser eigenes Ich ist oder irgendein materieller Besitz, ist die Grundlage unserer Sympathien und Antipathien, die letzten Endes nur durch ein tiefes Verständnis der Lehre von der Leere überwunden werden können. Diese Transformation der Persönlichkeit erfordert eine radikale begriffliche Umerziehung ‑ eine Erneuerung auf jeder Ebene der Persönlichkeit. (Tao, S. 182)
In einer solchen Welt, in der man sich mit allem verbunden weist, wird es schwierig sein, den Menschen und seine Arbeit unter dem Aspekt der Profitmaximierung zu betrachten, Tiere in Tierversuchen und Massenhaltung als Sachen zu behandeln, Flüsse und die Luft zu verschmutzen, mit Atombomben die Erde unbewohnbar zu machen. Und auch der Alltag wird anders aussehen, wenn man die Projektionshaftigkeit der eigenen Existenz begreift.
Dazu ein Beschreibung einer Alltagssituation aus dem Buch Tao des Zufalls, S. 178:
1. Beispiel
<<Vor ein paar Jahren hatte ich große Lust, auf einem See in der Nähe zu paddeln. Ich habe es schon immer gern getan, und dieser schöne Tag am Ende des Frühlings lud geradezu dazu ein. Ein Freund lieh mir sein Boot, und bald paddelten meine Frau und ich an der Küste entlang. Beide sprachen wir begeistert über die Schönheit des Seneca‑Sees und wie gut Paddeln doch sei, um sich zu entspannen und die Natur zu genießen. Plötzlich tauchte mit voller Geschwindigkeit ein Wasserskifahrer genau vor uns auf. im letzten Moment schwang er zur Seite, und ich und meine Frau bekamen eine volle Dusche kalten Wassers ab. Ungläubigkeit, Erregung, Ärger, schließlich Wut ‑ all das explodierte in mir. »Dieser verfluchte Bursche! Wenn der das noch einmal macht, stelle ich mich im Boot auf und ziehe ihm mit dem Paddel eins über! Und das mir … mir?! « Aber da mußte ich plötzlich laut lachen’ als mir bewußt wurde, wie ich mich von einem Augenblick auf den anderen aus einem Naturmystiker …… in ein blutdürstiges Ungeheuer verwandelt hatte.…………………..
Apropos Ohnmacht. Kehren wir noch einmal zu dem armen unwissenden, vor Wut kochenden Paddler zurück. Stellen wir uns vor, ein Bodhisattva, das heißt ein Mitleidswesen, hielte sich in seiner Nähe auf. Der Bodhisattva bemerkt, jetzt sei der Augenblick für den Paddler gekommen, nach dem »Ich« zu suchen, von dem er glaubt, es existiere an sich, und das von dem Wasserskifahrer so beleidigt worden ist. Der Paddler schüttelt seine Fäuste gegen den Skifahrer und wirft ihm Beleidigungen an den Kopf. Da fragt ihn der Bodhisattva: »Wer ist es, der da so zornig ist?«
»Wer glaubst du denn, daß da zornig ist? Ich, ich bin zornig«, schnaubt der andere.
»Aber wer ist das? Kannst du nicht einmal in dich gehen, um herauszu finden, welche Person sich da gekränkt fühlt?>>
2. Beispiel
Ein Streit mit seinem Partner wird anders ausgehen, wenn man sich jenseits der Beziehung von einer transzendentalen Kraft getragen weiß und sich dadurch so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit sich findet, daß er nicht zu reagieren braucht.
Dazu E. Drewermann (aus Wahnsinn und Normalität, Vortrag Basler Psychotherapietage 1999):
Ein Mann krakeelt durch zwei geschlossene Türen, was er jetzt braucht – wo verdammt ist zum Beispiel sein Hausschlüssel oder seine Taschenlampe? Die Frau, die das hört, kann natürlich sagen: »Das ist deine Sache, so redet man nicht mit mir«, und schon haben sich die beiden prachtvoll in der Wolle. Es ist aber auch möglich zu denken, daß, wenn jemand ganz laut schreit und flucht, er inwendig sehr unter Druck steht, und daß das Gesagte höchstwahrscheinlich demjenigen, dem die Worte um die Ohren fliegen, gar nicht gilt. Das erste, um Konflikte zu entspannen, bestünde darin, sich selber nicht angegriffen zu fühlen, und zu sehen, wie in dem anderen Aufregung, Unruhe, Angst, Streß, Aggressionen sich entladen. Notwendig ist sogar zu hören, wie Jesus noch hinzufügt: »Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halt auch noch die andere hin.« Dieses Wort ist scheinbar so schwer verständlich, daß Sie über-rascht sein werden, wenn ich es therapeutisch für Sie so auslege: Sie haben viele Male in guten Gesprächen erlebt, wie Leute Ihnen Vorwürfe machen, die Sie eigentlich nicht verdient haben, Ihrer Meinung nach. Jemand etwa beschimpft Sie, dabei haben Sie sich soviel Mühe mit ihm gegeben. Jemand unterstellt Ihnen Geldgier und greift völlig daneben mit dem Vorwurf. Oder er behauptet, daß Sie nur Macht ausüben möchten, und verkennt ihre hehren Absichten. Oder: Eine Frau fühlt sich bedrängt von Ihnen, wo sie gar nicht daran denken, Sie zu bedrängen. Kurz, Sie haben Grund zu wissen und zu fühlen, daß Sie ungerecht beschimpft werden, daß Sie geschlagen werden mit Vorwürfen. Nichts läge nun näher, als in den Beweis Ihrer Unschuld einzutreten. Sie hätten dann ein Gespräch, mit dem Sie einen seelisch Kranken tatsächlich in einen Machtkampf darüber verwickeln können, wer nun recht hat.
Es ist nicht möglich, ohne ein ständiges Verwirrspiel aus solchen Situationen zu kommen. Wollten Sie aber im Sinne der Bergpredigt, wie Jesus sie lehrte, sich sagen: »Ich weiß, was ich will und was ich getan habe; es trifft, was der andere sagt, mich wirklich nicht, dann ist es doch die erstaunliche Frage, wie der andere auf die Idee kommen konnte, Sie hätten dies und das gewollt oder getan. Was in seinem Kopf oder in seiner Seele geht denn da vor sich, daß er Sie, eine so wunderbare Persönlichkeit, derart ins Negative hat verzeichnen können? Das ist erstaunlich, und Sie sollten von der Psychoanalyse nie gehört haben, wenn Sie nicht dächten, hier herrsche offenbar die Mechanik einer Übertragung. Sie reden mit jemanden, der mit Ihnen spricht, als wären sie sein Vater oder seine Mutter, und nun, fast erschütternd, müssen Sie sehen, daß eine solche Übertragungsdynamik gar nie zustande käme, wenn Sie nicht diesem Menschen sehr nahe sein würden. Sie werden dem anderen nur als Vater oder Mutter erschienen sein, weil Sie sehr, sehr tiefe Gefühle in ihm hervorgeholt haben und dem anderen eine ganze Zeit lang erlaubt haben, bis in seine Kindheit zurückzugehen. Deshalb jetzt trifft es sie. In gewissem Sinne haben sie das »verdient« – im positiven Sinne. Sie müßten jetzt nur dazu stehen. Statt sich verletzt zu fühlen, müßten sie genauso handeln, wie Jesus es vorschlägt. Getroffen wurdest du auf der rechten Wange, d.h. mit links geschlagen – unbewußt hat’s dich erwischt. Laß diese Sache sich jetzt wiederholen von rechts her, mit Bewußtsein. Dann könnten wir denken, nicht nur einmal, wenn es nottut, hundertmal muß es sich wiederholen! …
Aggression zu überwinden ist nur möglich demjenigen, der sich in sich so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit sich findet, daß er nicht zu reagieren braucht. Das ist das Geheimnis dieser Stelle: »Reagiert nicht auf das Böse».
Schön wäre es!
Ich habe eine tiefe Traurigkeit darüber, wie schwer es ist, selbst in einem kleinen Kreis von Menschen friedlich mit einander umzugehen. Es gibt wohl eine Boshaftigkeit, die nicht reaktiv ist.
Schön wäre es, wenn ich mich so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit mir selbst fühlte, daß ich auf das Böse nicht zu reagieren brauchte.
Dann wären wir wie Wälder. Man sagt, daß Wälder nur wachsen, wenn jeder Baum an seiner Stelle steht: die Freiheit der Bäume! Die Gemeinschaft der Bäume ergibt sich als zweites. (Es dürften aber die anderen Bäume ihre Wipfel nicht zu dicht ausbreiten, sonst wächst in ihrem Schatten nichts).
Mit einemmal würde sich mitten im Alltäglichen zeigen, woraus wir Menschen wirklich leben: Nicht von Bindungen an anderen Menschen, sondern allein im Gegenüber eines diese Welt Überschreitenden – manche nennen es Gott -. Der Mann aus Nazareth sagte dazu:
Wenn einer zu mir kommt und nicht haßt seinen Vater und die Mutter und die Frau oder den Mann und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, und noch dazu sein eigenes Leben, kann er nicht mit mir sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, kann nicht mein Jünger sein. Lukas 14,26;27
In der Tat ist der Weg zu uns selber so etwas wie ein Kreuz. Es ist eine Form von Armut; es gibt nichts , worauf wir uns stützen könnten, auf Familie, Besitz, Gesundheit, Ansehen. All die Dinge gelten nicht, die wir festhalten zu können glauben, und doch ist es der Beginn einer wunderbaren Entdeckung: wie reich sind wir uns selber, wieviel Möglichkeiten schlummern in uns, die zu entfalten sind. Es gibt so etwas wie einen heiligen Eigensinn ein Gefühl für das, was nur wir selber sind und niemand an unserer Seite kann es uns wegerklären oder – kommentieren oder die Verantwortung dafür abnehmen.
Das gilt es zu entdecken und schön wäre es zu leben.
Anmerkung 1:
Was ist ein Archetypus? Dazu Victor Mansfield (Tao S. 107):
„In Jungs Tiefenpsychologie sind die Archetypen die nicht weiter rückführbaren Grundelemente. Sie vermitteln uns die wesentlichen Sinngehalte und strukturieren unser Verhalten und Denken. Außer daß sie Sinn stiften, können aber die Archetypen bei manchen psychologischen Phänomenen auch kausal wirken ……( Jung. Der Archetypus stellt die psychische Wahrscheinlichkeit dar ) …Wir könnten zum Beispiel sagen:>>Der Mutter-Archetyp hat Denken und Handeln der Frau verändert<< Indessen erleben wir die Archetypen niemals unmittelbar, da es sich um universelle transzendente Prinzipien handelt, doch leben sie sich durch uns aus. Wir schließen auf die Existenz der Archetypen durch transkulturelle Untersuchungen von Mythen und Ritualen sowie unzähligen Träume von Menschen überall auf der Welt. Mit anderen Worten, aus zahllosen indirekten Erfahrungen mit dem Archetypus schließen wir auf seine Natur, obwohl wir ihn niemals direkt und an sich erleben können.“
Mystik und Wirklichkeit
MYSTIK UND WIRKLICHKEIT
Die mystische Erfahrung
Das mystische Bewusstsein könnte beschrieben werden als eine Dimension des Erfahrens, in der alles so ist, wie es ist, und so wie es ist, auch vollkommen ist. Dort ist man nicht glücklich und nicht unglücklich, nicht zufrieden oder unzufrieden, nicht froh und nicht traurig. Frohsein wäre bereits ein Weniger, genauso Traurigsein. Angenommensein und Liebe gehören bereits zu einer untergeordneten Region. Es gibt keine Seligkeit, kein Glück im Sinne eines Gefühls. Alle anderen Bewusstseinsebenen erscheinen daneben relativ, während jener Zustand in sich geschlossen und vollkommen ist und bis aufs Äußerste erfüllt. Die anderen Bewusstseinszustände sind vorläufig und unerfüllt. In diesem Bewusstsein sind Form und Formlosigkeit eins. Es ist die Erfüllung all unserer Sehnsüchte. Es gibt dort nicht Subjekt und Objekt, sondern nur Sein. Dort erfährt der Mensch seinen göttlichen Ursprung und er ist geneigt zu sagen “Ich bin Gott” Dieses Wort enthält jedoch keinerlei Arroganz. Darin ist kein Ich. Es ist vielmehr getragen von einer ungeheueren Demut und begleitet vom Bedürfnis, allen Lebewesen zu dieser Erfahrung zu verhelfen. Hier hat das erste Gelübde des Buddhismus seinen Grund: “Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe, sie alle zu retten”
Im mystischen Bewusstsein erkennt der Mensch, dass sein rationales Verständnis dieser Welt nur wie der Blick durch ein Schilfrohr zum Himmel ist, also ein sehr begrenzter Teilausschnitt. Unser konzeptionelles Verständnis des Kosmos, mag es’ noch so wissenschaftlich sein, ist ein erbärmliches Teilverständnis. Von dieser Sicht aus ist Wissenschaft einengend. Allmählich jedoch beginnt die Wissenschaft, das transpersonale Bewusstsein in ihre Forschungen mit einzubeziehen; denn sie hat gemerkt, dass die Welt mit den Newtonschen und Cartesianischen t Kategorien allein nicht erklärbar ist.
Mit unseren wissenschaftlichen und religiösen Systemen machen wir eine Menge kosmischen Lärm und meinen, wir könnten damit Gott erreichen. Unsere Gebete, unsere Gedanken an Gott sind jedoch angesichts dieser großen mystischen Erfahrung nicht mehr als das Kochen im kleinen Reagenzglas Ich.
Die Gefahr, dass wir uns mit all unseren Vorstellungen von Gott selber anbeten, ist sehr groß. Die Idolatrie religiöser Begriffe ist die große Gefahr der Religion. Wir sind arrogant, wenn wir uns von Gott ein Bild machen oder ihn in unseren Konzepten festhalten. Eckhart sagt mit Recht: “Einen Gott, den ich begreifen kann, das ist nicht Gott’
Unsere religiösen Systeme gleichen Computerprogrammen. Wie der Computer außerhalb seiner Programme keine neuen Erkenntnisse liefern kann, so bleiben auch die theologischen Aussagen über Gott eng begrenzt, wenn wir sie nicht erweitern durch die mystische Erfahrung. Das systeminterne Denken ist das große Hindernis der Theologie.
Wir haben auch zu lernen, dass Mystik sich nicht unbedingt in einem frommen Vokabular ausdrücken muss, als ob mystische Zustände etwas mit Bigotterie oder Betschwesterntum zu tun hätten. Mystik ist vielmehr die Erfahrung des Alltäglichen, des Hier und Jetzt. Diese Erfahrung kann sehr banal sein. Sie kann im Verwesen genauso gemacht werden wie in einer aufblühenden Blume, dem Wind oder einer religiösen Zeremonie. Wir müssen uns auch klar darüber sein, dass es wohl Lebewesen gibt, deren Bewusstsein ganz anders organisiert ist als das unsere.
So ist es Zeit, die Sicherheit unseres Ichbewusstseins etwas zu erschüttern und mutig in andere Bewusstseinsräume vorzudringen. Manche Menschen bekommen Angst. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, als unsere Angst einzugestehen und trotzdem weiterzugehen. Manche bekommen Zweifel, weil ihr Glaubensgebäude erschüttert wird. Freilich kann eine enge, dogmatisch verstandene Konfession ein Hindernis sein, in dieses neue Bewusstsein hineinzugehen, aber wenn wir unsere Heiligen Bücher neu lesen lernen, finden wir darin Möglichkeiten, auch unser Glaubensverständnis zu interpretieren.
Ein anderes Weltbild
Wir definieren, diagnostizieren, therapieren, philosophieren, theologisieren noch immer auf der Grundlage eines Welt‑ und Menschenbildes, das überholt ist.
Ich werde versuchen, an die Stelle eines naiven Homozentrismus und Geozentrismus ein anderes Menschen‑ und Weltverständnis zu setzen. Ich möchte dabei nicht überzeugen, sondern die Augen für eine neue Perspektive von Leben und Sterben öffnen. Oft ist es ein Erkenntnisschub, der unser Weltbild erschüttert. Einen solchen Erkenntnisschub brachten für mich meine persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre und die Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Dabei bin ich kein Naturwissenschaftler und verstehe nur sehr laienhaft die mathematischen Formeln und physikalischen Vorgänge. Wir haben uns im Westen einseitig entwickelt. Die Ratio dominiert in einer verheerenden Weise. Wir sind falsch erzogen. Erziehung sollte Vorbereitung auf die Inspirationen aus unserem tiefsten Wesen sein. Ratio und Psyche sollten Ausdrucksformen unseres wahren Wesens werden. Aber wir trainieren vom Kindergarten bis zur Habilitation nur unsere Ratio. Es wurde bisher noch kein Curriculum entwickelt, um Menschen in eine umfassendere Bewusstseinsebene zu führen.
Mit einem Bild ließe sich dieses Weltverständnis erläutern: Es ist das Bild vom Tänzer und vom Tanz. Gott sehe ich als den Tänzer, der gleichsam das Universum tanzt. Seine Tanzschritte sind die Evolution. Tänzer und Tanz können nur zusammen auftreten. Es gibt keinen Tanz ohne Tänzer und keinen Tänzer ohne Tanz. Es gibt keine Form ohne Geist. Der Tanz ist zeitlos. Es gibt darin nicht Anfang und nicht Ende. Jeder Moment ist das Ganze und er ist vollkommen. Und nur im Augenblick können wir diese Wirklichkeit erfahren. Man tanzt nicht, um mit einem Tanz zum Ende zu kommen. Man tanzt um des Tanzes willen. In dieser psychosomatischen Form Mensch bin ich ein ganz individueller, unverwechselbarer, kostbarer Schritt dieser Urwirklichkeit. Darin liegt die Einmaligkeit und Bedeutung dieser meiner Existenz und darin liegt die Bedeutung aller möglichen Seinsweisen. Es ist immer die Urwirklichkeit, die sich in der jeweiligen Form ausdrückt, und es geht immer darum, sich als diese Urwirklichkeit zu erfahren.
Die Schwierigkeit, Wirklichkeit zu benennen
Ein in der christlichen Tradition gebrauchtes Wortpaar für die verschiedenen Formen der Spiritualität ist “kataphatisch” und “apophatisch” (kata = hinab, hinein; apo = weg). Es gibt wohl keine Religion, die nicht einen zweifachen Weg zu Gott zeigt. Die kataphatische Spiritualität arbeitet mit Bewusstseinsinhalten, d. h. mit Bildern, Symbolen, Vorstellungen und Begriffen. Sie ist inhaltsorientiert und geht von der Überzeugung aus, dass der Mensch Bilder und Begriffe braucht, um Gott zu erkennen, und dass sie für die Entfaltung des religiösen Lebens von größter Bedeutung sind.
Die apophatische Spiritualität ist auf das reine, leere Bewusstsein hin orientiert. Inhalte werden als Hindernis angesehen. Solange das Bewusstsein an Bildern oder Konzepten festhält, ist es noch nicht dort, wo die eigentliche Erfahrung Gottes möglich ist. Bilder und Vorstellungen verdunkeln das Göttliche mehr als dass sie es erhellen. Sie sind Glasfenster, die vom Licht, das dahinter leuchtet, erhellt werden. Wer das Licht sehen will, muss hinter die Glasfenster schauen. Der fundamentale Unterschied in den Religionen liegt also nicht in den Lehren und Riten der einzelnen Religionen, sondern zwischen der esoterischen oder exoterischen Spiritualität dieser Religionen.
Gott ‑ ein Prozess
Die Urwirklichkeit, die wir “Gott” nennen, ist nicht statisch, sie ist auch nicht im rationalen Sinne linear. Sie zielt nicht auf einen Punkt Omega. Sie ist immer gleichzeitig Alpha und Omega. Die Wellen kommen und gehen, das Meer ist immer gleichbleibend. Die Energien verändern die Oberfläche. Nicht das Wasser fließt weiter, die Energien schaffen aus Wasser neue Wellen. Mit anderen Worten: Gott offenbart sich im Baum als Baum und im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Und wenn der Mensch stirbt, offenbart sich Gott im Sterben und Verwesungsprozess. Was bleibt, ist nicht notwendigerweise eine individuelle oder personale Struktur, wie sie sich der Mensch vorstellt. Es ist eine neue Seinsweise. Das gleiche göttliche Leben offenbart sich in einer neuen Struktur. Ob diese vollkommen neue individuelle oder personelle Struktur eine Verbindung mit der vorausgehenden Form behält, ist für mich unwichtig. Wiedergeboren wird immer nur dieses Urprinzip Gott. Ganz gleich in welcher Form wir eventuell wiederkommen, es ist immer eine Form Gottes. Man könnte dies eine kosmische Religiosität nennen. Ansätze einer solchen Religiosität sind deutlich sichtbar. Aber zunächst kann sie sich wohl, wie das eigentlich immer war, nur auf Häretiker, heilige Narren, Weise und Nonkonformisten stützen. Im römischen Katechismus kommt der Begriff “Mystik” nicht einmal vor.
Es dauert noch einige Zeit, bis die Spezies Mensch sich als eine zeitbedingte und vergängliche Spieler Gottes verstehen kann. Manche Religionen erlagen der Versuchung, durch Schrecken zu herrschen, wenn ihnen die Inspiration fehlte. Sie drohten mit Vergeltung im Jenseits oder mit einer schlimmen Wiedergeburt, mindestens aber mit Verbrennen der Leiber und Schriften.
Ursünde oder Individuation?
Was wir gemeinhin Ursünde nennen, ist keine Sünde. Sie ist vielmehr ein notwendiger Schritt in der Menschheitsentwicklung. Der Mensch musste aus dem paradiesischen Zustand der Symbiose heraus. “Die psychologische Grundtatsache, dass das Ich vom wahren Selbst und von der Ganzheit der Psyche abgetrennt und selbständig geworden ist, wird theologisch projiziert in dem Mythos vom Abfall des Menschen von Gott und vom Abfall der Welt vom Urzustand“ (E. Neumann, Kulturentwicklung und Religion, Frankfurt/M. 198 1, S. 178.)
In Wirklichkeit fällt nicht das böse menschliche Ich vom göttlichen Selbst ab, sondern umgekehrt, Gott zieht sich gleichsam zurück, damit der Mensch erwachsen werden kann. Erwachsen zu werden ist ein schmerzhafter Prozess, den auch die Mystik durchaus kennt. Es gehört zum Weg der Verwandlung, am Kreuz diese Spannung zu erleiden.
In der Persönlichkeitsentfaltung des Mystikers handelt es sich also nicht, wie oben bereits gesagt, um einen regressiven Prozess der Ichauflösung. Der mystische Weg wird immer durch eine Ichstärkung vorbereitet. Das Ich entfaltet sich auf dem Weg. Am Ende steht nicht eine Ichauflösung, sondern das Bewusstsein verändert sich, bis nicht mehr das Ich das Zentrum darstellt, sondern das Selbst, um welches das Ich kreist.
Die falsche Mystik kann das Abgründige des Numinosen nicht annehmen, darum erklärt sie die Welt für gefallen, verschuldet, gesunken, verführt, getäuscht und verdorben. Sie will es nicht wahrhaben, dass Leben und Schöpfung in der Polarität und Spannung geschehen müssen, zu der auch der Teufel, das Böse, die Schuld, die Sünde und der Tod gehören. Falsche Mystik hält letztlich die Schöpfung für einen Irrtum Gottes oder für das Werk eines zweitrangigen Demiurgen.
Worauf dagegen wahre Mystik aufbaut, umschreiben folgende Aussagen:
Es gibt eine Deutung von Baal‑Schem‑Tow, dem Begründer der chassidischen Bewegung, zu dem Satz: “Mit Gott ging Noa”. Dort heißt es am Ende: “Darum, wenn sich der Vater von ihm entfernte, wusste Noa: Das ist, damit ich gehen lerne.“ Gott musste den Menschen gleichsam allein lassen, wie eine Mutter ihr Kind allein lassen muss, damit es selbständig wird.
Ein Sufitext lässt Gott sprechen: “Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; deshalb schuf ich die Welt. Wir haben in dieser Welt Gott zu erkennen. Und wir haben zu erkennen, dass wir eine Erscheinungsform Gottes sind. Ein Wort aus dem Judentum lautet: “Gott und die Welt sind gleichsam Zwillinge “
Eckhart meint, dass die Welt so alt ist wie Gott: “Auf einmal und zugleich, als Gott war, da er seinen ihm gleich ewigen Sohn als ihm völlig gleichen Gott erzeugte, schuf er auch die Welt”. Desgleichen kann zugegeben werden, dass die Welt von Ewigkeit her gewesen ist“. Gott und Welt gehören zusammen. Sie sind zwei Aspekte der einen Wirklichkeit.
Die Welt ist die Offenbarung des Göttlichen Prinzips. Gott kann nur in der Form erfahren und erkannt werden. Darum kehrt echte Mystik immer zurück in die Welt. Sie hat einen Weltauftrag.
Christliche, buddhistische und andere Redogmatisierungen geben manchen mystischen Erfahrungen einen weltfeindlichen Anstrich. Aber echte Mystik ist menschenfreundlich. Ein chassidisches Wort drückt das so aus: “Einer kauft sich im Winter einen Pelz, ein anderer Brennholz. Und was ist der Unterschied zwischen ihnen? Jener will nur sich, dieser auch anderen Wärme spenden” Echte Mystik versteht sich als Erlösungsweg des Menschen. Der “mystische Liebestod, der nicht zur Auferstehung führt, ist ein Versagen!“
Der Teufel, unser Zwillingsbruder
Am Anfang der christlichen Religion steht die Dualität von Gott und Schöpfung, Licht und Dunkel, Michael und Luzifer, Versucher und Versuchten. Mit dem Glauben an Gott wurde uns der Glaube an den Teufel vermittelt. Mit diesem Glauben haben wir so manche Tragödie in der Weltgeschichte auf andere abgeschoben, statt die Gründe bei uns selbst zu suchen und Verantwortung zu übernehmen.
Mit dem Teufel versuchen wir, das Böse in dieser Welt zu erklären. Das Böse wurde personalisiert und, als die Gegenkraft des Göttlichen von Gott getrennt gesehen. Der Teufel wurde so zur Projektionsfigur, auf die man alles Böse abschob. Er steht für unseren persönlichen und für den kollektiven Schatten. Wenn es uns nicht gelingt, diese Dualität, die offensichtlich zur Struktur der Schöpfung gehört, in uns zur Harmonie zu bringen, bleiben wir den negativen Kräften dieses Kampfes ausgesetzt. Inquisitor und Angeklagter, Richter und Henker, Freund und Feind, Vorgesetzter und Untergebener finden sich in uns. In uns müssen wir sie zum Einklang bringen.
Die Teufelshypothese muss nicht aufrechterhalten werden. Sie ist sogar höchst bedenklich. Das, wofür der Teufel stand, soll aber deshalb nicht verschwinden. Wir brauchen etwas, was unsere Sensibilität dem Bösen gegenüber lebendig hält. Wir brauchen zeitgemäßere Metaphern für jene Macht des Bösen, die in jedem von uns relevant ist. Wir brauchen eine neue Sprache für das B öse. Was die christliche Tradition “Dämonen” nennt, sind Kräfte, die wir nicht personifizieren müssen. Das wirklich Böse in unserer Welt hat andere Namen: Religiöser und politischer Machtmissbrauch, Unterdrückung der Schwachen durch ausbeuterische Wirtschaftssysteme, Umweltzerstörung, Genmanipulation, rassische und kulturelle Entwurzelung von Millionen durch Vertreibung und Flucht, Hass auf den Nachbarn und Verhaftetsein im Materiellen.
Nicht der Teufel hat die erste Atombombe geworfen, die Juden unter Hitler und die Gegner Stalins im Kommunismus vernichtet. Nicht der Teufel hat unter den Japanern im letzten Krieg die Menschen Südostasiens tyrannisiert. Nicht der Teufel hat die Kreuzfahrer auf den Weg geschickt. Nicht der Teufel hat die Scheiterhaufen von Inquisition und Hexenverfolgung angezündet. Nicht der Teufel zerstört unseren Lebensraum. Nicht der Teufel ist schuld, dass wir mit unseren Nachbarn nicht auskommen. Das Böse in uns ist am Werk. Dieses Böse in uns gilt es zu erkennen. Wenn wir es da erkannt haben, erfahren wir auch, dass wir an Verbrechen, die weit weg von uns begangen werden, beteiligt sind.
Wir erfahren als Einzelne immer stärker, dass wir mit allem verbunden sind im Guten wie im Bösen. Der Teufel ist Symbol für das Böse und so unser Zwillingsbruder. Er ist in unserer Persönlichkeitstruktur angelegt und gehört zum Strukturprinzip der Schöpfung. Wenn es uns gelingt, unsere Schattenenergien für das Gute fruchtbar zu machen, haben wir ihn als Gehilfen gewonnen, der tatsächlich das Gute schafft, obwohl er anscheinend das Böse will.
Eng mit dem Teufel verbunden ist die Angst vor der Hölle. Diese Angst kommt aus einem archaischen Gottesbild. Der Gott, der ewige Verdammnis auferlegen kann, spukt immer noch in den Köpfen. Mit einem dualistischen Denkmodell lässt sich die letzte Wirklichkeit aber nicht erklären. Die mystische Erfahrung ist immer eine Erfahrung der Einheit, sie ist Unio mystica, Ganzheit, NichtZwei. Dazu gehört auch das, was wir Menschen böse nennen.
Der Wandel der Welt beginnt in uns
Grundlegende Wandlung der Welt wird niemals durch ein neues Gesellschaftssystern geschehen, sondern nur über den Wandel des Einzelnen. Wir schreien immer gleich nach dem großen Chirurgen, der die entscheidende Operation vornehmen soll. Aber wer wirklich die Weit ändern will, verlässt sich auf keinen Spezialisten. Nur wer selber aus dem Schema der Gesellschaft heraustritt und Habgier, Erwerbsucht, Machtstreben überwindet, wird etwas ändern.
Wir erwarten den großen Erlöser auch in der Religion von außen: Da macht es schon einer, wir brauchen uns nur an seinen Rockzipfel zu hängen. Wahre religiöse Führer jedoch wollten nicht erlösen. Sie haben vielmehr zur Umkehr aufgerufen, zur Metanoia, zur Wende nach innen, zum Wesentlichen hin, zu unserer göttlichen Natur. Aber der Mensch hat die Religionsstifter lieber zur Ehre der Altäre erhoben und betet sie an, statt diese Metanoia, die sie vorgelebt haben, an sich selbst zu vollziehen. Denn der Weg der Verwandlung ist lange und beschwerlich. Er führt über die Auseinandersetzung mit unserem Schatten und mit dem Teufel.
Die andere Anthropologie des Jesus von Nazareth
Wer war Jesus? Wir wissen nicht viel von ihm. Suchende Menschen hörten von ihm und seinem Wirken und schöpften aus seiner Lehre Deutung und Kraft für ihr Leben. Was der Bericht, der einem angeblichen Jünger von ihm namens Johannes zugeschrieben wird, von ihm und von uns sagt, ist revolutionierend. Da steht z. B.: “Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben” (Joh 17,20fl) Und dann heißt es weiter: “Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein”. “Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit”. ‑”Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt” ‑ Worte führen uns ins Begreifen und sie können uns das Begreifen verstellen. Oft ist es die Auslegung der religiösen Sprache, die uns das Begreifen verstellt. Ich will einfach sagen, in welcher Weise mir diese Worte Lebenshilfe geben.
Gott nennen wir Vater”, Jesus nennen wir “Sohn”, wir nennen uns “Kinder Gottes” Was steht hinter diesen Metaphern? Gibt uns unsere christliche Religion, geben uns die genannten Begriffe Antwort auf diese Fragen: Was ist Gott, wer war Jesus, wer bin ich? Wer war Jesus? Können wir an Jesus ablesen, wer wir sind? Jesus ist der Typus des Menschen schlechthin. Er ist das Modell, an dem wir erkennen können, wer wir sind.
Er war ganz Mensch und er war ganz Gott, sagen wir als Christen. Er war ganz Mensch, das ist einleuchtend, aber was heißt: Er war ganz Gott? Wir sind ganz Mensch, das können wir verstehen, können wir auch mit Jesus sagen, ich bin ganz Gott?
Der Vater manifestiert sich im Sohn, d. h. in allen materiellen, psychischen und geistigen Formen. Es existiert nichts, was nicht Sohn des Vaters wäre. Es existiert nichts, was nicht aus ihm geboren wäre. Sohn ist also eine Umschreibung für alles, was geschaffen ist. Die Schrift sagt bei Johannes: “Nichts ist entstanden ohne ihn. In allem Geschaffenen war er das Leben” (Joh 1,3)
Wir sind eine Epiphanie (Erscheinung) Gottes. Wir sind Söhne und Töchter Gottes. Die Schwierigkeit beginnt flür viele, wenn gefolgert wird, dass jeder Mensch “Sohn Gottes” ist, ja, dass alles, was existiert “Sohn Gottes” ist. Alles, was existiert ist Manifestation dieser Urwirklichkeit, die Jesus “Vater” nannte. Jeder und jedes kann also sagen: “Ich bin Sohn Gottes” In einer anderen Version sagen wir sogar: “Wir sind Kinder Gottes” Jesus war ein Mensch wie wir, tief erleuchtet. Er unterscheidet sich nicht von uns, außer dass er immer in der Einheitserfahrung mit dem stand, was er “Vater” nannte oder “Reich Gottes” oder, wie Johannes es ausdrückt, “ewiges Leben”.
Diese tiefe mystische Einheitserfahrung wird ihm bei der Taufe bestätigt. Dort heißt es, dass eine Stimme erscholl: “Dieser ist mein geliebter Sohn” Bei unserer Taufe wurde jedem von uns das Gleiche bestätigt. Damals öffnete sich gleichsam der Himmel über jedem und eine Stimme erscholl. Auch über uns ist dieses Wort gesprochen.
Jesus ist das Modell, an dem wir ablesen sollen, wer wir sind. Jesus hat diese göttliche Seinsweise nirgendwo für sich allein in Anspruch genommen. “Das Reich Gottes ist in Euch”, sagte er. “Du musst wiedergeboren werden”, erklärt er Nikodemus, “dann kannst Du erfahren, wer du bist”. Wem diese Metanoia, diese Wende nach Innen, gelingt, der erfährt, dass er eins ist mit diesem Urprinzip, das wir Abendländer Gott nennen. Und er wagt dann sogar zu sagen: “Bevor Abraham ward, bin ich”. Denn was wir zutiefst sind, göttliches Leben, kennt keine Zeit.
An Jesus können wir ablesen, wer wir sind. Söhne und Töchter Gottes, Kinder des ewigen Vaters. Das sind Bilder und Metaphern, die wir zu deuten haben. Eckhart drückt es mit dem Wort “Gottesgeburt in der Seele” so aus: “Und es gebiert der Vater seinen Sohn in der Seele in derselben Weise, wie er ihn in der Ewigkeit gebiert und nicht anders. … Er gebiert mich als seinen Sohn und als denselben Sohn. Ich sage noch mehr: Er gebiert mich nicht allein als seinen Sohn; er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Sein und als seine Natur. … Was Gott wirkt, das ist eins; darum gebiert er mich als seinen Sohn ohne jeden Unterschied. … und ich bin derselbe Sohn und nicht ein anderer” (Quint, 185,25) Es trifft auch auf uns zu, was Jesus von sich sagt: “Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt”. Eckhart geht bis zur letztmöglichen Einheit. Darum sagt er in der gleichen Predigt: “Ich dachte neulich darüber nach, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir sehr wohl überlegen, denn wenn ich von Gott (etwas) nehmen würde, so wäre ich unter Gott wie ein Knecht und er im Geben wie ein Herr. So aber soll es mit uns nicht sein im ewigen Leben” (Quint, 186,14). Josef Quint, Meister Eckhart, München 1979, S. 29. 7 A. a. 0., S. 180.
Wir sind gottesgestaltig. Jesus sagt aus seiner Einheitserfahrung heraus: “Ich und der Vater sind eins” und “Wer mich sieht, sieht den Vater”. Und er sagt: “Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein”. “Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit. Unter “eins sein” verstehe ich nicht Einigkeit, sondern Einheit. In der Eucharistie feiern wir diese Einheit von Gott und Mensch. Darin liegt ihre tiefste Bedeutung. Brot und Wein sind nur die Exponenten für die ganze Schöpfung. So wie auf dem Altar nicht nur Brot und Wein sind, sondern auch diese andere Dimension, die wir Gott nennen, so sind auch wir nicht nur Menschen aus Fleisch und Blut, aus Psyche und Geist. Auch in uns offenbart sich diese andere Dimension Gott. Wir sind gottesgestaltig. Das sagt auch der Mystiker, wenn er diese Einheitserfahrung macht. Und das sagt nicht nur der klassische Mystiker des Mittelalters. Immer wieder brechen Menschen, die ich begleiten darf, zu einer Erfahrung durch, aus der heraus sie tief erschüttert das Gleiche bekennen. Wir essen uns selber im Brot auf dem Altar, wie Augustinus meint. Religion bedeutet nichts anderes, als die Welt mit anderen Augen sehen, mit den Augen, die von innen sehen. Uns selbst und die Welt in einer Weise zu begreifen, die nicht um das kleine Ich kreist.
Wir Christen haben uns klein geredet. Wir haben zu viel von Sünde und Moral gesprochen und zu wenig von unserem Adel, dem Adel, den uns Jesus verkündet hat. Unsere Religion ist zur Karfreitagsreligion geworden, es fehlt die Auferstehung und die Freiheit, die uns Jesus gebracht hat.
Religion und Heilige Schriften
Mystiker und Heilige Schriften kann man auf ganz verschiedener Ebene lesen und verstehen. Ein deutliches Beispiel scheint mir im Neuen Testament das Gespräch Jesu mit der Samariterin zu sein. (Joh 4,5) Er spricht schon längst vom Wasser des Lebens, während die Frau immer noch das natürliche Brunnenwasser meint.
Jesus verweist bei dieser Gelegenheit auch auf die Tatsache, dass Gott nicht etwas ist, was man auf diesem oder jenem Berg anbeten kann, sondern dass Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden muss: “Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.” (Joh 4,24)
Wenn Jesus vom Vater gesprochen hat, meinte er damit nicht ein väterliches Superego. Er wollte einen Gott aufzeigen, der, weder sinnenhaft noch intellektuell begreifbar, nur erfahrbar ist. Für die meisten Menschen jedoch war Gott aber Vater, der liebt und straft, selig macht und verdammt.
Wer meint, das Absolute sei eine Art großer Vater, der über alle wacht wie ein Schäfer über seine Herde, der praktiziert Religion wie ein Bittsteller. Sein Ziel ist schlicht und einfach, Schutz und Segen jenes Gottes zu erhalten und ihm als Gegenleistung Verehrung und Dankbarkeit entgegenzubringen. Er versucht in Übereinstimmung mit dem zu leben, was er für Gottes Gesetz hält, und hofft, dass er dafür den Lohn des ewigen Lebens erhält. Diese Art von Religion verfolgt das Ziel, erlöst zu werden, erlöst von Schmerzen, von Leiden, vom Übel, letzten Endes sogar vom Tod.
Angelus Silesius und Eckhart ‑ um nur zwei zu nennen ‑ haben die Schrift auf einer ganz anderen Ebene verstanden. Sie haben sie von ihrer religiösen Erfahrung her interpretiert. So dichtet Angelus Silesius: “Wer Gott um Gaben bitt’, der ist gar übel dran. Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an”. Eckhart sagt: “Du erniedrigst den unendlichen Gott zur melkenden Kuh, die man um der Milch und des Käses, um des eigenen Profits willen schätzt. Diese machen aus Gott eine Ziege, füttern ihn mit Wort-Blättem. Ebenso machen sie aus Gott einen Schauspieler, geben ihm ihre alten und schlechten Kleider”.
“Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, (also) von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt. Man mag dich zwar wohl hinnehmen, aber das Beste ist es doch nicht. Denn wahrlich, wenn einer wähnt in Innerlichkeit, Andacht, süßer Verzücktheit und in besonderer Begnadung Gottes mehr zu bekommen als beim Herdfeuer oder im Stalle, so tust du nicht anders, als ob du Gott nähmest, wändest ihm einen Mantel um das Haupt und schöbest ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in einer (bestimmten) Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist. Wer aber Gott ohne Weise sucht, der erfasst ihn, wie er in sich selbst ist; und ein solcher Mensch lebt mit dem Soh”ne und der ist das Leben selbst”.
Solche Beispiele dürfen uns nicht dazu verleiten, das mündliche Beten zu verachten. Eckhart war Priester und Ordensmann. Er hat sicher die Messe gelesen und das Offizium gebetet. Solange wir Menschen sind, werden wir das Göttliche ansprechen und auch feiern. Das können wir nur in Wort, Bild, Zeremonie und Ritus. Es ist jedoch wichtig, sich dabei bewusst zu bleiben, dass dies nur “Finger” sind, die auf den Mond zeigen. Es sind wohl nur ganz wenige Menschen berufen, sich in einen liturgielosen Raum zurückzuziehen.
Heilige Schriften und Religion insgesamt sind also Niederschlag tiefer mystischer Erfahrung, und umgekehrt ist es Aufgabe der Religion, den Menschen zu einer solchen Erfahrung zu wecken.
Willigis Jäger: aus Wiederkehr der Mystik, 4. Auflage, 2006, Herder
Tendenzieller Fall der Profitrate
Tendenzieller Fall der Profitrate
Der Tendenzielle Fall der Profitrate ist für Marxisten ein Eckfeiler für die Erklärung kapitalistischer Krisen. Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwertes zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital, wobei der Mehrwert sich aus der Differenz von den an einem Arbeitstag insgesamt erzeugten Werten und den Werten bestimmt, die zum Erhalt der Arbeitskraft notwendig sind. Das Gesamtkapital setzt sich dabei lediglich aus dem konstanten Kapital (Kosten für Produktionsmittel und Material) und variablen Kapital ((Lohnkosten) zusammen. Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass im Kampf um den Profit (Rendite) das Gesamtkapital durch Vergrößerung des konstanten Kapitals (Investition) erhöht wird, wodurch das Verhältnis von Mehrwert zu Gesamtkapital – also die Profitrate – „tendenziell“ erniedrigt wird. Tendenziell bedeutet, es geht um die Entwicklung der Durchschnittsprofitrate.Diese zunächst einleuchtende Behauptung soll an einem Beispiel verdeutlicht werde, das sich auf Marx beruft und von einem Marxisten Nick Beams auf der World Socialist Website (http://www.wsws.org/de/korres/korres.shtml) als Leserbrief am 04.04.2000 unter dem Titel “Der Fall der Profitrate“ veröffentlicht wurde:
Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwert zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital. Wenn das Gesamtkapital beispielsweise mit 100 angesetzt wird, bestehend aus konstantem Kapital in der Größenordnung von 80 und variablem Kapital von 20, und zugleich die Mehrwertrate 100 Prozent beträgt, was bedeutet, dass der Produktionsprozess einen Mehrwert von 20 hervorbringt, so ist die Profitrate 20/100 bzw. 20 Prozent.
Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass mit steigender Arbeitsproduktivität der Anteil des konstanten Kapitals am Produktionsprozess wächst. Das heißt, der Anteil der zugeführten lebendigen Arbeit geht im Verhältnis zu den Produktionsmitteln, die sie in Bewegung setzt, tendenziell zurück. Da jedoch die lebendige Arbeit die einzige Quelle des Mehrwerts darstellt, folgt daraus, dass die Profitrate, die sich aus dem Verhältnis zum eingesetzten Gesamtkapital errechnet, tendenziell ebenfalls sinkt.
Nehmen wir ein Kapital von 200, bestehend aus konstantem Kapital von 180 und variablem Kapital von 20. Bei einer Mehrwertrate von 100 Prozent, die einem Mehrwert von 20 entspricht, haben wir bei diesem Kapital eine Profitrate von 20/200 bzw. 10 Prozent.
Die an diesem Beispiel verdeutlichte Behauptung vom tendenziellen Fall der Profitrate, setzt voraus, dass der Mehrwert konstant bleibt. Kompliziert werden jedoch die Verhältnisse, wenn durch Investition, d.h. durch Sachkapitalvergrößerung, sowohl die notwendige Arbeit (variables Kapitals) verkleinert als auch der Mehrwert durch einen größeren Warenausstoß (Produktivitätsfortschritt aufgrund der Investition) erhöht wird. Insbesondere werden die Verwertungszusammenhänge nicht sorgfältig analysiert.
Zunächst entsteht ja auf der Produktionsseite ein Mehr an Waren, deren Wert erst am Markt bestimmt wird. Auch der Mehrwert hat seine Entsprechung in der Warenproduktion. Es sind wiederum hauptsächlich die Lohnbezieher, repräsentiert durch das variable Kapital, die die Werte bestimmen. Einfacher ausgedrückt: Die Lohnabhängigen kaufen die Waren, die sie selbst produzieren mit dem Lohn, den sie für ihre Arbeit erhalten. Was geschieht aber mit den Waren, die darüber hinaus produziert werden? Wer kauft sie? (s. Anmerkung 1).
Das Verwertungsproblem besteht darin, dass der Gewinn im kapitalistischen System durch ein Mehr an Geld realisiert wird ( G —W— G + MG). Der Warenüberschuss (Mehr an Waren) erhält erst durch den Umtausch in Geld seinen Wert (Mehrwert, Gewinn).
Wo aber sind die Abnehmer, die dafür das Geld geben? Das können ja nicht die Lohnabhängigen sein. Sie haben mit ihrem als Lohn erhaltenem Geld den Teil der Waren abgeräumt, der äquivalent als Kosten zu diesem Geld ist. Der andere Teil ist der Warenüberschuss. Wie könnte eine Verwertung des Warenüberschusses aussehen?
1. Durch das größere Warenangebot gehen die Preise im Durchschnitt runter, die Lohnabhängigen können mehr kaufen. Oder sie erhalten einen höheren Lohn und können sich dadurch mehr kaufen. Das Mehr an Waren wird so als Mehrwert zu den Lohnabhängigen transferiert – nach Marx und den Kapitalismusvertretern ein unwahrscheinlicher Fall, weil das Erzielen von Profit (Mehrwert) für den Unternehmer überlebensnotwendig ist.
2. Die Unternehmerschaft könnten den Warenüberschuss selbst konsumieren, indem sie ihn untereinander abnehmen (kaufen). Das dafür notwendige Geld wird durch Kredite bereitgestellt, die beim gegenseitigen Leistungstausch wieder getilgt werden. Sie konsumieren so den Profit durch ihr Luxusleben – Bauen von Palästen.
3. Eine besondere Art des Unternehmerkonsums ist die Investition., wobei auch hier wieder Kredite eine Rolle spielen (s.o.). Dies ist der oben geschildert Fall von Erhöhung des Sachkapitals. Investitionen führen zu Produktionssteigerungen entweder durch Produktionsausweitung oder Produktivitätssteigerungen. Wird diese nicht an die Lohnabhängigen durch Arbeitszeitverkürzung weitergegeben, vergrößert sich der Warenüberschuss und damit das oben skizzierte Problem.
4. Oder der Warenüberschuss wird ohne gleichzeitigen Import ausländischer Ware in andere Länder exportiert. Das Heimatland hat dann einen Exportüberschuss. Der ausländische Empfänger hat entweder Schulden, für die er Zinsen zahlt oder die als Gegenwert gezahlte ausländische Währung wird vom Exporteur in die ausländische Wirtschaft renditeträchtig investiert. Die Profite werden durch Exportüberschuss ins Ausland transferiert. Güterexport bei gleichzeitigem Güterimport ändert an dem Warenüberschuss nichts.
5. Das Problem lässt sich kurzfristig aber auch durch Kreditvergabe lösen. Durch eine Kreditvergabe erhalten Wirtschaftsteilnehmer das für die Markträumung des Warenüberschusses nötige Geld. Gesamtwirtschaftlich bedeutet dies Wirtschaftswachstum und zwar dann, wenn der Schuldner zur Tilgung seines Kredites zusätzliche Leistungen erbringen muss, um das für die Tilgung nötige Geld zu verdienen. Das Problem wird im wahrsten Sinne des Wortes dadurch potenziert, dass die Schuldenaufnahme Zinsforderungen nach sich zieht. Die Dynamik gerät zu einem exponentiellen Wachstum. Hauptträger der Schuldenaufnahme sind zu 70 % die Unternehmen, die die Zinsforderungen als Kapitalkosten an die Warenabnehmer – die ursprünglichen Leistungslieferanten – weiterreichen: Löhne werden gekürzt, Arbeiter entlassen, Preise erhöht. Deren Fähigkeit zur Warenabnahme schwindet und das Verwertungsproblem verschärft sich.
An dieser Stelle wird sichtbar, wie wichtig die Vorgänge auf der Verwertungsebene, die man auch Zirkulationssphäre nennen könnte, für die Profitentstehung sind.
Für beide Fälle gilt aber, dass irgendwann die Bedürfnisse für eine Warenkauf gesättigt sind und der Verwertungsprozess stoppt. Keynes spricht dann von einer langfristig abnehmenden Grenzleistungsfähigkeit des Investitions- Kapitals, nämlich die Fähigkeit, Rendite zu erbringen. Dieser Begriff beschreibt auf diesem Erklärungshintergrund viel klarer die Probleme einer kapitalistischen Wirtschaft als der Begriff vom tendenziellen Fall der Profitrate, weil er die Vorgänge in der Zirkulationsspäre stärker einbezieht. Das die Warenzirkulation erst ermöglichende Geldsystem kommt dadurch stärker in die Analyse als bei Marxisten.
In dem oben erwähnten Artikel von Nick Beams über den Fall der Profitrate kommt es deswegen auch zu Widersprüchen. Dort heißt es:
Mit anderen Worten, während die technologische Entwicklung den Anteil des konstanten Kapitals steigert und damit die Durchschnittsprofitrate senkt, erhöht sie gleichzeitig auch den erzielten Mehrwert und führt damit tendenziell zu einer höheren Profitrate. Wenn die Steigerung der Mehrarbeit hinreichend groß ist, kann der Fall der Profitrate aufgehalten oder sogar umgekehrt werden.
Gerade diese Argumentation benutzen ja heutige Wirtschaftswissenschaftler, wenn sie ein ständiges Wirtschaftswachstum auf hohem Niveau fordern, um Krisen zu vermeiden oder zu überwinden.
So bezeichnet er auch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate als einzige wissenschaftliche Erklärungsgrundlage für den wirtschaftlichen Nachkriegsboom und sein Ende:
Die Entwicklung und Verbreitung der Fließbandproduktion in der gesamten kapitalistischen Welt während der Periode nach dem Krieg führte zu einer enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität. Das heißt, diese Methoden ergaben vermittels einer erheblichen Herabsetzung der notwendigen Arbeit einen höheren Mehrwert.
Diese Erklärung übersieht, dass der Krieg eine riesige Kapitalvernichtung war und die Leistung des Kapitals, Rendite zu erwirtschaften auf einem hohen Niveau wieder starten konnte. Die Deutung von Keynes passt dazu besser. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist die eine Erklärung für den Nachkriegsboom. Die Fähigkeit einer kapitalistischen Wirtschaft bei geringer Kapitalakkumulation wegen starker Warennachfrage hohe Rendite zu erbringen, ist die andere.
Anmerkung 1 zu „Tendenzieller Fall der Profitrate) (Probst S. 15)
…Die Macht erwächst aus der Begehrtheit der produzierten Waren; sind sie hingegen nicht begehrt, kann sich – salopp gesagt – „ der Kapitalst seine Produktionsmittel vor’s Knie nageln….
Bedeutung der Zirkulationssphäre bei Marx
Die Bedeutung der Zirkulations – und Produktionssphäre für die Kapitalismuskritik
Für die meisten Kapitalismuskritiker ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln die Grundlage des Kapitalismus und Grund für dessen Profitorientierung. Sie beziehen sich dabei auf Marx. Die Vorgänge in der Zirkulationssphäre werden lediglich als Abbilder dieser Produktionsverhältnisse gesehen.
„Der Besitzer der Ware Arbeitskraft und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in ein Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer…..Sie kontrahieren als freie rechtlich ebenbürtige Personen…. Sie beziehen sich nur als Warenbesitzer zueinander und tauschen Äquivalent gegen Äquivalent. ..“ ( Marx: Das Kapital Bd.I, S. 182 – 190, zit. nach Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)
Hier wird Geld als Ware der Ware Arbeitskraft gleichgesetzt (äquivalent). Geld ist eine neutrales den Wirtschaftsprozess vermittelndes Wirtschaftsgut. Insofern ist die Kritik ausschließlich in der Produktion zu suchen. Als Besitzer des knappen Wirtschaftsgutes Produktionsmittel ist der Kapitalist in der Lage, den besitzlosen Arbeiter zu erpressen, um sich den von ihm erzeugten Mehrwert anzueignen. Die Entstehung und Aneignung des Mehrwertes lässt sich wie folgt erklären:
Der Unternehmer als Eigentümer der Produktionsmittel bezahlt den Arbeiter für z.B. 8 Stunden Arbeit. Dabei kauft er dessen Arbeitskraft zu einem Wert (Lohn), der durch die Reproduktionskosten der Arbeitskraft bestimmt wird. Dies ist die nötige Warenmenge, um den Arbeiter einen Tag arbeitsfähig zu erhalten. Beispielsweise reichen dazu 4 Stunden Arbeit. Der Unternehmer benutzt bzw. gebraucht aber diese Arbeitskraft 8 Stunden lang. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist also größer als sein Tauschwert (Lohn gegen Arbeitskraft). So entsteht zunächst eine Warenmenge, die doppelt so groß ist wie die nötige Wahrenmenge zum Erhalt der Arbeitskraft. Beim Verkauf dieser Warenmenge am Markt wird u.U. ein Wert erzeugt der doppelt so groß ist wie der Wert zum Erhalt der Arbeitskraft. Die Differenz ist der Mehrwert, der beim Unternehmer verbleibt. Der Warenverkauf und damit die Mehrwertrealisierung muß aber gegen andere Marktteilnehmer als Konkurrenten durchgesetzt werden. Dies führe zur Profitorientierung des gesamten Produktionsprozesses (Herstellung + Verwertung), weil sonst der Warenanbieter vom Markt gedrängt würde, auf seiner Ware sitzen bliebe, dadurch die Produktion einschränken und Arbeitskräfte entlassen müßte. Diese Profitorientierung – die Orientierung auf „Mehr“ – übergeht das Ziel, die Produktion entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu organisieren, führt zur Entfremdung des Menschen von seinen Produkten. Auch Privateigentum an Produktionsmitteln in den Händen von Arbeitenehmern würde an dieser Situation nichts ändern. Insofern ist es folgerichtig, das Privateigentum an Produktionsmittel und den Markt gänzlich abzuschaffen, um diese Verwerfung zu überwinden.
An dieser Einschätzung der sich auf Marx berufenen Sozialisten setzt die Kritik der Freiwirtschaftler an. Sie argumentieren, dass es die Produktion von Waren für den Markt schon jahrhundertlang gegeben habe und dies zunächst nicht zur Profitorientierung des Wirtschaftens führte. Erst die Vervollkommnung des Geldwesens, das Auftreten und das Ansammeln von Geldkapital ermöglichte diese Entwicklung. Geld kann im Gegensatz zu allen anderen Waren gehortet (Schatzbildung), dadurch verknappt und dem Wirtschaftskreislauf als notwendiges Tauschmittel entzogen werden. Mit den weiteren Eigenschaften der Schlagfertigkeit (Schnäppchenkauf) und der Transportfähigkeit ist es eben nicht äquivalent zu anderen Waren. Die Möglichkeit der Schatzbildung zeichnet den Geldbesitzer aus und begründet seine besondere Machtstellung, die allerdings durch den Staat abgesichert sein muß. Im Übrigen hat dies schon Marx so gesehen, aber die entsprechenden Folgerungen daraus verweigert, ja sogar bekämpft (s. Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)
Wie wirkt sich diese Machtstellung aus?
Der Geldbesitzer lässt sich die Preisgabe der Vorteile des Geldbesitzes (Hortungsfähigkeit, Schlagfertigkeit, Transportfähigkeit), damit Produktionsmittel erworben werden können, durch den Zins bezahlen. Der Unternehmer muß wegen dieser Zinszahlung Profit erzeugen, anderenfalls geht er in den Konkurs. Steht aber Finanzkapital zinslos zur Verfügung ist der Erwerb von Produktionsmittel erleichtert und die Erpressungsmöglichkeit des Unternehmers gegenüber dem Lohnabhängigen verringert, die Mehrwertaneignung schwindet, der Profit geht gegen null. (s. auch Jürgen Probst, Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft, 2.Auflg. 1998, Selbstverlag, Hannover, Anmerkung 1)
Unstrittig ist für alle Kapitalismuskritiker, dass der Mehrwert durch Arbeit, also in der Produktion entsteht. Die Freiwirtschaftler werfen den Marxisten vor, dass sie blind für die Vorgänge in der Zirkulationssphäre seien und deren Konsequenzen für die Produktionssphäre nicht sehen, insbesondere nicht zwischen Geldbesitzern (Geldkapital) und Unternehmern (Besitzer von Sachkapital) unterschieden. Produktionsmittel (Sachkapital) und alle anderen am Wirtschaftsprozess beteiligten Größen müssen durch den Einsatz von Geldkapital erworben werden. Auch Marx spricht immer wieder vom Geldbesitzer: „Der Geldbesitzer hat den Tageswert der Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher ihr Gebrauch während des ganzen Tages. …“. Danach ist der Unternehmer zunächst Geldbesitzer, um dann später in der Produktion Eigentümer von Produktionsmittel zu sein. Doch in der modernen kapitalistischen Wirtschaft sind Unternehmer nicht so sehr Eigentümer von Produktionsmitteln, sondern eher deren Besitzer, die zwar über die Verwendung von Produktionsmitteln bzw. Mehrwert bestimmen können, aber die eigentlichen Eigentümer die Geldbesitzer sind, die ihnen das Geld als Kredit zum Erwerb von Produktionsmittel , von Material, Gebäuden und Arbeitskraft geliehen haben. Deutsche Unternehmer haben in der Regel 60 bis 80% ihres Unternehmens mit Fremdmittel finanziert. Sichtbar wird dieser Eigentümer dann, wenn das Unternehmen die Zinsen nicht mehr zahlen kann und das Eigentum im Konkurs eingefordert wird.
Der Geldgeber – Geldkapitalist - bestimmt die Regeln, nach denen das Spiel “Produktion” in Unternehmen gespielt wird. Die “Spielregeln” der Produktion: das sind nicht nur die Zinsforderungen – das sind die “Produktionsverhältnisse” einschließlich der eigentumsrechtlich ausgeformten Dispositionsbefugnisse des Kapitals im Unternehmen. Das bedeutet vor allem die Produktion von Waren unter dem Diktat der Profitmaximierung, wie es beim Geldverleihen staatlich sanktioniert ist
Dabei ist der Zins nicht bloß eine Erscheinung des Profits. Er unterscheidet sich von diesem in besonderem Maße:
(1) Der Zins wird zuerst ausgehandelt, erst dann wird das Geld unter Risikominimierung (Sicherheiten) verliehen. Um einen Gewinn, der immer mit einem Risiko behaftet ist, zu erzielen, muß vorher Geld ausgeliehen und investiert werden.
(2) Der Zins kann im Gegensatz zum Profit weder theoretisch noch praktisch auf Null fallen.
(3) Die Summe aller Zinsen nimmt proportional mit den Investitionen und der Kapitalmasse zu. Die Summe aller Gewinne geht in dieser Hinsicht relativ zurück (Keynes: abnehmende Grenzfähigkeit des investierten Kapitals)
Es überrascht also überhaupt nicht, daß unter den Bedingungen des kapitalistischen Geldes sich Eigentumsformen herausgebildet haben und gesetzlich kodifiziert bzw. anerkannt wurden, bei denen der Geldkapitalgeber das letzte Wort hat.
Es ist vor allem zu hinterfragen, ob die Gier nach Mehr in der Produktion angesiedelt ist, die als Profitmaximierung zwangsläufig aus dem Marktgeschehen abzuleiten ist. Es ist durchaus denkbar, dass sich ein Unternehmer bei Sicherung seines Unternehmereinkommens mit einer Null-Rendite zufrieden gibt. Natürlich ist der Interessenskonflikt zwischen Produktionsmittelbesitzern und den Arbeitern an diesen Produktionsmittel nicht zu leugnen, auch nicht, dass die eigene veraltete Warenproduktion durch eine effektivere verdrängt werden kann. Sozialisten sehen in diesem Interessenkonflikt den Kern des Problems der kapitalistische Produktionsweise: Solange Menschen von ihren Lebens- und Produktionsgrundlagen, den Produktionsmitteln getrennt werden, seien sie erpreßbar und müßten sich den Zielen der Besitzer unterwerfen. Es ginge nicht um Verteilungsfragen oder Verrechnungsfragen – sondern die Grundlagen der Produktion überhaupt seien zu kritisieren und in Frage zu stellen.
Dazu sagt Bernd Senf ( Geldfluß und Realwirtschaft…., Skript auf der website www.berndsenf.de, 2002): Marxistisch betrachtet, wären mit der Überwindung..“ .der Probleme in der Zirkulationssphäre „… der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital …… – zwar nicht überwunden. Wenn aber der Druck des Geldkapitals gegenüber der übrigen Gesellschaft – auch gegenüber den Unternehmerkapitalisten – zum dominierenden Konflikt geworden ist, sollte dann nicht die Lösung dieses Konflikts erste Priorität bekommen, ohne dass deswegen die anderen Konflikte verdrängt werden müssen?“
Darüber hinaus ist zu bedenken, dass in dem großen leidvollen Experiment des realexistierenden Sozialismus, das Privateigentum an Produktionsmittel und der Markt zwar abgeschafft wurde, aber keinesfalls die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, indem der Kapitalismus als Staatskapitalismus erhalten blieb.
Betrachtungen zu Marx
Betrachtungen zur Marxschen Kapitalismusanalyse
Obwohl Marx in Theorie und Praxis angetreten war, die Entfremdung des Menschen von seiner eigentlichen Natur und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, mündete die Praxis der sich auf ihn berufenden Nachfolger in das Gegenteil: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nahm im GULAG riesige Ausmaße, die Entfremdung des Menschen von seinen Lebensgrundlagen Natur und Gemeinschaft in den staatlichen Planungen bizarre Dimensionen an (die Menschen in Massen organisiert, die Arbeit unter dem Diktat von Produktionsziffern, Raubbau an der Natur usw.). Ich glaube, dass die Weichenstellungen für diesen negativen Ausgang schon in den unausgesprochenen weltanschaulichen Grundlagen von Marx zu finden sind. Wie seine kapitalistischen Gegner, geht er von dem reduktiven, mechanistischen Weltbild eines Newton aus, das das Weltbild seiner Zeit war und von dem auch heute die meisten westlichen Menschen, vor allem Naturwissenschaftler beherrscht sind.
Die folgende kommentierte Zusammenstellung von Texten verschiedener Autoren soll das erläutern. Gleichzeitig kommen diese Betrachtungen zu Ergebnissen, die den Vorstellungen von den sog. Freiwirtschaftlern sehr nahe sind (s. auch: www.inwo.de ) Als Vorlage und Beleg für die Marxsche Kapitalismusanalyse diente mir die Darstellung der Marxschen Wirtschafttheorie in dem Buch von Bernd Senf (1) (Die blinden Flecken der Ökonomie, Wirtschaftstheorien in der Krise, dtv. 2. Auflg. 2002). Der Theologe Eugen Drewermann nähert sich dem Thema aus der metaphysischen Sicht: ( E. Drewermann, Jesus von Nazareth, Walterverlag, 1996 und , Jesus und das Geld, Humanwirtschaft Nr. 3, 2003, S.34). Verzichtend auf eigene Formulierungen, möchte auf diese Veröffentlichungen mit ihren umfassenden Darlegungen neugierig machen, außerdem auf die Arbeiten von Erich Fromm (Haben oder Sein, dtv. 32.Auflg. 2004) und Herbert Markuse ( Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967).
Gesetze des Warentausches
Marx sah in der Ware das Grundelement der kapitalistischen Produktionsweise, den beherrschenden Begriff in der kapitalistischen Gesellschaft.
Die Ware “besitzt einen Gebrauchswert und einen Tauschwert…..Man kann diesen Gebrauchswert in der Regel nicht messen, weil es sich um Qualitäten handelt und nicht um Quantitäten. Bei allen Unterschieden in bezug auf den Gebrauchswert haben die Waren aber auch etwas Gemeinsames ….das sich in Zahlen ausdrücken lässt: den Tauschwert….. die Menge an eingeflossenem Arbeitsaufwand bestimmt nach Marx den Tauschwert einer Ware.“ (Senf(1), S. 72 ff.)
Wie der Beschreibung zu entnehmen ist, beschränkt er sich auf nur einen Aspekt in der Wertbestimmung und geht dabei klassisch naturwissenschaftlich vor, indem er das betrachtet, was messbar ist: der Arbeitsaufwand in Form verbrauchter Zeit. Aber die Wirklichkeit ist komplexer. Es gibt Tauschobjekte, denen nicht messbare Eigenschaften als Wert zuzumessen sind, z.B. Kunstwerken. Auch die Arbeitskraft wird in dieses mechanistische Schema gepresst als eine durchschnittliche Zahl der von allen Lohnabhängigen pro Jahr geleisteten Arbeitsstunden. Seine ökonomischen Bewegungsgesetze erinnern sehr stark an die naturwissenschaftliche Vorgehensweise: “Bei Abweichungen der Preise von den Werten erfolgt immer wieder eine Veränderung….. mit der Folge, dass sich die Preise immer wieder auf die Werte zu bewegen…….unterscheidet es sich aber von anderen Gesetzen, zum Beispiel dem Fallgesetz „ (Senf (1) S. 75).
Mehrwert
In seiner zentralen Aussage über den Mehrwert hat er das Menschenbild seiner bürgerlichen Kollegen, nämlich, dass es die natürliche Eigenschaft des Menschen sei, nach Gewinn zu streben. Am Anfang stehen seine Überlegungen über das Geld:
„ Wenn man einen Tisch gegen einen Mantel tauscht, dann deswegen, weil man am Gebrauchswert des Mantel interessiert ist….Aber wie ist es beim Geld, beim abstrakten Tauschwert, der völlig losgelöst von irgendeinem konkreten Gebrauchswert ist? Warum sollte jemand 100 Geldeinheiten hingeben, um 100 Geldeinheiten wieder zurückzubekommen?…. macht die Hingabe von 100 scheinbar nur Sinn, wenn dafür mengenmäßig eine größere Summe zurückfließt, also 100 + x, Tauschwert + Mehrwert. … Damit begründet Marx logisch wie historisch die Entstehung der Jagd nach dem Mehrwert…“ (Senf (1), 82-83).
Das mag zwar historisch so abgelaufen sein, aber logisch ist das nicht
Da ist zunächst die falsche Einschätzung des Geldcharakters. Einen Gebrauchswert hat der Geldschein insofern er Spekulationsmittel ist, gehortet werden und jederzeit für ein günstiges Angebot (Schnäppchen) eingetauscht werden kann. Diese Haltung mag zwar für eine Händlerseele typisch sein, deren Gewohnheit es ist, aus dem Besitz von knappen Gütern ihren Vorteil, d.h. Gewinn zu ziehen. Aber nicht alle Menschen haben Händlerseelen. Für viele ist es üblich, vor allem für die vielen gemeinschaftlich orientierten Menschen, bei der Rückgabe von Geborgten höchstens die Abnutzung sich ersetzen zu lassen und nicht mehr zurückzufordern, als sie gegeben haben. Geld hat zu dem gegenüber anderen Waren den Vorteil, dass es sich bei stabiler wirtschaftlicher Situation nicht abnutzt. Aus Geld mehr Geld zu machen (Verzinsung) ist eben kein selbstverständlicher, logischer Vorgang, sondern entspringt einer besonderen Weltsicht und Haltung. Diese Haltung überträgt der Unternehmer vor allem dann auf den Produktionsprozess, wenn er gezwungen ist, sein Unternehmen mit von dem Händler geborgtem Geld (Anfangskapital) zu starten.
Produktionsmittel
Für Marxisten ist der Kapitalismus eine Wirtschaftsform, in der über die Investition von Geldkapital durch Bildung von Privateigentum an Produktionsmittel (Sachkapital) und Lohnarbeit Produkte für einen Markt produziert werden, um Rendite (Mehrwert, Profit) zu erzielen. Rendite ergeben sich als Differenz aus dem Erlös und den Kosten für Kredite, Maschinen, Material und Lohn. Der Erlös wird auf dem Markt in Konkurrenz zu anderen Produzenten über den Preis in Form von Geld erzielt.
(Zur Vergrösserung bitte auf Bild doppelklicken)
Schema Senf (dtv) S. 86 Abb 14 d.
Hier wird Geld in die Produktion gesteckt: Kapitalistische “…Produktionsprozesse … lassen sich zumindest auf ein gleiches Prinzip reduzieren: Die Einsatzfaktoren (W) lassen sich grob unterteilen in Produktionsmittel (Pm) einerseits (Material und Maschinen) und Arbeitskraft (A) andererseits. Für deren Kauf muß vom Unternehmen Geld (G) bezahlt werden. Und am Ende der Kette soll mehr Geld (G’) über den Verkauf der produzierten Waren zurückfließen. Die Erzielung eines solchen Überschusses zwischen Erlösen und Kosten eines Mehrwertes in Form von Gewinn (oder Profit) ist ja der Dreh- und Angelpunkt kapitalistischer Produktionsweise“ (Senf (1), S.84) .Daß an dieser Stelle die Finanzierungskosten für geborgtes Geld nicht aufgeführt werden, hat für die falsche Beurteilung des kapitalistischen Produktionsprozesses als Mehrwertmaschine Folgen.
Denn es ist nicht zwingend, dass der Produktionsprozess nur wegen des Mehrwertes betrieben wird. Der Unternehmer könnte auch „bloß“ an der Herstellung von Produkten interessiert sein, zum Beispiel von Windmühlen aus Begeisterung für ökologische Projekte.
Beim Handelskapital gilt (G)eld wird zu (G)eld + (M)ehr(G)eld. Marx hat nicht sehen wollen, dass dies eine wesentliche Bestimmung für den Unternehmer ist, wenn er einen Kredit zur Erlangung eines Produktionsmittel oder zur Aufrechterhaltung seines Produktionsprozesses aufnimmt. Er hat zwar gesehen, daß geschichtlich betrachtet, die Entstehung von Handelskapital als Voraussetzung vor der Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses steht. Dennoch sieht er als Hauptursache für das Gewinnstreben die Struktur jenes Prozesses. So wird das natürlich auch heute von der überwiegenden Mehrheit der Linken gesehen, als unverzichtbarer Bestandteil einer kritischen Gesellschaftsanalyse.
Aus dem Handel entstammt aber die Vorstellung aus Geld mehr Geld zu machen. Das ist vor allem dann möglich, wenn das Handelsobjekt, die Ware knapp ist oder knapp gehalten wird. Die Knappheit wäre ein quantitativer Aspekt, der qualitative wäre die Begehrtheit. Bestimmt werden sie auf dem Markt. Der Markt ist der Ort des Austausches. In einem lebendigen Gemeinwesen ist der Markt aber mehr als ein Ort des Warenaustausches bzw. der Preisbestimmung. Ihn darauf festzulegen wäre reduktiv. Der Markt ist ursprünglich eine soziale Einrichtung, ein Ort der Begegnung und Kommunikation.
Immer wieder wird hervorgehoben, dass der Markt mit seiner Konkurrenz um Preise (Preisdruck) notwendigerweise den Warenproduzenten dem Gewinn nachjagen lässt, bei Strafe seines Unterganges. Wer einmal aber auf einem „lebendigen“ Markt, z.B. einem Wochenmarkt, versucht hat, seine Ware gegen Geld zu tauschen, wird erfahren haben, dass der Preis nur ein Faktor ist, nach dem der Kunde seine Ware aussucht. Natürlich wissen das auch die heutigen Anbieter und entwickeln entsprechende Werbestrategien (Werbeindustrie). Menschen lassen sich eben nicht nur auf Zahlen in Form von Preisen reduzieren. Es spielen ganz viele komplexe Faktoren für ihre Kauf- bzw. Tauschentscheidung eine Rolle: Gewohnheiten, ethische Werte, Beständigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität usw. Diese Entscheidung, auf einen Faktor zu reduzieren, der so schön messbar ist, beschreibt eine naturwissenschaftliche Verfahrensweise: reduktiv, mechanistisch. Und natürlich wird diese Sichtweise auch auf den Produktionsprozess übertragen, wo die Arbeitskosten (Tauschwert der Arbeitskraft gemessen in Geld) als Preisfaktoren auftauchen.
Senf sagt dazu in Anlehnung an Marx (Senf (1) S. 91):
Indem die einzelnen kapitalistischen Unternehmen in Konkurrenz zueinander stehen, sind sie alle gezwungen, Mehrwert zu erzielen und aus der Arbeitskraft herauszuziehen, wenn sie nicht untergehen wollen. Denn der Mehrwert ist die Grundlage für Profite (die sich in Unternehmergewinne und Zinsen aufteilen) und für die Grundrente, mit denen die Eigentümer der Produktionsmittel, des Geldkapitals und des Bodens ihren Anspruch auf Teile des Sozialproduktes geltend machen..
Die Besitzer der Produktionsmittel, des Geldkapitals und des Bodens werden hier gleich behandelt und ihnen unterstellt, dass sie aufgrund der Konkurrenz auf dem Markt um die Preise notwendigerweise zum Mehrwert getrieben werden. Ist diese Gleichbehandlung gerechtfertigt?
Was ist Kapital? Unterschieden wird Geldkapital und Produktivkapital. Geldkapital, das geschichtlich durch die weltweit enorme Entwicklung des Handels entstand (Handelskapital), war die Voraussetzung für die Entstehung von Produktivkapital:“….Es musste hinreichend Geldkapital vorhanden sein, um in die Produktion zu strömen, sie vorzufinanzieren und zu Produktivkapital zu werden.“ (Senf (1) S. 61) In der Diskussion wird dieses Produktivkapital auch als Sachkapital oder schlechthin als Kapital bezeichnet, das der Arbeit (Lohnkosten) als Einsatzfaktor gegenübersteht. Bei genauer Betrachtung setzt es sich aus den Anschaffungskosten für Maschinen und Material (= Produktionsmittel) und Finanzierungskosten (Kredite, bzw. Kreditkapital) zusammen.
(Zur Vergrösserung, bitte auf Bild doppelklicken)
Schema B. Senf (Der Tanz um den Gewinn, S. 18 Abb. 5, Verlag f. Sozialökonomie, 2004)
Die zu dem Preis führenden Einsatzfaktoren, sind also Anschaffungskosten für Maschinen und Material (= Produktionsmittel) und Finanzierungskosten (Kredite, bzw. Kreditkapital) und Lohnkosten (Tauschwert der Arbeitskraft). Kosten für die Produktionsmittel sind im Wesentlichen einmalige Kosten, während die Finanzierungs- und die Lohnkosten besonderer Art sind, weil sie auch anfallen, wenn nicht produziert wird. Hier also entsteht in besonderer Weise der Gegensatz zwischen Kapital (Kreditkapital) und Arbeit, zumal das Kreditkapital aufgrund der Zinseszins-Problematik exponentiell wächst (die Problematik gilt auch, wenn Zinsen nicht voll dem Kapital zugeschlagen werden, sondern z.B. z. Teil entnommen werden, die exponentielle Steigung ist dann nur flacher, s. math. Nachweis bei Th. Lang, Geld und Zins …, 1998, Fachverl. f. Sozialök.). Es wird gegenüber allen anderen Einsatzfaktoren bevorzugt, weil die Kreditkosten in jedem Fall bedient werden müssen, es sei denn der Betrieb geht in Konkurs und auch dann erhält es aufgrund der dinglichen Sicherung eine Vorzugsstellung. Zur Illustration stelle man sich einen Betrieb mit 75 Mitarbeitern (Lohnarbeiter!) vor, der Kälteanlagen herstellt, 1 Mill Euro Umsatz hat und die Anlagen mit einem 1.5 Mill Euro Kredit fährt. Was den Unternehmer – Besitzer der Produktionsmittel sind schon längst die Bank als Kreditgeber und die dahinter stehenden Vermögensbesitzer – mit seinen “Mitarbeitern“ eint, ist die Jagd nach Aufträgen zur Vermeidung des Konkurses, der übrigens erst dann eintritt, wenn das Kreditkapital nicht mehr bedient werden kann. Demgegenüber sind Lohnkosten durch Entlassungen reduzierbar und gegenüber den Kreditkosten benachteiligt. Die Folge ist, dass über die Reduzierung der Lohnkosten in der Öffentlichkeit diskutiert wird, die Zinsen aber tabu sind.
Es ist also die Zirkulationssphäre, aus der in besonderer Weise der eigentliche Gegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit stammt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Wertentstehung (Produktionsprozess) und Wertabschöpfung (Zirkulationsprozess), (nach Bernd Senf website 2003 a.a.O). Marx bezieht sich in seiner Werttheorie, sowie in seiner Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert auf den Markt, also der Zirkulationssphäre, in der der Mehrwert realisiert wird. Darin sind sich alle Kapitalismuskritiker einig, auch wenn sie sich häufig sehr bekämpfen, dass der Mehrwert der Arbeit entstammt, besser formuliert, weil dadurch weniger dinglich, von Menschen geschaffen wird und nicht etwa von Maschinen (Sachkapital) oder gar vom Geldkapital, wie Kapitalisten behaupten.
Dazu sagt Bernd Senf (in Geldfluß, Realwirtschaft und …., Skript auf der website, 2002): “Marxistisch betrachtet, wären mit der Überwindung des Zinssystems (Probleme in der Zirkulationssphäre d.V.) der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital sowie die kapitalistische Konkurrenz – und die darin begründete Ausbeutung, Krisentendenz und Entfremdung – zwar nicht überwunden. Wenn aber der Druck des Geldkapitals gegenüber der übrigen Gesellschaft – auch gegenüber den Unternehmerkapitalisten – zum dominierenden Konflikt geworden ist, sollte dann nicht die Lösung dieses Konflikts erste Priorität bekommen, ohne dass deswegen die anderen Konflikte verdrängt werden müssen?“
Im Folgenden bringt Eugen Drewermann, bekennender Nicht-Volkswirtschafteer, der sich in seinem Buch Jesus von Nazareth mit dem Thema Jesus und das Geld beschäftigt, die Kapitalismuskritik als Ausdruck der Probleme in der Zirkulationssphäre auf den Punkt, wobei er sich auf Rosa Luxemburg bezieht:
Sie meinte nämlich, es geht gar nicht anders, als dass der Unternehmer, der seine Produktion über Schulden vorfinanziert hat, Leute sucht, die sich selber verschulden, um seine Waren zu kaufen. Es ist nicht anders möglich, als dass der Unternehmer an Geld kommt, indem andere in den Schuldturm gebracht werden.
Man kann die Schuld nur weiterreichen. Darin besteht das kapitalistische Wirtschaftssystem. Daran liegt es im übrigen, dass es auf Expansion angewiesen ist. Ein Unternehmer, der als erstes Schulden machen muss, um zu investieren, muss nun auf dem Markt wie ein Schmetterlingssammler über die Waren und die Käufe, die vorgestreckte Summe plus den Unterhalt seiner Maschinen, plus der Arbeitslöhne, plus den Schwankungen bei der Preisgestaltung auf dem Markt, plus der Werbung und vielen anderen Nebenausgaben, am Ende die ganze Summe, plus den Zinsen für die Kredite wieder abfangen. Ständig also steht er unter Druck, und daran liegt es, dass der Kapitalismus eine so dynamische Wirtschaftsform ist. Er hält die Menschen ständig in den Zwängen, unter denen sie begonnen haben. 2-3% Wirtschaftswachstum ist deshalb das Dauerversprechen in jeder Bundestagsdebatte zur Wirtschaft. (Drewermann, Jesus und das Geld, Humanwirtschaft Nr. 3, 2003, S.34)
Was wir Jetzt aber lernen, ist etwas sehr Wichtiges: Statt, wie vor allem in Theologenkreisen üblich, alle «Auswüchse» des «Wirtschaftslebens» auf individuelle Faktoren wie «Geldgier», «Skrupellosigkeit» und «Egoismus» zurückzuführen, kommt es darauf an, die objektiven Zwänge zu erkennen, die mit einer debitistischen Geldwirtschaft notwendig verknüpft sind. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände, Revolutionen, Plünderungen, die rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Tieren ‑ all das geschieht nicht, weil «gewisse Leute» den «Hals nicht «vollkriegen» können, sondern weil ihnen ganz im Gegenteil das Wasser (der Schuldenflut) bis zum Halse steht; und das Wasser steht ihnen bis zum Hals, nicht weil sie «fahrlässig» gehandelt oder «nur an sich selbst gedacht» hätten, sondern weil sie zu «Unternehmern», «Fabrikanten», «Produzenten» etc. nur werden konnten, indem sie Schulden aufnehmen mußten, um die «Werte» zu erzeugen oder die «Dienstleistungen» zu erbringen, von deren Ertrag die Schulden gedeckt werden sollten.
«Kapitalismus», meint P. C. MARTIN, «ist durch Eingehen von Schulden, das heißt die Vorfinanzierung von Produkten definiert. Die Kosten der Vorfinanzierung (aber) müssen Jeweils durch spätere Schuldner und deren eigenes Schuldenmachen realisierbar gehalten werden.
Erst wenn man den immanenten Schuldenzwang als das Wesen des kapitalistischen Wirtschaftssystems begreift, kommt man nicht nur auf den Grund einer Fülle von Aporien und Absurditäten heutiger Wirtschaftspolitik, es wird zugleich auch die enorme Aktualität der Forderung Jesu nach einem radikalen Umdenken in Fragen des Geldes verständlich. (Drewermann, Jesus von Nazareth, S. 482, Walterverlag, 1996)
Wir müssen nur die Folge davon bedenken. Ein System, das darauf basiert, dass es ständig wachsen muß, und zwar wirtschaftlich, indem es ständig Energie und Ressourcen der Natur entnimmt, definiert sich selber als parasitär. 2% oder 3% Wachstum bedeutet, dass wir in unserem Organismus etwas hätten, das sich überhaupt nur erhalten kann, indem es auf Kosten des Gesamtorganismus wächst. Es ist soviel wie die Definition des Krebses. Es ist die Definition einer Krankheit. ( E. Drewermann, Jesus und das Geld s.o.)
Gegensatz zwischen Kapital und Lohn
Hingegen bestimmt sich der Gegensatz zwischen Kapital und Lohn nicht notwendigerweise und logisch aus dem Besitz der Produktionsmittel (Sachkapital). B. Senf beschreibt die Verhältnisse in der Produktionssphäre eher als Abhängigkeit, indem er sich auf Marx bezieht:
„Lohnarbeit gegen Kapital (gemeint ist wohl das Sachkapital, d.V.), Kapital gegen Lohnarbeit. Beide bilden einen Gegensatz und dabei auch eine untrennbare Einheit …., jedenfalls im Rahmen kapitalistische Produktionsverhältnisse. Denn das Kapital braucht die Lohnarbeit, um Mehrwert aus ihr herauszuziehen, und die Lohnarbeit braucht das Kapital, um nicht arbeitslos zu bleiben oder zu werden – …. Beide sind auf Gedeih und Verderben aufeinander angewiesen.“ (Senf (1) S. 93)
Trotz des behaupteten „feindlichen“ Gegensatzes passt diese Beschreibung auf den in der Natur vorkommenden klassische Fall einer Symbiose, in der die Partner solidarisch zum gemeinsamen Wohl handeln, so auch für einen Produktionsmittelbesitzer möglich. Erst durch das Auftreten des Kreditkapitals kommt die Abhängigkeit als Gegeneinander hinein. Das Kreditkapital benimmt sich so, wie in der Natur parasitäre Gemeinschaften wachsen – exponentiell. Sie zerstören letztlich ihre Existenzgrundlage. Die Population bricht zusammen und beginnt von neuem (Wirtschaftskrisen, Crash). So verhält sich das kapitalistische System. Erst wenn die Eigenschaft des Kreditkapitals – leistungslos auf Kosten der Besitzlosen zu wachsen (parasitär) – eliminiert wird und der Zugang zu Sachkapitalien (zu Produktionsmittel ) dadurch erleichtert wird, könnten die notwendig auftretenden Krisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems verhindert werden.
Der Besitz von Produktionsmittel braucht nicht notwendigerweise zu einem feindlichen Gegeneinander von Besitzern und besitzlosen Lohnarbeitern führen, er kann aber. Selbst ein Besitztitelwechsel des Eigentums an Produktionsmitteln vom Privaten auf den Staat würde die parasitäre Ausübung eher steigern (Staatskapitalismus Monopolsozialismus von Jacek Kuron, Karol Modzelewski 1969, Hoffmann u. Campe), wie sich diese Tendenz auch mit der Größe der Unternehmen verstärken würde. In beiden Fällen wird die unmittelbare menschliche Erfahrung verwandelt zu einer anonyme Verdinglichung.
Indem Marxisten versuchen, den Produktionsprozess selbst zahlenmäßig zu erfassen, die handelnden Menschen als Kostenfaktoren sehen , die maschinenmäßig zwangsläufig Gesetzmäßigkeiten erfüllen, übernehmen sie die Anschauungsweise ihrer Gegenspieler, die in dem reduktiv mechanistischen Weltbild Newtons wurzelt. Erst eine Abkehr von dieser Anschauungsweise macht eine andere Gesellschaftsverfassung möglich.
Wiederentdeckung des Lebendigen ( B.Senf, 1.Aufl. 2003, Omega)
Menschen sind lebendig. Sie sind nicht auf Zahlen und Gesetzmäßigkeiten zu reduzieren. Sie können sowohl gewinnsüchtig gegeneinander auftreten als auch solidarisch, was Fromm als Haben oder Sein bezeichnet. Viel wichtiger, als sie in ein Korsett von Bestimmtheiten zu sehen, ist danach zufragen, warum sie einmal so oder so auftreten. Der Theologe und Psychoanalytiker Drewermann gibt dazu eine Antwort die letztlich im Psychischen, Geistigen und Metaphysischen – im Sein begründet ist (s. auch Fromm Haben oder Sein, dtv. 32.Auflg. 2004).
Die Entscheidung, um die es geht, heißt vereinfacht gesagt: Wie willst du die Angst lösen, die jeden Moment deines Lebens durchzieht? Noch lebst du ‑aber wie lange ? Noch bist du gesund ‑ aber wie lange? Noch fühlst du dich jung ‑ aber wie lange ? Noch hast du genügende zu essen – aber wie lange ? einzig das Geld scheint auf all dieseFragen eine unmittelbar beruhigende, eine praktische Antwort zu wissen. Solange du Geld hast, kannst du dir Nahrung kaufen, so viel du willst. Solange du Geld hast, kannst du dich pflegen, dich bedienen lassen, zum Arzt gehen, dein Leben verlängern, glücklich und reich bis ins hohe Alter hinein. Solange du Geld hast, kannst du dich schützen gegen Unfälle, gegen Überfälle, gegen Zufälle, gegen Unheil aller Art. Wenn du Geld hast ..
Die ganze Magie des Geldes liegt darin, daß es Sicherheit verspricht, und zwar eine reale, greifbare, für jedermann sichtbare Sicherheit.
Wie nebenbei ( kommt Jesus) auf den Kern all der Ängste zu sprechen, die den Menschen nach dem Geld wie einen Ertrinkenden nach dem Strohhalm greifen lassen. Es ist entscheidend das Selbstwertgefühl, das sich von den Widerfahrnissen des Lebens bedroht fühlt. Alter, Krankheit, Einsamkeit, Tod ‑ all das geht uns so nahe, weil es uns zu vernichten droht, weil es uns unserer verborgenen Nichtigkeit überführt. Im Letzten dient das Geld dazu, sich Geltung zu schaffen angesichts der absoluten Ungültigkeit aller Ansprüche, die wir gegenüber einer gleichgültigen Natur geltend zu machen versuchen.
Aber haben wir das wirklich nötig? fragt Jesus
Sieht man nur einmal die unvergleichliche Schönheit all des Lebens, das uns umgibt, begegnet man dann nicht wie von selbst einer Kostbarkeit und einem Wert, die mit allem Gold und Geld der Welt nicht aufzuwiegen sind? Gewiß, alles das vergeht, die Lilien nicht minder als die Spatzen, doch sind sie deshalb «wertlos » und « nichtig » ?
Betrachtet man sie aber erst einmal mit den Augen der Liebe, so entsteht augenblicklich dieser magische Zauber einer poetischen Verklärung, die alles, was ist, mit der Aura einer ganz und gar einmaligen und unvergleichlichen Bedeutung überzieht. Und wenn schon wir Menschen einen jeden Teil der Natur mit dem Blick der Liebe zu betrachten vermögen, warum dann nicht auch uns, warum nicht auch uns selber? Wer sagt denn, daß wir nur nichtig und unwichtig seien. Jeder, davon ist Jesus überzeugt, trägt in sich eine eigene Art von Reichtum und Größe; er kann damit ein reiches und erfülltes Leben führen, wenn er nur aufhört, sich an falschen Maßstäben (Profit= Tanz um das Goldene Kalb, d.V.) zu messen
Statt auf den drohenden «Verlust» zu starren und dagegen nutzlos «Schätze» aufzuhäufen, bestünde die ganze Kunst des Lebens darin, Augen für den unschätzbaren Wert des Daseins zu gewinnen und darauf zu vertrauen, daß unser Leben, selbst wenn es niemand sähe, in Gottes Hand geborgen ist
Deswegen gilt es zu wählen: ob man die Angst vor der Wertlosigkeit der eigenen Existenz durch materielle «Wertschöpfung» abarbeiten und damit sein Dasein nur immer tiefer versklaven will oder ob man den Wert zu entdecken versucht, den die Augen der Liebe in allem finden, was ist, je nachdem wird das Leben immer rascher sich abnutzen und immer nutzloser vorübereilen, oder es erfüllt sich mit dem Glück des gegenwärtigen Augenblicks. Es ist ein schönes Wortspiel, das die deutsche Sprache ermöglicht, indem sie Denken und Danken aus der gleichen Quelle ableitet. Nur wie wir die Fähigkeit unseres Denkens verwenden, ob wir uns vertun als Krieger, Krämer und Konsumenten oder ob wir das Tun einer langsam reifenden, allmählich sich sammelnden Freude erlernen, das ist die Frage. Das Geld schafft nicht Sicherheit, und es verleiht keinen Wert. Alle «Sicherheit», menschlich betrachtet, liegt einzig in der persönlichen Übereinstimmung mit sich selbst, und sie ist es, die den wahren Wert eines Menschen bestimmt.
Statt das Gefühl der persönlichen Überflüssigkeit damit zu betäuben, daß man immer mehr Überflüssiges erwirbt und hortet, möchte Jesus vielmehr erreichen, daß die Menschen aus dem Gefühl ihres Wertes leben, den sie in den Augen Gottes besitzen und den jeder an ihnen entdecken wird, der sich genügend auf sie einlässt. Gar nicht schroff genug kann deshalb Jesus vor der Illusion aller «Eigentumsbildung» warnen. ….. Es gibt keine «Rechte», die man gegeneinander geltend machen könnte, um auf diese Weise «Gerechtigkeit» zu schaffen ‑ wohin auch immer in den Evangelien man schaut, trifft man auf diese innere Konsequenz von allem, was Jesus sagt und tut. «Rechthaben», das ist für ihn nur die Umschreibung eines «Egoismus», der sich selbst noch nicht gefunden hat. …. Wie stets, läßt sich die Haltung Jesu auch gegenüber dem Geld nicht aus sozialen oder «politischen» Motiven, sondern nur religiös verstehen, aber eben nicht im Sinne einer «Verzichterklärung» auf das «Irdische», sondern als einer Konzentration auf das Wesentliche, als eines Abwerfens des Hinderlichen und Nebensächlichen. …. Erst wenn dieser nicht‑moralische, sondern ganz und gar «existentiell»‑religiöse Ansatz in der Einstellung Jesu zu Geldvermögen und Eigentum deutlich ist, ergibt sich ein Nebenaspekt, der zwar sehr wichtig, aber nicht unmittelbar intendiert ist: wer Frei ist vom Geld, der kann es verwenden, um anderen damit zu helfen, ….“ (Drewermann, Jesus von Nazareth, S. 482, Walterverlag, 1996)
Hinzuzufügen ist: ………der kann zu einer Wirtschaftsform kommen, die dem Wohl der Menschen dient.
Blinde Flecken bei Marx
Blinde Flecken bei Marx
Angesicht des sozialen Elends im Zusammenhang mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert formulierte Marx in seiner Analyse die Kritik zum kapitalistischen Gesellschaftssystem. Diese führte später zu einem dem Kapitalismus entgegengesetzten Gesellschaftskonzept. Seit der Auflösung der osteuropäischen sozialistischen Gesellschaften erschien diese Alternative endgültig als Illusion – eine Alternative, die für viele Menschen ein Schrecken war, die in diesen Systemen leben mußten.
War dies nur eine Frage der Umsetzung marxistischer Ideen und Vorstellungen oder gab es grundsätzliche Fehleinschätzungen, die notwendigerweise zu den schlechten Auswirkungen führen mußten, anders formuliert: war schon von ihren Ansätzen in der marxistischen Theorie die “böse“ Wirklichkeit verborgen?
Es gibt verschiedene Bereiche, wo das zutrifft:
(Ich beziehe mich u.a. auf Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie, dtv, 2002 und Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967)
· Das mechanistische reduktive Weltbild, das in den Anfängen der Aufklärung (Newton) stehen geblieben war,
· Der ökologische blinde Fleck: Die Natur wird als bloße zu bearbeitende Rohmasse ohne eigenen Wert betrachtet. Die Welt ist menschenzentriert.
· Der monetäre blinde Fleck: In der Ökonomie wird die Zirkulationssphäre (Geldsystem) zugunsten der Produktionssphäre vernachlässigt.
· Der feministische blinde Fleck: Die patriarchalische Gesellschaftstrukturen werden nicht hinterfragt
· Der psychologische blinde Fleck: Der Mensch wird als Vernunft gesteuert gesehen. Psychische Faktoren werden als bürgerlicher Überbau abgetan.
Ich beziehe mich auf die ersten drei Punkte:
Das mechanistisch reduktive Weltbild bei Marx
Die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie Quantenphysik, Relativitätstheorie, die Fragen, was ist Materie, was ist Objektivität fanden kaum Eingang in seiner Weltauffassung. Sie konnten es auch nicht, weil die Wissensgrundlage dafür fehlte. Sein Wissen bezog er aus dem Weltbild von Newton. Aber auch die Nachfolger blieben dem verhaftet. Das Ergebnis war ein Technikfetischismus, z.B. des technokratischen Funktionärstyps der Sowjetgesellschaft Stalins, wie er etwa auch auf der kapitalistischen Seite z. B. von Walther Rathenau, später von Howard Scott (USA; er vertrat eine „Wissenschaft vom sozialen Körper“ mit meßbaren Größen) geteilt wurde (s. G. Senft: Aufstieg u. Niedergang der Technokratie, Z.f. Sozialökonomie, 139/2003).
Dagegen gab es im Westen Marxisten, u.a. Markuse, die diesen Technikfetischismus als Problem ansahen. Die Analyse von Markuse, die er in seinem Buch « Der eindimensionale Mensch » vorträgt, hat bis heute an Aktualität nicht verloren. Sie wurde unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA der 60iger Jahre abgefaßt. Die Eindimensionalität bedeutet, daß in der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft die zweite Dimension, die Dimension von Opposition der fortschrittlichen Kräfte verloren gegangen ist: Die Arbeiterklasse ist nicht mehr länger der „natürliche“ Adressat revolutionärer Entwürfe.
Wie kam es dazu?
Wiederum stehen wir einem der beunruhigendsten Aspekte der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation gegenüber: dem rationalen Charakter ihrer Irrationalität.
Ihre Produktivität und Leistungsfähigkeit, ihr Vermögen, Bequemlichkeiten zu erhöhen und zu verbreiten, Verschwendung in Bedürfnis zu verwandeln und Zerstörung in Aufbau, das Ausmaß, in dem diese Zivilisation die Objektwelt in eine Verlängerung von Geist und Körper des Menschen überführt, macht selbst den Begriff der Entfremdung fragwürdig. Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder; sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Hi‑Fi-Empfänger, ihrem Küchengerät. Der Mechanismus selbst, der das Individuum an seine Gesellschaft fesselt, hat sich geändert, und die soziale Kontrolle ist in den neuen Bedürfnissen verankert, die sie hervorgebracht hat. ………………………
Es ist daher kein Wunder, daß die sozialen Kontrollen in den fortgeschrittensten Bereichen dieser Zivilisation derart introjiziert worden sind, daß selbst individueller Protest in seinen Wurzeln beeinträchtigt wird. Die geistige und gefühlsmäßige Weigerung »mitzumachen« erscheint als neurotisch und ohnmächtig. Das ist der sozialpsychologische Aspekt des politischen Ereignisses, von dem die gegenwärtige Periode gekennzeichnet ist: das Dahinschwinden der historischen Kräfte, die auf der vorhergehenden Stufe der Industriegesellschaft die Möglichkeit neuer Daseinsformen zu vertreten schienen…………..
Aber in der gegenwärtigen Periode erscheinen die technologischen Kontrollen als die Verkörperung der Vernunft selbst zugunsten aller sozialen Gruppen und Interessen ‑ in solchem Maße, daß aller Widerspruch irrational scheint und aller Widerstand unmöglich……….
Die Erzeugnisse durchdringen und manipulieren die Menschen; sie befördern ein falsches Bewußtsein, das gegen seine Falschheit immun ist. Und indem diese vorteilhaften Erzeugnisse mehr Individuen in mehr gesellschaftlichen Klassen zugänglich werden, hört die mit ihnen einhergehende Indoktrination auf, Reklame zu sein; sie wird ein Lebensstil, und zwar ein guter ‑ viel besser als früher ‑, und als ein guter Lebensstil widersetzt er sich qualitativer Änderung. So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden. Sie werden neubestimmt von der Rationalität des gegebenen Systems und seiner quantitativen Ausweitung………………
Wenn dieser Punkt erreicht ist, erstreckt sich Herrschaft ‑ in der Maske von Überfluß und Freiheit ‑ auf alle Bereiche des privaten und öffentlichen Daseins, integriert alle wirkliche Opposition und verleibt sich alle Alternativen ein. Die technologische Rationalität offenbart ihren politischen Charakter, indem sie zum großen Vehikel besserer Herrschaft wird und ein wahrhaft totalitäres Universum hervorbringt, in dem Gesellschaft und Natur, Geist und Körper in einem Zustand unaufhörlicher Mobilisation zur Verteidigung dieses Universums gehalten werden………(Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967, S.28 ff)
Mit der These von der Eindimensionalität der kapitalistischen Gesellschaft stellt sich Markuse gegen die marxistische Vorstellung von gesetzmäßigen, sich dialektisch vollziehenden Gesellschaftsentwicklungen. In diesen Vorstellungen von geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten gibt sich Marx als Kind seiner Zeit zu erkennen mit dem damals gängigen newtonschen Weltbild. Der heutige Physiker Fred Alan Wolf formuliert etwas populär dieses Weltbild so:
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Physik zum Modell nicht nur des physikalischen Universums, sondern auch des menschlichen Verhaltens geworden…….Jede Wirkung mußte eine bekannte Ursache haben. Jede Ursache mußte zu erklärbaren (meßbaren! ) Wirkungen führen. Damit wurde Zukunft eine logische Folge der Vergangenheit…. Selbst unser Denken mußte in irgeneiner Weise mit der Maschine Newton erklärt werden… Sie forschten nach allgemeinen Gesetzen, mit denen sich die Geschichte und das menschliche Verhalten erklären ließen. Karl Marx, z.B., nahm an, das Subjekt jeder Veränderung sei die Materie (was immer man damals unter Materie verstand!), und jede Veränderung sei das Ergebnis eines fortwährenden Konfliktes zwischen den Widersprüchen, die allen Dingen innewohnten…Diese Theorie, die als dialektischer Materialismus bekannt ist, erinnert in mancher Hinsicht an das zweite Newtonsche Axiom, das besagt, daß die Ursache einer Bewegungsänderung eine Kraft ist, und daß es die Materie ist, auf die die Kraft einwirkt…. (F.A. Wolf; Der Quantensprung ist keine Hexerei, Birkhäuser, 1986, S. 54 ff)
Dieses Weltbild wird noch heute von Verfechtern beider Gesellschaftssystem (kapitalistisch/ sozialistisch) vertreten (s.u.). Markuse greift dieses Weltbild unter dem Aspekt der Herrschaft an: es tauge nichts für eine befreite Gesellschaft:
„Zwischen dem naturwissenschaftlichen Denken und seiner Anwendung, zwischen dem Universum der naturwissenschaftlichen Sprache und dem des alltäglichen Sprechens und Verhaltens scheint eine engere Beziehung zu herrschen – eine Beziehung, worin sich beider unter derselben Logik und Rationalität von Herrschaft bewegen (a.a.O S. 169)…..
Wohlgemerkt, es geht nicht nur um Anwendung, sondern um Methoden und Begriffe der Naturwissenschaft.
Worin besteht die naturwissenschaftliche Methode: Sie quantifiziert, operationalisiert, abstrahiert. Sie führt zu mathematischen Strukturen – in der modernen Physik ist die Wirklichkeit überhaupt nur noch mathematisch verstehbar – und löst damit „die Wirklichkeit von allen immanenten Zwecken ab, trennte folglich das Wahre vom Guten, die Wissenschaft von der Ethik (1dimens.M. , S.162.).„ Das Tote wird zur Wirklichkeit, von der Welt bleibt nur noch die quantifizierbare Qualität übrig. Es ist ein reduziertes Weltbild. „Wahre Erkenntnis und Vernunft verlange Herrschaft über die Sinne – wenn nicht Befreiung von ihnen (a.a.O. S. 162)“ Außerhalb dieser Rationalität lebt man in einer Welt von Werten, und Werte, die aus der Realität heraus gelöst sind, subjektiv sind. Werte (künstlerische, moralische, geistige, religiöse) mögen wichtig sein (hohe Dignität), sind aber nicht wirklich, eingebildet, zählen weniger im Lebensvollzug, je wichtiger sie werden. Alles, was von der wissenschaftlichen Methode nicht verifiziert wird, hat dieselbe Entwirklichung, leidet darunter, das es nicht objektiv ist. „Der unwissenschaftliche Charakter dieser Ideen schwächt verhängnisvoller Weise die Opposition gegenüber der bestehenden Wirklichkeit; die Ideen werden zu bloßen Idealen, und ihr konkreter kritischer Inhalt verflüchtigt sich in die ethische oder metaphysische Atmosphäre. (a.a.O, S.163)“. Gefragt im Alltag sind die Macher, die Praktiker, die Realisten, alles andere bleibt für die Sonntagsreden.
Erstaunlicherweise entwickelt sich eine solche Naturwissenschaft mit ihrer Objektivität in einer solchen Weise, daß sie mehr und mehr abhängig vom Subjekt wird. Die objektive Qualität der äußeren materiellen Welt wird ja nicht direkt erfaßt, sondern ist Ergebnis von Experimenten. Es werden Wirkungen gemessen und damit Beziehungen und nicht das Ding an sich. Das wird besonders sichtbar am Begriff „Energie“. Es hat noch niemand Energie in der Hand gehalten, sondern sie ist immer nur in ihrer Wirkung erfahrbar. „…die Relativitätstheorie hat niemals alle Versuche aufgegeben, der Materie Eigenschaften beizulegen…..Aber oft ist eine meßbare Quantität keine Eigenschaft eines Dings, sondern eine Eigenschaft seiner Beziehung zu anderen Dingen… Die Messungen in der Physik haben es nicht direkt mit den uns interessierenden Dingen zu tun, sondern mit einer Art von Projektion, das Wort im weitest möglichen Sinne genommen. (Max Born, Physical Reality, in : Philosophical Quarterly,3, 1953, S.143, nach a.a.O., S. 164)“ Und W. Heisenberg sagt, für den Atomphysiker sei «das Ding an sich» schließlich eine mathematische Struktur, die indirekt aus der Erfahrung zu schließen ist (W.Heisenberg in seinem Buch Physik und Philosophie, 1959). Markuse kommentiert dies: „Die Dichte und Undurchdringlichkeit der Dinge verdunsten: die objektive Welt verliert ihre «anstößigen» Charakter, ihren Gegensatz zum Subjekt…erscheint die mathematische Natur, die wissenschaftliche Wirklichkeit, als ideelle Wirklichkeit. (a.a.O. S.164).“
Damit führt die Methode der Naturwissenschaft zu einer Entstofflichung der Natur. Der Glaube an die mathematische Erfassung der Welt als einzige Wirklichkeit wird zu einem neuen Mythos, der den Mythos des Mittelalters ersetzt, ist aber diesen und anderen überlegen, da er sich als wirksamer erweist. „Quine spricht vom «Mythos physikalischer Objekte» und sagt, daß hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Fundierung die physikalischen Objekte die Götter (Homers) nur dem Grad, nicht der Art nach verschieden sind. (a.a.O., S. 163). “
Der Alltagsbegriff Materie, der so schön griffig war – anschaulich, spürbar, bearbeitbar – verflüchtigt sich, wird zu einem dünnen Extrakt von Formeln. Nach dem Versuch, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, erscheint sie wieder auf dem Kopf. Aber die neue Anschauung ist wirksamer als alle vorangehenden. Die mathematische Logik erlaubt Voraussagen und zwar, indem sie Störfaktoren herausrechnet und die Lebenswelt von den unberechenbaren Ungewißheiten und Einzelheiten befreit: In der mathematischen Praxis erreichen wir, was uns in der empirischen Praxis versagt ist: Exaktheit; denn für die idealen Gestalten ergibt sich die Möglichkeit, sie in absoluter Identität zu bestimmen, .. als allgemein verfügbar….Ist man einmal bei den Formeln, so besitzt man damit im voraus schon die praktisch erwünschte Voraussicht- die Voraussicht dessen, was in der Erfahrung des konkreten Lebens zu erwarten ist (S.177) In dieser Weise entwickelt sich die Naturwissenschaft einen instrumentalistischen Charakter. Sie ist in sich technologisch geworden. Zwischen Naturwissenschaft und Technik herrscht eine enge Verbindung: In dem Maße, wie der Operationalismus ins Zentrum des wissenschaftlichen Unternehmens tritt, nimmt die Rationalität die Form methodischer Konstitution, Organisation und Handhabung der Materie als bloßen Stoffs der Kontrolle an, als Mittel, das sich für alle Ziele und Zwecke eignet – Mittel per se, an sich (S. 170) Mit ihrer Objektivität und Neutralität beansprucht sie die Welt so abzubilden wie sie an sich ist. Dieser Anspruch überträgt sich auf die gesamte Erfahrungswelt. :Während die Wissenschaft die Natur von allen immanenten Zwecken befreite und die Materie aller Qualitäten, mit Ausnahme quantifizierbarer, entkleidete, befreite die Gesellschaft die Menschen von der natürlichen Hierarchie persönlicher Abhängigkeiten und verband sie miteinander nach quantifizierbaren Qualitäten – nämlich als Einheiten abstrakter Arbeitskraft, berechenbarer Zeiteinheiten (S. 171).
Diese Erfahrungswelt reduziert sich auf berechenbaren, voraussagbaren Beziehungen von exakt bestimmbaren Einheiten. Individuelle, nichtquantifizierbare Qualitäten – Liebe, Schönheit, Glaube, – sind sekundär, haben etwas eingebildetes Unwirkliches. Die Naturwissenschaft suspendiert das Urteil darüber, was die Realität sein mag. Die Frage danach bezeichnet sie als sinnlos, da unbeantwortbar, verwirft sie zugunsten der Frage „Wie funktioniert etwas?“ Und stellt eine praktische Gewißheit her. Das metaphysische „Sein als solches“ weicht einem Instrumentensein. Diese Methode (Quantifizierung/Operationalisierung) zur Erkenntnis über die Welt zu gelangen entwirft eine geschichtliche Totalität – eine eindimensionale Welt. Aber es handelt sich um einen spezifischen, geschichtlich-gesellschaftlichen Entwurf, und das Bewußtsein, das diesen Entwurf unternimmt, ist das verborgene Subjekt (dieser) ..Wissenschaft; diese ist die Technik, die Kunst der ins Unendliche erweiterten Voraussicht. (S. 178).
Ein schönes Beispiel für neuzeitliche Naturwissenschaftler bieten die folgenden Texte:
Peter Mulser, Prof. f. theoretische Physik: Über Voraussetzungen einer quantitativen Naturbeschreibung;
In: V. Braitenberg/Inga Hosp (Hg.), Die Natur ist unser Modell von ihr, rororo, 1996, S. 156 ff
Das philosophische Nachdenken hat das Denken überhaupt geschärft und sukzessive zahlreiche vermeintlich tiefe Probleme als grundsätzlich unlösbar und somit als Scheinprobleme entlarvt. Wohl berühmtestes Beispiel ist das nicht erkennbare Kantsche «Ding an sich». Es scheint, als seien Erfolg und Nutzen philosophischen Denkens in der Aufgabe von Positionen und in der freiwilligen Beschränkung am größten gewesen. Der andere Aspekt traditioneller Naturerkenntnis und ‑Philosophie ist ihr Mangel an Folgerichtigkeit, die qualitative Naturbeschreibung tritt auf der Stelle. Sie lebt, in ihren besten Vertretern, von der Bildung neuer interessanter Assoziationen und geistreicher Bezüge und gehört somit mehr in das Reich von Kunst und Dichtung. In diesem vorwissenschaftlichen Feld kommt der Philosophie als Anreger und Wegbereiter, und auch als Regulativ für Geist und Psyche, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nur darf sie nicht den Anspruch gesicherter Erkenntnis erheben. Diese nämlich setzt als Postulat Nachprüfbarkeit voraus und fordert das Experiment.
Das Experimentieren als systematisches Befragen der Natur kannte das alte Denken nicht. Es ist eine echte Erfindung am Übergang zur Neuzeit, mit einschneidenden Folgen für Denken und Handeln. Die neue Methode der Naturwissenschaften führt zu systematischem Wissensaufbau und zu Lehr‑ und Übertragbarkeit von Wissen über alle historischen Kulturen hinweg. Wie durchschlagend ihr Erfolg war, geht aus der Tatsache hervor, daß die Naturwissenschaften ganze Themenkomplexe der Philosophie entrissen und letztere in ihr Vorfeld verwiesen, wo sie sich um die Grundlegung der wissenschaftlichen Disziplinen bemüht. (S. 156)……
Worauf gründet sich dieser Erfolg der Naturwissenschaften? Auf die Existenz isolierter und isolierbarer oder zumindest verdünnbarer Systeme. Diese Eigenschaft erlaubt die Ordnung nach « reinen » Fällen. Sie führt zu Reproduzier‑ und Steuerbarkeit. Bis heute haben die Wissenschaftler durch Abtrennen, durch « Zerhacken » immer wieder Erfolg gehabt. Wer weiß, wo und wie dieser Vorgang zum Stillstand kommen wird?
Und der Herausgeber Valentin Braitenber schreibt (S.11):
Schließlich entscheidet immer der Erfolg über die Bilder, die wir uns von der Welt machen: Die erfolgreichen sind wahr, die anderen nennen wir Irrtümer.
Schöner kann die Weltanschauung der heutigen kapitalistisch verfaßten oder auch technologisch bestimmten Gesellschaft in ihrer Arroganz und Totalität (Eindimensionalität) nicht beschrieben werden.
Diese spezifische Denkweise, die zur Beherrschung von Natur und Mensch führt, verändert sich auch nicht in einer anderen gesellschaftlichen Organisation, sie wohnt der Wissenschaft inne. Dies nicht gesehen zu haben, trieb Sozialisten zu gigantischen Fehlhandlungen mit zerstörerischen Folgen und unmenschlichen Ausmaßen.
Welche Aussichten gibt es:
Was ich herauszustellen versuche, ist, daß die Wissenschaft aufgrund ihrer eigenen Methode und Begriffe ein Universum entworfen und befördert hat, worin die Naturbeherrschung mit der Beherrschung des Menschen verbunden blieb – ein Band, das dazu tendiert, sich für dieses Universum als ganzes verhängnisvoll auszuwirken….Wenn dem so ist, würde die Änderung der Richtung des Fortschritts, die dieses verhängnisvolle Band lösen könnte, auch die Strukturen der Wissenschaft selbst beeinflussen — die Wissenschaft würde folglich zu wesentlich anderen Begriffen der Natur gelangen und wesentlich andere Tatsachen feststellen….. diese Idee zielt ab auf das Zur-Ruhe-Kommen der repressiven Produktivität der Vernunft, auf das Ende der Herrschaft im Genuß … zur Versöhnung von Logos und Eros….(S. 180 ff).
Daß diese Vernunft nur in begrenzter Weise die Probleme des Menschen zu lösen vermag, legt unter einem ganz anderen Aspekt Eugen Drewermann dar. Seine Behauptung:
Es ist nicht nur, daß die Naturwissenschaften auf alle menschlich relevanten Fragen (auf die Probleme von Subjektivität, Vernunft und Freiheit) Antworten weder geben können noch wollen, es ist vor allem, daß alle Ideologisierung der Naturwissenschaft, ja, schon ihre praktische, faktische Dominanz in allen Bereichen der Kultur (bis hinein in die Lehrpläne unserer Schulen und Universitäten) eine enorme Gefahr der Vereinseitigung des Blicks auf die Wirklichkeit darstellt ‑ mit allen sich daraus ergebenden Folgeschäden …….
Dieser Satz stammt aus seinem Buch: Im Anfang…, Die moderne Kosmologie und die Frage nach Gott (Glauben in Freiheit, Band 3, Walterverlag, 2002).
Im Folgenden sind einige seiner Gedanken zusammengestellt:
«Gnade um Gnade» (Joh 1,16) oder:
Die Dimension der Liebe und das Ende der Einsamkeit
In seinem berühmt gewordenen Essay Ich und Du aus dem Jahre 1923n zog MARTIN BUBER … die Folgerung aus der «Worthaftigkeit» des menschlichen Daseins, indem er zwischen der «Eswelt» und der «Duwelt» unterschied:……
Es sind demnach zwei konträre Formen des Sichverhaltens, je nachdem, ob wir die uns umgebende Wirklichkeit als Eswelt oder als Duwelt konstituieren; in dem einen wie in dem anderen Falle erscheint uns die Wirklichkeit auf grundverschiedene Weise. In der Sprache der KANTschen Erkenntniskritik können wir auch sagen, daß die Wirklichkeit, wenn wir sie als empirische mit den Sinnen erfahren und mit dem Verstand zu begreifen versuchen, sich nach Gesetzen geordnet darstellen wird; wir wissen aber bereits, daß es gerade diese «Weltbetrachtung» ist, die uns als «objektive Wahrheit» eine Wirklichkeit zeigt, in welcher die Sphäre des Subjekts sich als fremd (als nicht gemeint), als einsam (als allein gelassen) und in ihrer Existenz als absurd (als konfrontiert mit «sinnlosen» Notwendigkeiten und Zufällen) vorfinden muß. Es ist daher nicht möglich, zu erklären, das Universum selbst (oder sein «Schöpfer») sei «abweisend», «gleichgültig» und «grausam», wir müssen vielmehr feststellen, daß das Weltall beziehungsweise die Weltwirklichkeit uns allerdings in dieser Weise erscheinen muß, wenn wir uns nach Art der Naturwissenschaften dazu verhalten; bei objektiver Betrachtung des Universums werden wir in der Tat niemals etwas zu Gesicht bekommen, das uns als weise, wohlmeinend und gütig erscheinen könnte. Eben daran liegt es, daß sich von der Weltwirklichkeit her keinerlei «Gottesbeweis» führen läßt. Was KANT vor 200 Jahren aus erkenntnistheoretischen Gründen als Einsicht vorwegnahm, hat sich mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften (nicht zuletzt gerade in den vergangenen 5o Jahren) vollauf bestätigt. Die Trennlinie zwischen Wissen und Glauben, zwischen Physik und Metaphysik, zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist methodisch wie inhaltlich seither klar markiert und weder von der einen noch von der anderen Seite her durchlässig.
Um so wichtiger ist es zu betonen, daß es notwendigerweise neben der naturwissenschaftlichen Weltsicht eine andere gegenläufige Weise der Wirklichkeitsauslegung gibt und geben muß, in der allein so etwas wie Religion begründbar ist. Ein schweres Mißverständnis und im Endergebnis ein folgenschwerer Mißbrauch der Naturwissenschaften zum Zwecke gesellschaftspolitischer Ideologie liegt darin, die Sicht auf die Wirklichkeit, die wir naturwissenschaftlich gewinnen können, mit der Wirklichkeit «an sich» gleichzusetzen und alternativlos die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung für «bewiesene Wahrheiten» auszugeben: Anscheinend folgt dann aus den «Naturgesetzen» zum Beispiel der «DARWINismus» als Handlungsanleitung auch für die gesellschaftliche Praxis: im Kampf ums Dasein der «Rassen» gegeneinander (im Rassenwahn des Nationalsozialismus) oder im Konkurrenzprinzip des Kapitalismus (im Klassenwahn des wirtschaftstheoretischen Neoliberalismus) oder in den Erfolgsstrategien bei der Durchsetzung gewisser geistiger Inhalte, der «Meme» (im Griff nach Weltherrschaft durch die zentrale Kontrolle der Informationsnetze im Computerzeitalter) usw.; der menschlichen Kultur erwächst bei dieser Betrachtung dann wie von selber vermeintlich die «Pflicht», sich «naturgemäß» zu verhalten und (bei Verzerrung auch und gerade der «DARWINistischen» Überlebensstrategien der Evolution) den «Stärksten», den «Mächtigsten», den «Reichsten» und den Skrupellosesten die höchsten Gewinnchancen im Überlebenskampf in Aussicht zu stellen. Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, daß wir auf solche Weise nicht «natürlicher» und «besser angepaßt», sondern nur unmenschlicher und destruktiver zu werden drohen; jetzt aber können wir genauer sagen: Bei einer Verwechslung von naturwissenschaftlichen Aussagen mit der Natur «an sich selbst» wird die Herkunft der Naturwissenschaften aus einer Form der Selbstauslegung des menschlichen Daseins schlicht übergangen; und es steht daher nicht zu wundern, daß nach der Eliminierung des menschlichen Faktors in aller naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung sich eine so «erklärte» «Natur» selbst in eine Vorschrift zur Eliminierung der Menschlichkeit verwandelt.
Es ist nicht nur, daß die Naturwissenschaften auf alle menschlich relevanten Fragen (auf die Probleme von Subjektivität, Vernunft und Freiheit) Antworten weder geben können noch wollen, es ist vor allem, daß alle Ideologisierung der Naturwissenschaft, ja, schon ihre praktische, faktische Dominanz in allen Bereichen der Kultur (bis hinein in die Lehrpläne unserer Schulen und Universitäten) eine enorme Gefahr der Vereinseitigung des Blicks auf die Wirklichkeit darstellt ‑ mit allen sich daraus ergebenden Folgeschäden …….
In Wahrheit geht es nicht um eine «Uberlebensfrage» der menschlichen Spezies im Konkurrenzkampf der Arten, es geht um die Ermöglichung und um den Erhalt der Menschlichkeit des Menschen, wenn wir den naturwissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit als ergänzungsbedürftig betrachten und neben ihm komplementär einen anderen, in gewissen Sinne entgegengesetzten Zugangsweg postulieren, der vom Subjekt des Menschen seinen Ausgang nimmt und der die Bedürfnisse und Erfordernisse der Subjektivität der menschlichen Existenz als eine eigene Wirklichkeit jenseits der «Natur» berücksichtigt. Allerdings kommt es darauf an, die Forderungen der Subjektivität nicht fälschlicherweise in objektive Tatsachenbehauptungen zu verwandeln, wie es nicht nur Theologen unterlaufen kann.
Während Naturwissenschaftler versuchen, ihre Methoden und Begrifflichkeit auf die gesamte menschliche Lebenswelt auszuweiten, gibt es jenseits der Naturwissenschaft wiederum Tendenzen Phänomene, die für die Naturwissenschaft tabu sind, mit naturwissenschaftlichen Begriffen zu erklären. Am Beispiel des von Jung benannten Phänomens Synchronizität weist im folgenden Text Drewermann im Detail auf, welche Fehler auftauchen, wenn man beide Ebenen vermischt. Synchronizität beschreibt zwei Ereignisse, die keinen erkenntlichen kausalen Zusammenhang haben, aber für der Betrachter von Bedeutung sind: Jemand sieht einen Käfer –Skarabäus, Symbol des Todes – durch das Fenster in seinen Raum fliegen. Die Person ist beunruhigt. Zur selben Zeit stirbt ihr Vater, wie sich später herausstellt. In einem Gespräch mit Pauli, einem Atomphysiker, versucht Jung, neben Raum, Zeit und Kausalität das Phänomen Synchronizität als Kategorie einzuführen. Die detaillierte Argumentation von Drewermann kann im Folgende(kursiver Text) überlesen werden, ist aber interessant.
Als zum Beispiel C. G. JUNG über die «Vollständigkeit des Verstehens» nachdachte, versuchte er im Gespräch mit WOLFGANG PAULI, den schon erwähnten Gedanken der «Synchronizität» zu begründen…….
JUNG glaubte, mit diesem Konzept Physik wie Philosophie miteinander verbinden zu können, indem er die «Synchronizität» als ein akausales Prinzip «zu den drei anderen Prinzipien» hinzunahm……….«Wie die Einführung der Zeit als vierte Dimension in der modernen Physik das Postulat eines unanschaulichen Raumzeitkontinuums bedingt», so sollte nach JUNG «die Synchronizität mit der ihr anhaftenden charakteristischen Sinnqualität ein Weltbild von einer zunächst beinahe verwirrenden Unanschaulichkeit» erzeugen.» «Der Vorteil dieser Ergänzung», meinte er, sei «die Ermöglichung einer Auffassung, welche den psychoiden Faktor, nämlich einen apriorischen Sinn… mit in die Beschreibung und Erkenntnis der Natur einbezieht.»
Eigentümlich an dieser «Argumentation » JUNGs ist die Tatsache, daß er sich sinngemäß zwar auf die Quantenphysik bezieht, um eine akausale Dimension in die Betrachtung der Wirklichkeit einzuführen, daß er dann aber als Begründung seiner Vorstellung die (logisch mit der Quantenphysik unvereinbare) Relativitätstheorie anführt; im Grunde setzt er an die Stelle der Quantenphysik (von der wir hörten, daß sie vermutlich eine nicht‑kontinuierliche, diskrete Auffassung der Strukturen von Raum und Zeit erfordert) zur «Verknüpfung» mit dem kausalen Determinismus der Relativitätstheorie das, was er als «Synchronizität» bezeichnete und was, wie er glaubte, einen «psychoiden» (also doch wohl einen von unbewußtem Willen oder Wollen beeinflußbaren!) Faktor enthalten sollte. Man kann nicht anders sagen, als daß auf diese Weise psychisch verursachte Phänomene als Teile der physikalischen Realität betrachtet werden; eine solche Physikalisierung der Psychologie beziehungsweise eine derartige Psychologisierung der Physik aber verstößt nicht nur gegen die hierarchische Schichtung der Wirklichkeit ‑ sie überspringt die enorme Distanz, welche von der Evolution überwunden werden mußte, um zwischen Physik, Chemie, Biochemie, Biologie, Bioneurologie und Psychologie zu vermitteln ‑, es handelt sich, methodisch gesehen, in JUNGs Gedankengang zudem auch um das Musterbeispiel eines «Kurzschlusses»; dem Inhalt nach erfüllt sein «Synthese»‑Vorschlag auf geradezu klassische Weise den Tatbestand der Esoterik, die wir ebenso einfach wie korrekt als Beschreibung psychischer Sachverhalte durch den (fälschlichen) Gebrauch naturwissenschaftlicher Begriffe (wie Energie, Feld, Strahlung usw.) charakterisieren können. Die subjektive und die objektive Seite der Wirklichkeit werden auf diese Weise in JUNGs Konzept nicht miteinander verflochten, sondern miteinander vermischt, ja, in bestimmtem Umfang gegeneinander ausgetauscht…….
Ausschlaggebend für uns ist das äußerst problematische Bemühen von Pauli und Jung, eine objektive «Komplementarität» zwischen Naturwissenschaft und «Philosophie» (Theologie, Psychologie) herzustellen, so daß beide Betrachtungsweisen von der «Sache» her als zwei verschiedene, einander ergänzende Zugangswege zu ein und demselben Resultat anzusehen wären. Gerade der Vergleich mit NIELS BOHRs Komplementaritätsbegriff ist hier lehrreich: Die Beschreibung eines Elektrons als «Welle» oder «Teilchen» hängt davon ab, ob wir den Impuls oder den Ort des Teilchens messen wollen; beide Aspekte gehören zu einer vollständigen Beschreibung des Verhaltens eines Elektrons; wenngleich es logisch keine Verknüpfung zwischen beiden Betrachtungsweisen (bzw. Meßverfahren) gibt, so ergänzen doch beide einander; das logisch (und meßmethodisch) alternativ einander Ausschließende gehört doch zur Erstellung eines Gesamtbildes zusammen. Die Verwendung des Komplementaritätsbegriffs bei PAULI und JUNG suggeriert natürlich in gerade dieser Weise einen ebenso unauflöslichen Zusammenhang von «Kausalität» und «Synchronizität», mithin von wissenschaftlicher Naturbeschreibung und menschlicher Sinnsuche, und zwar so, als wenn dieser Zusammenhang selbst objektiv gegeben sein könnte; und genau an dieser Stelle liegt ein entscheidender Denkfehler. Alles, was C. G. JUNG in seinem «Synchronizitäts»‑Aufsatz hat zeigen können, war die offenbare Neigung von Menschen, selbst in eine Zufallsabfolge von Ereignissen (bei entsprechendem psychologischem Druck) einen für sie passenden «Sinn» hineinzulesen; unter gegebenen psychischen Voraussetzungen mag man sogar verstehen, warum einer bestimmten Person sich eine bestimmte Deutung der jeweiligen Begebenheiten als «evident» nahelegen möchte, doch besteht keinerlei Recht, derartigen «Projektionen» einen objektiven Wahrheitswert beizumessen; und in jedem Falle ist die Ebene der Deutung von Tatsachen eine andere als die Ebene der Tatsachen selbst…..
Mit anderen Worten: die gesuchte Komplementarität von «Kausalität» und «Sinn», von Naturwissenschaft und Philosophie, von objektiver Beschreibung und subjektiver Deutung des Naturgeschehens kann nicht «an und für sich» in der Natur selbst bestehen, sie kann sich allein aus einer Sehnsucht des menschlichen Bewußtseins ergeben, das in zwei konträren Weisen: «erkennend» und «wollend», «objektiv» und «subjektiv», wissenschaftlich und sinnsuchend sich zur Wirklichkeit zu verhalten vermag. Der Widerspruch selbst von Wissenschaft und Glauben besteht nicht «objektiv», er geht offenbar vom Menschen aus, indem dieser sich entweder objektiv ‑ erkennend oder subjektiv ‑sinnsuchend zur Wirklichkeit verhält; die gewünschte «Komplementarität» beider Zugangswege kann sich daher auch nicht aus dem «objektiven» Sein der Dinge selbst ergeben; sie entstammt, wenn möglich, nicht einer objektiven Einheit der Welt, sondern allein der Einheit des menschlichen Bewußtseins. Daß Wissen und Glauben überhaupt zusammenkämen, stellt zudem kein Erfordernis objektiver Naturerkenntnis dar ‑ ob die Natur einen «Sinn» hat oder nicht, ist keine Frage der Natur ‑, es ist allein ein Erfordernis der menschlichen Existenz, die als eine in beiden Weisen sich auslegt. Wäre es anders, so müßten Wissen und Glauben derselben Ebene der Wirklichkeit angehören, und so müßten sie beide denselben Rang besitzen. Das aber ist ersichtlich nicht der Fall……
Glauben und Wissen verhalten sich demnach nicht in der Weise «komplementär» zueinander wie das Modell von Welle und Korpuskel in der Elementarteilchenphysik, sondern sie befinden sich auf unterschiedlichen Rangstufen des Gewichts ihrer Fragestellungen. Alles «Glauben» ist wissenschaftlich irrelevant, existentiell aber höchst bedeutsam; umgekehrt ist alles positive «Wissen» existentiell eher unbedeutend, in der Wissenschaft indessen das einzige, auf das es ankommt. Aus dieser simplen Feststellung ergibt sich eine wichtige Folgerung: daß nämlich die «Synthese» von Wissen und Glauben, von Wissenschaft und Religion, von objektiver und subjektiver Betrachtung der Wirklichkeit nicht von einem weiteren Fortschritt der Wissenschaften zu erhoffen steht, ja, daß diese Synthese überhaupt keinen Auftrag an die künftige Wissenschaftsgeschichte darstellt, sondern daß sie nur geleistet werden kann von der «Dichte» beziehungsweise der Intensität der Existenz selbst her. Die «Synthese» von Glauben und Wissen ist eine Frage der Einheitlichkeit eines Lebens, das gleichermaßen «stark» sein muß im Fühlen wie im Denken; denn nur ein solches Leben wird sich fähig zeigen, die beiden so unterschiedlichen Weisen der Weltbetrachtung in Wissenschaft und Religion als einander komplementär (als wechselseitig bedürftig und ergänzend) aufeinander zu beziehen. Nicht um Erkenntnistheorie geht es daher, sondern um die Rückgewinnung wirklichen Lebens…….
Wie also lebt man «Notwendigkeit» und «Freiheit» «in einem», und wie soll es überhaupt möglich sein, daß beides im Leben des Einzelnen zusammenkommt? Die Antwort kann nur darin liegen, daß wir die Dimension der Anrede erweitern: zur Liebe. Niemand, der die kosmische Einsamkeit des Menschen bedauert, wird sich beim Anblick des Mondes und der Sterne seiner Lage im Weltall trösten lassen; keins der Gestirne antwortet auf das Asylantentum des menschlichen Daseins in den Weiten des Universums……
Dieses Alleinsein als eine Grundbefindlichkeit der menschlichen Existenz wird jeder aus eigenem Erleben irgendwie kennen: Es springt uns an beim Gang über die Straße, beim Sitzen am Fenster, beim Essen, beim Baden bei allen Tätigkeiten, die von innen her nicht gänzlich gefüllt, die geistig nicht völlig «kompakt» sind; da kriecht, mehr als Gefühl denn als Frage, wie ein kalter Strom eine Angst in uns hoch, die uns ans Herz greift, die unseren Körper krümmt wie unter einer unbekannten, drohenden Gefahr, und wir spüren zugleich den «Sinn» dieses «Zugriffs»: Plötzlich werden wir unserer Wesenseinsamkeit inne. All unsere Verrichtungen fallen auseinander und verlieren ihren Zusammenhalt. Bei allem, was wir tun, sehen wir uns selbst zu: wie wir gehen, sitzen, essen, schwimmen ‑ doch wer sind wir in all dem? Was ist das, das da geht, sitzt, ißt, schwimmt? Wir wissen es nicht, und zwar so lange nicht, wie wir zwar gegenwärtig sind, doch nicht in Beziehung, solange es nichts gibt, für das wir wesentlich da sind. Und so entdeckt sich, daß der Hintergrund dieser Angst aus dem Nichts an Beziehung selbst entsteht und besteht…….
In der Paradieserzählung ist es denn auch Gott, der dem «Menschen» schließlich……..die «Frau» erschafft, als sein passendes «Gegenüber». Die Einsamkeit des Menschen, mit anderen Worten, findet ihr Ende allein durch die Liebe. Sie allein vermag das gesamte Lebensgefühl eines Menschen so zu verändern, daß buchstäblich alles in einem anderen «Licht» erscheint………
Die Naturwissenschaften haben dieses ebenso alte wie romantisch wiederzubelebende Weltbild nicht eigentlich aufgehoben, sie haben es lediglich aus der Welt der Tatsachen verbannt und auf den symbolischen beziehungsweise existentiellen Kern seiner Bedeutung zurückgedrängt. Diese symbolisch‑existentielle Bedeutung aber war von Anfang an gegeben und bleibt unverzichtbar. Denn wäre die Sonne nicht auch ein Bild für das menschliche Bewußtsein, so stünden die Sterne nicht auch als Zielorte menschlicher Sehnsucht am Himmel, und schiene der Mond nicht auch als ein Traumbild von Trauer und Zärtlichkeit in das menschliche Herz, so wären die Gestirne niemals als göttliche Mächte verehrt worden; ……..
Symbolisch gelesen, verfügt der Sternenglaube der Alten bleibend und unvergänglich, weil aus dem Herzen des Menschen stammend, über Weisheit und Sinn; es ist aber einzig die Poesie der Liebe, die diesen Bedeutungskern wieder belebt; denn nur sie ist subjektiv und lyrisch genug, um diese Verschmelzung von Innen und Außen zu erreichen.
Rein psychologisch bereits wirkt sich das Empfinden der Liebe in einer Stärkung der Persönlichkeit aus. Sie verschmilzt nicht nur den Menschen mit seiner äußeren Natur, sie verbindet vor allem in ihm selber Denken und Fühlen, Bewußtsein und Unbewußtes, Seele und Körper, Rationalität und Affektivität, eben: «Subjektivität» und «Objektivität». Da das Wort «Liebe» mittlerweile für sehr verschiedene, oft widersprüchliche Einstellungen (von der «Caritas» bis zur Erotikindustrie) verwandt wird, sollten wir den Begriff der Liebe etwas näher beschreiben und sagen: Liebe sei jene Haltung, die von innen her die Subjekthaftigkeit eines fremden Lebens an sich selbst mit allen Kräften wünscht und fördert. ……..
Die Subjekthaftigkeit eines Menschen indessen ist sehr viel reicher; kein Mensch wird mit all seiner Liebe das Wesen eines anderen Menschen gänzlich zu umfassen und zu erfüllen vermögen. Um so unerschöpflicher ist deshalb der Wunsch, gerade das immer wieder neu zu versuchen: keine Umarmung, die nicht das Verlangen ausdrücken würde, den anderen ganz zu «begreifen»; doch dieses «Begreifen» vollzieht sich jenseits allen begrifflichen Denkens.
In gewissem Sinne stellt Liebe die tiefste Art des Verstehens dar, besteht sie doch gerade darin, sich ganz und gar in die Position des anderen hineinzuversetzen. Während alles objektive Erklären die Distanz und die Differenz von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt verstärkt (und damit letztlich die Einsamkeit des Erkennenden nur noch vergrößert), wird im Vorgang des Verstehens die Grenze der Subjekt‑Objekt‑Spaltung aufgehoben: Der Verstehende wird selber der andere, indem er versucht, die Welt mit dessen Augen zu betrachten; er nutzt seine eigene Subjektivität, um sich in die subjektive Welt des anderen hineinzubegeben; und nur so «begreift» er die innere Einheit und Verbundenheit aller Dinge, auch die Einheit von Körper und Seele, von Objekt und Subjekt; und solches «Begreifen» tut not………
Erklären und Verstehen, Naturwissenschaft und Daseinsauslegung (Hermeneutik), objektive Betrachtung und subjektive Einfühlung müssen mithin zusammenkommen, um der Not eines Menschen gerecht zu werden. Dabei kann das Verstehenwollen sich streckenweise des Erklärens bedienen, um den anderen besser zu «begreifen», das Umgekehrte aber ist schon aus methodischen Gründen unmöglich: Freiheit, Personalität und Subjektivität sind keine Kategorien der Naturwissenschaften. Die Folgerung daraus ist wichtig: Das Feld der Hermeneutik ist dem Menschen als Subjekt nicht nur näher und ursprünglicher als das Feld der Erklärungen, es ist auch unendlich viel weiter ‑ so wie mythische Symbole historisch früher sich dem Menschen eingeprägt haben als Fragen nach den Ursachen der Naturerscheinungen und so wie ihre Bedeutungen die Aussagedimension naturwissenschaftlicher Begriffe notwendigerweise bei weitem .übertreffen. ……
Mit anderen Worten: um zur Existenz eines fremden Ichs zu gelangen, bedarf es eines verstehenden, nicht eines erkennenwollenden Sich‑Verhaltens. Dann aber zeigt sich, daß dieses zweckfreie, grundlose Verstehen wie von selbst den Ausgangspunkt und Kern aller Moral bildet. ……..
Was wir daher zu sehen bekommen, ist zweifellos eine «Komplementarität» von Erklären undVerstehen, von Naturwissenschaft und Daseinshermeneutik, von Wissen und Glauben, von Objekt und Subjekt, doch ergibt sich diese «Komplementarität» gerade nicht durch eine Gegensätzlichkeit zweier Unvereinbarkeiten auf derselben Ebene der Realität…..: Noch ehe der Dualismus von Erklären und Verstehen, von Objekt und Subjekt sich überhaupt bilden kann, ist eine Subjekthaftigkeit vorauszusetzen, die beide Weisen der Selbstauslegung umschließt; von dem «transzendentalen Subjekt» hatte KANT gesprochen, doch dieses sein «Subjekt» war allein als Bedingung der Möglichkeit von (gegenständlicher) Erkenntnis gefordert. Was wir an dieser Stelle indessen entdecken, ist eine Ursprungseinheit, eine «Symmetrie» der Beziehung von Subjekt und Objekt aufgrund einer reinen Verschmelzung der Liebe, die auch die Ebene des «Erklärens» aufhebt in ein umfassenderes Verstehen, …..
In der Duwelt der Liebe geschieht es, daß ein Subjekt ein anderes Subjekt als ein solches entdeckt und im Vorgang des Verstehens mit ihm eins wird…….
Mehr noch: Wir sahen vorhin, daß alles Subjekthafte nur ermöglicht wird durch eine Anrede, die es in sich selber unbedingt meint; und so läßt sich jetzt auch sagen, daß alle Liebe in eben der Antwort besteht, die von jener «Anrede» angeregt wurde. Wir wären (psychologisch) niemals imstande, ein Subjekt zu werden beziehungsweise ein Ich auszubilden, ohne ein anderes Ich, das uns fundamental gemocht und gemeint hätte, und alle Liebe, die wir jemals im Leben fühlen und verschenken werden, entströmt diesem Reservoir an Subjekthaftigkeit, aus dem wir selbst hervorgegangen sind. Wir könnten nicht Liebende sein oder werden, wenn wir nicht selbst schon immer geliebt worden wären…….
Diese Liebe wird gefühlt und gelebt, ersehnt und gesucht, vor allem aber wird sie geglaubt. In jeder persönlichen Begegnung ist ein absolutes Du stets schon vorausgesetzt; um lieben zu können, ist es notwendig, an die Liebe zu glauben, und dieser Glaube muß stark genug sein, selbst die jederzeit möglichen Enttäuschungen und Widerstände zu überbrücken……..
Was wir bisher mit dem relativ neutralen Begriff der «Komplementarität» bezeichnet haben, erweist sich jetzt als eine unbedingte Entscheidung, die jeder im Gegenüber der Person des Mannes aus Nazareth treffen muß: will er sich weiterhin verstehen nach dem Auslegungsmodell der «Natur» (beziehungsweise der «Welt»), dann wird er in den Naturwissenschaften förmlich eine Bestätigung für einen Lebensentwurf finden, der an so etwas wie Liebe nicht glaubt; im Gegenteil, der größte Teil seiner Aktivitäten wird darauf abzielen, andere (Menschen und Tiere) in Instrumente seiner eigenen Zwecksetzungen zu verwandeln; «Liebe» ist in dieser Weltsicht allenfalls eine Einbildung, die unter der Ausschüttung eines bestimmten Hormons entsteht. Umgekehrt, wenn wir den Mut finden, die elementare Erfahrung der (absoluten) Anrede wesentlich zu beantworten ‑ wenn wir es wagen, Liebe zu glauben. Es wird die einzige Art sein, unsere kosmische Wesenseinsamkeit zu überwinden; es wird uns freilich auch in den größten Gegensatz bringen zu allem, was je «Geschichte» in Natur und Kultur gewesen ist, eine Umprägung in allem, eine Universalisierung des Besten in uns, eine Verschmelzung von Welt und Mensch, wie sie nie war
Sozialsystem – Kapitalertrag – Wirtschaftskrise
Wie unser Sozialsystem das Finanzkapital wachsen läßt
Die folgende Arbeit stützt sich auf die Veröffentlichung von Dr. Dieter Petschow: Vom Sozialstaat zur Finanzdiktatur, 2004 (unter www.berndsenf.de zu finden, im Folgenden “Petschow“ genannt). Darin entwickelt der Arzt Petschow aus der Sicht eines mittelständischen Unternehmers Argumente über die Dysfunktion unseres Wirtschaftssystems anhand von Daten, die er dem Statistischen Taschenbuch, dem BMfA, BmfFi, der Bundesbank u.a. entnommen hat.
Die Ursache für die Wirtschaftskrise der BRD sehen die meisten Experten in dem “veralteten“ Sozialsystem: “Wir leben über unsere Verhältnisse !“ Das Sozialsystem müsse reformiert werden, worunter meistens eine Kürzung der sozialen Zuwendungen verstanden wird. Diesen Kritikern fällt auf, daß zwischen 1970 und 2002 die Wirtschaftskraft, ausgedrückt als BIP1, zwar von 345 Mia. Euro auf 2100 Mia. Euro nominal zugenommen habe, daß aber die Sozialquote, ausgedrückt als Anteil der Sozialausgaben am BIP, im selben Zeitraum von 24% auf 36% gestiegen sei. Dies wird als das eigentliche Problem unserer Wirtschaft gesehen, weil dieses Wachstum der Sozialverpflichtungen die Unternehmen, bzw. die Produktionsspäre (Lohn) – das ist die gesamtvolkswirtschaftliche Produktion, ausgedrückt durch das BIP – belasten würde.
1 BIP: Bruttoinlandsprodukt = Gesamtheit aller innländisch produzierter Waren + Dienstleistungen, ausgedrückt in deren Preisen
Stimmt es, daß unsere Wirtschaft an den wachsenden Ausgaben im Sozialbereich leidet? Falsch!
Wer behauptet, unsere Wirtschaft leide an dem ausufernden Sozialstaat, vernachlässigt, daß im gleichen Maße wie die Sozialquote steigt, auch die Kapitalertragsqoute (Bruttokapitalertrag pro BIP) wächst, nämlich von 16 % im Jahre 1970 auf 35% im Jahre 2002. (Erklärung 1 u. 2)
Betrachtet man die Nettoströme, so wird sogar deutlich, daß nur die entsprechende Quote des Kapitalertrages steigt (Erklärung 3 und 4)
(Nettobetrag Kapitalsertragsquote 1970 = 10% auf 2002 = 28%), und zwar um das 2,8fache. Die entsprechende Quote der Sozialausgaben bleiben praktisch konstant (Nettobetrag der Sozialquote war 1970 17% und 2002 19%)
Nicht das Wachstum der Sozialabgaben belastet die Wirtschaft, sondern das Wachstum des Kapitalsertrags
Die Zunehmende Bedienung des Kapitals belastet die Volkswirtschaft.
Zu diesem Unterschied zwischen Netto- und Bruttoaussagen kommt es, weil mit den Sozialausgaben, also den Ausgaben der Rentner, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern usw. auch immer ein Zinsanteil bezahlt wird, den der Produzent als Kapitalkosten auf die Preise schlägt. (Erklärung 3)
3. Wachstum der Sozialausgaben als Durchlaufposten für den Kapitalertrag.
Dieser Zusammenhang zwischen Wachstum der Sozialausgaben und Vermehrung des Kapitalertrages ist direkt ablesbar. Dazu folgende Erläuterung:
An anderer Stelle (Erklärung 3) wurde erörtert, daß in den Preisen auch Zinsanteile enthalten sind und damit alle Sozialausgaben auch gleichzeitig Zinszahlungen bedeuten (geschätzt 1970 auf 16 % und 2002 auf 35%). Dadurch wird ein erheblicher Teil der Wachstumsrate im Sozialbudget an den Kapitalertrag weitergereicht. Die Sozialabgaben beim Lohn stiegen von 12% auf 21% also um 9%. Genau um denselben Betrag (nämlich von 4 auf 13 %) stiegen die indirekten Zinszahlungen aus dem Sozialbudget. Der Anstieg der Sozialabgaben findet sich damit als Anstieg des Kapitalertrags wieder.
Dieser Betrag von 9% des BIP wird als Durchlaufposten an das Finanzkapital weitergereicht.
Eine andere Betrachtungsweise läßt folgendes Bild entstehen: 1970 betrug der Zuschuß aus Steuern für das Sozialbudget 12 % des BIP, die Abgaben des Sozialbudget an das Finanzkapital in Form von Zinsen in den Preisen betrug nur 4% des BiP. Im Jahre 2002 war dieser Zuschuß nur wenig erhöht auf 15%, die Abgaben an das Finanzkapital über die Preise erhöhten sich sehr viel mehr auf 13%. Derr Zuschuß wurde praktisch an die Kapitalgeber weitergereicht.
Der Anstieg der Kosten, der im Produktionsbereich als Anstieg der Sozialbereichs wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit eine verstärkte Alimentation des Finanzkapitals.
Das Finanzkapital braucht von seinem Ertrag nur Steuern zu entrichten (Abgabe an das Steuerbudget), eine soziale Abgabepflicht , wie sie der Produktionsbereich kennt, gibt es nicht..
3. Problemlösungen
Die meisten Wirtschaftsexperten, sowohl auf der sog. Rechten bzw. konservativen Seite, als auch auf der sog. linken, und auch die meisten Politiker weigern sich, die Ursache unserer Wirtschaftskrise überhaupt im Finanzsektor, bzw. beim Finanzkapital, bzw. in der Zirkulationsspäre zu suchen. Sie sehen die Ursachen in der Produktionssphäre bzw. bei den Unternehmen. Entsprechend sind die Lösungsvorschläge entweder angebotsorientiert: Produktionskosten runter, Steuern erniedrigen und Einfluß des Staates dadurch beschneiden oder sie sind nachfrageorientiert: Löhne durch Arbeitszeitverkürzung erhöhen, Steuern erhöhen, bzw. Schulden aufnehmen, um dadurch den Staat wieder fähig zu machen, durch Investitionen die Wirtschaft anzukurbeln. Beide Ansätze beschäftigen sich besonders mit der Situation des Staates, genauer mit dessen Schulden. Sie verkennen dabei die Tatsache, daß die Unternehmen zu ca. 60 % fremdfinanziert (verschuldet lt. dt. Bundesbank 1971-1996, nach Pedschow 80%) sind, d.h. den deutschen Unternehmern gehört nur noch ca. 40% (bzw. 20%) des Produktiv-Besitzes. Eigentümer und damit Arbeitgeber ist im Wesentlichen nur noch der Kapitalgeber. (s. Erklärung 5)
Auch beim Sprechen über die “Globalisierung“ wird häufig übersehen, daß es sich dabei primär um die Globalisierung von Finanströmen handelt.
Sieht man dagegen die Ursachen im Finanzsektor bzw. in der Zirkulationsspäre bieten sich zwei Strategien zur Problemlösung an.
· Steuerbezogen Problemlösung
Aus der obigen Saldo-Betrachtung zur Berechnung der Nettoquoten geht hervor, daß die Kapitalgeber zwar Einnahmen aus dem Lohn (Produktions)- Steuer- und Sozialtopf erhalten, aber keine Abgaben an das Sozialbudget haben und netto immer weniger an das Steuerbudget abgeben (1970 betrug der Nettoabfluß 3%, 2002 nur noch 2%).
Würde der von 1970 bis 2002 zu beobachtende Anstieg der Zuzahlungen des Sozialbudget an den Kapitalertrag als sozialpflichtige Abgabe steuerlich abgeschöpft und an die Produktionsspäre zurückgegeben käme es zu einer erheblichen Verringerung der BIP-Belastung. Petschow drückt dies konkret wie folgt aus:
Daneben erfreuen sich Kapitalertragsbezieher ihrer fehlenden Beteiligungspflicht an der Finanzierung sowohl unseres Staates als auch dessen Sozialsysteme. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits in seinem Urteil über die freiwillige Krankenversicherung der Rentner darauf hingewiesen, dass alle (!) Einkommensarten zur Sozialversicherung herangezogen werden müssen. ……..Da diese Regelung nur möglich wird mit einer strikten Kapitalverkehrskontrolle, die ihrerseits das Ausplündern ganzer Volkswirtschaften verhinderte (nicht nur bei uns!), sind hier Bankstrukturmaßnahmen notwendig, wenn sich Deutschland nicht erneut in ein Armenhaus verwandeln soll. Alternativ wären derartige Sozialabgaben zu zahlen dort, wo Kapital- Kosten steuermindernd gelten gemacht werden, beim Finanzamt! Wenn die Behauptung gilt, dass Kapital Arbeitsplätze schaffe, warum ist dann dieser Arbeit(splatz)geber von den in Deutschland geltenden Sozialversicherungspflichten befreit?…….Beteiligte sich Kapitalertrag wie Unternehmer-Gewinn an den Arbeitgeberpflichten, so wäre jedes Bruttogehalt in Deutschland um 22% entlastet. Unternehmer hätten im Jahre 2002 180 Milliarden €uro mehr Gewinn. Dieser Betrag wäre entweder zu versteuern oder stände zur Verfügung als Jahres-Brutto-Lohn von 40.000 €uro für 4.5 Millionen arbeitsuchender Mitmenschen. Überproportionaler Kapitalertrag ist allein die Ursache für Arbeitsplatzabbau und permanent steigende Arbeitslosigkeit. Arbeit haben wir genug – nur das Geld für die Bezahlung läuft durch unberechtigte Hände. Es handelt sich um eine verfassungswidrige systemische Bereicherung einer Minderheit aus der Arbeit der Mehrheit. (Petschow, S.41)
Gegen diese Lösung spräche, daß die Zurückhaltemöglichkeit des Finanzkapitals bestehen bliebe. Außerdem könnten sich die Sozialeabgabepflichten in den Preisen wiederfinden.
· Änderung der Geldsystems (s. auch Erklärung 5)
Diese Strategie setzt an der Liquditätspreferenz des Geldes an, die als die eigentliche Ursache für die Bevorzugung des Finanzkapitals bzw. dem besonderen Wachstum des Geldvermögens (der Schulden, 1970 bis 2001 von 473 Mia. auf 6158 Mia. Є) gesehen wird.
Durch eine Nutzungsgebühr auf Bar- bzw. Girogeld soll der Liquiditätswert neutralisiert werden. Dadurch könnte der Zins bei entsprechenden Kapitalangebot , den Marktgesetzen gehorchend, auch auf null fallen. Das automatische exponentielle Wachstum des Kapitals und damit der wachsende Anspruch an das BIP wäre unterbrochen. (Nicht der Zins ist das Problem, sondern, daß er nicht den Marktgesetzen gehorcht. Näheres dazu in der entsprechenden Literatur, z. B. Helmut Creutz, Das Geldsyndrom oder D. Löhr/ J.Jenetzky, Neutrale Liquidität oder die Zeitschriften Humanwirtschaft, Zeitschr. f Soz., sowie die Internetseiten der INW, www.inwo.de.)
Erklärungen und Tabellen in folgenden Dokumenten
erklarungen-zum-artikel-sozialsystem.doc
Zur Geschichte des Geldes
Zur Geschichte des Geldes
Die Geschichte des Geldes lässt sich in mehrere Stufen einteilen, die zwar sachlich deutlich verschieden, zeitlich aber nicht gegeneinander abzugrenzen sind. Im wesentlichen unterscheiden wir folgende Stufen:
Naturaltausch und Naturalgeld
Metallgeld und Münzgeld
Bargeld (Papiergeld und Münzen)
Buchgeld/Giralgeld
Naturaltausch und Naturalgeld
Zur Zeit der Naturaltauschwirtschaft war Geld im heutigen Sinne unbekannt. Die Güter wurden unmittelbar “Ware gegen Ware” eingetauscht. Der Naturaltausch brachte jedoch für die Tauschpartner Schwierigkeiten mit sich, wie z.B. Transport der Waren, Finden eines geeigneten Tauschpartners, Beschaffung der benötigten Tauschgüter, unterschiedliche Bewertung der Waren, ferner Verderblichkeit und Unteilbarkeit mancher Güter. Die Verwendung von Gebrauchs- und Schmuckgegenständen (z.B. Beile, Äxte, Spieße, Trommeln, Ringe, Muscheln, Perlen), aber auch von Lebensmitteln, Bekleidung und Vieh (wie Zucker, Kakao, Tee, Stockfisch, Mandeln, Salz, Tabak, Leinwand, Felle, Seide, Baumwolle) als Zwischentauschmittel (= Naturalgeld) war ein wesentlicher Schritt in der Entwicklung des Geldes. Das Naturalgeld brachte gegenüber dem direkten Warentausch mehrere Vorteile: Der Wert der Tauschgegenstände war allgemein bekannt und anerkannt. Sie waren in der Regel leicht transportierbar, teilbar und konnten aufbewahrt werden. Der Wert zu tauschender Güter konnte durch das Naturalgeld leichter verglichen werden – der Tausch wurde somit wesentlich erleichtert. Damit besaß es alle Eigenschaften, die auch unser modernes Geld auszeichnet: allgemein (staatlich) anerkannt; ausgezeichnete Transportfähigkeit, haltbares Wertaufbewahrungsmittel, Bewertungsmittel (s. Abschnitt Funktion des Geldes). Naturaltausch und Naturalgeld beschränken sich nicht nur auf die Steinzeit, sondern reichen in ihrer Anwendung bis in unsere jüngste Vergangenheit. Anfang des 15. Jahrhunderts gab es beispielsweise eine englisch-isländische Marktordnung mit folgenden “Preisen” (Tauschwerten):
48 Ellen Tuch = 120 Stockfische
eine Tonne Wein = 100 Stockfische
Hufeisen für 5 Pferde = 20 Stockfische
1/8 Tonne Honig = 15 Stockfische
1/2 Tonne Tran = 15 Stockfische
Die bekannteste Form des Naturalgeldes dürfte die Kaurimuschel sein, die auch heute noch unter den Namen “Diwarra” und “Tambu” in Melanesien (Südsee) gültiges Zahlungsmittel ist. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wird auch in unseren Breitengraden manchmal wieder auf die Urform des Geldes zurückgegriffen (z.B. “Zigarettenwährung” nach dem Zweiten Weltkrieg). Dieses Beispiel mag nochmals verdeutlichen, wie fließend die Grenzen beim Thema Geld sind.
Metallgeld und Münzgeld
Als besonders geeignetes Zwischentauschmittel wurden schließlich die Metalle (wie Gold, Silber, Kupfer) erkannt. Aus den Anfängen dieser Entwicklung stammt der Begriff des Wägegeldes, d.h., die zur Zahlung verwendeten Metalle wurden abgewogen (vgl. Geldnamen wie Pfund, Lire). Später erhielten die Metalle bestimmte Formen, sie wurden in Ringe, Stäbe und Barren gegossen (vgl. Geldnamen wie Rubel, Mark). Ungefähr 650 Jahre v.Chr. wurden die ältesten uns bekannten Münzen von den Lydern (König Krösus) in Kleinasien hergestellt. Zunächst wurden vollwertige Münzen (= Kurantmünzen) aus Gold und Silber, später durchwegs unterwertige Münzen (= Scheidemünzen) geprägt. Silber war lange Zeit das führende Münzmetall.
Anfang des Mittelalters waren große Silbererzvorkommen z.B. im Harz entdeckt und ausgebeutet worden. Da die Landesfürsten das Schürfrecht besaßen ,verdienten sie an der Geldherstellung. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in dieser Zeit die Städte, die lokalen Fürsten, Äbte und Äbtissinnen das Recht hatten, eigenes Geld herauszugeben, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte: Alle fünf bis sechs Jahre und später auch in kürzeren Abständen wurde es verrufen, das heißt, es musste gegen neues Geld eingetauscht werden. Dabei war es üblich, drei neue gegen vier alte Münzen zu wechseln. Mit dem Gewinn wirtschaftete der jeweilige Fürst oder Abt mehr und mehr anstelle sonstiger Steuern und Abgaben. Man nannte dieses System damals “Renovatio Monetae”. In der Zeit zwischen 1100 und 1400 war eine weit verbreitete Form der mit einem Abschlag versehenen lokalen Geldsysteme die so genannten “Brakteaten”, sehr dünne Silbermünzen, die nur einseitig geprägt wurden. Sie dienten als lokale Tauschwährung. Gold‑ und massive Silbermünzen gab es damals zwar auch, sie wurden jedoch zur Hauptsache im Fernhandel und zum Kauf von Luxusgütern verwendet.
Die Brakteaten waren beim Volk zwar verständlicherweise nicht sehr beliebt. Sie hatten jedoch zur Folge, dass die Kaufkraft der Währungen in fast ganz Europa während langer Zeit sehr stabil blieb. Das heißt, es gab damals kaum Inflation, die Preise für Waren stiegen also nicht an. Zudem erhöhte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Denn nun war kaum mehr jemand daran interessiert, diese Brakteaten als Ersparnis auf die Seite zu legen. Das lokale Geld wurde vielmehr rasch wieder ausgegeben und ‑ auch zugunsten künftiger Generationen ‑ in langfristige Investitionen gelenkt: in die Verbesserung des Bodens, der Verkehrswege, der Produktions‑ und Bewässerungsanlagen, in Wind und Wassermühlen, in Weinpressen und in die besagten Kathedralen. Wegen der ständigen Gefahr einer Verrufung, wurde das Geld von seinen Besitzern zügig zu Markte getragen und sorgte für den Austausch von Waren. Durch diesen stetigen Umsatz konnte die nach Zusammenbruch des Römischen Reiches in die Naturalwirtschaft zurückgefallene Wirtschaft wieder erste Schritte in Richtung Arbeitsteilung unternehmen. Weil sich die Silberrnünzen immer mehr in der arbeitsteiligen Wirtschaft als Tauschmittel etablierten, bestimmte ihren Wert nicht mehr der Gebrauchsnutzen des Silbers, sondern zunehmend auch der Wert der dafür zu erwerbenden Waren. Dadurch waren die Münzen wertvoller als ihr Materialwert und es lohnte sich, verschatztes Silber wieder einzuschmelzen und dem Wirtschaftskreislauf zuzuführen. Die Zentren der neuen Arbeitsteilung ‑ die Städte erlebten einen nie gekannten Zuwachs an wirtschaftlicher Kraft, kulturellem Schaffensdrang, Wohlstand sowie politischer Macht.
(Den gleichen Effekt hat die Umlaufsicherung bei vielen Regionalgeldern wie dem Hagener VolmeTALER. Beim bayrischen Regiogeld „Chiemgauer“ wird die Umlaufsicherung mittlerweile auf elektronischem Wege vollautomatisch erhoben und als Regionalbeitrag sinnvollen Projekten wieder zur Verfügung gestellt.)
Das Verschwinden der lokalen Währungen im Mittelalter hatte zwei Gründe. Einerseits missbrauchten manche Machthaber das System dahingehend, dass sie das Geld immer rascher verriefen, um sich so persönlich bereichern zu können. Zum anderen zentralisierte sich die staatliche Macht immer stärker. Die Könige beanspruchten das Recht zur Geldschöpfung wieder für sich allein, nicht zuletzt zur Finanzierung von Kriegen, die nun Europa überzogen. Die Folgen für die Bevölkerung, die zuvor markant zugenommen hatte, waren dramatisch. Mit dem Verschwinden der Brakteaten kam es zu einem wirtschaftlichen Niedergang, zu Hungersnöten und zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang. (2)
Wie der Silbergehalt der Münzen sich im Laufe der Geschichte veränderte, zeigt folgende Aufstellung:
|
Jahr – Geldeinheit |
Silbergehalt |
Zeitlich gesehen ergeben sich in diesem Abschnitt ebenfalls Überschneidungen. Babylonier, Ägypter, Griechen und Römer verfügten bereits über geprägtes Metallgeld. Andererseits zahlte man 1.000 Jahre nach den Römern in Brandenburg und Mecklenburg noch mit ungeprägtem Metallgeld (vgl. Wendisches Hacksilber).
Papiergeld
Die Erfindung des Münzgeldes war zweifellos ein großer Fortschritt. Münzen aus Edelmetall besaßen den Vorteil der Wertbeständigkeit gegenüber anderen Tauschgegenständen. Die Ausweitung des Handels und damit auch des Geldverkehrs brachte jedoch die Notwendigkeit mit sich, das schwere Münzgeld durch eine bequemere Zahlungsart zu ersetzen. Andererseits mag auch die vorübergehende Geldknappheit mancher Landesherren die Erfindung des Papiergeldes beschleunigt haben. Man berichtet so vom Kommandanten der spanischen Festung Alham de Granada, der während der Belagerung 1438 n.Chr. durch die Mauren fehlendes Münzgeld durch Papierzettel mit Wertangabe und Siegel ersetzte und deren Annahme zwingend für jedermann vorschrieb. Das erste Papiergeld war also nicht Geld an sich, sondern als Anweisung zur Auszahlung von Münzgeld gedacht. Als die eigentlichen Schöpfer des Papiergeldes gelten die Chinesen. Marco Polo fand auf seinen Reisen 1276 kaiserliche Banknoten aus Papier. Wieder einer anderen Schilderung zufolge gilt der Schwede Johan Palmstruch (1661) als “Erfinder” des Papiergeldes. Papiergeld braucht Vertrauen, d.h., es muss von jedermann jederzeit in Waren oder andere Vermögenswerte umgetauscht werden können. In früherer Zeit wurde dieses Vertrauen durch eine vollständige Golddeckung im Laufe der Geschichte nunmehr durch eine teilweise Deckung gestützt. Heute besteht keine Golddeckungspflicht der Notenbanken mehr (= freie Währung). Die Deckung besteht in der Bundesrepublik Deutschland allein im Vertrauen, (= Kaufkraft). Aber es braucht natürlich auch einen Staat, der dieses Vertrauen schützt und möglich macht.
Buchgeld/Giralgeld
Das Buch- oder Giralgeld, über das man z.B. mit Scheck und Überweisung verfügen kann, ist die moderne Geldform. Nur etwa 12 % des gesamten Geldumlaufs besteht aus Münzen und Banknoten, der weitaus größere Teil befindet sich als Buchgeld auf Giro- und Termingeldkonten. Ende 1995 waren Banknoten im Wert von rund 238 Milliarden DM und Münzen im Wert von ca. 15 Milliarden DM im Umlauf. Dennoch hat das Bargeld als Zahlungsmittel im Endverbrauch eine große Bedeutung. Im Jahre 2002 betrug der Anteil von Bargeld als Zahlungsmittel im Endverbrauch ca. 70%, (Quelle: Helmut Creutz „Die 29 Irrtümer rund ums Geld)
Buch- oder Giralgeld hat bereits eine lange Geschichte hinter sich. Die Italiener bedienen sich dieser Form des Geldes bereits seit mehr als 300 Jahren durch die Übertragung von Guthaben in den Büchern der Banken. Als die vielen Vorteile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs (Scheck, Überweisung, Dauerauftrag, Lastschrift) mehr und mehr erkannt wurden, führte dies Anfang der 60er Jahre zu einer raschen Einführung der bargeldlosen Lohn- und Gehaltszahlung, und der Umgang mit Buchgeld ist heute etwas Selbstverständliches.
Quelle: http://www.sparkasse-bonn.de/privatkunde/jungesangebot/schulservice/schulservice426.htm
Funktionen des Geldes
Mit Hilfe des Geldes können wir Waren oder Dienstleistungen verschiedenster Art miteinander vergleichen, sogar ein Mofa mit einem Brötchen. Jeder wird natürlich sagen, dass das Mofa mehr wert ist als das Brötchen. Um wie viel es aber mehr wert ist, das können wir erst mit Hilfe des Geldes ausdrücken. Geld dient also als Wertmaß.
Was aber ist das Geld, und wie entsteht es?
Sachlich betrachtet ist Geld lediglich ein Mittel, um eine Leistung gegen eine andere einzutauschen. Wir können auch von einem allgemeinen Tausch‑oder Zahlungsmittel sprechen. Dazu muss es auch allgemein anerkannt, d.h. letztlich unter staatlicher Aufsicht sein. Ohne Geld müssten wir umständlich im Tauschhandel Güter und Dienstleistungen gegen andere Güter oder Dienstleistungen eintauschen. Das wäre ziemlich zeitraubend. Deshalb haben die Menschen das Geld erfunden, mit dem sie anstelle des Tauschhandels Kaufhandel betreiben können.
Das Geld wirkt dabei wie ein Transportmittel oder ein Förderband: Der Kartoffelhändler gibt dem Bauer Geld und erhält dafür Kartoffeln. Der Bauer reicht dies Geld weiter an einen Saatguthändler und erhält dafür Saatgut. Der Saatguthändler reicht das Geld weiter an einen Düngemittelproduzent und erhält dafür Düngemittel usw. Während das Geld in die eine Richtung fließt, bewegen sich die Güter in die andere.
Die Einführung des Geldes veränderte nicht nur die Handelsformen, sondern förderte auch die Entstehung einer Vielzahl von spezialisierten Berufen. Der Familienvater, der bisher alles selber herstellen musste, was er für sich und seine Familie benötigte, konnte nun vieles gegen Geld “eintauschen”. Er hatte jetzt auch Zeit, sich auf eine einzige Tätigkeit zu spezialisieren: Er fertigte beispielsweise nur noch Schuhe. Die verkaufte er gegen Geld, und mit diesem Zahlungsmittel kaufte er Nahrung, Getränke, Kleider, ein Haus, natürlich auch Material und Werkzeug. Damit war die arbeitsteilige Wirtschaft geschaffen, in der sich jeder auf bestimmte Tätigkeiten spezialisierte. Denn Geld und Arbeitsteilung bedingen sich gegenseitig.
Ein weiterer Vorteil für den einzelnen Händler des Handels “Ware gegen Geld” ist: Niemand muss dabei erworbenes Geld sofort wieder gegen andere Ware eintauschen. Es kann aufbewahrt werden. Wir nennen das Geld‑Aufbewahren “sparen”. Geld ist also auch ein Wertaufbewahrungsmittel. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist das wiederum ein Nachteil. Man kann das Geld-Aufbewahren „sparen“ auch Horten nennen, von Geld, das man überschüssig hat, wenn. Wenn das Geld aber gehortet wird, steht es aber nicht mehr als Tauschmittel zur Verfügung. Es fehlt dann der Wirtschaft. Warum eignet sich Geld gegenüber anderen Gütern so gut als Wertaufbewahrungsmittel ?
Weil es fast unbegrenzt haltbar ist. So sind z.B. alle Hersteller und Händler von Kleidung, Nahrung, HiFi‑Geräten usw. dazu gezwungen, ihre Waren loszuwerden, da diese sonst aufgrund von Mode, Alterung und Lagerkosten an Wert so stark verliere n, dass damit kein Gewinn mehr zu erzielen ist. Und auch den von Arbeit lebenden Menschen bleibt nichts anderes, als ihre Leistung Tag für Tag anzubieten, sofern sie nicht nur von Luft und Liebe leben wollen. Demgegenüber stehen diejenigen, die reich genug sind, um mit dem Geld selbst zu handeln, unter keinem vergleichbaren Angebotsdruck. Geld schimmelt nicht, kommt nicht aus der Mode und braucht keine teuer gemieteten Lagerhallen. Die Folge dieser Wundereigenschaften ist, dass Geld zwar gerne genommen, aber nur dann wieder hergegeben wird, wenn es sich richtig lohnt.
Und damit sind wir schon bei des Pudels Kern! Denn wer wenig Geld hat, muss es ausgeben, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten ‑ ihm bleibt keine Wahl. Aber jemand, der selbst bei einem luxuriösen Lebensstil noch viel Geld übrig hat, würde den restlichen Haufen doch sicherlich auf seiner hohen Kante lassen ‑ wenn nicht ein sehr ernstes, volkswirtschaftliches Problem damit verbunden wäre: das Geld, das da zigtausendfach auf der hohen Kante liegt, fehlt im alltäglichen Geldkreislauf! Der produzierten Menge an Waren und Dienstleistungen muss nämlich immer die entsprechende Geldmenge gegenüberstehen, sonst hat man entweder Inflation (zu viel Geld im Vergleich zur Warenmenge) oder Deflation (zu wenig Geld im Vergleich zur Warenmenge). Um es nun wieder herauszulocken aus seinem Safe, haben sich die Menschen etwas ausgedacht, nämlich denjenigen zu belohnen, der das Geld als Kredit der Allgemeinheit wieder zur Verfügung stellt.
Hört sich gut an?
Aber es ist eine sehr große Dummheit!
Um zu zeigen, wie dumm diese Idee ist, folgender Vergleich
Geld ist in seiner Funktion als Tauschmittel ein öffentliches Gut. Genauso sind es auch unsere Straßen, die mit unseren Steuergeldern gebaut wurden, um unserem Waren‑ und Personenverkehr zu dienen. Auch das Geld dient ja dem Austausch von Waren und Arbeitsleistungen, daher ist es schlimm, wenn sein Fluss blockiert wird. Stelle dir vor, ein Autofahrer blockiere die Autobahn, indem er dort parkt und einen kilometerlangen Stau bewirkt. Stellen dir weiter vor, ein Polizist käme daher, und er würde die gleiche Idee wie im Geldwesen anwenden, so würde er etwa sagen:
“Werter Herr ‑ wir empfinden es als ungünstig, dass der Verkehrsfluss ins Stocken geraten ist; wären sie bereit, für 400 Euro die Straße wieder freizumachen?” ‑ “Hm, kommt drauf an… Wie lange soll ich die Straße denn freimachen?” “Nun ja, einige Tage wären schon gut; was halten sie von 2 Wochen?” ‑ “Na gut, dann sagen wir doch gleich ein ganzer Monat für 800,‑ Euro, ok?” ‑”Einverstanden!”.
Vollkommen idiotisch und undenkbar; das animiert ja geradezu, die Autobahn zu verstopfen! So ist es, und genau diesen Fall haben wir in unserem Geldsystem! Wer Geld dem Kreislauf vorenthält, wird nicht bestraft, sondern er bekommt eine “Belohnung” für die Nicht‑Hortung von Geld, genannt Zins.
Mit dem Zins löst man also das Geld gewissermaßen frei, das sonst festgefroren und dem Kreislauf entzogen bliebe ‑..“eine Art Tribut, den man zu zahlen hat, damit die Besitzer überschüssigen Geldes es anderen leihweise überlassen und der Kreislauf geschlossen bleibt. Das heißt aber auch, dass derjenige mit Kosten belastet wird, der mit seiner Kreditaufnahme, das ist der Schuldner, für die Schließung des Kreislaufes sorgt!“(4) Ohne Schuldner würde unsere Geldwirtschaft nicht funktionieren.
Wenn der Gläubiger sein Geld verleiht, hat er ein Geldguthaben, das auch Geldvermögen genannt wird und der Schuldner dagegen eine Geldschuld. Geldvermögen und Geldschuld sind also ein Paar.
In der Bundesrepublik gibt es zur Zeit die unvorstellbare Menge von ca. 4 000 000 000 000 € Schulden und ca. 4 000 000 000 000 Geldvermögen
Was das Geld für den Güterfluß ist, bedeutet der Kredit – die Schuld – für den Geldfluß.
Der Schuldner wirkt aber noch in einer anderen Weise positiv für die Wirtschaft. Er wird in der Zukunft Güter anbieten, um mit dem eingenommenen Geld seine Schulden zu tilgen. Ohne ihn wäre es möglich, dass in der Zukunft dem Geld des Gläubigers erheblich weniger Güter entgegenstehen und der Gläubiger einen herben Wertverlust seines Geldes hinnehmen müßte. Ohne den Schuldner machte das „Sparen“ keinen Sinn.
Warum zahlt der Gläubiger nicht dem Schuldner für seinen Nutzen, den er aus ihm zieht? Weil der Gläubiger in einer größeren Machtposition steht.
1. Wenn ein zukünftiger Schuldner für ein Unternehmen Geld benötigt, so muss er an Geld kommen, um diese Unternehmung tätigen zu können. Wenn ein potentieller Gläubiger Geld besitzt, so kann er es anderen Marktteilnehmern für zur Verfügung stellen, aber er muss es nicht, denn für ihn ist es günstiger, es in den Händen zu halten. Vielleicht bietet sich für ein „Schnäppchen“ eine gute Kaufgelegenheit oder er befürchtet, daß er ganz plötzlich Geld benötigt.
- Der Schuldner muss Güter verkaufen, um tilgen zu können. Der Gläubiger kann mit den Tilgungsgeld des Schuldners Güter kaufen, aber er muss es nicht.(3)
Noch ein weiteres Problem ist mit unseren Geld-Spielregeln verbunden:
Durch die Zinsen kommen nämlich zu dem ohnehin großen Geldberg beständig noch hübsche Sümmchen dazu, so dass dieser Berg immer schneller immer größer wird. Es ist wie bei einem Schneeball, der am Schluß zu einer Riesenlawine wird. Entsprechen wachsen dann auch die Schulden. (4)
Wie entsteht nun Geld?
Auch bei der Entstehung von neuem Geld wird sichtbar, wie wichtig Schulden sind. Neues Geld gibt die Bundesbank als Kredit für die Banken aus, die dafür den Leitzins zahlen. Die Banken geben dieses Geld als Kredite an ihre Kreditnehmer – Schuldner – weiter, die ihre Kunden sind.
Geld ist auch Wertübertragungsmittel
Nehmen wir folgenden Fall an: Die Großmutter möchte ihrem Enkelkind gerne etwas in einem ganz bestimmten Wert zum Geburtstag schenken. Sie weiß aber nicht recht, ob sie dem Enkel z. B. einen Kassettenrecorder, einen Plattenspieler, ein Kofferradio oder etwas anderes von gleichem Wert schenken soll. Was tut sie? Sie schenkt statt einer Ware Geld (= Kaufkraft). Sie überträgt damit den in Aussicht gestellten Wert in Form von Geld. Mit der Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs wurde Geld auch ein Mittel des Kapitaltransportes. Man kann heute bequem vom Schreibtisch aus Zahlungen über jede Entfernung leisten. All die bisher genannten Funktionen kann das Geld freilich nur dann zufrieden stellend erfüllen, wenn jeder bereit ist, jederzeit seine Waren oder Dienstleistungen gegen das Geld herzugeben. Deshalb waren die ersten Geldstücke überhaupt aus edlen, wertvollen Metallen, die schon immer sehr begehrt waren. Denken wir nur an den Dukaten aus Gold, den Golddollar oder die Goldmark des Deutschen Kaiser‑Reiches, mit der man bei uns bis zum Ersten Weltkrieg bezahlte.
Zusammengefasst hat Geld diese Funktionen:
Wertmaß und Wertmesser
Allgemein anerkanntes Tausch- oder Zahlungsmittel
Wertaufbewahrungsmittel (Wertspeicher)
Seine Funktion als Wertspeicher verhindert seine Funktion als allgemeines Tauschmittel.
Zur Behebung dieser Schwierigkeit dient der Zins, das ist die Belohnung, den Wertspeicher anderen zur Verfügung zu stellen.
Wertspeicher gegen Tauschmittel !!
Welche andere Möglichkeit gibt es, diese Schwierigkeit zu beheben?
Alles über Umlaufgebühr und Regio-Geld ( www.regionalgeld.de )
Der Artikel ist aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt und stammt imWesentlichen aus http://www.wellermanns.de/Gerhard/Geld_Geschichte.htm#Zur%20Geschichte%20des%20Geldes. Weitere Quellen (1) Brakteaten: Karl Walker:“ Das Geld der Geschichte“; http://userpage.fu-berlin.de/~roehringw/walker; (2) Jens Hakens u.a., Welche rolle spielt das Geld?, Fairconomy, Nr. 1 2005, (2) Thomas Koudela, Ökonomie, Marktwirtschaft jenseits des Kapitalismus, 2004, EWK-Verlag, www.ewk-verlag.de u. (3) Eine Alternative zur Beschäftigungskrise, www.koudela.net, (4) Thomas v. Tubeuf, Humannwirtschaft – 02/2006, sowie www.inwo.de.
Kritik am Bedingungslosen Grundeinkommen, Werner
Kritik an dem Modell von Götz Werner „Einkommen für alle“
(Bedingungsloses Grundeinkommen, BGE)
Das Besondere am Werner-Modell ist der Vorschlag, das Grundeinkommen aus der Konsumsteuer zu finanzieren, bei gleichzeitigem Wegfall aller auf Einkommen und Erträgen erhobenen Steuern.
Was passiert mit einer Volkswirtschaft, wenn das Einkommen bzw. die Erträge aus der Produktion
( dank der von Werner viel beschworenen durch Investition erzeugten Rationalisierung )
auf immer weniger Schultern verteilt wird?
Werner verkennt, wie unser Geldsystem funktioniert:
Geld wird im Prinzip über Schulden für Unternehmen und den Staat in das Wirtschaftssystem eingespeist. Letztlich bezahlen die Unternehmer damit Lohn- und Kapitalkosten an die in den Produktionsprozess eingebundenen Wirtschaftsteilnehmer. Über deren Konsum (Abnahme von Waren = Entnahme von Leistungen) erreicht das Geld wieder die Unternehmen, die damit die Schulden und Schuldenkosten bedienen können. Dies ist der Wirtschaftskreislauf: Geld fließt in die eine Richtung, Leistungen in die andere.
Wenn aber die Zahl der Abnehmer in diesem Kreisprozess schwindet, immer mehr aus dem Produktionsprozess herausfallen, wer nimmt dann die Waren ab, so dass der Unternehmer seine Kosten begleichen und seinen Profit in Geld realisieren kann?
Die Lösung von Werner besteht darin, dass alle ein Grundeinkommen erhalten, mit dem dieser Überhang an Leistungen vom Markt abgeräumt wird und das konsumsteuerfinanziert ist. Doch woher kommt das Geld für das Grundeinkommen derjenigen, die aus dem Produktionsprozess herausgefallen sind? Aus der Besteuerung ihres eigenen Konsums? Dies ist so, als wolle sich Münchhausen an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Es kann auch nicht aus der Konsumsteuer der im Produktionsprozess eingebundenen Wirtschaftsteilnehmern kommen, da diese dann weniger Waren abnehmen würden (s. Ergänzung, Berechnung)
- Realistischerweise muss jemand für dieses Grundeinkommen als Vorschuss Schulden aufnehmen, z.B. der Staat. Durch den Konsum werden dann zwar die ursprünglichen Schulden zurückgeführt, aber es bleibt ein Teil stehen, der durch die fälligen Zinsen erwachsen ist. Das Geldvermögen der Geldbesitzer steigt. (Schon jetzt existieren in Deutschland 6 Billionen € Schulden, denen die gleich große Summe von Geldvermögen gegenüber stehen. Etwa 70 % dieser Schulden fallen auf die Unternehmen und 25 % auf den Staat, die die Kosten dafür an die Konsumenten weiterreichen).
Sehr viel wichtiger ist, dass der Überschuss (Gewinn) des reichen Bevölkerungsanteils, der sich aus der Differenz von Einkommen zu Ausgaben ergibt, nicht besteuert wird. Er trägt dann nicht zum Aufkommen des BGEs bei. Der Mangel, der sich aus dem Auseinanderklaffen zwischen arm und reich ergibt, wird auf die Allgemeinheit verteilt. Der Staat entledigt sich vollständig der Aufgabe, für eine gerechte Verteilung des gemeinschaftlich erarbeiteten Volkseinkommen zu sorgen. Schlimmer noch: Durch Verstärkung dieser Ungleichverteilung wird letztlich die Maschine Volkswirtschaft gegen die Wand gefahren. (s. Artikel Modelle..)
- Oder die Geldbesitzer werden zur Kasse gebeten, bzw. besteuert, auch alle jene, die aufgrund von Besitz leistungsloses Einkommen beziehen, sowie jene, deren Einkommensgröße jenseits einer angemessenen Leistungsrelation liegt (die Ackermanns).
- Oder die Waren bleiben liegen, die entsprechenden Firmen gehen Pleite, die Volkswirtschaft schrumpft. Es kommt zu den bekannten Konjunkturtälern bis hin zum Zusammenbruch des Wirtschaftssystems (Argentinien).
Letztlich wird man nicht vermeiden können, die Verteilungsfrage zu stellen, um das Grundeinkommen dazu zu benutzen, die Masse der Leistungsträger – die arbeitsfähige Bevölkerung – am Produktivitätsfortschritt der Volkswirtschaft zu beteiligen (Fall 2). Daran wird man die Modelle zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) messen müssen.
Im Folgenden Dokument eine Berechnung des BGE
Berechnung-des-bedingungslosen-grundeinkommen