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Blinde Flecken bei Marx

Blinde Flecken bei Marx

 

Angesicht des sozialen Elends im Zusammenhang mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert formulierte Marx in seiner Analyse die Kritik zum kapitalistischen Gesellschaftssystem. Diese führte später zu einem dem Kapitalismus entgegengesetzten Gesellschaftskonzept. Seit der Auflösung der osteuropäischen sozialistischen Gesellschaften erschien diese Alternative endgültig als Illusion – eine Alternative, die für viele Menschen ein Schrecken war, die in diesen Systemen leben mußten.

War dies nur eine Frage der Umsetzung marxistischer Ideen und Vorstellungen oder gab es grundsätzliche Fehleinschätzungen, die notwendigerweise zu den schlechten Auswirkungen führen mußten, anders formuliert: war schon von ihren Ansätzen in der marxistischen Theorie die “böse“ Wirklichkeit verborgen?

 

Es gibt verschiedene Bereiche, wo das zutrifft:

(Ich beziehe mich u.a. auf Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie, dtv, 2002 und Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967)

· Das mechanistische reduktive Weltbild, das in den Anfängen der Aufklärung (Newton) stehen geblieben war,

· Der ökologische blinde Fleck: Die Natur wird als bloße zu bearbeitende Rohmasse ohne eigenen Wert betrachtet. Die Welt ist menschenzentriert.

· Der monetäre blinde Fleck: In der Ökonomie wird die Zirkulationssphäre (Geldsystem) zugunsten der Produktionssphäre vernachlässigt.

· Der feministische blinde Fleck: Die patriarchalische Gesellschaftstrukturen werden nicht hinterfragt

· Der psychologische blinde Fleck: Der Mensch wird als Vernunft gesteuert gesehen. Psychische Faktoren werden als bürgerlicher Überbau abgetan.

Ich beziehe mich auf die ersten drei Punkte:

Das mechanistisch reduktive Weltbild bei Marx

 

Die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie Quantenphysik, Relativitätstheorie, die Fragen, was ist Materie, was ist Objektivität fanden kaum Eingang in seiner Weltauffassung. Sie konnten es auch nicht, weil die Wissensgrundlage dafür fehlte. Sein Wissen bezog er aus dem Weltbild von Newton. Aber auch die Nachfolger blieben dem verhaftet. Das Ergebnis war ein Technikfetischismus, z.B. des technokratischen Funktionärstyps der Sowjetgesellschaft Stalins, wie er etwa auch auf der kapitalistischen Seite z. B. von Walther Rathenau, später von Howard Scott (USA; er vertrat eine „Wissenschaft vom sozialen Körper“ mit meßbaren Größen) geteilt wurde (s. G. Senft: Aufstieg u. Niedergang der Technokratie, Z.f. Sozialökonomie, 139/2003).

 

Dagegen gab es im Westen Marxisten, u.a. Markuse, die diesen Technikfetischismus als Problem ansahen. Die Analyse von Markuse, die er in seinem Buch « Der eindimensionale Mensch » vorträgt, hat bis heute an Aktualität nicht verloren. Sie wurde unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA der 60iger Jahre abgefaßt. Die Eindimensionalität bedeutet, daß in der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft die zweite Dimension, die Dimension von Opposition der fortschrittlichen Kräfte verloren gegangen ist: Die Arbeiterklasse ist nicht mehr länger der „natürliche“ Adressat revolutionärer Entwürfe.

 

Wie kam es dazu?

Wiederum stehen wir einem der beunruhigendsten Aspekte der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation gegenüber: dem rationalen Charakter ihrer Irrationalität.

Ihre Produktivität und Leistungsfähigkeit, ihr Vermögen, Bequemlichkeiten zu erhöhen und zu verbreiten, Verschwendung in Bedürfnis zu verwandeln und Zerstörung in Aufbau, das Ausmaß, in dem diese Zivilisation die Objektwelt in eine Verlängerung von Geist und Körper des Menschen überführt, macht selbst den Begriff der Entfremdung fragwürdig. Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder; sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Hi‑Fi-Empfänger, ihrem Küchengerät. Der Mechanismus selbst, der das Individuum an seine Gesellschaft fesselt, hat sich geändert, und die soziale Kontrolle ist in den neuen Bedürfnissen verankert, die sie hervorgebracht hat. ………………………

Es ist daher kein Wunder, daß die sozialen Kontrollen in den fortgeschrittensten Bereichen dieser Zivilisation derart introjiziert worden sind, daß selbst individueller Protest in seinen Wurzeln beeinträchtigt wird. Die geistige und gefühlsmäßige Weigerung »mitzumachen« erscheint als neurotisch und ohnmächtig. Das ist der sozialpsychologische Aspekt des politischen Ereignisses, von dem die gegenwärtige Periode gekennzeichnet ist: das Dahinschwinden der historischen Kräfte, die auf der vorhergehenden Stufe der Industriegesellschaft die Möglichkeit neuer Daseinsformen zu vertreten schienen…………..

Aber in der gegenwärtigen Periode erscheinen die technologischen Kontrollen als die Verkörperung der Vernunft selbst zugunsten aller sozialen Gruppen und Interessen ‑ in solchem Maße, daß aller Widerspruch irrational scheint und aller Widerstand unmöglich……….

Die Erzeugnisse durchdringen und manipulieren die Menschen; sie befördern ein falsches Bewußtsein, das gegen seine Falschheit immun ist. Und indem diese vorteilhaften Erzeugnisse mehr Individuen in mehr gesellschaftlichen Klassen zugänglich werden, hört die mit ihnen einhergehende Indoktrination auf, Reklame zu sein; sie wird ein Lebensstil, und zwar ein guter ‑ viel besser als früher ‑, und als ein guter Lebensstil widersetzt er sich qualitativer Änderung. So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden. Sie werden neubestimmt von der Rationalität des gegebenen Systems und seiner quantitativen Ausweitung………………

Wenn dieser Punkt erreicht ist, erstreckt sich Herrschaft ‑ in der Maske von Überfluß und Freiheit ‑ auf alle Bereiche des privaten und öffentlichen Daseins, integriert alle wirkliche Opposition und verleibt sich alle Alternativen ein. Die technologische Rationalität offenbart ihren politischen Charakter, indem sie zum großen Vehikel besserer Herrschaft wird und ein wahrhaft totalitäres Universum hervorbringt, in dem Gesellschaft und Natur, Geist und Körper in einem Zustand unaufhörlicher Mobilisation zur Verteidigung dieses Universums gehalten werden………(Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967, S.28 ff)

 

Mit der These von der Eindimensionalität der kapitalistischen Gesellschaft stellt sich Markuse gegen die marxistische Vorstellung von gesetzmäßigen, sich dialektisch vollziehenden Gesellschaftsentwicklungen. In diesen Vorstellungen von geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten gibt sich Marx als Kind seiner Zeit zu erkennen mit dem damals gängigen newtonschen Weltbild. Der heutige Physiker Fred Alan Wolf formuliert etwas populär dieses Weltbild so:

 

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Physik zum Modell nicht nur des physikalischen Universums, sondern auch des menschlichen Verhaltens geworden…….Jede Wirkung mußte eine bekannte Ursache haben. Jede Ursache mußte zu erklärbaren (meßbaren! ) Wirkungen führen. Damit wurde Zukunft eine logische Folge der Vergangenheit…. Selbst unser Denken mußte in irgeneiner Weise mit der Maschine Newton erklärt werden… Sie forschten nach allgemeinen Gesetzen, mit denen sich die Geschichte und das menschliche Verhalten erklären ließen. Karl Marx, z.B., nahm an, das Subjekt jeder Veränderung sei die Materie (was immer man damals unter Materie verstand!), und jede Veränderung sei das Ergebnis eines fortwährenden Konfliktes zwischen den Widersprüchen, die allen Dingen innewohnten…Diese Theorie, die als dialektischer Materialismus bekannt ist, erinnert in mancher Hinsicht an das zweite Newtonsche Axiom, das besagt, daß die Ursache einer Bewegungsänderung eine Kraft ist, und daß es die Materie ist, auf die die Kraft einwirkt…. (F.A. Wolf; Der Quantensprung ist keine Hexerei, Birkhäuser, 1986, S. 54 ff)

 

Dieses Weltbild wird noch heute von Verfechtern beider Gesellschaftssystem (kapitalistisch/ sozialistisch) vertreten (s.u.). Markuse greift dieses Weltbild unter dem Aspekt der Herrschaft an: es tauge nichts für eine befreite Gesellschaft:

„Zwischen dem naturwissenschaftlichen Denken und seiner Anwendung, zwischen dem Universum der naturwissenschaftlichen Sprache und dem des alltäglichen Sprechens und Verhaltens scheint eine engere Beziehung zu herrschen – eine Beziehung, worin sich beider unter derselben Logik und Rationalität von Herrschaft bewegen (a.a.O S. 169)…..

Wohlgemerkt, es geht nicht nur um Anwendung, sondern um Methoden und Begriffe der Naturwissenschaft.

Worin besteht die naturwissenschaftliche Methode: Sie quantifiziert, operationalisiert, abstrahiert. Sie führt zu mathematischen Strukturen – in der modernen Physik ist die Wirklichkeit überhaupt nur noch mathematisch verstehbar – und löst damit „die Wirklichkeit von allen immanenten Zwecken ab, trennte folglich das Wahre vom Guten, die Wissenschaft von der Ethik (1dimens.M. , S.162.).„ Das Tote wird zur Wirklichkeit, von der Welt bleibt nur noch die quantifizierbare Qualität übrig. Es ist ein reduziertes Weltbild.Wahre Erkenntnis und Vernunft verlange Herrschaft über die Sinne – wenn nicht Befreiung von ihnen (a.a.O. S. 162)“ Außerhalb dieser Rationalität lebt man in einer Welt von Werten, und Werte, die aus der Realität heraus gelöst sind, subjektiv sind. Werte (künstlerische, moralische, geistige, religiöse) mögen wichtig sein (hohe Dignität), sind aber nicht wirklich, eingebildet, zählen weniger im Lebensvollzug, je wichtiger sie werden. Alles, was von der wissenschaftlichen Methode nicht verifiziert wird, hat dieselbe Entwirklichung, leidet darunter, das es nicht objektiv ist. „Der unwissenschaftliche Charakter dieser Ideen schwächt verhängnisvoller Weise die Opposition gegenüber der bestehenden Wirklichkeit; die Ideen werden zu bloßen Idealen, und ihr konkreter kritischer Inhalt verflüchtigt sich in die ethische oder metaphysische Atmosphäre. (a.a.O, S.163)“. Gefragt im Alltag sind die Macher, die Praktiker, die Realisten, alles andere bleibt für die Sonntagsreden.

Erstaunlicherweise entwickelt sich eine solche Naturwissenschaft mit ihrer Objektivität in einer solchen Weise, daß sie mehr und mehr abhängig vom Subjekt wird. Die objektive Qualität der äußeren materiellen Welt wird ja nicht direkt erfaßt, sondern ist Ergebnis von Experimenten. Es werden Wirkungen gemessen und damit Beziehungen und nicht das Ding an sich. Das wird besonders sichtbar am Begriff „Energie“. Es hat noch niemand Energie in der Hand gehalten, sondern sie ist immer nur in ihrer Wirkung erfahrbar. „…die Relativitätstheorie hat niemals alle Versuche aufgegeben, der Materie Eigenschaften beizulegen…..Aber oft ist eine meßbare Quantität keine Eigenschaft eines Dings, sondern eine Eigenschaft seiner Beziehung zu anderen Dingen… Die Messungen in der Physik haben es nicht direkt mit den uns interessierenden Dingen zu tun, sondern mit einer Art von Projektion, das Wort im weitest möglichen Sinne genommen. (Max Born, Physical Reality, in : Philosophical Quarterly,3, 1953, S.143, nach a.a.O., S. 164)“ Und W. Heisenberg sagt, für den Atomphysiker sei «das Ding an sich» schließlich eine mathematische Struktur, die indirekt aus der Erfahrung zu schließen ist (W.Heisenberg in seinem Buch Physik und Philosophie, 1959). Markuse kommentiert dies: „Die Dichte und Undurchdringlichkeit der Dinge verdunsten: die objektive Welt verliert ihre «anstößigen» Charakter, ihren Gegensatz zum Subjekt…erscheint die mathematische Natur, die wissenschaftliche Wirklichkeit, als ideelle Wirklichkeit. (a.a.O. S.164).“

Damit führt die Methode der Naturwissenschaft zu einer Entstofflichung der Natur. Der Glaube an die mathematische Erfassung der Welt als einzige Wirklichkeit wird zu einem neuen Mythos, der den Mythos des Mittelalters ersetzt, ist aber diesen und anderen überlegen, da er sich als wirksamer erweist. „Quine spricht vom «Mythos physikalischer Objekte» und sagt, daß hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Fundierung die physikalischen Objekte die Götter (Homers) nur dem Grad, nicht der Art nach verschieden sind. (a.a.O., S. 163).

Der Alltagsbegriff Materie, der so schön griffig war – anschaulich, spürbar, bearbeitbar – verflüchtigt sich, wird zu einem dünnen Extrakt von Formeln. Nach dem Versuch, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, erscheint sie wieder auf dem Kopf. Aber die neue Anschauung ist wirksamer als alle vorangehenden. Die mathematische Logik erlaubt Voraussagen und zwar, indem sie Störfaktoren herausrechnet und die Lebenswelt von den unberechenbaren Ungewißheiten und Einzelheiten befreit: In der mathematischen Praxis erreichen wir, was uns in der empirischen Praxis versagt ist: Exaktheit; denn für die idealen Gestalten ergibt sich die Möglichkeit, sie in absoluter Identität zu bestimmen, .. als allgemein verfügbar….Ist man einmal bei den Formeln, so besitzt man damit im voraus schon die praktisch erwünschte Voraussicht- die Voraussicht dessen, was in der Erfahrung des konkreten Lebens zu erwarten ist (S.177) In dieser Weise entwickelt sich die Naturwissenschaft einen instrumentalistischen Charakter. Sie ist in sich technologisch geworden. Zwischen Naturwissenschaft und Technik herrscht eine enge Verbindung: In dem Maße, wie der Operationalismus ins Zentrum des wissenschaftlichen Unternehmens tritt, nimmt die Rationalität die Form methodischer Konstitution, Organisation und Handhabung der Materie als bloßen Stoffs der Kontrolle an, als Mittel, das sich für alle Ziele und Zwecke eignet – Mittel per se, an sich (S. 170) Mit ihrer Objektivität und Neutralität beansprucht sie die Welt so abzubilden wie sie an sich ist. Dieser Anspruch überträgt sich auf die gesamte Erfahrungswelt. :Während die Wissenschaft die Natur von allen immanenten Zwecken befreite und die Materie aller Qualitäten, mit Ausnahme quantifizierbarer, entkleidete, befreite die Gesellschaft die Menschen von der natürlichen Hierarchie persönlicher Abhängigkeiten und verband sie miteinander nach quantifizierbaren Qualitäten – nämlich als Einheiten abstrakter Arbeitskraft, berechenbarer Zeiteinheiten (S. 171).

Diese Erfahrungswelt reduziert sich auf berechenbaren, voraussagbaren Beziehungen von exakt bestimmbaren Einheiten. Individuelle, nichtquantifizierbare Qualitäten – Liebe, Schönheit, Glaube, – sind sekundär, haben etwas eingebildetes Unwirkliches. Die Naturwissenschaft suspendiert das Urteil darüber, was die Realität sein mag. Die Frage danach bezeichnet sie als sinnlos, da unbeantwortbar, verwirft sie zugunsten der Frage „Wie funktioniert etwas?“ Und stellt eine praktische Gewißheit her. Das metaphysische „Sein als solches“ weicht einem Instrumentensein. Diese Methode (Quantifizierung/Operationalisierung) zur Erkenntnis über die Welt zu gelangen entwirft eine geschichtliche Totalitäteine eindimensionale Welt. Aber es handelt sich um einen spezifischen, geschichtlich-gesellschaftlichen Entwurf, und das Bewußtsein, das diesen Entwurf unternimmt, ist das verborgene Subjekt (dieser) ..Wissenschaft; diese ist die Technik, die Kunst der ins Unendliche erweiterten Voraussicht. (S. 178).

Ein schönes Beispiel für neuzeitliche Naturwissenschaftler bieten die folgenden Texte:

 

Peter Mulser, Prof. f. theoretische Physik: Über Voraussetzungen einer quantitativen Naturbeschreibung;

In: V. Braitenberg/Inga Hosp (Hg.), Die Natur ist unser Modell von ihr, rororo, 1996, S. 156 ff

Das philosophische Nachdenken hat das Denken überhaupt geschärft und sukzessive zahlreiche vermeintlich tiefe Probleme als grundsätzlich unlösbar und somit als Scheinprobleme entlarvt. Wohl berühmtestes Beispiel ist das nicht erkennbare Kantsche «Ding an sich». Es scheint, als seien Erfolg und Nutzen philosophischen Denkens in der Aufgabe von Positionen und in der freiwilligen Beschränkung am größten gewesen. Der andere Aspekt traditioneller Naturerkenntnis und ‑Philosophie ist ihr Mangel an Folgerichtigkeit, die qualitative Naturbeschreibung tritt auf der Stelle. Sie lebt, in ihren besten Vertretern, von der Bildung neuer interessanter Assoziationen und geistreicher Bezüge und gehört somit mehr in das Reich von Kunst und Dichtung. In diesem vorwissenschaftlichen Feld kommt der Philosophie als Anreger und Wegbereiter, und auch als Regulativ für Geist und Psyche, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nur darf sie nicht den Anspruch gesicherter Erkenntnis erheben. Diese nämlich setzt als Postulat Nachprüfbarkeit voraus und fordert das Experiment.

Das Experimentieren als systematisches Befragen der Natur kannte das alte Denken nicht. Es ist eine echte Erfindung am Übergang zur Neuzeit, mit einschneidenden Folgen für Denken und Handeln. Die neue Methode der Naturwissenschaften führt zu systematischem Wissensaufbau und zu Lehr‑ und Übertragbarkeit von Wissen über alle historischen Kulturen hinweg. Wie durchschlagend ihr Erfolg war, geht aus der Tatsache hervor, daß die Naturwissenschaften ganze Themenkomplexe der Philosophie entrissen und letztere in ihr Vorfeld verwiesen, wo sie sich um die Grundlegung der wissenschaftlichen Disziplinen bemüht. (S. 156)……

Worauf gründet sich dieser Erfolg der Naturwissenschaften? Auf die Existenz isolierter und isolierbarer oder zumindest verdünnbarer Systeme. Diese Eigenschaft erlaubt die Ordnung nach « reinen » Fällen. Sie führt zu Reproduzier‑ und Steuerbarkeit. Bis heute haben die Wissenschaftler durch Abtrennen, durch « Zerhacken » immer wieder Erfolg gehabt. Wer weiß, wo und wie dieser Vorgang zum Stillstand kommen wird?

Und der Herausgeber Valentin Braitenber schreibt (S.11):

Schließlich entscheidet immer der Erfolg über die Bilder, die wir uns von der Welt machen: Die erfolgreichen sind wahr, die anderen nennen wir Irrtümer.

Schöner kann die Weltanschauung der heutigen kapitalistisch verfaßten oder auch technologisch bestimmten Gesellschaft in ihrer Arroganz und Totalität (Eindimensionalität) nicht beschrieben werden.

Diese spezifische Denkweise, die zur Beherrschung von Natur und Mensch führt, verändert sich auch nicht in einer anderen gesellschaftlichen Organisation, sie wohnt der Wissenschaft inne. Dies nicht gesehen zu haben, trieb Sozialisten zu gigantischen Fehlhandlungen mit zerstörerischen Folgen und unmenschlichen Ausmaßen.

Welche Aussichten gibt es:

Was ich herauszustellen versuche, ist, daß die Wissenschaft aufgrund ihrer eigenen Methode und Begriffe ein Universum entworfen und befördert hat, worin die Naturbeherrschung mit der Beherrschung des Menschen verbunden blieb – ein Band, das dazu tendiert, sich für dieses Universum als ganzes verhängnisvoll auszuwirken….Wenn dem so ist, würde die Änderung der Richtung des Fortschritts, die dieses verhängnisvolle Band lösen könnte, auch die Strukturen der Wissenschaft selbst beeinflussen — die Wissenschaft würde folglich zu wesentlich anderen Begriffen der Natur gelangen und wesentlich andere Tatsachen feststellen….. diese Idee zielt ab auf das Zur-Ruhe-Kommen der repressiven Produktivität der Vernunft, auf das Ende der Herrschaft im Genuß … zur Versöhnung von Logos und Eros….(S. 180 ff).

 

Daß diese Vernunft nur in begrenzter Weise die Probleme des Menschen zu lösen vermag, legt unter einem ganz anderen Aspekt Eugen Drewermann dar. Seine Behauptung:

Es ist nicht nur, daß die Naturwissenschaften auf alle menschlich relevanten Fragen (auf die Probleme von Subjektivität, Vernunft und Freiheit) Antworten weder geben können noch wollen, es ist vor allem, daß alle Ideologisierung der Naturwissenschaft, ja, schon ihre praktische, faktische Dominanz in allen Bereichen der Kultur (bis hinein in die Lehrpläne unserer Schulen und Universitäten) eine enorme Gefahr der Vereinseitigung des Blicks auf die Wirklichkeit darstellt ‑ mit allen sich daraus ergebenden Folgeschäden …….

 

Dieser Satz stammt aus seinem Buch: Im Anfang…, Die moderne Kosmologie und die Frage nach Gott (Glauben in Freiheit, Band 3, Walterverlag, 2002).

Im Folgenden sind einige seiner Gedanken zusammengestellt:

 

«Gnade um Gnade» (Joh 1,16) oder:

Die Dimension der Liebe und das Ende der Einsamkeit

 

In seinem berühmt gewordenen Essay Ich und Du aus dem Jahre 1923n zog MARTIN BUBER … die Folgerung aus der «Worthaftigkeit» des menschlichen Daseins, indem er zwischen der «Eswelt» und der «Duwelt» unterschied:……

Es sind demnach zwei konträre Formen des Sichverhaltens, je nachdem, ob wir die uns umgebende Wirklichkeit als Eswelt oder als Duwelt konstituieren; in dem einen wie in dem anderen Falle erscheint uns die Wirklichkeit auf grundverschiedene Weise. In der Sprache der KANTschen Erkenntniskritik können wir auch sagen, daß die Wirklichkeit, wenn wir sie als empirische mit den Sinnen erfahren und mit dem Verstand zu begreifen versuchen, sich nach Gesetzen geordnet darstellen wird; wir wissen aber bereits, daß es gerade diese «Weltbetrachtung» ist, die uns als «objektive Wahrheit» eine Wirklichkeit zeigt, in welcher die Sphäre des Subjekts sich als fremd (als nicht gemeint), als einsam (als allein gelassen) und in ihrer Existenz als absurd (als konfrontiert mit «sinnlosen» Notwendigkeiten und Zufällen) vorfinden muß. Es ist daher nicht möglich, zu erklären, das Universum selbst (oder sein «Schöpfer») sei «abweisend», «gleichgültig» und «grausam», wir müssen vielmehr feststellen, daß das Weltall beziehungsweise die Weltwirklichkeit uns allerdings in dieser Weise erscheinen muß, wenn wir uns nach Art der Naturwissenschaften dazu verhalten; bei objektiver Betrachtung des Universums werden wir in der Tat niemals etwas zu Gesicht bekommen, das uns als weise, wohlmeinend und gütig erscheinen könnte. Eben daran liegt es, daß sich von der Weltwirklichkeit her keinerlei «Gottesbeweis» führen läßt. Was KANT vor 200 Jahren aus erkenntnistheoretischen Gründen als Einsicht vorwegnahm, hat sich mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften (nicht zuletzt gerade in den vergangenen 5o Jahren) vollauf bestätigt. Die Trennlinie zwischen Wissen und Glauben, zwischen Physik und Metaphysik, zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist methodisch wie inhaltlich seither klar markiert und weder von der einen noch von der anderen Seite her durchlässig.

Um so wichtiger ist es zu betonen, daß es notwendigerweise neben der naturwissenschaftlichen Weltsicht eine andere gegenläufige Weise der Wirklichkeitsauslegung gibt und geben muß, in der allein so etwas wie Religion begründbar ist. Ein schweres Mißverständnis und im Endergebnis ein folgenschwerer Mißbrauch der Naturwissenschaften zum Zwecke gesellschaftspolitischer Ideologie liegt darin, die Sicht auf die Wirklichkeit, die wir naturwissenschaftlich gewinnen können, mit der Wirklichkeit «an sich» gleichzusetzen und alternativlos die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung für «bewiesene Wahrheiten» auszugeben: Anscheinend folgt dann aus den «Naturgesetzen» zum Beispiel der «DARWINismus» als Handlungsanleitung auch für die gesellschaftliche Praxis: im Kampf ums Dasein der «Rassen» gegeneinander (im Rassenwahn des Nationalsozialismus) oder im Konkurrenzprinzip des Kapitalismus (im Klassenwahn des wirtschaftstheoretischen Neoliberalismus) oder in den Erfolgsstrategien bei der Durchsetzung gewisser geistiger Inhalte, der «Meme» (im Griff nach Weltherrschaft durch die zentrale Kontrolle der Informationsnetze im Computerzeitalter) usw.; der menschlichen Kultur erwächst bei dieser Betrachtung dann wie von selber vermeintlich die «Pflicht», sich «naturgemäß» zu verhalten und (bei Verzerrung auch und gerade der «DARWINistischen» Überlebensstrategien der Evolution) den «Stärksten», den «Mächtigsten», den «Reichsten» und den Skrupellosesten die höchsten Gewinnchancen im Überlebenskampf in Aussicht zu stellen. Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, daß wir auf solche Weise nicht «natürlicher» und «besser angepaßt», sondern nur unmenschlicher und destruktiver zu werden drohen; jetzt aber können wir genauer sagen: Bei einer Verwechslung von naturwissenschaftlichen Aussagen mit der Natur «an sich selbst» wird die Herkunft der Naturwissenschaften aus einer Form der Selbstauslegung des menschlichen Daseins schlicht übergangen; und es steht daher nicht zu wundern, daß nach der Eliminierung des menschlichen Faktors in aller naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung sich eine so «erklärte» «Natur» selbst in eine Vorschrift zur Eliminierung der Menschlichkeit verwandelt.

Es ist nicht nur, daß die Naturwissenschaften auf alle menschlich relevanten Fragen (auf die Probleme von Subjektivität, Vernunft und Freiheit) Antworten weder geben können noch wollen, es ist vor allem, daß alle Ideologisierung der Naturwissenschaft, ja, schon ihre praktische, faktische Dominanz in allen Bereichen der Kultur (bis hinein in die Lehrpläne unserer Schulen und Universitäten) eine enorme Gefahr der Vereinseitigung des Blicks auf die Wirklichkeit darstellt ‑ mit allen sich daraus ergebenden Folgeschäden …….

In Wahrheit geht es nicht um eine «Uberlebensfrage» der menschlichen Spezies im Konkurrenzkampf der Arten, es geht um die Ermöglichung und um den Erhalt der Menschlichkeit des Menschen, wenn wir den naturwissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit als ergänzungsbedürftig betrachten und neben ihm komplementär einen anderen, in gewissen Sinne entgegengesetzten Zugangsweg postulieren, der vom Subjekt des Menschen seinen Ausgang nimmt und der die Bedürfnisse und Erfordernisse der Subjektivität der menschlichen Existenz als eine eigene Wirklichkeit jenseits der «Natur» berücksichtigt. Allerdings kommt es darauf an, die Forderungen der Subjektivität nicht fälschlicherweise in objektive Tatsachenbehauptungen zu verwandeln, wie es nicht nur Theologen unterlaufen kann.

 

Während Naturwissenschaftler versuchen, ihre Methoden und Begrifflichkeit auf die gesamte menschliche Lebenswelt auszuweiten, gibt es jenseits der Naturwissenschaft wiederum Tendenzen Phänomene, die für die Naturwissenschaft tabu sind, mit naturwissenschaftlichen Begriffen zu erklären. Am Beispiel des von Jung benannten Phänomens Synchronizität weist im folgenden Text Drewermann im Detail auf, welche Fehler auftauchen, wenn man beide Ebenen vermischt. Synchronizität beschreibt zwei Ereignisse, die keinen erkenntlichen kausalen Zusammenhang haben, aber für der Betrachter von Bedeutung sind: Jemand sieht einen Käfer –Skarabäus, Symbol des Todes – durch das Fenster in seinen Raum fliegen. Die Person ist beunruhigt. Zur selben Zeit stirbt ihr Vater, wie sich später herausstellt. In einem Gespräch mit Pauli, einem Atomphysiker, versucht Jung, neben Raum, Zeit und Kausalität das Phänomen Synchronizität als Kategorie einzuführen. Die detaillierte Argumentation von Drewermann kann im Folgende(kursiver Text) überlesen werden, ist aber interessant.

 

Als zum Beispiel C. G. JUNG über die «Vollständigkeit des Verstehens» nachdachte, versuchte er im Gespräch mit WOLFGANG PAULI, den schon erwähnten Gedanken der «Synchronizität» zu begründen…….

JUNG glaubte, mit diesem Konzept Physik wie Philosophie miteinander verbinden zu können, indem er die «Synchronizität» als ein akausales Prinzip «zu den drei anderen Prinzipien» hinzunahm……….«Wie die Einführung der Zeit als vierte Dimension in der modernen Physik das Postulat eines unanschaulichen Raumzeitkontinuums bedingt», so sollte nach JUNG «die Synchronizität mit der ihr anhaftenden charakteristischen Sinnqualität ein Weltbild von einer zunächst beinahe verwirrenden Unanschaulichkeit» erzeugen.» «Der Vorteil dieser Ergänzung», meinte er, sei «die Ermöglichung einer Auffassung, welche den psychoiden Faktor, nämlich einen apriorischen Sinn… mit in die Beschreibung und Erkenntnis der Natur einbezieht.»

Eigentümlich an dieser «Argumentation » JUNGs ist die Tatsache, daß er sich sinngemäß zwar auf die Quantenphysik bezieht, um eine akausale Dimension in die Betrachtung der Wirklichkeit einzuführen, daß er dann aber als Begründung seiner Vorstellung die (logisch mit der Quantenphysik unvereinbare) Relativitätstheorie anführt; im Grunde setzt er an die Stelle der Quantenphysik (von der wir hörten, daß sie vermutlich eine nicht‑kontinuierliche, diskrete Auffassung der Strukturen von Raum und Zeit erfordert) zur «Verknüpfung» mit dem kausalen Determinismus der Relativitätstheorie das, was er als «Synchronizität» bezeichnete und was, wie er glaubte, einen «psychoiden» (also doch wohl einen von unbewußtem Willen oder Wollen beeinflußbaren!) Faktor enthalten sollte. Man kann nicht anders sagen, als daß auf diese Weise psychisch verursachte Phänomene als Teile der physikalischen Realität betrachtet werden; eine solche Physikalisierung der Psychologie beziehungsweise eine derartige Psychologisierung der Physik aber verstößt nicht nur gegen die hierarchische Schichtung der Wirklichkeit ‑ sie überspringt die enorme Distanz, welche von der Evolution überwunden werden mußte, um zwischen Physik, Chemie, Biochemie, Biologie, Bioneurologie und Psychologie zu vermitteln ‑, es handelt sich, methodisch gesehen, in JUNGs Gedankengang zudem auch um das Musterbeispiel eines «Kurzschlusses»; dem Inhalt nach erfüllt sein «Synthese»‑Vorschlag auf geradezu klassische Weise den Tatbestand der Esoterik, die wir ebenso einfach wie korrekt als Beschreibung psychischer Sachverhalte durch den (fälschlichen) Gebrauch naturwissenschaftlicher Begriffe (wie Energie, Feld, Strahlung usw.) charakterisieren können. Die subjektive und die objektive Seite der Wirklichkeit werden auf diese Weise in JUNGs Konzept nicht miteinander verflochten, sondern miteinander vermischt, ja, in bestimmtem Umfang gegeneinander ausgetauscht…….

Ausschlaggebend für uns ist das äußerst problematische Bemühen von Pauli und Jung, eine objektive «Komplementarität» zwischen Naturwissenschaft und «Philosophie» (Theologie, Psychologie) herzustellen, so daß beide Betrachtungsweisen von der «Sache» her als zwei verschiedene, einander ergänzende Zugangswege zu ein und demselben Resultat anzusehen wären. Gerade der Vergleich mit NIELS BOHRs Komplementaritätsbegriff ist hier lehrreich: Die Beschreibung eines Elektrons als «Welle» oder «Teilchen» hängt davon ab, ob wir den Impuls oder den Ort des Teilchens messen wollen; beide Aspekte gehören zu einer vollständigen Beschreibung des Verhaltens eines Elektrons; wenngleich es logisch keine Verknüpfung zwischen beiden Betrachtungsweisen (bzw. Meßverfahren) gibt, so ergänzen doch beide einander; das logisch (und meßmethodisch) alternativ einander Ausschließende gehört doch zur Erstellung eines Gesamtbildes zusammen. Die Verwendung des Komplementaritätsbegriffs bei PAULI und JUNG suggeriert natürlich in gerade dieser Weise einen ebenso unauflöslichen Zusammenhang von «Kausalität» und «Synchronizität», mithin von wissenschaftlicher Naturbeschreibung und menschlicher Sinnsuche, und zwar so, als wenn dieser Zusammenhang selbst objektiv gegeben sein könnte; und genau an dieser Stelle liegt ein entscheidender Denkfehler. Alles, was C. G. JUNG in seinem «Synchronizitäts»‑Aufsatz hat zeigen können, war die offenbare Neigung von Menschen, selbst in eine Zufallsabfolge von Ereignissen (bei entsprechendem psychologischem Druck) einen für sie passenden «Sinn» hineinzulesen; unter gegebenen psychischen Voraussetzungen mag man sogar verstehen, warum einer bestimmten Person sich eine bestimmte Deutung der jeweiligen Begebenheiten als «evident» nahelegen möchte, doch besteht keinerlei Recht, derartigen «Projektionen» einen objektiven Wahrheitswert beizumessen; und in jedem Falle ist die Ebene der Deutung von Tatsachen eine andere als die Ebene der Tatsachen selbst…..

Mit anderen Worten: die gesuchte Komplementarität von «Kausalität» und «Sinn», von Naturwissenschaft und Philosophie, von objektiver Beschreibung und subjektiver Deutung des Naturgeschehens kann nicht «an und für sich» in der Natur selbst bestehen, sie kann sich allein aus einer Sehnsucht des menschlichen Bewußtseins ergeben, das in zwei konträren Weisen: «erkennend» und «wollend», «objektiv» und «subjektiv», wissenschaftlich und sinnsuchend sich zur Wirklichkeit zu verhalten vermag. Der Widerspruch selbst von Wissenschaft und Glauben besteht nicht «objektiv», er geht offenbar vom Menschen aus, indem dieser sich entweder objektiv ‑ erkennend oder subjektiv ‑sinnsuchend zur Wirklichkeit verhält; die gewünschte «Komplementarität» beider Zugangswege kann sich daher auch nicht aus dem «objektiven» Sein der Dinge selbst ergeben; sie entstammt, wenn möglich, nicht einer objektiven Einheit der Welt, sondern allein der Einheit des menschlichen Bewußtseins. Daß Wissen und Glauben überhaupt zusammenkämen, stellt zudem kein Erfordernis objektiver Naturerkenntnis dar ‑ ob die Natur einen «Sinn» hat oder nicht, ist keine Frage der Natur ‑, es ist allein ein Erfordernis der menschlichen Existenz, die als eine in beiden Weisen sich auslegt. Wäre es anders, so müßten Wissen und Glauben derselben Ebene der Wirklichkeit angehören, und so müßten sie beide denselben Rang besitzen. Das aber ist ersichtlich nicht der Fall……

Glauben und Wissen verhalten sich demnach nicht in der Weise «komplementär» zueinander wie das Modell von Welle und Korpuskel in der Elementarteilchenphysik, sondern sie befinden sich auf unterschiedlichen Rangstufen des Gewichts ihrer Fragestellungen. Alles «Glauben» ist wissenschaftlich irrelevant, existentiell aber höchst bedeutsam; umgekehrt ist alles positive «Wissen» existentiell eher unbedeutend, in der Wissenschaft indessen das einzige, auf das es ankommt. Aus dieser simplen Feststellung ergibt sich eine wichtige Folgerung: daß nämlich die «Synthese» von Wissen und Glauben, von Wissenschaft und Religion, von objektiver und subjektiver Betrachtung der Wirklichkeit nicht von einem weiteren Fortschritt der Wissenschaften zu erhoffen steht, ja, daß diese Synthese überhaupt keinen Auftrag an die künftige Wissenschaftsgeschichte darstellt, sondern daß sie nur geleistet werden kann von der «Dichte» beziehungsweise der Intensität der Existenz selbst her. Die «Synthese» von Glauben und Wissen ist eine Frage der Einheitlichkeit eines Lebens, das gleichermaßen «stark» sein muß im Fühlen wie im Denken; denn nur ein solches Leben wird sich fähig zeigen, die beiden so unterschiedlichen Weisen der Weltbetrachtung in Wissenschaft und Religion als einander komplementär (als wechselseitig bedürftig und ergänzend) aufeinander zu beziehen. Nicht um Erkenntnistheorie geht es daher, sondern um die Rückgewinnung wirklichen Lebens…….

Wie also lebt man «Notwendigkeit» und «Freiheit» «in einem», und wie soll es überhaupt möglich sein, daß beides im Leben des Einzelnen zusammenkommt? Die Antwort kann nur darin liegen, daß wir die Dimension der Anrede erweitern: zur Liebe. Niemand, der die kosmische Einsamkeit des Menschen bedauert, wird sich beim Anblick des Mondes und der Sterne seiner Lage im Weltall trösten lassen; keins der Gestirne antwortet auf das Asylantentum des menschlichen Daseins in den Weiten des Universums……

Dieses Alleinsein als eine Grundbefindlichkeit der menschlichen Existenz wird jeder aus eigenem Erleben irgendwie kennen: Es springt uns an beim Gang über die Straße, beim Sitzen am Fenster, beim Essen, beim Baden bei allen Tätigkeiten, die von innen her nicht gänzlich gefüllt, die geistig nicht völlig «kompakt» sind; da kriecht, mehr als Gefühl denn als Frage, wie ein kalter Strom eine Angst in uns hoch, die uns ans Herz greift, die unseren Körper krümmt wie unter einer unbekannten, drohenden Gefahr, und wir spüren zugleich den «Sinn» dieses «Zugriffs»: Plötzlich werden wir unserer Wesenseinsamkeit inne. All unsere Verrichtungen fallen auseinander und verlieren ihren Zusammenhalt. Bei allem, was wir tun, sehen wir uns selbst zu: wie wir gehen, sitzen, essen, schwimmen ‑ doch wer sind wir in all dem? Was ist das, das da geht, sitzt, ißt, schwimmt? Wir wissen es nicht, und zwar so lange nicht, wie wir zwar gegenwärtig sind, doch nicht in Beziehung, solange es nichts gibt, für das wir wesentlich da sind. Und so entdeckt sich, daß der Hintergrund dieser Angst aus dem Nichts an Beziehung selbst entsteht und besteht…….

In der Paradieserzählung ist es denn auch Gott, der dem «Menschen» schließlich……..die «Frau» erschafft, als sein passendes «Gegenüber». Die Einsamkeit des Menschen, mit anderen Worten, findet ihr Ende allein durch die Liebe. Sie allein vermag das gesamte Lebensgefühl eines Menschen so zu verändern, daß buchstäblich alles in einem anderen «Licht» erscheint………

Die Naturwissenschaften haben dieses ebenso alte wie romantisch wiederzubelebende Weltbild nicht eigentlich aufgehoben, sie haben es lediglich aus der Welt der Tatsachen verbannt und auf den symbolischen beziehungsweise existentiellen Kern seiner Bedeutung zurückgedrängt. Diese symbolisch‑existentielle Bedeutung aber war von Anfang an gegeben und bleibt unverzichtbar. Denn wäre die Sonne nicht auch ein Bild für das menschliche Bewußtsein, so stünden die Sterne nicht auch als Zielorte menschlicher Sehnsucht am Himmel, und schiene der Mond nicht auch als ein Traumbild von Trauer und Zärtlichkeit in das menschliche Herz, so wären die Gestirne niemals als göttliche Mächte verehrt worden; ……..

Symbolisch gelesen, verfügt der Sternenglaube der Alten bleibend und unvergänglich, weil aus dem Herzen des Menschen stammend, über Weisheit und Sinn; es ist aber einzig die Poesie der Liebe, die diesen Bedeutungskern wieder belebt; denn nur sie ist subjektiv und lyrisch genug, um diese Verschmelzung von Innen und Außen zu erreichen.

Rein psychologisch bereits wirkt sich das Empfinden der Liebe in einer Stärkung der Persönlichkeit aus. Sie verschmilzt nicht nur den Menschen mit seiner äußeren Natur, sie verbindet vor allem in ihm selber Denken und Fühlen, Bewußtsein und Unbewußtes, Seele und Körper, Rationalität und Affektivität, eben: «Subjektivität» und «Objektivität». Da das Wort «Liebe» mittlerweile für sehr verschiedene, oft widersprüchliche Einstellungen (von der «Caritas» bis zur Erotikindustrie) verwandt wird, sollten wir den Begriff der Liebe etwas näher beschreiben und sagen: Liebe sei jene Haltung, die von innen her die Subjekthaftigkeit eines fremden Lebens an sich selbst mit allen Kräften wünscht und fördert. ……..

Die Subjekthaftigkeit eines Menschen indessen ist sehr viel reicher; kein Mensch wird mit all seiner Liebe das Wesen eines anderen Menschen gänzlich zu umfassen und zu erfüllen vermögen. Um so unerschöpflicher ist deshalb der Wunsch, gerade das immer wieder neu zu versuchen: keine Umarmung, die nicht das Verlangen ausdrücken würde, den anderen ganz zu «begreifen»; doch dieses «Begreifen» vollzieht sich jenseits allen begrifflichen Denkens.

In gewissem Sinne stellt Liebe die tiefste Art des Verstehens dar, besteht sie doch gerade darin, sich ganz und gar in die Position des anderen hineinzuversetzen. Während alles objektive Erklären die Distanz und die Differenz von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt verstärkt (und damit letztlich die Einsamkeit des Erkennenden nur noch vergrößert), wird im Vorgang des Verstehens die Grenze der Subjekt‑Objekt‑Spaltung aufgehoben: Der Verstehende wird selber der andere, indem er versucht, die Welt mit dessen Augen zu betrachten; er nutzt seine eigene Subjektivität, um sich in die subjektive Welt des anderen hineinzubegeben; und nur so «begreift» er die innere Einheit und Verbundenheit aller Dinge, auch die Einheit von Körper und Seele, von Objekt und Subjekt; und solches «Begreifen» tut not………

Erklären und Verstehen, Naturwissenschaft und Daseinsauslegung (Hermeneutik), objektive Betrachtung und subjektive Einfühlung müssen mithin zusammenkommen, um der Not eines Menschen gerecht zu werden. Dabei kann das Verstehenwollen sich streckenweise des Erklärens bedienen, um den anderen besser zu «begreifen», das Umgekehrte aber ist schon aus methodischen Gründen unmöglich: Freiheit, Personalität und Subjektivität sind keine Kategorien der Naturwissenschaften. Die Folgerung daraus ist wichtig: Das Feld der Hermeneutik ist dem Menschen als Subjekt nicht nur näher und ursprünglicher als das Feld der Erklärungen, es ist auch unendlich viel weiter ‑ so wie mythische Symbole historisch früher sich dem Menschen eingeprägt haben als Fragen nach den Ursachen der Naturerscheinungen und so wie ihre Bedeutungen die Aussagedimension naturwissenschaftlicher Begriffe notwendigerweise bei weitem .übertreffen. ……

Mit anderen Worten: um zur Existenz eines fremden Ichs zu gelangen, bedarf es eines verstehenden, nicht eines erkennenwollenden Sich‑Verhaltens. Dann aber zeigt sich, daß dieses zweckfreie, grundlose Verstehen wie von selbst den Ausgangspunkt und Kern aller Moral bildet. ……..

Was wir daher zu sehen bekommen, ist zweifellos eine «Komplementarität» von Erklären undVerstehen, von Naturwissenschaft und Daseinshermeneutik, von Wissen und Glauben, von Objekt und Subjekt, doch ergibt sich diese «Komplementarität» gerade nicht durch eine Gegensätzlichkeit zweier Unvereinbarkeiten auf derselben Ebene der Realität…..: Noch ehe der Dualismus von Erklären und Verstehen, von Objekt und Subjekt sich überhaupt bilden kann, ist eine Subjekthaftigkeit vorauszusetzen, die beide Weisen der Selbstauslegung umschließt; von dem «transzendentalen Subjekt» hatte KANT gesprochen, doch dieses sein «Subjekt» war allein als Bedingung der Möglichkeit von (gegenständlicher) Erkenntnis gefordert. Was wir an dieser Stelle indessen entdecken, ist eine Ursprungseinheit, eine «Symmetrie» der Beziehung von Subjekt und Objekt aufgrund einer reinen Verschmelzung der Liebe, die auch die Ebene des «Erklärens» aufhebt in ein umfassenderes Verstehen, …..

In der Duwelt der Liebe geschieht es, daß ein Subjekt ein anderes Subjekt als ein solches entdeckt und im Vorgang des Verstehens mit ihm eins wird…….

Mehr noch: Wir sahen vorhin, daß alles Subjekthafte nur ermöglicht wird durch eine Anrede, die es in sich selber unbedingt meint; und so läßt sich jetzt auch sagen, daß alle Liebe in eben der Antwort besteht, die von jener «Anrede» angeregt wurde. Wir wären (psychologisch) niemals imstande, ein Subjekt zu werden beziehungsweise ein Ich auszubilden, ohne ein anderes Ich, das uns fundamental gemocht und gemeint hätte, und alle Liebe, die wir jemals im Leben fühlen und verschenken werden, entströmt diesem Reservoir an Subjekthaftigkeit, aus dem wir selbst hervorgegangen sind. Wir könnten nicht Liebende sein oder werden, wenn wir nicht selbst schon immer geliebt worden wären…….

Diese Liebe wird gefühlt und gelebt, ersehnt und gesucht, vor allem aber wird sie geglaubt. In jeder persönlichen Begegnung ist ein absolutes Du stets schon vorausgesetzt; um lieben zu können, ist es notwendig, an die Liebe zu glauben, und dieser Glaube muß stark genug sein, selbst die jederzeit möglichen Enttäuschungen und Widerstände zu überbrücken……..

Was wir bisher mit dem relativ neutralen Begriff der «Komplementarität» bezeichnet haben, erweist sich jetzt als eine unbedingte Entscheidung, die jeder im Gegenüber der Person des Mannes aus Nazareth treffen muß: will er sich weiterhin verstehen nach dem Auslegungsmodell der «Natur» (beziehungsweise der «Welt»), dann wird er in den Naturwissenschaften förmlich eine Bestätigung für einen Lebensentwurf finden, der an so etwas wie Liebe nicht glaubt; im Gegenteil, der größte Teil seiner Aktivitäten wird darauf abzielen, andere (Menschen und Tiere) in Instrumente seiner eigenen Zwecksetzungen zu verwandeln; «Liebe» ist in dieser Weltsicht allenfalls eine Einbildung, die unter der Ausschüttung eines bestimmten Hormons entsteht. Umgekehrt, wenn wir den Mut finden, die elementare Erfahrung der (absoluten) Anrede wesentlich zu beantworten ‑ wenn wir es wagen, Liebe zu glauben. Es wird die einzige Art sein, unsere kosmische Wesenseinsamkeit zu überwinden; es wird uns freilich auch in den größten Gegensatz bringen zu allem, was je «Geschichte» in Natur und Kultur gewesen ist, eine Umprägung in allem, eine Universalisierung des Besten in uns, eine Verschmelzung von Welt und Mensch, wie sie nie war

September 15, 2007 - Verfasst von hajosli | Philosophie | | Noch keine Kommentare

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