Ansichten

Die Weisheit einer Reise

Eine Reise

Auf der drittletzten der vielen Stationen meiner Reise warf mich eine heftige Grippe für 14 Tage auf das Krankenbett. Sie verhalf mir zu folgendem Traum:

Ich trieb ziemlich ermattet in einem tiefen Blau, das beruhigend in unergründlichen Stille langwellig pulsierte. Ich lag in einem kugeligen Käfig aus glänzenden Gitterstäben. Damit trieb ich auf andere kleine Käfigkugeln zu. In ihnen tanzten kleine giftgrüne Winzlinge, zum Teil ineinander verkrallt, die in ihrem Grün periodisch aufblitzten und die einen Höllenlärm veranstalteten, indem sie die Gitterstäbe putzten, dass vor lauter Glanz und durch ihr eigenes Aufleuchten das tiefe Blau im Hintergrund verschwand. Nur bei einigen, die vom Geschrei und  Getanze ermüdet darniederlagen, war ein Schimmer des Blaus sichtbar und ich hörte sie sagen:“ Am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“

Soweit der Traum, der mir wie eine Zusammenfassung meiner Reise vorkam: in den Städten, auf der Straße, in den Häusern traf ich auf gehetzte, meist sich selbst hetzende Menschen, und ich sah mich selbst darin wieder. Meine Reise mit den vielen Stationen war ein Beispiel dafür. Erst mein Körper, der sich diese Grippe zulegte, machte mich darauf aufmerksam. Fortan entleerte sich mein Kopf von allen Gedanken, jede Aktivität war zuviel, es war mir schwindelig. Die Krankheit schlug auf das Gehör. Ich hörte kaum noch etwas. Eine beruhigende Leere breitete sich in mir aus.

Da war ich also im blauen Meer gelandet. Ich war ermattet. Der Winzling in mir hatte aufgehört zu lärmen. Ach wie stolz sind wir im Westen auf diesen Zwerg, das Symbol unserer Individualität. Sie ist die Form unseres täglichen Bewußtseins. Kaum sind wir dem Schlaf der Nacht entwunden, springen wir in diese Form und fühlen uns getrennt von allem und allem, was wir spüren, während wir tief im Inneren uns nach der verlorenen Einheit sehnen. Doch wie ist sie zu erlangen? Ich las die folgende Geschichte:

Die notwendige Erfahrung des Umweges

Ein Mann hackte Holz am Rande eines Waldes und verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt. Als ein Einsiedler daher kam, fragte er ihn nach einem Wort für das Leben. Der Einsiedler sagte: „Gehe tiefer in den Wald. Da nahm der Mann seine Axt und ging tiefer in den Wald. Er fand schöne Bäume, fällte und verkaufte sie für gutes Geld. So wurde er wohlhabend. Eines Tages erinnerte er sich an die Worte des Einsiedlers. „Gehe tiefer in den Wald!“ Und so machte er sich erneut auf den Weg und fand eine Silbergrube. Er baute sie aus und wurde sehr reich. Nach Jahren aber fielen ihm erneut die Worte des Einsiedlers ein: „Gehe tiefer in den Wald!“. Er ging und fand wunderbare Edelsteine ‑ ein Symbol für die Erleuchtung. Er erfreute sich sehr daran, aber dann kamen ihm erneut die Worte des Einsiedlers in den Sinn: „Gehe tiefer in den Wald“. Und also machte er sich nochmals auf, ging tiefer in den Wald. So kam es, dass er sich eines Morgens wieder genau an dem Waldrand fand, an dem er vor langen Jahren beim Holzschlagen den Einsiedler getroffen hatte.

Wer einen Erfahrungsweg bis zum Ende geht, kehrt als veränderter Mensch zuletzt zurück in den Alltag. Es scheint für die Reifung eines Menschen – nach Jung für seine Individuation, nicht zu verwechseln mit seiner Individualisation – wohl notwendig zu sein, diesen Weg in die Waldestiefe zu gehen. Viele Märchen und Mythen der Völker beschreiben ihn. Oft wird er als Vertreibung aus dem Paradies benannt. Und was heißt hier Individuation? Ist es der Weg zu sich selbst? Der Hintergrund dieser Parabel zeigt, dass das Selbst zunächst „als Fülle von Gewohnheiten und Fokussierung sozialer Strukturen .. nicht ein letzter Grund“ ist; „ es bleibt ein Prozess der sich verändert und aus freier Entscheidung verändert werden kann.“ In der Parabel ist es die Entscheidung, tiefer in den Wald zu gehen. „Jeder ist eigentlich ein freies Wesen; sein Selbst, sein Ego, sein Charakter ist nicht ursprünglich, sondern erworben“ (Zitierung aus K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor Kreativität, 1996, s. auch ders. Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, 2007)

In diesen Zusammenhang paßt die Parabel von der Weisheit des Rabbis:

Weisheit des Rabbis

Die Schüler fragten den Rabbi, was das Geheimnis seiner Weisheit sei. Darauf antwortete er ihnen: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“. Die Schüler sahen sich betreten an und meinten, sie hätten nicht recht verstanden. Also fragten sie ihn er­neut: „Meister, was ist das Geheimnis deiner Weisheit?“. Er aber sagte: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“. Da wurden die Schüler ungehal­ten und erwiderten: „Meister, was du sagst, das tun wir auch, aber wir sind weit entfernt von deiner Weisheit“. Da schüttelte der Rabbi lächelnd den Kopf. „Nein“, sagte er, „wenn ihr sitzt, seid ihr schon aufgestanden; wenn ihr steht, seid ihr schon losgegangen; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen“.

Im Augenblick, so läßt sich diese Stelle  interpretieren, offenbart sich die Wirklichkeit. Ihn zu erleben, bedeutet, eins zu werden mit dem, was ist: „Ich bin, der ich bin !“, heißt es in der Bibel.

Den Augenblick zu erleben, ist letztlich ein spirituelles Ereignis. Mit einer solchen Weltsicht hat es der Verstand schwer, denn sie kommt aus der Erfahrung und nicht aus dem Nachdenken. Der Sinn des Lebens liegt weder hinter uns, noch vor uns, sondern im zeitlosen Jetzt. Im Hier und Jetzt erscheint die Wirklichkeit. Einmalig und Einzigartig ist unsere Person nur im Augenblick, als Ausdruck des Einen, was viel mit dem Göttlichen zu tun hat. Es offenbart das Kommen und Gehen – Geborenwerden und Sterben.

So oder ähnlich formuliert es Willigis Jäger, ein Benediktiner, der in seinen Schriften, Vorträgen und Seminaren, den Versuch unternimmt, westliche und östliche spirituelle Sichtweisen miteinander zu verbinden.

Den Augenblick zu leben – die Achtsamkeit -, ist für den westlichen Menschen wohl die schwerste aller Übungen. Sie zwingt uns, aus dem Strom der Gewohnheiten inne zu halten und unsere Ichbefriedigung zu unterbrechen. Der lärmende Zwerg in uns pausiert und erhascht einen Blick durch die glänzenden Stäbe seines Käfigs auf das tiefe Blau seiner Sehnsucht – die blaue Blume der Romantiker.

Eine Zen-Sutra sagt: „ unser Ichbewußtsein ist wie ein Affe..“ , Dieser Affe schwingt sich von Ast zu Ast, Baum zu Baum, durch den ganzen Wald. Doch wir sollten ihn aber nicht wegjagen, weil wir ihn für unsere Alltagsbewältigung unbedingt benötigen.

Als ich in Portugal wieder eintraf, war ich froh, beim Holzspalten wieder angekommen zu sein. Aber die Reise ist noch nicht zu ende.

Schon bald war der Winzling in mir wieder zugange mit der tiefen Sehnsucht:

Die Sehnsucht des Menschen

…….Es ist die Sehnsucht, heim zu kommen, den Platz zu finden, wo alles gut ist, wo man geliebt und angenommen ist. Der Mensch erfährt aber sehr bald im Leben, dass kein Mensch dem Menschen diese letzte Sicherheit geben kann, auch nicht der liebste Es bleibt diese unüberbrückbare Trennung, bis wir unser wahres Selbst gefunden haben, besser, bis unser wahres Selbst durch alle Verkrustungen und Fehlentwicklungen hindurchgebrochen ist. Menschen machen sich also auf diesen Weg, weil sie diese tiefste Sehnsucht in sich tragen, die letztlich die Sehnsucht Gottes selber ist. (Willigis Jäger: Wiederkehr der Mystik, 2005, S.80)

Am Ende entpuppt sich das Selbst als leer, wie das Meer in der Erinnerung blau ist.

Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der Sterne, der andere kundig der Stürme

Wird der eine führen durch die Sterne, wird der andere führen durch die Stürme

und am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein

(Reiner Kunze)

November 26, 2007 - Verfasst von hajosli | Religion | | Noch keine Kommentare

Noch keine Kommentare.

Kommentieren