Ansichten

Nachhaltigkeit

Die Politik des ökologisch nachhaltigen Handelns

 

Umweltschutz – ökologisch nachhaltiges Handeln sollte umfassend verstanden werden: Jeder Arbeitsvorgang, der Material und Energie bewegt, zerstört deren Verfügbarkeit. Sie können dadurch niemals mehr in den Wirtschaftsprozess zurück geführt werden. Dahinter steht ein physikalisches Gesetz, das besagt:, dass in einem geschlossenem System die vorhandene Energie und Materie einem maximalen Zustand der Zerstreuung zustrebt. Die Vermischung, die Nivellierung  von Potential und Gefälle, die Verdünnung, das Chaos – der Müll nimmt zu. Wärme wandert immer nur vom heißen zu kälteren Körper, die Scherben einer Tasse setzen sich nie von selbst wieder zusammen. Die Bodenschätze kann de Mensch immer nur verbrauchen und dadurch in die Umwelt zerstreuen. Recycling verlangsamt nur diesen Prozess. Irgendwann sind sie zum Verbrauch nicht mehr verfügbar. Nur bei der Energie gibt es eine Ausnahme: neue Verfügbarkeit kann durch die einzige externe Quelle – der Sonnenenergie – aufgebaut werden. Das heißt nur im Bereich der Energie und der organischen Stoffe gibt es diese Alternative. Bei den anorganischen Stoffen (Bodenschätze) gibt es nur die Möglichkeit des Sparens.

„ Es kann also nicht etwa zwischen Solarenergie und Einsparung gewählt werden. Vielmehr müssen beide Möglichkeiten mit äußerster Energie vorangetrieben werden.“ (Günter Moewes, Weder Hütten noch Paläste, Birkhäuser, 1995, S.22) . Die äußerste Anstrengung ist notwendig, weil wir im Umgang mit den Ölvorräten – jahrtausendelang gespeicherte Sonnenenergie – unsere Chancen vertan und leichtfertig verpulvert haben. Die Katastrophe hat dadurch schon begonnen:

 

Die Geschwindigkeit heutiger Klimaveränderung, vor allem aber ihre Unaufhaltsamkeit haben durchaus schon die Größenordnung einer Katastrophe. Selbst bei einem (politisch nicht durchsetzbaren) völligen Stopp des CO2‑Ausstoßes, würde sich die Erde infolge der Trägheit der Vorgänge noch etwa  30 Jahre lang weiter erwärmen. So lange braucht das heutige CO2 , um aufzusteigen und die Treibhaushülle von morgen zu bilden. Denn die Treibhaushülle von heute besteht aus dem CO2 von vor 30 Jahren und mehr Jahren. Auch ein heutiger, weltweiter völliger Stopp der FCKW‑Produktion würde nicht verhindern, daß das Ozonloch noch lange weiter wächst, wenn auch gebremst. (G. Moewes, S.25)

 

Ökologisches Wirtschaften bedeutet also, mit anorganischen Materialien sorgfältig und sparsam umzugehen und bei der Energie, soviel zu verbrauchen wie Sonnenergie zur Verfügung steht (Sonnenlimit)

Doch ist unser heutiges Wirtschaften so organisiert, dass sie diese Forderung erfüllen kann?

Unser augenblickliches Wirtschaftsmodell setzt  auf unbegrenztes Wachstum, ein Wachstum spezieller Art. Bodenschätze und Energie gelten als unbegrenzt verfügbar.

 

In unserem Alltag erleben wir zum Beispiel ein Wachstum folgender Art: Ein junger zehnjähriger Mensch wächst jährlich um 10 cm in seiner Länge. Schließlich im Alter von mindestens 18 Jahren stoppt dieses Wachstum. Das heißt, wir sehen einen jährlichen konstanten Zuwachs, der schließlich auf null fällt. Es ist eine Länge von 180 cm erreicht. Die moderne Volkswirtschaft operiert mit einer Wachstumsrate, wenn sie ein konstantes Wachstum fordert. Ein solches Wachstum erfahren wir aber kaum in unserem Alltag, höchstens indirekt, von uns unbemerkt, wenn wir erkältet sind; denn Bakterien und viele andere Parasiten verhalten sich so in ihrem Wachstum. Schwierig wird es wenn wir unsere alltäglichen Wachstumsvorstellungen mit denen der Volkswirtschaft verwechseln. Eine Wachstumsrate ist das Verhältnis von Zuwachs zum vorhandenen Bestand. Auf das Beispiel des menschlichen Längenwachstums übertragen, betrüge die Wachstumsrate des 10jährigen 10%. Mit 18 Jahren betrüge seine Länge 2,14 m statt 1,80m. Er würde dann auch nicht aufhören zu wachsen und hätte mit 30 Jahren eine Länge von 6,70 erreicht. Der konstante Zuwachs der Alltagserfahrung wäre für einen Volkswirtschaftler eine Katastrophe. Die Wachstumsrate des 16jährigen wäre von 10% auf 6,25.% gefallen. Für ihn mündet der konstante Zuwachs in den Stillstand, obwohl absolut gesehen sich der Zuwachs nicht verändert hätte. Für den modernen Volkswirtschaftler ist dann nur die Wirtschaft gesund, wenn der Zuwachs ständig größer wird. Für die Natur führt dies wie bei den Bakterien in die eine tödliche Katastrophe. Wer also zukunftsgerichtet nachhaltig und ökologisch wirtschaften will, muß dieses Wirtschaftssystem in Frage stellen. Daran ist das Wirtschaftsprogramm de Grünen zu messen.

 

Ein weiteres Problem ist die unsere Vorstellung und Haltung zur Arbeit. In unserer Gesellschaft wird sowohl links, als auch rechts die Arbeit in den Mittelpunkt Weltanschauung gestellt. Durch Arbeit verwirklicht sich der Mensch. Vergessen wird dabei, dass sich die Eliten aller Epochen auch ohne Arbeit verwirklichen konnten. Vergessen wird auch, dass die Masse der Arbeitenden nur selten ihre Arbeit als Selbstverwirklichung angesehen haben, sondern eher als fremdbestimmte, weil lediglich existenzsichernde Fron. Insofern ist zwischen zwei Arten Arbeiten zu unterscheiden: Die selbstbestimmte Entfaltungsarbeit und die fremdbestimmte Qualarbeit. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in jeder Selbstverwirklichung auch ein Stück Anstrengung steckt, die leicht zu Zwang ausarten kann und jeder Qualarbeit auch Anerkennung verbunden sein kann, vor allem, wenn sie als gesellschaftlich notwendig angesehen wird. Die Paradoxie dieser beiden Aspekte gipfelt in der Perversion des Mottos „Arbeit macht frei“ über den Eingängen der Nazi-Konzentrationslagern. Und auch die „Arbeitslager“ des GULAGs im Sowjetimperium zeugt von dieser Perversion. Sie zeigen wie in unserer Industriewelt der Begriff Arbeit zur Mystifizierung verkommt (Moewes S.85):

Mit Beginn der Industrialisierung begann ein irrationaler, ideologischer Kreuzzug zur Mystifizierung, ja Fetischisierung der Qualarbeit, begann der Mythos der „Arbeitsgesellschaft“: ,Recht auf Arbeit“, Tag der Arbeit“, Partei der Arbeit“, „Arbeiterkultur, Arbeiterdichtung“ ‑die gegensätzlichen Kräfte der Gesellschaft wirkte, aus den gegensätzlichsten Motiven bei diese, Verherrlichung zusammen. Ursprünge dieser Mystifizierung lassen sich weit in die Geschichte zurückverfolgen. im wesentlichen aber entstand sie vor etwa 400 Jahren Es war die Vorstellung, dass Arbeit nicht mehr Strafe für den Sündenfall, sondern dass im Gegenteil die Nicht‑Arbeit Sünde sei. Sie entsprang vor allem den Vorstellungen des Protestantismus, insbesondere des Pietismus, wie es bei Max Weber nachzulesen ist. Die Philosophie erklärte den aufrechten Gang und den Gebrauch von Werkzeug zu Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Tier. Das Jahrtausende alte Arbeitsverständnis wurde völlig auf den Kopf gestellt und , nach und nach auch das Verständnis von Industrialisierung. Es wurde nach und nach auch von nichtprotestantischen Bevölkerungen übernommen, bis hin zu den heutigen asiatischen Tigerstaaten, entsprang aber dort nicht der Religion.“

(Dazu sein Kapitel „Arbeitsabschaffung oder Arbeitsbeschaffung?“ im genannten Buch;)

 

Unsere heutige Wirtschaft ist gekennzeichnet durch hohe Produktivität (BIP/Arbeitsstunde), auch abzulesen an dem realen Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP). Dieses stieg seit 1965 um das 8fache. Das heißt durch den Einsatz von Maschinen als Hilfe für die Arbeit ist die Gesellschaft heute in der Lage weniger zu arbeiten als vor dem Maschineneinsatz. Diese Möglichkeit wird nun etwa nicht zu einer allgemeinen Befreiung von Arbeit bei gleichzeitiger Existenzsicherung genutzt, durch eine Ungleichverteilung der gewonnen Arbeitszeit. Die einen sind arbeitslos, haben keine Arbeit bei gleichzeitiger Herabsetzung ihrer Existenzgrundlage, die anderen müssen umso mehr arbeiten. Die Investoren für den Maschinen- und Arbeitseinsatz erheben einen Allgemeinanspruch auf den Maschinisierungsgewinn. (G. Moewe, s.o., S. 91):

 

„Man muß sich das einmal vorstellen: Man läßt von Arbeitern die Maschinen bauen, durch die sie dann überflüssig werden. Dann entläßt man sie, nicht ohne vorher ihre Existenzberechtigung an eben jene Erwerbsarbeit geknüpft zu haben, die man ihnen wegnimmt. Anstatt Arbeit abzuschaffen, wird so ein fiktiver Arbeitsbedarf immer schneller vermehrt: Je mehr Maschinen gebaut, desto mehr Arbeiter müssen ersetzt, desto mehr neue Arbeit muß ständig neu erfunden werden. Dieser Mechanismus gleicht einem Kettenbriefspiel: nach unerhörter Anfangsdynamik bricht er irgendwann abrupt in sich zusammen. Die Anfangsdynamik haben wir im Frühkapitalismus erlebt. Der Zusammenbruch tritt dann ein, wenn der unerhörte, ständig zunehmende Beschleunigungszwang, der in der Mathe­matik des exponentiellen Wachstums steckt, sich nicht mehr durch exponentiell steigende Beschäftigungserfindung kompensieren läßt, wenn das Wegbrechen ganzer Branchen wie Kohle und Stahl nicht mehr durch einen erfundenen „Strukturwandel aufgefangen werden kann.“

 

Oder (Götz W. Werner: Einkommen für alle, Kiepenheuer, 2007, S. 18 – 22) :

 

Man muss sich dieses Szenario in aller Konsequenz vor Augen halten: Ständig produzieren wir immer mehr Güter und Dienstleistungen, im Grunde mehr, als wir überhaupt verbrauchen können. Dafür müssen jedoch immer weniger Leute einer von anderen organisierten und bezahlten Arbeit nachgehen. Unser Problem ist bloß, dass wir das für ein Problem halten. Denn der große Menschheitstraum war immer, gefährliche, körperlich schwere, unangenehme oder monotone, sinnentleerte Arbeit ab­zuschaffen. Heute gelingt uns das dank der Maschinen und dank optimierter Arbeitsprozesse immer besser ‑ und wir jammern darüber, statt uns zu freuen, dass nun endlich Zeit für erfreuliche, sinnstiftende Tätigkeiten bleibt, die es uns erlauben, uns als ganze Menschen und nicht bloß als Arbeitssklaven und als Konsumenten zu entfalten.“

(Dazu sein Kapitel „Arbeit als Ausnahme“ im genannten Buch)

 

Zu lösen wäre dieses Problem durch ein Recht auf Existenzsicherung. „Ein allgemeines Grundeinkommen könnte die meisten dieser Probleme schlagartig beseitigen, weil es zum ersten Mal in der Geschichte einen wirklichen Arbeitsmarkt herstellt, auf dem die Anbieter von Arbeitskraft auf gleicher Augenhöhe mit dem Kapital agieren, weil sie aufgrund ihrer gesicherten Existenz Stellenangebote auch einmal ausschlagen können“ (Aus: G. Moewes, Maschinenarbeit statt Menscharbeit, Z.f.SÖ 154, 2007, S.12)

 

Eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsplanung muß sich daran messen lassen, ob sie das Problem an der Wurzel fasst, an den im System eingebauten Fehler.

 

(s. auch http://www.guenthermoewes.de/veroeff.htm

Dezember 28, 2007 - Verfasst von hajosli | Wirtschaft | | 2 Kommentare

2 Kommentare »

  1. Zwangsprinzip Arbeit – Löhne kommen unter die Räder

    Die Debatte um den Mindestlohn nimmt gar skurrile Züge an. Was wird da in diesem Zusammenhang nicht alles behauptet, herbeigewünscht und palavert.Keiner soll unter die Armutsgrenze fallen, wenn er “ schaffe geht “. Alg II ist nicht der…

    Trackback von Radio Utopie | Februar 1, 2008 | Antworten

  2. [...] daß im Zusammenhang mit Niedriglöhnen einstens die Gemüter erhitzte: Die EU-Osterweiterung und asiatischen Tigerstaaten, die für ein Trinkgeld Waren zusammenbauen verschiedenster Arten und hier zuhauf auf den Markt [...]

    Pingback von 10 Millionen Arbeitsplätze gehen auf das Konto der EU! « Europa - Idee | März 28, 2008 | Antworten


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