Ansichten

Die Abzocker in der 2. Weltwirtschaftskrise

Abzocken

(aus: G. Moewe, Über Finanzkrisen und Beschleunigung, www.zeitschrift‑humanwirtschaft.de ‑ 02/2008

Als 1995 der 32‑jährige Nick Leeson die älteste, seit sieben Generationen in Familienbesitz befindliche britische Investmentbank, die Barings Bank ruinierte, weil er unbeaufsichtigt 1,2 Mrd. Dollar verzockt hatte, hielt man sowohl das Ereignis als auch die Höhe der Summe für wiederum für einmalig und unwiederholbar. Aber auch das war gar nichts gegen das, was noch kommen sollte: Mitte Januar 2008 verzockte ein 31‑jähriger Mitarbeiter namens Jerome Kerviel bei der zweitgrößten französischen Bank, der Societé Général, sogar fast 5 Mrd. Euro. Er hatte ein Jahr lang angeblich unkontrolliert mit 40 bis 50 Mrd. Euro jonglieren dürfen. Prolongiert man diese Entwicklung und würde es keinen crash geben, dann würde man irgendwann 14‑jährige mit einer Billion herumspielen lassen, weil sie noch unter das Jugendstrafrecht fallen. „Eine Ära geht zu Ende“, sagt selbst George Soros. Endzeitstimmung.

Die entscheidende Frage dabei ist immer, wo diese Milliarden letztendlich landen. Darüber schweigen sich die Medien beharrlich aus. Sie landen natürlich bei den Wettgewinnern. Und das sind bestimmt nicht die bürgenden Staaten. Sie landen auf den privaten Konten von Leuten, die noch Geld zum Verwetten haben. Das legt den Verdacht nahe: Bankenskandale sind längst keine Naturereignisse oder Unfälle mehr, sondern augenzwinkernd geduldete Umver­teilungsaktionen von erarbeitetem Geld auf die Privatkonten von nicht arbeitenden Zockern. Der Bevölkerung wird dann weiszumachen versucht, das Geld sei „verbrannt 2). Im Auf­macher der Süddeutschen Zeitung vom 30.1.08 spricht der Weltökonom Nikolaus Piper von „fehlgeschlagenen Spekulationsgeschäften“. Irrtum! Wenn ich faule Kredite in getarnten Papieren verstecke und die anderen andrehe, dann sind solche Geschäfte aus der Sicht der Täter jedenfalls nicht „fehlgeschlagen“, sondern gelungen. Und wenn ich 5 Mrd. Euro auf die Privatkonten von Zockern verteile, ist auch das aus deren Sicht wohl kaum „fehlgeschlagen“, sondern allenfalls aus der Sicht der geneppten Bevölkerung. Und aus der Sicht jener Tausende, die dann zwecks „Sanierung“ mit ihren Familien in das Schicksal der Arbeitslosigkeit entlassen werden.

2)

G

eldverbrennung: „Bei Kursstürzen verbrennt Geld“. Eine nicht auszurottende Unwahrheit. Mit Ausnahme der so ge­nannten Erstemission ist aller Aktienhandel ein reines Wett­geschehen, ein volkswirtschaftliches Nullsummenspiel. Alles Geld, was von irgendjemandem gewonnen wird, wird von je­mand anderem verloren. Das Produkt aus Aktien und Kursen ist ein fiktiver Wert, der niemals als Ganzes realisiert werden kann. Bei steigenden Kursen bezahlen die Spätkäufer den Ge­winn der Frühkäufer. Bei fallenden Kursen die Spätverkäufer den der Frühverkäufer. Das gilt auch für den Fall von Manipula­tionen, Gerüchten, Crashs und Schwarzen Freitagen. Meist be­zahlen am Ende viele Kleinanleger, was wenige Großaktionäre vorher abgesahnt haben. Auch das Geld dieser Verlierer ist je­doch nicht verbrannt, sondern auf den Konten der Gewinner. Wie alle leistungslose Kapitalvermehrung ist auch die Aktien­spekulation ein Mittel, um sich Teile der realen, durch Arbeit erzielten Wertschöpfung anzueignen. Und wie alle leistungs­lose Kapitalvermehrung trägt auch sie zur ständig steigenden sozialen Ungleichverteilung bei. Das Gerede von der „Geldver­brennung“ soll diesen Aneignungsvorgang in eine unvermeid­bare Katastrophe umlügen.

global news 1227 19-09-08: Und wieder einmal: Verstaatlichung der Verluste, diesmal gigantisch
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Die Banken haben in den letzten Jahren enorme Gewinne eingefahren und damit Reiche noch reicher gemacht. Der Aktienindex der US Financials ist immerhin seit 2004 bis zum Ausbruch der Krise um 43 % gestiegen. Der Anteil der Gewinne der amerikanischen Finanzindustrie an allen amerikanischen Unternehmensgewinnen stieg von 5 % Ende der 80er Jahre auf 40 % im vergangenen Jahr (Abb. 03703). Die Gewinnmarge am Umsatz nach Abschreibungen, Zinsen und Steuern schoß auf 50 % hoch, während es sonst bei den amerikanischen Unternehmen nur ca. 27 % waren (Abb. 03704). Der Gewinn pro Aktie stieg auf 80 % über Durchschnitt aller Aktien (Abb. 03705).

Und nun will die amerikanische Regierung zu Lasten der Steuerzahler den wankenden Banken über minderwertige Papiere Schulden von 800 Milliarden Dollar abnehmen und in einen staatlichen Fund überführen, eine eindeutige Form von Verstaatlichung der Verluste. Außerdem soll ein separater 400 Milliarden Dollar Fund bei der Federal Deposit Insurance Corp. angelegt werden, um Investoren in Geldmarktfunds zu versichern. Die Wall Street reagierte begeistert, denn nun werden die Aktien wieder hochziehen können und wieder werden Reiche noch reicher werden. Es wäre der umfassendste derartige Staatseingriff seit der Depression oder in den Worten des Wall Street Journal „der größte Umbau des US-Finanzsystems seit den dreißiger Jahren“. Robert Preston von BBC nennt es „the mother of all bailouts“. Seiner Meinung nach wird es am Ende mehr als 1 Billion Dollar kosten und sich zu den bisherigen öffentlichen Leistungen von 300 Mrd Dollar addieren. Es wird auch die öffentlichen Finanzen der USA schwächen und den Dollar unterminieren.

Preston erwartet, daß die USA versuchen werden, die Lasten auf den Rest der Welt abzudrücken. Das können sie, solange der Dollar die Hauptreservewãhrung ist, notfalls – wie bei der Finanzierung von Kriegen – mit der Dollarpresse und der Verteilung der daraus resultierenden Inflation. In jedem Fall werden europäische Banken ähnliche Hilfestellungen erwarten, zumal etwa die Hälfte der faulen amerikanischen Hypothekenpapiere bei europäischen Banken gelandet sind. Warum nicht gleich auch die Verluste der europäischen Finanzindustrie verstaatlichen? Vieles in diese Richtung ist ohnehin schon geschehen, siehe IKB in Deutschland. Wird Steinbrück nun im kommenden Krisengespräch den deutschen Banken und ihren Aktionären ähnliche Wohltaten versprechen (und vielleicht zum Ausgleich die MWSt noch einmal anheben)?

Die Spekulanten sind auch in Deutschland heute massiv in Bankaktien eingestiegen, um die Gewinne zu Lasten der Steuerzahler in USA und am Ende wahrscheinlich auch in Deutschland voll mitzunehmen. Sie handelten heute für 1,5 Mrd Euro Aktien der Deutschen Bank und Commerzbank, die daraufhin einen Sprung um 18 % bzw. 17 % nach oben machten (Abb. 03752), der Dax stieg um 5,4 % (Abb. 03717). Das Mindeste, was man von den Regierungen als Kompensation für den Steuerzahler erwarten würde, wäre eine massive Sondersteuer auf alle Kursgewinne bei Bankaktien. Aber natürlich wird es das im neoliberalen Kapitalismus nicht geben. Was man alternativ hätte erwarten müssen, wäre eine Teilverstaatlichung der Banken gewesen, so daß die Regierungen nach entsprechenden Kursgewinnen die Aktien zu Gunsten der Steuerzahler hätten wieder verkaufen können. Aber auch das wird natürlich nicht kommen.

Was man vor allem erwarten müßte, ist eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die die immer ungerechtere Einkommensverteilung wirksam bremst und zurückdreht. Andererenfalls haben die Reichen immer genug freies Kapital, um weiterzuspekulieren und sich notfalls vom Steuerzahler entschädigen zu lassen. Wann wird das endlich begriffen?

global news 1229 21-09-08: Finanzielles Armageddon
jjahnke.net

So ähnlich sieht der finanzielle Untergang der Finanzwelt, die wir kennen, aus: Keine Bank traut mehr der anderen. Für Kredite untereinander werden erhorbitant prohibitive Zinsen verlangt. In USA für 3-Monate Libor heute 3,25 % oder 1,25 Punkte über dem Refinanzierungszins der Fed (Abb. 03764) , in Europa 5,005 % für 3-Monate Euribor oder mehr als 0,75 Punkte über dem Refinanzierungszins der EZB (Abb. 03718). Solche Zinsen verhindern fast jedes Kreditgeschäft unter Banken. Gleichzeitig steigt in Europa der Aufschlag für die Versicherung gegen Ausfälle von Junkbonds der Unternehmen auf über 6 % (Abb. 03636), in USA sogar auf über 8 %.

Der Zins für 30-Tage Papiere (außerhalb des Finanzsektor) springt in USA auf mehr als 6 % von 3 % nur eine Woche vorher (Abb. 03761). Gleichzeitig stürzt die Ausgabe neuer Papiere ab (Abb. 03762, 03763). Sie sind das Lebensblut der Wirtschaft. Wenn nichts passiert, taumeln nicht nur einige Banken ins Nichts, sondern die Unternehmensfinanzierung kommt ins Stocken und damit der gesamte Wirtschaftskreislauf.

Dies muß man sich vergegenwärtigen, wenn man über die unverantwortlich neoliberale Globalisierung der Finanzmärkte und die Billionen-Dollar-Notaktion der US Regierung nachdenkt.

September 28, 2008 - Verfasst von hajosli | Wirtschaft | , | Noch keine Kommentare

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