Referat zu „Wachstumsspirale“ (H.Chr. Binswanger)
Die Wachstumsspirale
Binswanger
Zusammenfassung
H.-Chr. Binswanger geht in seiner Abhandlung, “ Die Wachstumsspirale“ (Metropolis, 2006) und in verschiedenen Artikeln, sowie Interviews, davon aus, dass unser modernes Wirtschaftssystem auf einem Geldsystem mit den Elementen Zins und Profit basiert. Die Art wie Geld entsteht (Geldschöpfung) fordert den Zins und führt zu Unternehmungen, die Profit erwirtschaften müssen. Beide Elemente führen notwendigerweise zu Wirtschaftswachstum. Das Kreislaufmodell der Wirtschaft wird zur Spiralform.
Im Grunde ist seine Ausgangsfrage sehr einfach: Wie soll eigentlich in einem geschlossenem System wie das der Volkswirtschaft, in der nur das konsumiert werden kann, was produziert wird, insgesamt ein Überschuss entstehen? Auf der Geldseite bildet sich diese Gleichheit von Produktion und Konsumtion als Ausgaben gleich Einnahmen und der Überschuss als Zinsen und Gewinn ab
Bei der Beschreibung der Geldentstehung vernachlässigt er allerdings die Geldverteilung als wesentliche Voraussetzung und Folge. Erst diese Ungleichverteilung, die als Überschuss erscheint, ermöglicht Kredite, sowie Sollzins, damit Giralgeld, in der Folge Sparguthaben mit Habenzins und schließlich als Kreditnehmer Unternehmen, die Profite fordern.
Diese Ungleichverteilung führt in einer entwickelten Volkswirtschaft schließlich zu einem Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich auf hohem Niveau. Binswanger sieht dieses Problem, erläutert es aber nicht. Auch sieht er das Problem, dass die Realwirtschaft wegen der Ressourcenerschöpfung nicht beliebig wachsen kann, dass dieses Wachstum zu ökologischen Problemen führt, macht sich aber Illusionen über die Überwindungsmöglichkeiten.
Einzelheiten
Ausgangsgangspunkt seiner These ist die Überlegung, dass in einer modernen Volkswirtschaft Geld durch Kreditvergabe in den Umlauf kommt. Unternehmen (“künstliche Gebilde“) sind dort die Orte der Produktion. Sie sind in der Hauptsache die Kreditnehmer, die mit dem so geschöpften Geld Leistungen der Haushalte kaufen. Mit Hilfe dieser Leistungen entstehen Produkte, die wiederum von den Haushalten mit dem so „ verdienten“ Geld gekauft werden. In einem solchen Kreislauf ist aber eine Zins- und Profiterhebung nicht möglich. Er benötigt einen zusätzlichen Geldzufluss in Höhe der Zins- und Profitforderungen.
Dazu Binswanger in einem Vortrag 2007, 7. Dez. in Wien:
Die Geldseite des Problems
„Dies ist offensichtlich nicht möglich, wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezahlen, das zu deren Einkommen wird, einfach wieder von den Haushalten dazu verwendet wird, um die Produkte zu kaufen, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben, wenn also das Geld nur im Kreis läuft. Denn dann würden sich Einnahmen und Ausgaben der Unternehmungen nur immer gerade ausgleichen. Es gäbe also in der Summe von Gewinnen und Verlusten kein positiver Saldo, keine Unternehmungsgewinne. Es könnten also weder Zinsen bezahlt werden, noch Reingewinne erzielt werden, die das Risiko decken. Ein positiver Gewinnsaldo und damit die Möglichkeit, Zinsen zu bezahlen und Reingewinne zu erzielen, die das Risiko deckt, kann somit gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn Geld zufließt“.
Die Lösung
Wie fliesst aber in der modernen Wirtschaft Geld zu? Wir wissen es bereits: indem die Unternehmungen bei den Banken Kredite aufnehmen, die die Banken mindestens zum Teil durch Geldschöpfung bereitstellen, also durch Vermehrung der Geldmenge auf dem Kreditweg. Die Unternehmungen brauchen die Kredite – ich wiederhole – um zu investieren, um das aufgenommene Geld, zusammen mit dem reinvestierten Reingewinn für den Kauf von zusätzlichen Arbeits- und anderen Produktionsleistungen zu verwenden. So steigen die Einkommen der Haushalte als Anbieter dieser Produktionsleistungen mit dem Wachstum der Produktion.
Dabei ist zu beachten: Die Haushalte geben ihr Einkommen, das nicht gespart wird, sofort aus, denn die Haushalte müssen ja überleben. Sie werden daher sofort zu Einnahmen der Unternehmungen. In diesem Zeitpunkt können die Unternehmungen aber nur die Produkte verkaufen, die schon produziert worden sind, die sie also vor der neuen Investition hergestellt haben, für deren Herstellung sie also im Betrag der neuen Investitionssumme weniger Geld ausgegeben haben. Das bedeutet aber auch, dass die Einnahmen der Unternehmungen vor den Ausgaben für die Produkte, die sie verkaufen, steigen. So können im Wachstumsprozess im Durchschnitt, also im Saldo von Gewinnen und Verlusten, gesamtwirtschaftlich stets Gewinne entstehen.
Auf diese Weise hält sich der Kapitalisierungs- und Wachstumsprozess mit Hilfe der Schulden, die zu Geld werden, selbst im Gange. Er wird zu einem perpetuum mobile. Der Wirtschaftskreislauf weitet sich zu einer Wachstumsspirale aus. In ihr entstehen die Gewinne, die nötig sind, damit sich diese Spirale immer weiter ausweiten kann, zusammen mit der realen Produktion. (s. auch Anhang Auszug aus dem Buch Binswanger „Die Wachstumsspirale“)
Wie fließt also der modernen Wirtschaft zusätzliches Geld zu? Wohlgemerkt, die Unternehmungen borgen sich dieses zusätzliche Geld und zahlen damit Leistungen der Haushalte. Damit produzieren Sie schließlich zusätzliche Produkte. Die Produktion wird mengenmäßig erhöht. Inzwischen kaufen die Haushalte mit diesem durch die zusätzlichen Einnahmen gestiegenem Einkommen, die vor der zusätzlichen Investition mit weniger Geld produzierten Produkte. Es entsteht ein Geldüberschuss.
Wie lässt sich die o. zitierte Erläuterung von Binswanger konkretisieren, wie bildet sie sich in der Realität ab? Dazu als Beispiel der folgende Versuch.
Unternehmergewinn:
Binswanger definiert Unternehmensgewinn wie folgt:
„Der Unternehmungsgewinn ist demgegenüber ein Residuum, das sich aus der Differenz zwischen den Einnahmen ergibt, die sich aus dem Verkauf der Produkte ergeben, und den Ausgaben, die vorher beim Kauf bzw. Einsatz der Produktionsleistungen entstanden sind“ (S. 366, Die Wachstumsspirale). An anderer Stelle wird der Unternehmensgewinn als zusammengesetzt aus Zins und Reingewinn gesehen (S.310, dito,… Anteil am Unternehmungsgewinn … Form des Zinses … in Form des Reingewinns..) Wenn aber Fremdkapitalgeber „grundsätzlich außerhalb der Unternehmung“ (S. 78 dito) stehen, kann das so nicht formuliert werden. Dann muss der Zins ein Teil der Ausgaben sein und die Differenz aus Einnahmen und Ausgaben ist dann der Reingewinn als Residuum. Außerdem stellt sich die Frage, wem gehört das Fremdkapital? Das Geld als Fremdkapital wird zwar wie unten erläutert mittels de Banken geschöpft, aber wem gehört dann dies so geschöpfte Geld? Dies ist die Unklarheit in der Geldschöpfungsthese von Binswanger
Das Problem
Die Unternehmen (U) schießen 1000 Geldeinheiten (GE), die sie als Kredit erhalten haben, als Bezahlung an die Haushalte (H) vor, wodurch 100 Wareneinheiten (WE) produziert werden- Die Haushalte erwerben damit voraussetzungsgemäß sogleich die so produzierten WE, die sie konsumieren. Die Unternehmen erhalten die 1000 GE zurück – der Kreislauf ist geschlossen.
Wie ist nun ein Überschuss (Unternehmergewinn) von konstant 100 GE möglich?
Die Lösung (Binswanger)
Die U nehmen einen Kredit von insgesamt 1000 GE auf und bezahlen damit die Leistungen der H. (Die Verteilung der Bezahlung, m.a.W. die Einkommensverteilung bleibt an dieser Stelle unberücksichtigt). Mit Hilfe dieser Leistungen werden 100 WE produziert. Nun soll – nach den Vorstellungen von Binswanger – zusätzlich Geld dadurch fließen, dass Kredite als Vorschuss aufgenommen, z.B. 100 GE werden. Wozu dient dieser Vorschuss? Er dient dem “Kauf von zusätzlichen Arbeits- und anderen Produktionsleistungen“ (s.o.). Zum Beispiel können weitere Arbeiter (Haushalte) eingestellt werde, die am vorhandenen Maschinenpark durch besser Auslastung zusätzliche Produkte der gleichen Art – hier 10 WE – herstellen. Die zusätzlichen H erhielten dann den zusätzlichen Vorschuss. Oder es können produktivere Maschinen gekauft und die alten werden. Letztlich erhielten dann die in der Maschinenbauindustrie beschäftigen Haushalte den zusätzlichen Vorschuss. Die Herstellung der zusätzlichen WE benötigt Zeit. Inzwischen geben alle im Betrieb beschäftigte Haushalte Ihr so erlangtes “Einkommen, das nicht gespart wird, sofort aus, denn die Haushalte müssen ja überleben“ .
Ihr Einkommen beträgt 1000GE + 100 GE = 1100 GE. Damit nehmen sie die vorher produzierten 100 WE ab, die für die U billiger, nämlich 1000 GE, waren (s.o. „…für deren Herstellung sie also im Betrag der neuen Investitionssumme weniger Geld ausgegeben haben“). Siehe dazu auch den Text aus dem Buch, Binswanger, Die Wachstumsspirale, im Anhang). Die U haben damit Einnahmen von 1100 GE und einen Gewinn von 100 GE. Es stehen aber diesen Einnahmen in gleicher Höhe Schulden gegenüber und eine Erhöhung der Produktion von 100 WE auf 110 WE. Die Gewinne entsprechen der Zunahme der Schulden und die Zunahme der Schulden einer Zunahme der Einnahmen von H. Die gesamten Einnahmen der U inklusive der Gewinne (1000 € + 100 €)müssen nun wieder in die neue größer Produktion gesteckt (investiert) werden. Das ist die zweite Wachstumsrunde. Wieder werden, wie oben beschrieben, 100 GE zusätzliche Kredite aufgenommen, um zusätzliche 10 WE zu erzeugen usw. In der zweiten Runde wäre die Schuld auf 1200 gestiegen, die Produktion auf 120 WE gewachsen usw..
Im Schema stellt sich das wie folgt dar:
Schema:
| Nr. | U- Kredit (Schuld) (GE) | Bezahlung H vor Erhöhung (GE) | Produktion vor Erhöhung (WE) | Kaufpreis/ Einnahmen H (GE) | Reingewinn (GE) |
| 1. | 1100 | 1000 | 100 | 1100 | 100 |
| 2. | 1200 | 1100 | 110 | 1200 | 100 |
| 3. | 1300 | 1200 | 120 | 1300 | 100 |
| 4. | 1400 | 1300 | 130 | 1400 | 100 |
| 5. | usw. |
Wegen der Entnahme des Gewinnes in konstanter Höhe, wachsen die Schulden der Unternehmer linear. Ihnen stehen wachsende Einnahmen als Sichtguthaben der Haushalte gegenüber. Auch die Produktion von Waren wächst linear. Da aber der Unternehmergewinn als Rate (Zinsrate + Gewinnrate) gefordert wird, dürfte das Wachstum exponentiell aussehen.
Im Diagramm erscheinen die Kredite und Sichteinlagen nicht, stattdessen sind Kapitaleinsatz und Kaufkraft genannt. Das Wachstum kommt deswegen zustande, weil die Unternehmungen Ihren Überschuss zur Produktionsausweitung (die Produktion wird mengenmäßig erhöht) investieren. Der Gewinn wird durch eine Verschuldung der Unternehmen realisiert. Das ist ja auch nicht erstaunlich, da die Unternehmen voraussetzungsgemäß dazu Kredite aufnehmen (s.o. „Wie fliesst aber in der modernen Wirtschaft Geld zu? Wir wissen es bereits: indem die Unternehmungen bei den Banken Kredite aufnehmen,).
Aber es gibt auch andere gesellschaftliche Gruppen, die Überschüsse haben. Bei den Haushalten setzt Binswanger voraus, dass diese ihre Einnahmen gleich wieder ausgeben und dass „Sparen“ offensichtlich als Reduzierung der Ausgaben angesehen wird: „Die Haushalte geben ihr Einkommen, das nicht gespart wird, sofort aus, denn die Haushalte müssen ja überleben .Doch die Manager als Haushaltsgruppe haben so hohe Einkommen, dass sie diese für ihren eigenen Konsum gar nicht ausgeben können.
Und dann gibt es da noch den Staat als Schuldner und natürlich Haushalte, die nicht in der Situation von Managern sind und zum überleben Schulden aufnehmen müssen.
Das Modell erklärt den Wachstumszwang als Zwang zum investieren. In seinem Buch „Die Wachstumsspirale“ beschreibt Binswanger sowohl die negativen Seiten als Horrorvision der bedenkenlosen Ausbeutung von menschlichen und natürlichen Ressourcen, als auch die positiven als Verheißungen des Reichtums für alle und den Versprechungen von beglückenden Innovationen und Kreativitäten. Reichtum für alle? Das Schema zeigt ja, wie die Einnahmen, das ist die Kaufkraft der Haushalte, steigen! Den Schulden der Unternehmen stehen wachsende Einnahmen als Sichtguthaben der Haushalte gegenüber.
An dieser Stelle ist zu fragen, wie Sparguthaben entstehen? Sichtguthaben sind Zahlungsmittel, mit denen die Produkte der nächsten Runde im Wachstumsprozess abgenommen werden. Mit Sparguthaben kann man nicht zahlen.
Wie kommt es aber zu der einseitigen Reichtumsverteilung, die sich in der einseitigen Verteilung festgelegter Guthaben (Geldvermögen) und der gegenüberstehenden ungeheureren gesellschaftlichen Verschuldung spiegelt?
Binswanger vernachlässigt Faktoren, die er zwar anspricht, aber in ihrer Bedeutung verkennt. Das liegt an seinen Annahmen.
Die Warenseite des Problems
Zunächst an dem Modell von Binswanger auf, dass nur drei Parteien genannt werden: Banken, Unternehmer und Haushalte als Konsumenten einerseits und Leistungslieferer andererseits. Es fehlt der Staat. Außerdem wird nur die Geldseite dargestellt, die Warenseite fehlt.
Es ist berechtigt, die Rolle der Unternehmen als Hauptkreditnehmer (Hauptschuldner) zu kennzeichnen. In der Statistik weisen die Unternehmungen (Groß- Mittelunternehmen und Selbstständige) einen Anteil von 70% der gesamtgesellschaftlichen Verschuldung auf. Aber es gibt auch den Staat mit einem Anteil von ca. 25% und die Privathaushalte mit einem Anteil von 5%.
Eine andere Sichtweise
Betrachtet man sowohl die Warenseite als auch die Geldseite der Volkswirtschaft, so stellt sich die Überschussproblematik wie folgt dar: Die Unternehmungen produzieren mehr Waren als von den Haushalten aufgrund ihrer Einnahmen, die gleichzeitig die Ausgaben der Unternehmen sind, abgenommen werden können.
Soll der Warenüberschuss abgekauft und somit der Unternehmergewinn (Zins und Reingewinn) realisiert werden, so müssen sich Schuldner finden, die dafür Kredite aufnehmen.
1. Die Unternehmen
Nach dem Modell von Binswanger akkumulieren sie die Kredite über Investitionen in einem dynamischen Wachstumsprozess.
Die Unternehmen können aber auch ohne zu investieren (Investition eine besondere Art des Konsums!!) den Warenüberschuss konsumieren (Bau von Palästen !). Die Wirtschaft wächst dann nicht.
Die Unternehmen können außerdem den Warenüberschuss ins Ausland transportieren. Das ist der Fall des Exportüberschusses, bei dem mehr Waren exportiert als importiert werden. Die Waren werden so ins Ausland transferiert und dort in ausländischem Geld der Profit realisiert. Die einheimische Wirtschaft wächst dann nicht.
Es könnte aber auch Folgendes eintreten: Der Warenüberschuss vergrößert das Warenangebot. Die Preise erniedrigen sich im Durchschnitt, die Haushalte können mehr kaufen und den Warenüberschuss konsumieren. Oder sie erhalten einen höheren Lohn und können sich dadurch mehr kaufen. Das Mehr an Waren wird so als Mehrwert zu den Lohnabhängigen transferiert – nach Marx und den Kapitalismusvertretern ein unwahrscheinlicher Fall, weil das Erzielen von Profit (Mehrwert) für den Unternehmer überlebensnotwendig ist (s.u. Investitionszwang/Gewinnrealisierung). Die Wirtschaft wächst nicht und die Unternehmen können aus ihrem Warenüberschuss den Gewinn nicht realisieren. (dazu Brodbeck)
2. Der Staat, die Privathaushalte
Es können aber auch die Privathaushalte und der Staat als Repräsentant aller Haushalte („Der Staat sind wir!!“) Kreditnehmer sein. Sie kaufen mit dem Kredit den Warenüberschuss, um ihn zunächst nur zu konsumieren und seine Rückzahlung, wie im Falle des Staates, in die weite Zukunft zu verschieben. Dadurch häufen sich Schuldenberge auf der Seite der Haushalte und des Staates und Geldvermögen auf der Seite der Unternehmen. Werden die Schulden getilgt, gibt es zwei Möglichkeiten:
Die Schuldner schränken ihre Ausgaben ein – sie sparen – und tilgen mit dem Gesparten. Dann schrumpft die Volkswirtschaft. Oder
Die Schuldner verkaufen zusätzliche Leistungen, um mit dem Geld die Schulden zu tilgen. Diese Möglichkeit besteht nur für die Privathaushalte, wenn die Unternehmen bereit sind, die zusätzliche Leistungen abzunehmen. Das ursprüngliche Problem des Warenüberschusses stellt sich dadurch von Neuem. Es kommt zur von Binswanger beschriebenen Wachstumsspirale.
Im Modell von Binswanger muss die Volkswirtschaft im gleichem Maße wie die Unternehmensschulden/Guthaben wachsen. Im zweiten Fall, bei einer Verschiebung der Tilgung in die Zukunft, wächst die Volkswirtschaft nicht. Treffen beide Fälle zu, wachsen die Schulden/Geldvermögen schneller als die Volkswirtschaft. Im ersten Fall haben die Unternehmen die Schulden und dem gegenüber die Haushalte die Guthaben. Im zweiten Fall besitzen Staat und Privathaushalte die Schulden und die Unternehmen die Guthaben. Für die Profitrealisierung der Unternehmen spielt also der Staat mit seiner Verschuldung eine besondere Rolle. Verschuldet er sich nicht, müssen andere insbesondere die Unternehmen zur Gewinnrealisierung sich verschulden (s. H.J. Schlichte: „Schulden und Finanzkrise“, 2. Mai 2009 ) Schulden und Finanzkrise.
Es kommt zum von Binswanger erläuterten Wachstums-/Schuldenzwang, den der Staat mit seiner Schuldenübernahme mildern würde. Wenn Wirtschaftswachstum also an seine Grenzen kommt und Schrumpfung droht, wäre dies die Alternative, die in der Realität auch zu beobachten ist.
Mit dem Wachstum einer auf Geld beruhenden Volkswirtschaft wachsen notwendigerweise auch die Schulden, weil das dafür nötige Geld über Kredite in den Umlauf kommt. Schulden sind Ausdruck einer auf Geld beruhenden Volkswirtschaft, denn Geld ist Ausdruck von Schuldverhältnissen, es kommt über Kredite in den Umlauf. Schulden sind aber auch Ausdruck von Besitzverhältnissen.
Nach der Auffassung von R. Dietz (s. sein Artikel „In Memoriam Gerhard Margreiter“, 2008, http://www.rd-coaching.at) stellt Geld einen Ausgleich zwischen dem Geben und Nehmen von Leistungen her. Wenn eine Leistung geliefert wurde, wird Geld statt einer anderen Leistung angenommen, um es zu einem späteren Zeitpunkt und einem anderen Ort gegen eine andere Leistung einzutauschen. Wird nun Geld selbst abgegeben, so wird allerdings dieser Ausgleich zwischen Geben und Nehmen durchbrochen. Der Geldbesitzer fordert mehr Geld zurück als er gegeben hat, den Zins.
Wird nun die Schuldentilgung durch Ausgabenkürzung der Schuldner (Sparen) erreicht, bleiben wieder Produkte liegen, die Volkswirtschaft schrumpf wie oben.
Halten wir fest: Das Wirtschaftswachstum erfolgt nur, wenn durch eine Investition , die zu einer mengenmäßigen Erhöhung der Produktion führt, die Gewinne realisiert werden. Der Wirtschaftswachstumszwang ist in diesem Sinne ein Investitionszwang.
Warum müssen aber Unternehmen Gewinne realisieren? Binswanger argumentiert wie folgt (Die Wachstumsspirale“, 2006, S. 368):
„Wenn dies nicht der Fall ist, sinkt die Gewinnrate und damit die Bereitschaft der Aktionäre (Anm.: Wer sind die Aktionäre und woher haben sie ihr Geld?) und damit auch der Banken, zusätzliches Geld als Kapital zur Verfügung zu stellen, was wiederum zu einer weiteren Senkung der Gewinnrate führt, bis schließlich die minimale Gewinnrate unterschritten wird, die genügt, damit das Risiko (Anm.: Die Banken sichern sich gegen dieses Risiko durch sog. Pfänder?), das mit dem Kapitaleinsatz verbunden ist, gedeckt wird. Wird sie unterschritten, werden die Aktionäre ihren Kapitaleinsatz zurückziehen. Entsprechend werden die Banken ebenfalls den Kapitaleinsatz reduzieren und ihre Kredite kündigen. Aus der Unterschreitung der minimalen Gewinnrate würde so nicht nur eine Minderung des Kapitalzuwachses und damit des Wachstums resultieren, sondern eine effektive Schrumpfung der Wirtschaft.“ (dazu Brodbeck)
Danach liegt der Schlüssel für den Zwang, Profite erzielen zu müssen, in der Hand der Kapitalbesitzer. Sie fordern eine Entschädigung für ihr Risiko,dass ihr Kapitaleinsatz verloren gehen könnte.
Wer sind die Überschusshalter? Eine bedeutende Gruppe sind die Unternehmen. Sie erzielen Reingewinne, die sie nach Binswanger (s. S. 365 – 370, Die Zinsspirale) z. T. investieren. Andere gesellschaftliche Gruppen mit Geldüberschuss (Überschusshalter) stellen ebenfalls einen Teil davon zum Investieren zur Verfügung, entweder direkt durch Anteilsübernahme oder indirekt, indem sie Fremdkapital bzw. Kredite gegen Zinsen anbieten. Investieren ist eine besondere Form des Konsums. Nur dieser führt zu dem von Binswanger beschriebenem Wirtschaftswachstum. Unternehmungen können auch ihren Reingewinn dazu benutzen, um gewöhnlich zu konsumieren, z.B. um Paläste zu bauen. Ihre Wettbewerbssituation zwingt sie aber dazu, zu investieren. (s. dazu Brodbeck)
Wie kann man Überschüsse erzielen?
durch Einkommensunterschiede, z.B. Managergehälter. Sie sind so groß, dass sie nur zu einem Teil für den Konsum ausgegeben werden können
durch leistungsloses Einkommen, das auf Besitz beruht, nämlich:
- Besitz von Produktionsmittel (Unternehmen); er führt zum Profit (Unternehmergewinn)
- Besitz von Geld; er führt zum Zins
- Besitz von Boden und Immobilien, er führt zur Pacht bzw. Miete
Die bisherigen Erläuterungen beschreiben sowohl den Zwang zum Wirtschaftswachstum im Sinne von Binswanger, als auch wie es zu dem Überschuss kommt und damit zur ungleichen Einkommensverteilung und Schuldenanhäufung. Sie weisen aber auch auf andere Lösungswege als sie Binswanger nennt. Er hält im Prinzip den Wachstumszwang als unausweichlich, wagt nur am Schluss seines Buches Bedenken, nachdem er ein Horrorszenarium von Schäden durch diesen Wachstumszwang andeutet, wenn er schreibt (S. 375):
„…Dann könnte es sich aufdrängen, Wege zu suchen, wie in geordneter Weise, …, der Spirallauf der Wirtschaft wieder allmählich in einen Kreislauf zurückgeführt werden kann. Es würde dann notwendig sein, Vorstellungen über die Gestaltung einer Wirtschaft zu entwickeln, die in sich nachhaltig ist, d.h. den ökonomischen, ökologischen und sozialen Ansprüchen optimal Genüge leistet.“
In dem schon erwähnten Vortrag Zürich 2007 versucht er einen Ansatz von Lösungsvorschlägen.
Lösungsvorschläge
- Anpassung der Eigentumsformen an das Nachhaltigkeitsziel. …
- Einbau der Eigenarbeit …. in die Einkommenspolitik
- Umgestaltung der Rechtsform der Unternehmen zur Minderung des Wachstumsdrang
In der Tat geht es um Besitz und Eigentum, die, wie oben beschrieben, Grundlage für die Überschussproblematik sind: Besitz von a.) Produktionsmittel, b.) Geld und c.) Boden
An diesen Punkten können Lösungen ansetzen. Sie wurden von verschiedenen Autoren und Gruppen vorgeschlagen:
- Eine Maschinensteuer, eine entsprechende Lohnpolitik und die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens würde zu eine Minimalisieren der Gewinnrate führen, (Autor Moewe)
- Eine Nutzungs- und Kreditgebühr würde zu einem Minimalisieren des Zinses führen (Freiwirtschaftler: Gloetlze, Creutz, Regionalgeld, u.a..)
- Eine Kommunalisierung würde das leistungslose Einkommen aufgrund von Bodenbesitz abschaffen (Freiwirtschaftler).
Überhaupt geht es darum, die Anhäufung von Geldvermögen durch Maßnahmen, wie z. B. den genannten, abzuschöpfen, sonst hilft sich das Wirtschaftsystem selbst. Es schrumpft; Firmen gehen pleite, verschwinden und mit ihnen zum großen Teil die Geldvermögen der Gläubiger. In der Realität bildet sich der Schrumpfungsvorgang durch Konjunkturzyklen ab. Diese verstärken aber die Ungleichverteilung der Eigentumsverhältnisse dadurch, dass es rechtzeitig vor einem Abschwung immer Eigentümer gibt, die ihr Vermögen sichern können. Bei dem nächsten Aufschwung haben sie dann bessere Bedingungen, ihr Vermögen zu vergrößern. Die treibende Kraft für Entstehung der Überschussproblematik – Zins, Gewinn, Pacht – ändert sich nicht.
Kurzfristig übernimmt der Staat als „infallibler Schuldner“ eine andere Lösung. Da er in der Lage ist, die Rückzahlung von Schulden in die weite Zukunft zu verschieben, mildert er durch Schuldenübernahme die Überschussproblematik kurzfristig, löst sie aber nicht. Als ironische Bemerkung im Klappentext zum Buch von P.C. Martin: „Aufwärts ohne Ende“, 1988 heißt es dazu:
Zum ersten Mal in der Geschichte ist es gelungen, das Überschuldungs-Problem, das letztlich auf einen unlösbaren Gläubiger/Schuldner-Konflikt und den Bürgerkrieg hinausläuft, zu entschärfen – durch den größten Trick der Weltgeschichte: durch die Einführung des Sonderkontos “Staat“, das immer weiter belastet wird, ohne dass es uns belastet. … Paul C. Martin, lange Zeit als “Crash-Prophet“ verschrien, erklärt: „Das ist es! Ich widerrufe! Jedes Problem löst sich hinfort von selbst, auch das der sogenannten >> Überschuldung<< – indem wir alle noch viel schneller noch viel höhere Schulden machen. Eine Alternative zu dieser Politik ist weder diskutabel, noch in Sicht!
Anhang 1: H. Chr. Binswanger
Aus dem Buch Binswanger „Die Wachstumsspirale“, 2006, S. 367 bis 368.
„Die Unternehmungen benutzen die Kredite, d.h. den Zuwachs des Fremdkapitals – ….- dazu, zusätzliche Produktionsleistungen von den Haushalten zu kaufen. Entsprechend steigen die Einkommen der Haushalte uno actu mit der Kapitalerhöhung, während die Unternehmungen noch die Produkte anbieten, die vor der Kapitalerhöhung hergestellt wurden, denn die Herstellung der Produkte und die Bereitstellung zum Verkauf benötigen ja Zeit. Deswegen wird ja ein Vorschuss, d.h. ein Kapitaleinsatz benötigt! Da die höheren Einkommen unmittelbar zu einer erhöhten Nachfrage nach den Produkten der Unternehmungen führen, steigen auch die Einnahmen der Unternehmungen fast uno actu mit dem Kapitalzuwachs. So stehen stets höhere Einnahmen den Ausgaben gegenüber, die die Unternehmungen tätigen mussten, um die Produkte herzustellen, die sie verkaufen. Da der Gewinn die Differenz ist zwischen den Einnahmen und den Ausgaben für die Produkte, durch deren Verkauf die Einnahmen erzielt werden, resultiert auf diese Weise im wirtschaftlichen Wachstum gesamtwirtschaftlich stets ein zusätzlicher Gewinn aus dem Zuwachs des Kapitals. Dabei können wir davon ausgehen, dass dieser hoch genug ist, um das eingegangene Risiko zu kompensieren, weil dies die Voraussetzung ist, dass überhaupt Kapital zur Verfügung gestellt wurde.“
Anhang 2: K.H. Brodbeck
Die Quelle des Überschusses
Sozialisten, als auch ihre Gegenspieler die Kapitalisten sehen die Notwendigkeit, Überschuss in der Produktion zu erzielen, im Wettbewerb. Dazu K.H. Brodbeck, Umrisse einer postmechanischen Ökonomie, http://www.fh-wuerzburg.de/professoren/bwl/brodbeck/postmech.htm , in: R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus, Band 1: Einführung postmaterialistische Denken, Wien 2001, S. 117-142.
Er sieht die Quelle nicht so sehr im Wettbewerb, sondern im „Denkmodell des Kaufmanns“, aus Geld mehr Geld zu machen.
„Wenn es einen Überschuß (durch „Ausbeutung“) gibt, dann wäre es für eine Firma vorteilhaft, auf einen Teil des Überschusses pro Produkt zu verzichten, die Preise zu senken und durch größere Marktanteile insgesamt die Profitmasse zu erhöhen. Andere werden das aber nachahmen. Wenn also der Wettbewerb funktioniert, führen schrittweise Preissenkungen zur Elimination jedes Überschusses. Der Einzelvorteil einer Preissenkung schwindet, wenn sie allgemein nachgeahmt wird.
Es muß also eine Quelle in der Wirtschaft geben, durch die unaufhörlich ein neuer Überschuß entsteht, der im Gewinn, in steigenden Löhnen und im Zins erscheint. Diese Quelle ist die kreative Umwälzung gewohnter Muster der Produktion und des Konsums….Das kaufmännische Interesse an einer Verzinsung des Kapitals unterwirft nach und nach alle Lebensbereiche, mit dem Ziel, durch Innovationen einen Pioniergewinn zu erwirtschaften, …. Da aber jede Neuerung früher oder später auf Nachahmer stößt, sorgt der Wettbewerbsprozeß dafür, daß die relativen Vorteile wieder verschwinden. Die Gewinne schmelzen weg und machen erneute Innovationen notwendig, um so in permanenter Beschleunigung und Umwälzung jährlich jenen Überschuß zu erwirtschaften, ….. Der Preis dieses Prozesses ist die immer wieder neue Zerstörung alter Gewohnheiten, traditioneller Handlungsregeln, wie sie in der Technik, beim Konsum oder in den übrigen Bereichen der menschlichen Kultur erscheinen.“ (K.H. Brodbeck (Kreativität und Unsicherheit,. Zur Synthese von Schumpeter und Keynes, 1996, http://www.khbrodbeck.homepage.t-online.de ).
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