Paradigma der Naturwissenschaft
Paradigma der Naturwissenschaften
(Das Denkmodell der Naturwissenschaften, Referat)
Ich möchte im Folgenden die Vorstellungen referieren, mit denen der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph, K.H. Brodbeck in seinen Schriften und Büchern die Naturwissenschaften charakterisierte (dazu die Literaturliste).
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Auffassung, dass Menschen sich in ihrem Denken und Handeln von Modellen leiten lassen. Dadurch entsteht für sie eine Welt, wie sie sie sehen – eine Weltsicht. Er entwickelt das Konzept von der gegenseitigen Abhängigkeit von Denkmodellen und Handlungen. Denkmodelle sind für ihn zunächst erinnerte Handlungsprogramme. „Wir halten an Handlungsprogramme fest, weil sie einmal erfolgrein waren” (s. 2, S. 106) ). Sie werden dann zu Denkgewohnheiten. Ob etwas als Erfolg angesehen wird, hängt wieder von unseren Erfahrungen ab, eingebettet in eine Vielzahl von Denkgewohnheiten. Denkmodelle haben also eine Geschichte und beziehen ihre Quellen aus dem sozialem Umfeld. Sie können „zur Welt des objektiven Geistes, der Paradigma” (s.1. S. 123) werden. In diesem Sinn hat auch T.S. Kuhn (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1977) den Begriff Paradigma eingeführt.
Handlung, Handlungsprogramm, Denkmodell
„Bei einer Handlung verwirklicht jemand etwas in einer bestimmten Absicht” (s.1. S. 85). Diese Absicht wird Handlungsprogramm genannt. Die Absichtsausführung ist dann die Funktion der Handlung („Was ein Handlungsträge faktisch als Handlung vollbringt, erfüllt einen bestimmten Zweck”, s.1. S. 86). Ausgelöst wird diese Verknüpfung von Handlungsprogramm und -funktion durch eine Wahrnehmung. Es ergibt sich also eine Folge von: Wahrnehmung (Signal) ® Programm ® Funktion, die sehr mechanisch anmutet. Unterschieden vom bloßem Verhalten oder von maschinellen Vorgängen wird diese durch die Beeinflussung und ihre Abhängigkeit von Bewusstsein- Entscheidung- Kreativmöglichkeiten – kurz durch die Freiheit des Menschen.
„Ich nenne deshalb allgemeine sequenzielle Muster, die Handlungen lenken, Handlungsprogramme.” (s.7, S. 9) Körperliche Abläufe können solche Handlungsprogramme sein, aber auch Denkprozesse. Diese sind sprachlich vermittelt, etwa bei alltägliche Handlungen z.B. durch den folgenden Dialog: „Ich werde um 14 Uhr zum Mittagessen gehen”. Sprachliche Vermittlung heißt, sie haben sowohl individuelle, als auch soziale, gesellschaftliche Bedeutung. Sollen sie funktionieren müssen sie oft zu Gewohnheiten, zu Denkgewohnheiten werden, z.B. die Handlungsabläufe beim Autofahren. Als Gewohnheiten besitzen sie einen maschinellen, automatischen Charakter.
„Man kann das Gehirn, wie das Gerald Edelman vorgeschlagen hat, auch so beschreiben, dass es im Bruchteil von Sekunden unentwegt Handlungsprogramme entwirft, die dann – das sind die Denkprozesse – auf die sinnliche Wahrnehmung projizieren und jene Muster ausgewählt werden, die „passen”.” (s.7. S. 10).
Die zur Gewohnheit gewordenen Denkmodelle bilden den Rahmen, in dem gedacht wird und werden so zur Metaphysik. „Metaphysik wird also verstanden als ein allgemeiner Denkrahmen, in dem zwar gedacht wird, der aber als dieser Rahmen selbst in der Wissenschaft nicht explizit ist.” (s.5, S.3)
In welchem Rahmen denken Naturwissenschaftler?
Kennzeichnend für sie ist die Unterscheidung von Subjekt und Objekt. Der Naturwissenschaftler als Subjekt steht seinem Gegenstand „Natur” gegenüber, dass er sinnlich bzw. mit seinen Messinstrument erfasst. In dieser Unterscheidung folgt er dem Denkmodell des Handwerkers, das bestimmend für das Denken in der Antike war: „Wir sahen, dass Platon und Aristoteles immer wieder im Denkmodell des Handwerkers dachten. …….Die abendländische Philosophie und Wissenschaft ist ein Abkömmling dieser Grundlegung.” (s.1; S. 215)
Brodbeck stellt die Frage, was man bei einem Handwerker in seinem Tun zu beobachten ist.
Wenn eine Handwerker einen Stuhl herstellen will, benötigt er
1. eine Vorstellung, eine Idee, wie der Stuhl aussehen soll,
2. das Holz als Material,
3. Werkzeuge und sein Können, um seine Vorstellung vom Stuhl zu verwirklichen, bis schließlich als
4. Ziel der Stuhl als Zweck seiner Handlung entsteht.
In der Abfolge dieser vier Punkte zwingt (Pkt. 3) der Handwerker als Subjekt dem Holz (Natur) als Objekt (Pkt. 2) die vorgestellte Form (Pkt. 1) auf, so dass schließlich der Stuhl entsteht (Pkt. 4). Diese 4 Punkte entsprechen der Verallgemeinerung von den vier Verursachungen, mit der Aristoteles als Denkmodell die Welt erklärt: „Das Denkmodell der vierfachen Verursachung hat unmittelbar an dieser handwerklichen Tätigkeit Sinn. Aristoteles formuliert es jedoch allgemein, macht es also überhaupt dadurch zu einem Denkmodell, und er überträgt es auf andere Sachverhalte, worin dieses Denkmodell dann als Metaphysik Sinn erzeugt „.(s. 4, S. 8 ).
Wie der Handwerker steht der Naturwissenschaftler der „Natur” gegenüber. Im Prozess der Entwicklung der Naturwissenschaft reduziert er sich im Gegensatz zu diesem in seinem Denkmodell auf die Wirkung von Handlungen (Pkt. 3), indem er die Vorstellung einer allgemeinen Kraft entwickelt, fassbar in abstrakten Zahlen, die die Erscheinungen der Natur beherrschen, bis hin zu dem Bemühen, eine Weltformel zu finden, die als letzte Ursache diese bewirkt.
Wie kam es dazu?
Vom Handwerksmodell zum Denkmodell des Kaufmanns
Für Brodbeck war ein wichtiges Resultat des mittelalterlichen Aristotelismus „die einheitliche Struktur, mit der die menschliche Gesellschaft und die Natur beschrieben wurden.” (s.4. S. 11).Die Beschreibung dieser Natur war von dem Nutzen bestimmt, die sie für den Menschen hatte. Daran hat sich auch heute wenig geändert. Dennoch, sie wurde durch ein anderes Denkmodell – eine andere Betrachtung – überlagert.:
„Im historischen Sinn können wir dies durch das Vordringen einer neuen sozialen Struktur beschreiben: durch die von den Kaufleuten getragene Vermehrung des Geldes im Zins. Ihr liegt ein besonderer Handlungstypus zugrunde, der das einfache Handlungsmodell des Handwerkers als Denkform vielfach überlagert und modifiziert.” (s.4. S. 11)
Während beim Handeln des Handwerkers sowohl bei der Entstehung seiner Idee, als auch bei der Verwirklichung zum Produkt der soziale Aspekt eine entscheidende Rolle spielt, weil der Prozess der vielen handwerklichen Tätigkeiten ohne einen gesellschaftliche Austausch nicht möglich ist: die Ideen fallen nicht vom Himmel, Werkzeuge müssen hergestellt werde, Kenntnisse erworben und schließlich: muss das Produkt gegen ein anderes getauscht werden, um davon zu leben. „Dieser Zusammenhang geht…..verloren; der Zweck erscheint hier als Hypostasierung, die zur bestimmenden Ursache wird. Der Prozeß der Vermittlung der vielen handwerklich Tätigen ist der Austausch. Und dieser Austauschprozeß findet im Kaufmann eine funktionale und personale Besonderung. Der Tausch ist ein Anderes als das Abarbeiten an Naturdingen im Handwerk. Aus dem Austausch erwächst das kaufmännische Gewinnstreben, die Maximierung des Zinses; eine den Tauschprozeß parasitär überlagernde, neuartige Funktion des Handelns,… Die zugehörige Denkform ist die reine Quantität, die alle anderen besonderen Maße regiert; Natur und menschliche Arbeit erscheinen als bloßer Widerstand gegen das Bestreben dieser unendlichen Geldvermehrung…..” (s.4, S 11.). In der Geldvermehrung, die von der Zinseszinsformel bestimmte wird, erscheint die Zeit und die Zahl als allgemeines Mass.
Die Entwicklung der Wirtschaft und die Entwicklung der Naturwissenschaft laufen parallel und bedingen sich einander. Das wird besonders sichtbar bei dem Begriff der Arbeit, der im 19 Jahrhundert unter dem Eindruck der Konstruktion von Dampfmaschinen entstand.
„Sieht sich der Handwerker in seinem je spezifischen Tun einem ebenso spezifischen Naturwiderstand gegenüber, so interessiert die Kaufmannsseele nur der allgemeine Widerstand, der sich dem ebenso allgemeinen Maß des Geldes und seiner Vermehrung widersetzt. Handwerkliches Tun ist in sich vielfältiges Handeln. Zwecke, Materialien und die Tätigkeitsarten unterscheiden sich. Die kaufmännische Subsumtion dieser vielen Tätigkeiten unter einen übergeordneten und abstrakten Zweck reduziert die Vielfalt der Handlungen auf eine einzige: Eine allgemeine Kraft (Arbeit), die wertvolle Güter hervorbringt, und dies in minimaler Zeit. Das Streben nach Maximierung einer reinen Quantität findet in der Mechanik seinen vollkommenen Niederschlag. …. Während die Nationalökonomie den Begriff der allgemeinen, abstrakten oder einfachen Arbeit formuliert, entwickelt die Naturwissenschaft parallel dazu den Begriff einer allgemeinen Naturkraft „Arbeit”.” (s.4, S. 12.).
Aber auch die stärksten Kritiker der Nationalökonomie bleiben dieser auf die Mechanik reduzierten Sichtweise verhaftet. „Während Karl Marx in der Tradition der klassischen Ökonomie die Frage nach der Erhaltung einer Wertsubstanz stellt und die neoklassischen Ökonomen eine Erhaltung der Kapitalsubstanz für ihre Behauptung einer „Produktivkraft des Kapitals” postulieren, formuliert die Physik den Erhaltungssatz der Energie.” (s.4, S. 12.)
Anmerkung zu Marx
Kritik
In seiner Kritik betrachtet K.H. Brodbeck zunächst das Handlungsprogramm (1) des Naturwissenschaftlers und danach die Folgen (2) die sich daraus ergeben.
1. Kritik am Handlungsprogramm
Das Experiment hat für dieses Handlungsprogramm eine zentrale Bedeutung. Wie der Handwerker hat der Naturwissenschaftler am Anfang seiner Handlung eine Idee – eine Hypothese. Dann stellt er durch Eingriffe bei dem als Gegenüber empfundenen Naturgegenstand eine experimentelle Situation ein, um das vorgestellte Ziel zu erreichen. Insofern stellt jedes Experiment eine Reduktion, eine Abstraktion auf eine einmalige Situation dar:
„Bei einem Experiment sind mehrere Dinge vorausgesetzt: Erstens muß man wissen, was gemessen werden soll…….. Man kann nur messen, wenn man weiß, was gemessen werden soll. …….Zweitens bezieht sich das eigentliche Experiment auf nur wenige Aspekte der Experimentalsituation. Es ist unwichtig, ob die Ablesung des Meßgeräts von einer, die Auswertung des Protokolls von einer anderen Person vorgenommen wird, ……. Es kommt also wesentlich nur auf die Ablesungen der jeweiligen Meßgeräte an, die zur untersuchten Theorie in Beziehung gesetzt werden. Um als brauchbares empirisches Resultat zu gelten, muß drittens auch die Bedingung erfüllt sein, daß andere Forscher in anderen Situationen, aber mit vergleichbaren Meßgrößen, dieselben Ergebnisse – im Rahmen von Fehlertoleranzen – reproduzieren können….Die abgelesenen Messwerte müssen intersituatiov vergleichbar sein” (s. 1, S. 148)
Die Geltung der Naturgesetze bezieht sich also auf diese besondere experimentelle Situation, in der störende Einflüsse fern gehalten werden, so dass zwischen zwei Messwerten ein mathematisch beschreibbarer Zusammenhang herstellbar ist. Diese besondere Situation wird von dem Experimentator hergestellt. Es charakterisiert die naturwissenschaftliche Vorgehensweise – ihr Handlungsprogramm – diesen Experimentator nicht in Ihrem Modell zu berücksichtigen. Da aber irgendjemand die Werte ablesen muss, kommt die Quantenphysik als moderne Naturwissenschaft sehr wohl dazu, dass es hier einen Zusammenhang geben muss. Da in ihren Theorien der Experimentator und seine Messgeräte wegen dieser Haltung der Natur gegenüber nicht als mathematischen „Term in einem Kalkül” vorkommen können, muss sie notwendig zu der Aussage kommen, dass Beobachtetes und Beobachter nicht von einander zu trennen sind:
„Die Quantenphysik …. beweist, dass eine Beschreibung der physikalischen Wirklichkeit, die vollständig unabhängig von den Mitteln wäre, mit denen wir sie beobachten, strenggenommen unmöglich ist” (zitiert n. Brodbeck, s.1, S 150: L. de Broglie, Licht und Materie aaO., S. 241)
Der Hinweis auf die Quantenphysik bezieht sich vor allem auf die Diskussion der sog. Heisenberg’schen Unschärferelation, nach der bestimmte atomare Größen nicht gleichzeitig genau definiert gemessen werden können, also atomare Größen je nach Versuchsbedingungen in der einen oder anderen Form erscheinen.
Aber noch eine weitere Abstrahierung findet im Modell der Naturwissenschaft statt. Die Berechenbarkeit der in bestimmten Situationen auftretende naturwissenschaftliche Vorgänge ist nur möglich, wenn man sie auf einen Wirkung – Ursachen- Zusammenhang reduziert, während alle anderen Bestimmungen ausgeblendet werden. Dahinter steht das mechanische Denkmodell des Kaufmanns des Strebens nach Maximierung einer reinen Quantität. Dazu Brodbeck:
„Die Wirkung soll durch die Ursache erzeugt werden, die Wirkung gibt es nur, wenn es die Ursache gibt. Wenn nun die Ursache früher ist als die Wirkung, so bleibt unklar, wie es die Ursache schafft, die Zeit zu überbrücken, bis die Wirkung tatsächlich eintritt.” Ist aber die Ursache gleichzeitig mit der Wirkung gegeben, so ist sie nicht von der Wirkung unterschieden. Aus diesem Grund ist die Vorstellung von Ursache und Wirkung nur etwas, das wir als.Beschreibung für Erscheinungen verwenden, ohne für die Erscheinungen selbst bestimmend zu sein.” (s.1. S. 157)
Die Beschränkung der zu beobachtenden Naturvorgänge auf ein Wirkung-Ursachen-Verhältnis führt zur Konstruktion von Maschinen. Vorbild ist dafür die Uhr. In der Uhrentechnologie verwirklicht sich die als „Gegenstand gewordene Herrschaft der Zahl über die Bewegung”. Endpunkt dieser Entwicklung ist die Suche nach einer allgemeingültigen Weltformel oder dem letzten Teilchen, auf dem alles aufbaut.
„Was als Beherrschung des Handelns durch eine Metahandlung, die alles an einem Maß mißt (dem Geld), seine soziale Prozeßstruktur besitzt, findet seine letzte metaphysische Konsequenz in einem Naturbegriff, der alle Naturgesetze als Geometrie eines gekrümmten Raumes entfaltet: in Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, in der Reduktion auf eine quantitative Struktur” (s. 4, S. 13)
Beschränkt (reduziert) auf diesen Handlungszweck, nur solche Erscheinungen als Gegenstand der Wissenschaft zu akzeptieren, die messbar, berechenbar sind, ist die Naturwissenschaft in der westlichen Zivilisation sehr erfolgreich gewesen. Sie begründet damit deren materiellen Wohlstand. Sie wurde zum allseits beherrschenden Denkmodell. Trotz dieses Erfolges vermag die Naturwissenschaft auf alle menschlich relevanten Fragen keine Antworten (Liebe, Schönheit, Trauer, Verlust) zu geben. Die meisten den Menschen besonders betreffenden Fragestellungen sind so nicht erfassbar.
Darüber hinaus ist die Natur als Ganzes zahlenmäßig nicht erfassbar.
Die Argumente dafür liefert die Naturwissenschaft selbst. In vielen Bereichen der Naturwissenschaft muss zur Erklärung von Naturvorgängen ihre Beschränkung auf die zahlenmäßige Erfassung aufgegeben werden.
- In der Chemie räumen die Vorstellungen über die Arbeitsweise von Katalysatoren der Form eine große Bedeutung ein.
- In der Chaostheorie bedeutet der Flügelschlag eines Schmetterlings große Veränderung in weit entfernten Systemen.
- In der Quantenphysik kann man zwar „messen, es ist aber >>unmöglich, anzugeben, was mit dem System zwischen Anfangsbeobachtung und der nächsten Messung geschieht<< (nach Brodbeck, s.1, S.160: W. Heisenberg, Physik und Philosohie, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1973, S.30)
Die Natur besteht nicht aus Zahlen, Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Differentialgleichungen oder Tensoren. Die Natur ist nicht »zahlenförmig«, wie Pythagoras, Platon und ihm nachfolgend viele Naturwissenschaftler behauptet haben, aber sie kann unter Umständen quantitativ beschrieben werden. »Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.« (L. Wittgenstein, Schriften 1, Frankfurt/M. 1980, S. 79., nach Brodbeck, s.1. S. 146).
Von der modernen Physik, über die Psychologie, Psychoanalyse, Neurophysiologie bis hin zur Wirtschaftswissenschaft (und da besonders) unterliegen Wissenschaftler dieser Täuschung des mechanistischen Denkmodells, einen Teilaspekt als das Ganze zu behandeln.
Nach Brodbeck gilt: Auch wenn wir den Farbwerten jeweils eine bestimmte Frequenz des Lichtes zuordnen können, so ist die Farbe doch nicht diese Frequenz. Es ist nicht schwer, die Magnetisierung von magnetischen Teilen zu messen, die in einen Kunststoff eingegossen sind. Man kann diesem Magnetisierungsmuster auch ein Frequenzbild zuordnen und es messen. Dennoch ist die erklingende Sinfonie etwas ganz anderes, wenn man das Tonband auf einem Recorder abspielt. (s.1. S. 54). (s. dazu im Anhang E. Schrödinger, Geist und Materie)
Das gilt für den Menschen, aber auch für die Naturwissenschaft:
Die Subjekt-Objekt-Relation erweist sich als Illusion. Es gibt ohne Beobachtung der Natur (mittels eines Messinstruments) überhaupt nicht so etwas wie eine Entität »Natur«. Zweitens lässt sich nicht sagen, was der Ort der Materieteile ist. Die Natur ist im Raum nicht spezifisch lokalisiert als Gegenüber eines Beobachters an einem anderen Punkt im Raum. Teilchen sind mehr oder weniger auf den gesamten Raum verteilt. Doch diese Verteilung ist nun nicht ihrerseits als Feld eine objektive Tatsache, sondern sie ändert sich mit ihrer Beobachtung, mit ihrer Messung. Die »Antworten« der Natur sind widersprüchlich: Stellt man eine Teilchenfrage oder eine Frage nach dem genauen Ort eines Teilchens, so erhält man zwar eine Antwort, doch um den Preis, dass andere Eigenschaften der Teilchen unbestimmt werden; dasselbe gilt für eine »Wellenfrage« (z.B. durch die Messung von Interferenzmustern).(s. 8, S. 7)
(s. Anmerkung zur buddistischen Logik)
Warum ist die Naturwissenschaft trotz des Mangels, wesentliche Aspekte des menschlichen Lebens unbeantwortet zu lassen, dennoch in unsere Gesellschaft so erfolgreich?
- Die erste Antwort ist formaler Art. Sie befriedigt das dringende Bedürfnis der Menschen und auch die Notwendigkeit, die Folgen von Handlungen vorherzusagen.
- Es gibt aber einen tiefer liegenden Grund. Die Naturwissenschaft ist sehr eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden und umgekehrt.
„Schon die verwendeten zentralen Kategorien der Naturwissenschaft sind Kategorien des Wirtschaftens und Produzierens. …….(s.1. S. 137) Die Experimentalsituation ist nichts anderes als ein Produktionsprozess. Daß Stahl diese oder jene Eigenschaft, ein Transistor eine andere, chemische Substanzen wieder andere Eigenschaften besitzen, die durch Naturgesetze beschrieben werden können, das heißt, es gibt berechenbare Aspekte der Produktionsprozesse, in denen die Experimentalsituation wiederholt werden kann……. Wir haben auch gesehen, daß ein Produktionsprozess nichts anderes ist als eine Experimentalsituation, die ökonomisch so umstrukturiert wird, daß die darin geltenden Naturgesetze nicht nur einfach gelten, sondern dabei der ökonomisch relevante Aufwand minimiert wird. Die Geltung der Naturgesetze, ihre theoretische Abstraktion, beruht auf einer praktischen Abstraktion der Produktionsprozesse bzw. der technischen Geräte, die zwischen sich und ihrer Umgebung eine Trennung, eine Grenze, ein Gehäuse oder Gebäude benötigen. Um die theoretische Abstraktion zur Geltung zu bringen, bedarf es einer praktischen Abstraktion, die die Dinge ihres natürlichen Zusammenhanges entreißt und erst dann jene Nutzung erlaubt, die naturwissenschaftlich berechenbar antizipiert ist.”(s.1. S. 151)
Diese Abstraktion gelingt nur mit Gewalt: „Was das Experiment unaufhörlich versucht, nämlich einzelne dynamische Strukturen der Natur zu isolieren, gelingt nur durch eine Gewalt, die man der Natur antut, die Gewalt einer Abstraktion. Experimentieren heißt, etwas von seiner Ganzheit zu trennen. Und die Umkehrung des Experiments (eine Umkehrung der Intention) ist die ökonomische Produktion: Produktion und Experiment sind strukturell identisch, intentional jedoch verschieden. Diese aktive Abstraktion, die in der zur Ökonomie gehörigen Technik unaufhörlich produziert wird, zeigt sich heute als Störung der natürlichen Ganzheit, der Ökologie.” (s. 4, S. 17)
In seinem Buch – bisher ausführlich zitiert – spricht K.H. Brodbeck vom „Krieg gegen die Natur” und schildert beeindruckend den Hintergrund dazu.
2. Die Folgen
Schon das Denkmodell des Handwerkers, das die Philosophie des Abendlandes von anfang an beherrschte war von diesem Feindbild bestimmt. Die Natur erweist sich als widerständlich, wenn es sie zu formen gilt. „Die Natur als Feind” findet auch in Vorstellungen der Schöpfergott-Religionen Eingang.
Dazu Brodbeck:
„Die Widerständigkeit der Natur wurde als Krieg gegen die Natur erfahren. Aus dieser Perspektive der zweckmäßigen Veränderung der Natur erwuchs die Naturauslegung der berechenbaren Verfügbarkeit, die Natur wurde zum berechenbaren mechanischen System. Für sich gilt die Natur als nichts außer den in ihr erkennbaren vernünftigen Prinzipien, die ein Gott in sie gelegt hat und die wir als Naturgesetze enträtseln können. Als denkende Wesen haben die Menschen an der göttlichen Vernunft Anteil (»Analogie«, »Ebenbildlichkeit«) und sind eben dadurch die Macht über die Natur. Die Natur ist bloßer Stoff für die menschliche Ökonomie.” (s.1. 179 ff.)
Das ganze abendländische Denken betrachtet die Natur als Material für menschliche Zwecke. So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Denken mancher Ökologen und Naturschützern sich in diesem Rahmen bewegt, wenn sie von den Gleichgewichten in der Natur sprechen. Die Vorstellung und Annahme eines Gleichgewichtes dient dazu, Eingriffe berechenbar zu machen.
„Das heißt nicht umgekehrt, daß diese Perspektive irgendwie »falsch« zu nennen wäre im Unterschied zu einer »harmonischen« Naturbetrachtung. Es ist aber ganz klar zu sagen: »Gleichgewicht« ist im Sinne der modernen Biologie nicht innere Harmonie der Natur für sich selbst, sondern Unveränderlichkeit als vorhandener Vorrat für den Menschen……… Die Gurus. der politischen Ökologie bleiben – trotz vielfach gegenteiliger Beteuerung – dem cartesianischen, Weltmodell verpflichtet, das sie nur um neue Begriffe wie »Rückkopplung«, »Ko-Evolution«, »ganzheitlich« (im Sinn von »systemisch«) zu ergänzen versuchen…. Es ist ein Denkmodell, das letztlich immer noch bei der göttlichen Vernunft stehenbleibt: »Gott ist also nicht. absolut, sondern er evolviert selbst – er ist die Evolution.« Wenn Gott nicht mehr als »Schöpfer«, sondern als »der Geist des Universums« bezeichnet wird, dann drückt sich darin nur das Denkmodell von Descartes aus: Eine Weltmaschine mit Seele .(Gott).
Das Ungeheure in der abendländischen Naturbeschreibung ist bislang noch kaum gedacht: Wenn ökologisches Gleichgewicht nicht etwas ist, das der Natur innerlich zukommt, dann ist eine Erhaltung« des natürlichen Gleichgewichts, eine grundlegende Illusion“. (s.1. S. 180 u. 183)
Wie soll denn dieses Gleichgewicht erhalten werden? Wollen wir uns selbst an die Hebel dieser Weltmaschine setzen? Sozialisten beantworten diese Frage mit ja.
„Die rationalistische Hoffnung allerdings, dieser Gesamtprozeß der Erde könne im Rahmen der bislang unverändert gültigen mechanischen Ökonomie bewußt geplant werden, ist naiv…… Es war kein Zufall, daß die sozialistischen Länder, im Befolgen dieser Lehre, jene Teile der Erde, die sich in ihrer Macht befanden, noch weit mehr zugrunde gerichtet haben als der Kapitalismus. Der Versuch, sozialistische Ökonomien zu planen, ist gescheitert – dies nicht zuletzt aufgrund der darin liegenden Hoffnung, Natur sei das schlechthin Berechenbare. Wie könnten wir auf die Idee verfallen, wir wären fähig, den gesamten Planenten zu steuern?” (s.1. S. 184 u. 185).
Für Brodbeck ist ein anderer Ansatz möglich, der in der Freiheit und Kreativität des Menschen liegt. Er ist möglich, wenn das Denkmodell der Naturwissenschaft nicht unhinterfragt auf die Ökonomie und Ökologie übertragen und sie von der Ideologie der Berechenbarkeit befreit wird. Problematisch sind die dort verwandten philosophischen Grundlagen der Denkmodelle. Dazu müssen sie aber erst erkannt und benannt werden.
Brodbeck hat hier keine Illusion über die Machbarkeit dieses Weges:
„Man sollte hier nicht naiv sein: Die Macht der Denkmodelle beruht auf’ ihrer Gewohnheit, und Gewohnheiten werden nicht zufällig als Mechanismus ausgelegt. Gewohnheiten können, vor allem dann, wenn sie zum globalen Bewußtsein einer Zeit synchronisiert sind, nicht allein durch wissenschaftliche Widerlegung als Konzepte verändert werden. Die Wissenschaft eines »Denkkollektivs«die Religion des gegenwärtigen Bewußtseins, ist eine Wirklichkeit, die über bloßes Denken hinausreicht.” (s.1. S. 187)
DENNOCH:
“zwingt die Erde in den unberechneten und unberechenbaren ökologischen »Problemen«, zwingt die destruktive Macht des internationalen Wirtschaftskriegs und das Wachstum der Erdbevölkerung den Menschen – so oder so -, eine Änderung dieser Gewohnheiten auf.“
K.H. Brodbeck: Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, S.187)
Anmerkung zu Marx:
In der Reduktion auf eine quantitative Struktur (Mathematik) haben Naturwissenschaft und Ökonomie dieselbe metaphysische Form.(s.4. S. 13/14) …..Marx, der Kritiker der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft, der doch auf den ersten Blick die Frage nach dem sozialen Maß gestellt hat, verbleibt sogar inhaltlich dieser Hypostase der sozialen Abstraktion verhaftet, wenn er den Wert als soziale Substanz einführt, die ihrerseits auf eine natürliche Substanz reduziert wird, auf die „Verausgabung von menschlichem Hirn, Nerv, Muskel, Sinnesorgan usw.”. Daß diese Verausgabung wiederum nur als Durchschnitt verstanden wird, daß also tatsächlich der Wert „etwas rein Gesellschaftliches” ist, diese offene Frage bleibt ungeklärt in der Marxschen Theorie.(s.4. S.14)…….. doch er bleibt in der Metaphysik des Hylemorphismus gefangen (Erklärung: aristotelische Begriff), auch und gerade im berühmten Kapitel über den „Fetischcharakter der Ware”, der darin gründen soll, daß „das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen” erscheint. Hier fungiert die „Gesamtarbeit” als Substanz, zu der andere Dinge Beziehungen unterhalten. Es ist kein Wunder, daß diese Abstraktion im „Gesamtarbeiter” sogar Subjekt wird – der nun das Erbe des scholastischen Creators oder des Werkmeisters bei Hegel antritt, freilich als mechanischer Creator: „Der kombinierte Gesamtarbeiter, der den lebendigen Mechanismus der Manufaktur bildet”. Die „Militarisierung der Arbeit” in der russischen Revolution, der „durch die Gestalt des Arbeiters legitimierten Macht”, wird im Personenkult des Stalinismus die zur Kenntlichkeit gewordene Wirklichkeit dieses Subjekts.” (s.4, S. 14)
Anmerkung: Buddistische Logik:
Nun gab es bereits in der alten indischen Philosophie eine Theorie der Atome, und es war eben diese Theorie, die von Nagarjuna und den Madhyamikas aus logischen Gründen abgelehnt wurde. Das Argument geht, kurz gefasst, so: Will man aus Atomen durch Zusammensetzung Formen erklären, so müssen die Atome Beziehungen eingehen, also verschiedene Seiten oder Aspekte haben. Aspekte sind aber Teile eines Ganzen, und das widerspricht dem Begriff: »unteilbares« Element. Hier bewährt sich nun die buddhistische Logik: Weder das beobachtende Subjekt noch die Teilchen oder Felder als Objekte der Naturerkenntnis sind mit sich identische Entitäten. Ein beobachtender Wissenschaftler bewegt sich durch eine technische Vermittlung (Messinstrument) in einer Relation zum beobachteten Naturphänomen. Die Form der Vermittlung, der Relation legt fest, was beobachtet wird und in welcher Form die Beobachtung erfolgt. Die Bedeutung der Theorie konstituiert sich durch das Messgerät mit dem beobachteten Objekt. Was sich hier logisch zeigt, ist eine Priorität der Relation vor den Relaten, wie in Nagarjunas Beispiel die Vaterschaft den Kategorien »Vater« und »Kind« vorausgeht. An einem bestimmten technischen Gerät als Vermittlung konstituiert sich die Möglichkeit einer Denkform (z.B. »Teilchenspur« in der Nebelkammer) und zugleich der Form des Objekts. Die Natur zeigt sich immer nur so, wie wir in unserem Denken und den technischen Handlungen unsere Relation zu ihr vermitteln. Auch von diesen Vermittlungsweisen können wir nur sagen, wie sie sich voneinander unterscheiden; auch die Relation besitzt keine Selbstnatur. Das zeigt sich in den Naturwissenschaften selbst, die sich mit dem Wandel der Techniken auch als Theorien wandeln und sich entsprechend unterscheiden. Der Feldbegriff setzt die Möglichkeit einer »Feldfrage« an die Natur voraus, und diese war erst durch die Entwicklung der Elektrotechnik gegeben. Das Problem der Erhaltung der Energie stellte sich erst, als die Menschen durch Energieumwandlung (bei Dampfmaschinen) diese Frage auch als Handlung vollziehen konnten. Die Natur erscheint immer wieder neu durch unsere veränderten Handlungen. Erst als die Menschen mehr und mehr ihre Vergesellschaftung über die Geldrechnung abwickelten und später daran gingen, die Produktionsprozesse im Horizont dieser Rechnung einer Kontrolle der Buchführung zu unterwerfen, tauchte ein Bild der Natur auf, das sie als mathematische Struktur zu begreifen versuchte. Wir denken die Dinge so, wie wir handelnd mit ihnen umgehen. Die Handlung B in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen karma genannt, bestimmt die gewohnte Wahrnehmung der Welt, auch der Natur. Es ist also auch richtig zu sagen, dass das Worin der Natur, in der sie jeweils anders erscheint, ein sozialer Ort ist. Die Natur zeigt sich jeweils in der Form, in der die Menschen ihr Verhältnis untereinander denken und wahrnehmen. Technische Katastrophen, Autounfälle, der Smog der Großstädte usw. machen deutlich, dass wir »Natur« in die Menschenwelt hereingeholt haben und nie von ihr getrennt sind. (s. 8, S. 8 )
Literatur von K.H. Brodbeck:
1. Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, 2007, Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG).
2. Erfolgsfaktor Kreativität, 1996, WBG
3. Entscheidung zur Kreativität, 2007, WBG
Die folgenden Abhandlungen sind auf der Hompage www.khbrodbeck.homepage.t-online.de verfügbar:
- Handeln als metaphysicher Horizont, 2001
- Verborgene metaphysische Voraussetzungen in der zeitgenössischen Wirtschaftslehre 1999
- Umrisse einer postmechanischen Ökonomie, 2001
- Kreativität und Gewohnheitsbildung im Wirtschaftsprozess; 2001
- Der Ort der Natur 2007
Auszüge aus: Erwin Schrödinger, Geist und Materie, 1998, Diogenes
Fragt man einen Physiker nach seiner Vorstellung von gelbem Licht, so wird er sagen daß es aus transversalen elektromagnetisches Wellen besteht, deren Wellenlängen in der Nachbarschaft von 590 µg (1 gg = 106mm liegen. Fragt man ihn aber: „Wo steckt denn das Gelb?”, so wird er antworten: „In meinem Bilde überhaupt nicht; aber alle Schwingungen dieser Art geben, wenn sie auf die Netzhaut eines normalen Auges fallen, dem Besitzer dieses Auges die Empfindung von Gelb.” (S.126)
Das objektive Bild der Lichtquellen des Physikers kann keine Rechenschaft geben von der Farbempfindung. Könnte es wohl der Physiologe, wenn er mehr von den Vorgängen in der Netzhaut und den von ihnen ausgelösten Vorgängen in den Nerven und im Gehirn wüsste, als er tatsächlich weiß? Ich glaube nicht. Bestenfalls können wir ein objektives Wissen davon erlangen, wie und in welchem Verhältnis die Nerven erregt werden, oder wir könnten vielleicht gar Genaueres über die Vorgänge erfahren, die sie in bestimmten Gehirnzellen hervorrufen, wenn unser Bewusstsein die Empfindung Gelb in einer bestimmten Richtung unseres Gesichtsfeldes hat. Aber selbst ein so eingehendes Wissen würde uns nichts über die Farbempfindung sagen, im besonderen nichts über die Empfindung von Gelb in dieser Richtung. (S.128)
Es wäre denkbar, dass der gleiche physiologische Vorgang die Empfindung „süß” oder von irgend etwas anderem bewirken könnte. Ich meine einfach folgendes: Es gibt ganz gewiss keinen Vorgang in den Nerven, dessen objektive Beschreibung die Merkmale Gelb oder Süß enthält, ebenso wenig wie die objektive Beschreibung einer elektromagnetischen Welle eines dieser Merkmale enthält. (S. 129)
Ich bin hier etwas ins einzelne gegangen, um deutlich zu machen, dass weder die Beschreibung des Physikers noch die des Physiologen irgendeine Spur von der Schallempfindung in sich birgt. Jede solche Beschreibung muss notwendig etwa mit einem Satz wie dem folgenden enden: Jene Nervenerregungen pflanzen sich zu einem bestimmten Bereich des Gehirns fort, wo sie als eine Folge von Klängen zur Kenntnis genommen werden. Wir können die Druckschwankungen der Luft verfolgen, wie sie Schwingungen des Trommelfells erregen; wir können beobachten, wie dessen Bewegungen durch ein System von Knöchelchen auf eine andre Membran und schließlich auf jene Membran in der Schnecke übertragen werden, die, wie oben beschrieben, aus verschieden langen Fasern besteht. Wir können Verständnis dafür gewinnen, wie eine solche schwingende Faser einen elektrischen und chemischen Leitungsvorgang in der Nervenfaser hervorruft, mit der sie in Wechselwirkung steht. Wir können diesen Leitungsvorgang bis in die Hirnrinde verfolgen und möglicherweise auch ein gewisses objektives Wissen über einiges von dem erlangen, was sich dort abspielt. Aber nirgends werden wir auf dieses „den Schall wahrnehmen” stoßen, das in unserm wissenschaftlichen Bilde einfach nicht enthalten ist, sondern nur im Geiste des Menschen existiert, von dessen Ohr und Gehirn wir reden. (S. 134)
Tendenzieller Fall der Profitrate
Tendenzieller Fall der Profitrate
Der Tendenzielle Fall der Profitrate ist für Marxisten ein Eckfeiler für die Erklärung kapitalistischer Krisen. Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwertes zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital, wobei der Mehrwert sich aus der Differenz von den an einem Arbeitstag insgesamt erzeugten Werten und den Werten bestimmt, die zum Erhalt der Arbeitskraft notwendig sind. Das Gesamtkapital setzt sich dabei lediglich aus dem konstanten Kapital (Kosten für Produktionsmittel und Material) und variablen Kapital ((Lohnkosten) zusammen. Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass im Kampf um den Profit (Rendite) das Gesamtkapital durch Vergrößerung des konstanten Kapitals (Investition) erhöht wird, wodurch das Verhältnis von Mehrwert zu Gesamtkapital – also die Profitrate – „tendenziell“ erniedrigt wird. Tendenziell bedeutet, es geht um die Entwicklung der Durchschnittsprofitrate.Diese zunächst einleuchtende Behauptung soll an einem Beispiel verdeutlicht werde, das sich auf Marx beruft und von einem Marxisten Nick Beams auf der World Socialist Website (http://www.wsws.org/de/korres/korres.shtml) als Leserbrief am 04.04.2000 unter dem Titel “Der Fall der Profitrate“ veröffentlicht wurde:
Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwert zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital. Wenn das Gesamtkapital beispielsweise mit 100 angesetzt wird, bestehend aus konstantem Kapital in der Größenordnung von 80 und variablem Kapital von 20, und zugleich die Mehrwertrate 100 Prozent beträgt, was bedeutet, dass der Produktionsprozess einen Mehrwert von 20 hervorbringt, so ist die Profitrate 20/100 bzw. 20 Prozent.
Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass mit steigender Arbeitsproduktivität der Anteil des konstanten Kapitals am Produktionsprozess wächst. Das heißt, der Anteil der zugeführten lebendigen Arbeit geht im Verhältnis zu den Produktionsmitteln, die sie in Bewegung setzt, tendenziell zurück. Da jedoch die lebendige Arbeit die einzige Quelle des Mehrwerts darstellt, folgt daraus, dass die Profitrate, die sich aus dem Verhältnis zum eingesetzten Gesamtkapital errechnet, tendenziell ebenfalls sinkt.
Nehmen wir ein Kapital von 200, bestehend aus konstantem Kapital von 180 und variablem Kapital von 20. Bei einer Mehrwertrate von 100 Prozent, die einem Mehrwert von 20 entspricht, haben wir bei diesem Kapital eine Profitrate von 20/200 bzw. 10 Prozent.
Die an diesem Beispiel verdeutlichte Behauptung vom tendenziellen Fall der Profitrate, setzt voraus, dass der Mehrwert konstant bleibt. Kompliziert werden jedoch die Verhältnisse, wenn durch Investition, d.h. durch Sachkapitalvergrößerung, sowohl die notwendige Arbeit (variables Kapitals) verkleinert als auch der Mehrwert durch einen größeren Warenausstoß (Produktivitätsfortschritt aufgrund der Investition) erhöht wird. Insbesondere werden die Verwertungszusammenhänge nicht sorgfältig analysiert.
Zunächst entsteht ja auf der Produktionsseite ein Mehr an Waren, deren Wert erst am Markt bestimmt wird. Auch der Mehrwert hat seine Entsprechung in der Warenproduktion. Es sind wiederum hauptsächlich die Lohnbezieher, repräsentiert durch das variable Kapital, die die Werte bestimmen. Einfacher ausgedrückt: Die Lohnabhängigen kaufen die Waren, die sie selbst produzieren mit dem Lohn, den sie für ihre Arbeit erhalten. Was geschieht aber mit den Waren, die darüber hinaus produziert werden? Wer kauft sie? (s. Anmerkung 1).
Das Verwertungsproblem besteht darin, dass der Gewinn im kapitalistischen System durch ein Mehr an Geld realisiert wird ( G —W— G + MG). Der Warenüberschuss (Mehr an Waren) erhält erst durch den Umtausch in Geld seinen Wert (Mehrwert, Gewinn).
Wo aber sind die Abnehmer, die dafür das Geld geben? Das können ja nicht die Lohnabhängigen sein. Sie haben mit ihrem als Lohn erhaltenem Geld den Teil der Waren abgeräumt, der äquivalent als Kosten zu diesem Geld ist. Der andere Teil ist der Warenüberschuss. Wie könnte eine Verwertung des Warenüberschusses aussehen?
1. Durch das größere Warenangebot gehen die Preise im Durchschnitt runter, die Lohnabhängigen können mehr kaufen. Oder sie erhalten einen höheren Lohn und können sich dadurch mehr kaufen. Das Mehr an Waren wird so als Mehrwert zu den Lohnabhängigen transferiert – nach Marx und den Kapitalismusvertretern ein unwahrscheinlicher Fall, weil das Erzielen von Profit (Mehrwert) für den Unternehmer überlebensnotwendig ist.
2. Die Unternehmerschaft könnten den Warenüberschuss selbst konsumieren, indem sie ihn untereinander abnehmen (kaufen). Das dafür notwendige Geld wird durch Kredite bereitgestellt, die beim gegenseitigen Leistungstausch wieder getilgt werden. Sie konsumieren so den Profit durch ihr Luxusleben – Bauen von Palästen.
3. Eine besondere Art des Unternehmerkonsums ist die Investition., wobei auch hier wieder Kredite eine Rolle spielen (s.o.). Dies ist der oben geschildert Fall von Erhöhung des Sachkapitals. Investitionen führen zu Produktionssteigerungen entweder durch Produktionsausweitung oder Produktivitätssteigerungen. Wird diese nicht an die Lohnabhängigen durch Arbeitszeitverkürzung weitergegeben, vergrößert sich der Warenüberschuss und damit das oben skizzierte Problem.
4. Oder der Warenüberschuss wird ohne gleichzeitigen Import ausländischer Ware in andere Länder exportiert. Das Heimatland hat dann einen Exportüberschuss. Der ausländische Empfänger hat entweder Schulden, für die er Zinsen zahlt oder die als Gegenwert gezahlte ausländische Währung wird vom Exporteur in die ausländische Wirtschaft renditeträchtig investiert. Die Profite werden durch Exportüberschuss ins Ausland transferiert. Güterexport bei gleichzeitigem Güterimport ändert an dem Warenüberschuss nichts.
5. Das Problem lässt sich kurzfristig aber auch durch Kreditvergabe lösen. Durch eine Kreditvergabe erhalten Wirtschaftsteilnehmer das für die Markträumung des Warenüberschusses nötige Geld. Gesamtwirtschaftlich bedeutet dies Wirtschaftswachstum und zwar dann, wenn der Schuldner zur Tilgung seines Kredites zusätzliche Leistungen erbringen muss, um das für die Tilgung nötige Geld zu verdienen. Das Problem wird im wahrsten Sinne des Wortes dadurch potenziert, dass die Schuldenaufnahme Zinsforderungen nach sich zieht. Die Dynamik gerät zu einem exponentiellen Wachstum. Hauptträger der Schuldenaufnahme sind zu 70 % die Unternehmen, die die Zinsforderungen als Kapitalkosten an die Warenabnehmer – die ursprünglichen Leistungslieferanten – weiterreichen: Löhne werden gekürzt, Arbeiter entlassen, Preise erhöht. Deren Fähigkeit zur Warenabnahme schwindet und das Verwertungsproblem verschärft sich.
An dieser Stelle wird sichtbar, wie wichtig die Vorgänge auf der Verwertungsebene, die man auch Zirkulationssphäre nennen könnte, für die Profitentstehung sind.
Für beide Fälle gilt aber, dass irgendwann die Bedürfnisse für eine Warenkauf gesättigt sind und der Verwertungsprozess stoppt. Keynes spricht dann von einer langfristig abnehmenden Grenzleistungsfähigkeit des Investitions- Kapitals, nämlich die Fähigkeit, Rendite zu erbringen. Dieser Begriff beschreibt auf diesem Erklärungshintergrund viel klarer die Probleme einer kapitalistischen Wirtschaft als der Begriff vom tendenziellen Fall der Profitrate, weil er die Vorgänge in der Zirkulationsspäre stärker einbezieht. Das die Warenzirkulation erst ermöglichende Geldsystem kommt dadurch stärker in die Analyse als bei Marxisten.
In dem oben erwähnten Artikel von Nick Beams über den Fall der Profitrate kommt es deswegen auch zu Widersprüchen. Dort heißt es:
Mit anderen Worten, während die technologische Entwicklung den Anteil des konstanten Kapitals steigert und damit die Durchschnittsprofitrate senkt, erhöht sie gleichzeitig auch den erzielten Mehrwert und führt damit tendenziell zu einer höheren Profitrate. Wenn die Steigerung der Mehrarbeit hinreichend groß ist, kann der Fall der Profitrate aufgehalten oder sogar umgekehrt werden.
Gerade diese Argumentation benutzen ja heutige Wirtschaftswissenschaftler, wenn sie ein ständiges Wirtschaftswachstum auf hohem Niveau fordern, um Krisen zu vermeiden oder zu überwinden.
So bezeichnet er auch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate als einzige wissenschaftliche Erklärungsgrundlage für den wirtschaftlichen Nachkriegsboom und sein Ende:
Die Entwicklung und Verbreitung der Fließbandproduktion in der gesamten kapitalistischen Welt während der Periode nach dem Krieg führte zu einer enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität. Das heißt, diese Methoden ergaben vermittels einer erheblichen Herabsetzung der notwendigen Arbeit einen höheren Mehrwert.
Diese Erklärung übersieht, dass der Krieg eine riesige Kapitalvernichtung war und die Leistung des Kapitals, Rendite zu erwirtschaften auf einem hohen Niveau wieder starten konnte. Die Deutung von Keynes passt dazu besser. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist die eine Erklärung für den Nachkriegsboom. Die Fähigkeit einer kapitalistischen Wirtschaft bei geringer Kapitalakkumulation wegen starker Warennachfrage hohe Rendite zu erbringen, ist die andere.
Anmerkung 1 zu „Tendenzieller Fall der Profitrate) (Probst S. 15)
…Die Macht erwächst aus der Begehrtheit der produzierten Waren; sind sie hingegen nicht begehrt, kann sich – salopp gesagt – „ der Kapitalst seine Produktionsmittel vor’s Knie nageln….
Bedeutung der Zirkulationssphäre bei Marx
Die Bedeutung der Zirkulations – und Produktionssphäre für die Kapitalismuskritik
Für die meisten Kapitalismuskritiker ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln die Grundlage des Kapitalismus und Grund für dessen Profitorientierung. Sie beziehen sich dabei auf Marx. Die Vorgänge in der Zirkulationssphäre werden lediglich als Abbilder dieser Produktionsverhältnisse gesehen.
„Der Besitzer der Ware Arbeitskraft und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in ein Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer…..Sie kontrahieren als freie rechtlich ebenbürtige Personen…. Sie beziehen sich nur als Warenbesitzer zueinander und tauschen Äquivalent gegen Äquivalent. ..“ ( Marx: Das Kapital Bd.I, S. 182 – 190, zit. nach Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)
Hier wird Geld als Ware der Ware Arbeitskraft gleichgesetzt (äquivalent). Geld ist eine neutrales den Wirtschaftsprozess vermittelndes Wirtschaftsgut. Insofern ist die Kritik ausschließlich in der Produktion zu suchen. Als Besitzer des knappen Wirtschaftsgutes Produktionsmittel ist der Kapitalist in der Lage, den besitzlosen Arbeiter zu erpressen, um sich den von ihm erzeugten Mehrwert anzueignen. Die Entstehung und Aneignung des Mehrwertes lässt sich wie folgt erklären:
Der Unternehmer als Eigentümer der Produktionsmittel bezahlt den Arbeiter für z.B. 8 Stunden Arbeit. Dabei kauft er dessen Arbeitskraft zu einem Wert (Lohn), der durch die Reproduktionskosten der Arbeitskraft bestimmt wird. Dies ist die nötige Warenmenge, um den Arbeiter einen Tag arbeitsfähig zu erhalten. Beispielsweise reichen dazu 4 Stunden Arbeit. Der Unternehmer benutzt bzw. gebraucht aber diese Arbeitskraft 8 Stunden lang. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist also größer als sein Tauschwert (Lohn gegen Arbeitskraft). So entsteht zunächst eine Warenmenge, die doppelt so groß ist wie die nötige Wahrenmenge zum Erhalt der Arbeitskraft. Beim Verkauf dieser Warenmenge am Markt wird u.U. ein Wert erzeugt der doppelt so groß ist wie der Wert zum Erhalt der Arbeitskraft. Die Differenz ist der Mehrwert, der beim Unternehmer verbleibt. Der Warenverkauf und damit die Mehrwertrealisierung muß aber gegen andere Marktteilnehmer als Konkurrenten durchgesetzt werden. Dies führe zur Profitorientierung des gesamten Produktionsprozesses (Herstellung + Verwertung), weil sonst der Warenanbieter vom Markt gedrängt würde, auf seiner Ware sitzen bliebe, dadurch die Produktion einschränken und Arbeitskräfte entlassen müßte. Diese Profitorientierung – die Orientierung auf „Mehr“ – übergeht das Ziel, die Produktion entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu organisieren, führt zur Entfremdung des Menschen von seinen Produkten. Auch Privateigentum an Produktionsmitteln in den Händen von Arbeitenehmern würde an dieser Situation nichts ändern. Insofern ist es folgerichtig, das Privateigentum an Produktionsmittel und den Markt gänzlich abzuschaffen, um diese Verwerfung zu überwinden.
An dieser Einschätzung der sich auf Marx berufenen Sozialisten setzt die Kritik der Freiwirtschaftler an. Sie argumentieren, dass es die Produktion von Waren für den Markt schon jahrhundertlang gegeben habe und dies zunächst nicht zur Profitorientierung des Wirtschaftens führte. Erst die Vervollkommnung des Geldwesens, das Auftreten und das Ansammeln von Geldkapital ermöglichte diese Entwicklung. Geld kann im Gegensatz zu allen anderen Waren gehortet (Schatzbildung), dadurch verknappt und dem Wirtschaftskreislauf als notwendiges Tauschmittel entzogen werden. Mit den weiteren Eigenschaften der Schlagfertigkeit (Schnäppchenkauf) und der Transportfähigkeit ist es eben nicht äquivalent zu anderen Waren. Die Möglichkeit der Schatzbildung zeichnet den Geldbesitzer aus und begründet seine besondere Machtstellung, die allerdings durch den Staat abgesichert sein muß. Im Übrigen hat dies schon Marx so gesehen, aber die entsprechenden Folgerungen daraus verweigert, ja sogar bekämpft (s. Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)
Wie wirkt sich diese Machtstellung aus?
Der Geldbesitzer lässt sich die Preisgabe der Vorteile des Geldbesitzes (Hortungsfähigkeit, Schlagfertigkeit, Transportfähigkeit), damit Produktionsmittel erworben werden können, durch den Zins bezahlen. Der Unternehmer muß wegen dieser Zinszahlung Profit erzeugen, anderenfalls geht er in den Konkurs. Steht aber Finanzkapital zinslos zur Verfügung ist der Erwerb von Produktionsmittel erleichtert und die Erpressungsmöglichkeit des Unternehmers gegenüber dem Lohnabhängigen verringert, die Mehrwertaneignung schwindet, der Profit geht gegen null. (s. auch Jürgen Probst, Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft, 2.Auflg. 1998, Selbstverlag, Hannover, Anmerkung 1)
Unstrittig ist für alle Kapitalismuskritiker, dass der Mehrwert durch Arbeit, also in der Produktion entsteht. Die Freiwirtschaftler werfen den Marxisten vor, dass sie blind für die Vorgänge in der Zirkulationssphäre seien und deren Konsequenzen für die Produktionssphäre nicht sehen, insbesondere nicht zwischen Geldbesitzern (Geldkapital) und Unternehmern (Besitzer von Sachkapital) unterschieden. Produktionsmittel (Sachkapital) und alle anderen am Wirtschaftsprozess beteiligten Größen müssen durch den Einsatz von Geldkapital erworben werden. Auch Marx spricht immer wieder vom Geldbesitzer: „Der Geldbesitzer hat den Tageswert der Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher ihr Gebrauch während des ganzen Tages. …“. Danach ist der Unternehmer zunächst Geldbesitzer, um dann später in der Produktion Eigentümer von Produktionsmittel zu sein. Doch in der modernen kapitalistischen Wirtschaft sind Unternehmer nicht so sehr Eigentümer von Produktionsmitteln, sondern eher deren Besitzer, die zwar über die Verwendung von Produktionsmitteln bzw. Mehrwert bestimmen können, aber die eigentlichen Eigentümer die Geldbesitzer sind, die ihnen das Geld als Kredit zum Erwerb von Produktionsmittel , von Material, Gebäuden und Arbeitskraft geliehen haben. Deutsche Unternehmer haben in der Regel 60 bis 80% ihres Unternehmens mit Fremdmittel finanziert. Sichtbar wird dieser Eigentümer dann, wenn das Unternehmen die Zinsen nicht mehr zahlen kann und das Eigentum im Konkurs eingefordert wird.
Der Geldgeber – Geldkapitalist - bestimmt die Regeln, nach denen das Spiel “Produktion” in Unternehmen gespielt wird. Die “Spielregeln” der Produktion: das sind nicht nur die Zinsforderungen – das sind die “Produktionsverhältnisse” einschließlich der eigentumsrechtlich ausgeformten Dispositionsbefugnisse des Kapitals im Unternehmen. Das bedeutet vor allem die Produktion von Waren unter dem Diktat der Profitmaximierung, wie es beim Geldverleihen staatlich sanktioniert ist
Dabei ist der Zins nicht bloß eine Erscheinung des Profits. Er unterscheidet sich von diesem in besonderem Maße:
(1) Der Zins wird zuerst ausgehandelt, erst dann wird das Geld unter Risikominimierung (Sicherheiten) verliehen. Um einen Gewinn, der immer mit einem Risiko behaftet ist, zu erzielen, muß vorher Geld ausgeliehen und investiert werden.
(2) Der Zins kann im Gegensatz zum Profit weder theoretisch noch praktisch auf Null fallen.
(3) Die Summe aller Zinsen nimmt proportional mit den Investitionen und der Kapitalmasse zu. Die Summe aller Gewinne geht in dieser Hinsicht relativ zurück (Keynes: abnehmende Grenzfähigkeit des investierten Kapitals)
Es überrascht also überhaupt nicht, daß unter den Bedingungen des kapitalistischen Geldes sich Eigentumsformen herausgebildet haben und gesetzlich kodifiziert bzw. anerkannt wurden, bei denen der Geldkapitalgeber das letzte Wort hat.
Es ist vor allem zu hinterfragen, ob die Gier nach Mehr in der Produktion angesiedelt ist, die als Profitmaximierung zwangsläufig aus dem Marktgeschehen abzuleiten ist. Es ist durchaus denkbar, dass sich ein Unternehmer bei Sicherung seines Unternehmereinkommens mit einer Null-Rendite zufrieden gibt. Natürlich ist der Interessenskonflikt zwischen Produktionsmittelbesitzern und den Arbeitern an diesen Produktionsmittel nicht zu leugnen, auch nicht, dass die eigene veraltete Warenproduktion durch eine effektivere verdrängt werden kann. Sozialisten sehen in diesem Interessenkonflikt den Kern des Problems der kapitalistische Produktionsweise: Solange Menschen von ihren Lebens- und Produktionsgrundlagen, den Produktionsmitteln getrennt werden, seien sie erpreßbar und müßten sich den Zielen der Besitzer unterwerfen. Es ginge nicht um Verteilungsfragen oder Verrechnungsfragen – sondern die Grundlagen der Produktion überhaupt seien zu kritisieren und in Frage zu stellen.
Dazu sagt Bernd Senf ( Geldfluß und Realwirtschaft…., Skript auf der website www.berndsenf.de, 2002): Marxistisch betrachtet, wären mit der Überwindung..“ .der Probleme in der Zirkulationssphäre „… der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital …… – zwar nicht überwunden. Wenn aber der Druck des Geldkapitals gegenüber der übrigen Gesellschaft – auch gegenüber den Unternehmerkapitalisten – zum dominierenden Konflikt geworden ist, sollte dann nicht die Lösung dieses Konflikts erste Priorität bekommen, ohne dass deswegen die anderen Konflikte verdrängt werden müssen?“
Darüber hinaus ist zu bedenken, dass in dem großen leidvollen Experiment des realexistierenden Sozialismus, das Privateigentum an Produktionsmittel und der Markt zwar abgeschafft wurde, aber keinesfalls die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, indem der Kapitalismus als Staatskapitalismus erhalten blieb.
Betrachtungen zu Marx
Betrachtungen zur Marxschen Kapitalismusanalyse
Obwohl Marx in Theorie und Praxis angetreten war, die Entfremdung des Menschen von seiner eigentlichen Natur und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, mündete die Praxis der sich auf ihn berufenden Nachfolger in das Gegenteil: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nahm im GULAG riesige Ausmaße, die Entfremdung des Menschen von seinen Lebensgrundlagen Natur und Gemeinschaft in den staatlichen Planungen bizarre Dimensionen an (die Menschen in Massen organisiert, die Arbeit unter dem Diktat von Produktionsziffern, Raubbau an der Natur usw.). Ich glaube, dass die Weichenstellungen für diesen negativen Ausgang schon in den unausgesprochenen weltanschaulichen Grundlagen von Marx zu finden sind. Wie seine kapitalistischen Gegner, geht er von dem reduktiven, mechanistischen Weltbild eines Newton aus, das das Weltbild seiner Zeit war und von dem auch heute die meisten westlichen Menschen, vor allem Naturwissenschaftler beherrscht sind.
Die folgende kommentierte Zusammenstellung von Texten verschiedener Autoren soll das erläutern. Gleichzeitig kommen diese Betrachtungen zu Ergebnissen, die den Vorstellungen von den sog. Freiwirtschaftlern sehr nahe sind (s. auch: www.inwo.de ) Als Vorlage und Beleg für die Marxsche Kapitalismusanalyse diente mir die Darstellung der Marxschen Wirtschafttheorie in dem Buch von Bernd Senf (1) (Die blinden Flecken der Ökonomie, Wirtschaftstheorien in der Krise, dtv. 2. Auflg. 2002). Der Theologe Eugen Drewermann nähert sich dem Thema aus der metaphysischen Sicht: ( E. Drewermann, Jesus von Nazareth, Walterverlag, 1996 und , Jesus und das Geld, Humanwirtschaft Nr. 3, 2003, S.34). Verzichtend auf eigene Formulierungen, möchte auf diese Veröffentlichungen mit ihren umfassenden Darlegungen neugierig machen, außerdem auf die Arbeiten von Erich Fromm (Haben oder Sein, dtv. 32.Auflg. 2004) und Herbert Markuse ( Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967).
Gesetze des Warentausches
Marx sah in der Ware das Grundelement der kapitalistischen Produktionsweise, den beherrschenden Begriff in der kapitalistischen Gesellschaft.
Die Ware “besitzt einen Gebrauchswert und einen Tauschwert…..Man kann diesen Gebrauchswert in der Regel nicht messen, weil es sich um Qualitäten handelt und nicht um Quantitäten. Bei allen Unterschieden in bezug auf den Gebrauchswert haben die Waren aber auch etwas Gemeinsames ….das sich in Zahlen ausdrücken lässt: den Tauschwert….. die Menge an eingeflossenem Arbeitsaufwand bestimmt nach Marx den Tauschwert einer Ware.“ (Senf(1), S. 72 ff.)
Wie der Beschreibung zu entnehmen ist, beschränkt er sich auf nur einen Aspekt in der Wertbestimmung und geht dabei klassisch naturwissenschaftlich vor, indem er das betrachtet, was messbar ist: der Arbeitsaufwand in Form verbrauchter Zeit. Aber die Wirklichkeit ist komplexer. Es gibt Tauschobjekte, denen nicht messbare Eigenschaften als Wert zuzumessen sind, z.B. Kunstwerken. Auch die Arbeitskraft wird in dieses mechanistische Schema gepresst als eine durchschnittliche Zahl der von allen Lohnabhängigen pro Jahr geleisteten Arbeitsstunden. Seine ökonomischen Bewegungsgesetze erinnern sehr stark an die naturwissenschaftliche Vorgehensweise: “Bei Abweichungen der Preise von den Werten erfolgt immer wieder eine Veränderung….. mit der Folge, dass sich die Preise immer wieder auf die Werte zu bewegen…….unterscheidet es sich aber von anderen Gesetzen, zum Beispiel dem Fallgesetz „ (Senf (1) S. 75).
Mehrwert
In seiner zentralen Aussage über den Mehrwert hat er das Menschenbild seiner bürgerlichen Kollegen, nämlich, dass es die natürliche Eigenschaft des Menschen sei, nach Gewinn zu streben. Am Anfang stehen seine Überlegungen über das Geld:
„ Wenn man einen Tisch gegen einen Mantel tauscht, dann deswegen, weil man am Gebrauchswert des Mantel interessiert ist….Aber wie ist es beim Geld, beim abstrakten Tauschwert, der völlig losgelöst von irgendeinem konkreten Gebrauchswert ist? Warum sollte jemand 100 Geldeinheiten hingeben, um 100 Geldeinheiten wieder zurückzubekommen?…. macht die Hingabe von 100 scheinbar nur Sinn, wenn dafür mengenmäßig eine größere Summe zurückfließt, also 100 + x, Tauschwert + Mehrwert. … Damit begründet Marx logisch wie historisch die Entstehung der Jagd nach dem Mehrwert…“ (Senf (1), 82-83).
Das mag zwar historisch so abgelaufen sein, aber logisch ist das nicht
Da ist zunächst die falsche Einschätzung des Geldcharakters. Einen Gebrauchswert hat der Geldschein insofern er Spekulationsmittel ist, gehortet werden und jederzeit für ein günstiges Angebot (Schnäppchen) eingetauscht werden kann. Diese Haltung mag zwar für eine Händlerseele typisch sein, deren Gewohnheit es ist, aus dem Besitz von knappen Gütern ihren Vorteil, d.h. Gewinn zu ziehen. Aber nicht alle Menschen haben Händlerseelen. Für viele ist es üblich, vor allem für die vielen gemeinschaftlich orientierten Menschen, bei der Rückgabe von Geborgten höchstens die Abnutzung sich ersetzen zu lassen und nicht mehr zurückzufordern, als sie gegeben haben. Geld hat zu dem gegenüber anderen Waren den Vorteil, dass es sich bei stabiler wirtschaftlicher Situation nicht abnutzt. Aus Geld mehr Geld zu machen (Verzinsung) ist eben kein selbstverständlicher, logischer Vorgang, sondern entspringt einer besonderen Weltsicht und Haltung. Diese Haltung überträgt der Unternehmer vor allem dann auf den Produktionsprozess, wenn er gezwungen ist, sein Unternehmen mit von dem Händler geborgtem Geld (Anfangskapital) zu starten.
Produktionsmittel
Für Marxisten ist der Kapitalismus eine Wirtschaftsform, in der über die Investition von Geldkapital durch Bildung von Privateigentum an Produktionsmittel (Sachkapital) und Lohnarbeit Produkte für einen Markt produziert werden, um Rendite (Mehrwert, Profit) zu erzielen. Rendite ergeben sich als Differenz aus dem Erlös und den Kosten für Kredite, Maschinen, Material und Lohn. Der Erlös wird auf dem Markt in Konkurrenz zu anderen Produzenten über den Preis in Form von Geld erzielt.
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Schema Senf (dtv) S. 86 Abb 14 d.
Hier wird Geld in die Produktion gesteckt: Kapitalistische “…Produktionsprozesse … lassen sich zumindest auf ein gleiches Prinzip reduzieren: Die Einsatzfaktoren (W) lassen sich grob unterteilen in Produktionsmittel (Pm) einerseits (Material und Maschinen) und Arbeitskraft (A) andererseits. Für deren Kauf muß vom Unternehmen Geld (G) bezahlt werden. Und am Ende der Kette soll mehr Geld (G’) über den Verkauf der produzierten Waren zurückfließen. Die Erzielung eines solchen Überschusses zwischen Erlösen und Kosten eines Mehrwertes in Form von Gewinn (oder Profit) ist ja der Dreh- und Angelpunkt kapitalistischer Produktionsweise“ (Senf (1), S.84) .Daß an dieser Stelle die Finanzierungskosten für geborgtes Geld nicht aufgeführt werden, hat für die falsche Beurteilung des kapitalistischen Produktionsprozesses als Mehrwertmaschine Folgen.
Denn es ist nicht zwingend, dass der Produktionsprozess nur wegen des Mehrwertes betrieben wird. Der Unternehmer könnte auch „bloß“ an der Herstellung von Produkten interessiert sein, zum Beispiel von Windmühlen aus Begeisterung für ökologische Projekte.
Beim Handelskapital gilt (G)eld wird zu (G)eld + (M)ehr(G)eld. Marx hat nicht sehen wollen, dass dies eine wesentliche Bestimmung für den Unternehmer ist, wenn er einen Kredit zur Erlangung eines Produktionsmittel oder zur Aufrechterhaltung seines Produktionsprozesses aufnimmt. Er hat zwar gesehen, daß geschichtlich betrachtet, die Entstehung von Handelskapital als Voraussetzung vor der Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses steht. Dennoch sieht er als Hauptursache für das Gewinnstreben die Struktur jenes Prozesses. So wird das natürlich auch heute von der überwiegenden Mehrheit der Linken gesehen, als unverzichtbarer Bestandteil einer kritischen Gesellschaftsanalyse.
Aus dem Handel entstammt aber die Vorstellung aus Geld mehr Geld zu machen. Das ist vor allem dann möglich, wenn das Handelsobjekt, die Ware knapp ist oder knapp gehalten wird. Die Knappheit wäre ein quantitativer Aspekt, der qualitative wäre die Begehrtheit. Bestimmt werden sie auf dem Markt. Der Markt ist der Ort des Austausches. In einem lebendigen Gemeinwesen ist der Markt aber mehr als ein Ort des Warenaustausches bzw. der Preisbestimmung. Ihn darauf festzulegen wäre reduktiv. Der Markt ist ursprünglich eine soziale Einrichtung, ein Ort der Begegnung und Kommunikation.
Immer wieder wird hervorgehoben, dass der Markt mit seiner Konkurrenz um Preise (Preisdruck) notwendigerweise den Warenproduzenten dem Gewinn nachjagen lässt, bei Strafe seines Unterganges. Wer einmal aber auf einem „lebendigen“ Markt, z.B. einem Wochenmarkt, versucht hat, seine Ware gegen Geld zu tauschen, wird erfahren haben, dass der Preis nur ein Faktor ist, nach dem der Kunde seine Ware aussucht. Natürlich wissen das auch die heutigen Anbieter und entwickeln entsprechende Werbestrategien (Werbeindustrie). Menschen lassen sich eben nicht nur auf Zahlen in Form von Preisen reduzieren. Es spielen ganz viele komplexe Faktoren für ihre Kauf- bzw. Tauschentscheidung eine Rolle: Gewohnheiten, ethische Werte, Beständigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität usw. Diese Entscheidung, auf einen Faktor zu reduzieren, der so schön messbar ist, beschreibt eine naturwissenschaftliche Verfahrensweise: reduktiv, mechanistisch. Und natürlich wird diese Sichtweise auch auf den Produktionsprozess übertragen, wo die Arbeitskosten (Tauschwert der Arbeitskraft gemessen in Geld) als Preisfaktoren auftauchen.
Senf sagt dazu in Anlehnung an Marx (Senf (1) S. 91):
Indem die einzelnen kapitalistischen Unternehmen in Konkurrenz zueinander stehen, sind sie alle gezwungen, Mehrwert zu erzielen und aus der Arbeitskraft herauszuziehen, wenn sie nicht untergehen wollen. Denn der Mehrwert ist die Grundlage für Profite (die sich in Unternehmergewinne und Zinsen aufteilen) und für die Grundrente, mit denen die Eigentümer der Produktionsmittel, des Geldkapitals und des Bodens ihren Anspruch auf Teile des Sozialproduktes geltend machen..
Die Besitzer der Produktionsmittel, des Geldkapitals und des Bodens werden hier gleich behandelt und ihnen unterstellt, dass sie aufgrund der Konkurrenz auf dem Markt um die Preise notwendigerweise zum Mehrwert getrieben werden. Ist diese Gleichbehandlung gerechtfertigt?
Was ist Kapital? Unterschieden wird Geldkapital und Produktivkapital. Geldkapital, das geschichtlich durch die weltweit enorme Entwicklung des Handels entstand (Handelskapital), war die Voraussetzung für die Entstehung von Produktivkapital:“….Es musste hinreichend Geldkapital vorhanden sein, um in die Produktion zu strömen, sie vorzufinanzieren und zu Produktivkapital zu werden.“ (Senf (1) S. 61) In der Diskussion wird dieses Produktivkapital auch als Sachkapital oder schlechthin als Kapital bezeichnet, das der Arbeit (Lohnkosten) als Einsatzfaktor gegenübersteht. Bei genauer Betrachtung setzt es sich aus den Anschaffungskosten für Maschinen und Material (= Produktionsmittel) und Finanzierungskosten (Kredite, bzw. Kreditkapital) zusammen.
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Schema B. Senf (Der Tanz um den Gewinn, S. 18 Abb. 5, Verlag f. Sozialökonomie, 2004)
Die zu dem Preis führenden Einsatzfaktoren, sind also Anschaffungskosten für Maschinen und Material (= Produktionsmittel) und Finanzierungskosten (Kredite, bzw. Kreditkapital) und Lohnkosten (Tauschwert der Arbeitskraft). Kosten für die Produktionsmittel sind im Wesentlichen einmalige Kosten, während die Finanzierungs- und die Lohnkosten besonderer Art sind, weil sie auch anfallen, wenn nicht produziert wird. Hier also entsteht in besonderer Weise der Gegensatz zwischen Kapital (Kreditkapital) und Arbeit, zumal das Kreditkapital aufgrund der Zinseszins-Problematik exponentiell wächst (die Problematik gilt auch, wenn Zinsen nicht voll dem Kapital zugeschlagen werden, sondern z.B. z. Teil entnommen werden, die exponentielle Steigung ist dann nur flacher, s. math. Nachweis bei Th. Lang, Geld und Zins …, 1998, Fachverl. f. Sozialök.). Es wird gegenüber allen anderen Einsatzfaktoren bevorzugt, weil die Kreditkosten in jedem Fall bedient werden müssen, es sei denn der Betrieb geht in Konkurs und auch dann erhält es aufgrund der dinglichen Sicherung eine Vorzugsstellung. Zur Illustration stelle man sich einen Betrieb mit 75 Mitarbeitern (Lohnarbeiter!) vor, der Kälteanlagen herstellt, 1 Mill Euro Umsatz hat und die Anlagen mit einem 1.5 Mill Euro Kredit fährt. Was den Unternehmer – Besitzer der Produktionsmittel sind schon längst die Bank als Kreditgeber und die dahinter stehenden Vermögensbesitzer – mit seinen “Mitarbeitern“ eint, ist die Jagd nach Aufträgen zur Vermeidung des Konkurses, der übrigens erst dann eintritt, wenn das Kreditkapital nicht mehr bedient werden kann. Demgegenüber sind Lohnkosten durch Entlassungen reduzierbar und gegenüber den Kreditkosten benachteiligt. Die Folge ist, dass über die Reduzierung der Lohnkosten in der Öffentlichkeit diskutiert wird, die Zinsen aber tabu sind.
Es ist also die Zirkulationssphäre, aus der in besonderer Weise der eigentliche Gegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit stammt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Wertentstehung (Produktionsprozess) und Wertabschöpfung (Zirkulationsprozess), (nach Bernd Senf website 2003 a.a.O). Marx bezieht sich in seiner Werttheorie, sowie in seiner Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert auf den Markt, also der Zirkulationssphäre, in der der Mehrwert realisiert wird. Darin sind sich alle Kapitalismuskritiker einig, auch wenn sie sich häufig sehr bekämpfen, dass der Mehrwert der Arbeit entstammt, besser formuliert, weil dadurch weniger dinglich, von Menschen geschaffen wird und nicht etwa von Maschinen (Sachkapital) oder gar vom Geldkapital, wie Kapitalisten behaupten.
Dazu sagt Bernd Senf (in Geldfluß, Realwirtschaft und …., Skript auf der website, 2002): “Marxistisch betrachtet, wären mit der Überwindung des Zinssystems (Probleme in der Zirkulationssphäre d.V.) der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital sowie die kapitalistische Konkurrenz – und die darin begründete Ausbeutung, Krisentendenz und Entfremdung – zwar nicht überwunden. Wenn aber der Druck des Geldkapitals gegenüber der übrigen Gesellschaft – auch gegenüber den Unternehmerkapitalisten – zum dominierenden Konflikt geworden ist, sollte dann nicht die Lösung dieses Konflikts erste Priorität bekommen, ohne dass deswegen die anderen Konflikte verdrängt werden müssen?“
Im Folgenden bringt Eugen Drewermann, bekennender Nicht-Volkswirtschafteer, der sich in seinem Buch Jesus von Nazareth mit dem Thema Jesus und das Geld beschäftigt, die Kapitalismuskritik als Ausdruck der Probleme in der Zirkulationssphäre auf den Punkt, wobei er sich auf Rosa Luxemburg bezieht:
Sie meinte nämlich, es geht gar nicht anders, als dass der Unternehmer, der seine Produktion über Schulden vorfinanziert hat, Leute sucht, die sich selber verschulden, um seine Waren zu kaufen. Es ist nicht anders möglich, als dass der Unternehmer an Geld kommt, indem andere in den Schuldturm gebracht werden.
Man kann die Schuld nur weiterreichen. Darin besteht das kapitalistische Wirtschaftssystem. Daran liegt es im übrigen, dass es auf Expansion angewiesen ist. Ein Unternehmer, der als erstes Schulden machen muss, um zu investieren, muss nun auf dem Markt wie ein Schmetterlingssammler über die Waren und die Käufe, die vorgestreckte Summe plus den Unterhalt seiner Maschinen, plus der Arbeitslöhne, plus den Schwankungen bei der Preisgestaltung auf dem Markt, plus der Werbung und vielen anderen Nebenausgaben, am Ende die ganze Summe, plus den Zinsen für die Kredite wieder abfangen. Ständig also steht er unter Druck, und daran liegt es, dass der Kapitalismus eine so dynamische Wirtschaftsform ist. Er hält die Menschen ständig in den Zwängen, unter denen sie begonnen haben. 2-3% Wirtschaftswachstum ist deshalb das Dauerversprechen in jeder Bundestagsdebatte zur Wirtschaft. (Drewermann, Jesus und das Geld, Humanwirtschaft Nr. 3, 2003, S.34)
Was wir Jetzt aber lernen, ist etwas sehr Wichtiges: Statt, wie vor allem in Theologenkreisen üblich, alle «Auswüchse» des «Wirtschaftslebens» auf individuelle Faktoren wie «Geldgier», «Skrupellosigkeit» und «Egoismus» zurückzuführen, kommt es darauf an, die objektiven Zwänge zu erkennen, die mit einer debitistischen Geldwirtschaft notwendig verknüpft sind. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände, Revolutionen, Plünderungen, die rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Tieren ‑ all das geschieht nicht, weil «gewisse Leute» den «Hals nicht «vollkriegen» können, sondern weil ihnen ganz im Gegenteil das Wasser (der Schuldenflut) bis zum Halse steht; und das Wasser steht ihnen bis zum Hals, nicht weil sie «fahrlässig» gehandelt oder «nur an sich selbst gedacht» hätten, sondern weil sie zu «Unternehmern», «Fabrikanten», «Produzenten» etc. nur werden konnten, indem sie Schulden aufnehmen mußten, um die «Werte» zu erzeugen oder die «Dienstleistungen» zu erbringen, von deren Ertrag die Schulden gedeckt werden sollten.
«Kapitalismus», meint P. C. MARTIN, «ist durch Eingehen von Schulden, das heißt die Vorfinanzierung von Produkten definiert. Die Kosten der Vorfinanzierung (aber) müssen Jeweils durch spätere Schuldner und deren eigenes Schuldenmachen realisierbar gehalten werden.
Erst wenn man den immanenten Schuldenzwang als das Wesen des kapitalistischen Wirtschaftssystems begreift, kommt man nicht nur auf den Grund einer Fülle von Aporien und Absurditäten heutiger Wirtschaftspolitik, es wird zugleich auch die enorme Aktualität der Forderung Jesu nach einem radikalen Umdenken in Fragen des Geldes verständlich. (Drewermann, Jesus von Nazareth, S. 482, Walterverlag, 1996)
Wir müssen nur die Folge davon bedenken. Ein System, das darauf basiert, dass es ständig wachsen muß, und zwar wirtschaftlich, indem es ständig Energie und Ressourcen der Natur entnimmt, definiert sich selber als parasitär. 2% oder 3% Wachstum bedeutet, dass wir in unserem Organismus etwas hätten, das sich überhaupt nur erhalten kann, indem es auf Kosten des Gesamtorganismus wächst. Es ist soviel wie die Definition des Krebses. Es ist die Definition einer Krankheit. ( E. Drewermann, Jesus und das Geld s.o.)
Gegensatz zwischen Kapital und Lohn
Hingegen bestimmt sich der Gegensatz zwischen Kapital und Lohn nicht notwendigerweise und logisch aus dem Besitz der Produktionsmittel (Sachkapital). B. Senf beschreibt die Verhältnisse in der Produktionssphäre eher als Abhängigkeit, indem er sich auf Marx bezieht:
„Lohnarbeit gegen Kapital (gemeint ist wohl das Sachkapital, d.V.), Kapital gegen Lohnarbeit. Beide bilden einen Gegensatz und dabei auch eine untrennbare Einheit …., jedenfalls im Rahmen kapitalistische Produktionsverhältnisse. Denn das Kapital braucht die Lohnarbeit, um Mehrwert aus ihr herauszuziehen, und die Lohnarbeit braucht das Kapital, um nicht arbeitslos zu bleiben oder zu werden – …. Beide sind auf Gedeih und Verderben aufeinander angewiesen.“ (Senf (1) S. 93)
Trotz des behaupteten „feindlichen“ Gegensatzes passt diese Beschreibung auf den in der Natur vorkommenden klassische Fall einer Symbiose, in der die Partner solidarisch zum gemeinsamen Wohl handeln, so auch für einen Produktionsmittelbesitzer möglich. Erst durch das Auftreten des Kreditkapitals kommt die Abhängigkeit als Gegeneinander hinein. Das Kreditkapital benimmt sich so, wie in der Natur parasitäre Gemeinschaften wachsen – exponentiell. Sie zerstören letztlich ihre Existenzgrundlage. Die Population bricht zusammen und beginnt von neuem (Wirtschaftskrisen, Crash). So verhält sich das kapitalistische System. Erst wenn die Eigenschaft des Kreditkapitals – leistungslos auf Kosten der Besitzlosen zu wachsen (parasitär) – eliminiert wird und der Zugang zu Sachkapitalien (zu Produktionsmittel ) dadurch erleichtert wird, könnten die notwendig auftretenden Krisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems verhindert werden.
Der Besitz von Produktionsmittel braucht nicht notwendigerweise zu einem feindlichen Gegeneinander von Besitzern und besitzlosen Lohnarbeitern führen, er kann aber. Selbst ein Besitztitelwechsel des Eigentums an Produktionsmitteln vom Privaten auf den Staat würde die parasitäre Ausübung eher steigern (Staatskapitalismus Monopolsozialismus von Jacek Kuron, Karol Modzelewski 1969, Hoffmann u. Campe), wie sich diese Tendenz auch mit der Größe der Unternehmen verstärken würde. In beiden Fällen wird die unmittelbare menschliche Erfahrung verwandelt zu einer anonyme Verdinglichung.
Indem Marxisten versuchen, den Produktionsprozess selbst zahlenmäßig zu erfassen, die handelnden Menschen als Kostenfaktoren sehen , die maschinenmäßig zwangsläufig Gesetzmäßigkeiten erfüllen, übernehmen sie die Anschauungsweise ihrer Gegenspieler, die in dem reduktiv mechanistischen Weltbild Newtons wurzelt. Erst eine Abkehr von dieser Anschauungsweise macht eine andere Gesellschaftsverfassung möglich.
Wiederentdeckung des Lebendigen ( B.Senf, 1.Aufl. 2003, Omega)
Menschen sind lebendig. Sie sind nicht auf Zahlen und Gesetzmäßigkeiten zu reduzieren. Sie können sowohl gewinnsüchtig gegeneinander auftreten als auch solidarisch, was Fromm als Haben oder Sein bezeichnet. Viel wichtiger, als sie in ein Korsett von Bestimmtheiten zu sehen, ist danach zufragen, warum sie einmal so oder so auftreten. Der Theologe und Psychoanalytiker Drewermann gibt dazu eine Antwort die letztlich im Psychischen, Geistigen und Metaphysischen – im Sein begründet ist (s. auch Fromm Haben oder Sein, dtv. 32.Auflg. 2004).
Die Entscheidung, um die es geht, heißt vereinfacht gesagt: Wie willst du die Angst lösen, die jeden Moment deines Lebens durchzieht? Noch lebst du ‑aber wie lange ? Noch bist du gesund ‑ aber wie lange? Noch fühlst du dich jung ‑ aber wie lange ? Noch hast du genügende zu essen – aber wie lange ? einzig das Geld scheint auf all dieseFragen eine unmittelbar beruhigende, eine praktische Antwort zu wissen. Solange du Geld hast, kannst du dir Nahrung kaufen, so viel du willst. Solange du Geld hast, kannst du dich pflegen, dich bedienen lassen, zum Arzt gehen, dein Leben verlängern, glücklich und reich bis ins hohe Alter hinein. Solange du Geld hast, kannst du dich schützen gegen Unfälle, gegen Überfälle, gegen Zufälle, gegen Unheil aller Art. Wenn du Geld hast ..
Die ganze Magie des Geldes liegt darin, daß es Sicherheit verspricht, und zwar eine reale, greifbare, für jedermann sichtbare Sicherheit.
Wie nebenbei ( kommt Jesus) auf den Kern all der Ängste zu sprechen, die den Menschen nach dem Geld wie einen Ertrinkenden nach dem Strohhalm greifen lassen. Es ist entscheidend das Selbstwertgefühl, das sich von den Widerfahrnissen des Lebens bedroht fühlt. Alter, Krankheit, Einsamkeit, Tod ‑ all das geht uns so nahe, weil es uns zu vernichten droht, weil es uns unserer verborgenen Nichtigkeit überführt. Im Letzten dient das Geld dazu, sich Geltung zu schaffen angesichts der absoluten Ungültigkeit aller Ansprüche, die wir gegenüber einer gleichgültigen Natur geltend zu machen versuchen.
Aber haben wir das wirklich nötig? fragt Jesus
Sieht man nur einmal die unvergleichliche Schönheit all des Lebens, das uns umgibt, begegnet man dann nicht wie von selbst einer Kostbarkeit und einem Wert, die mit allem Gold und Geld der Welt nicht aufzuwiegen sind? Gewiß, alles das vergeht, die Lilien nicht minder als die Spatzen, doch sind sie deshalb «wertlos » und « nichtig » ?
Betrachtet man sie aber erst einmal mit den Augen der Liebe, so entsteht augenblicklich dieser magische Zauber einer poetischen Verklärung, die alles, was ist, mit der Aura einer ganz und gar einmaligen und unvergleichlichen Bedeutung überzieht. Und wenn schon wir Menschen einen jeden Teil der Natur mit dem Blick der Liebe zu betrachten vermögen, warum dann nicht auch uns, warum nicht auch uns selber? Wer sagt denn, daß wir nur nichtig und unwichtig seien. Jeder, davon ist Jesus überzeugt, trägt in sich eine eigene Art von Reichtum und Größe; er kann damit ein reiches und erfülltes Leben führen, wenn er nur aufhört, sich an falschen Maßstäben (Profit= Tanz um das Goldene Kalb, d.V.) zu messen
Statt auf den drohenden «Verlust» zu starren und dagegen nutzlos «Schätze» aufzuhäufen, bestünde die ganze Kunst des Lebens darin, Augen für den unschätzbaren Wert des Daseins zu gewinnen und darauf zu vertrauen, daß unser Leben, selbst wenn es niemand sähe, in Gottes Hand geborgen ist
Deswegen gilt es zu wählen: ob man die Angst vor der Wertlosigkeit der eigenen Existenz durch materielle «Wertschöpfung» abarbeiten und damit sein Dasein nur immer tiefer versklaven will oder ob man den Wert zu entdecken versucht, den die Augen der Liebe in allem finden, was ist, je nachdem wird das Leben immer rascher sich abnutzen und immer nutzloser vorübereilen, oder es erfüllt sich mit dem Glück des gegenwärtigen Augenblicks. Es ist ein schönes Wortspiel, das die deutsche Sprache ermöglicht, indem sie Denken und Danken aus der gleichen Quelle ableitet. Nur wie wir die Fähigkeit unseres Denkens verwenden, ob wir uns vertun als Krieger, Krämer und Konsumenten oder ob wir das Tun einer langsam reifenden, allmählich sich sammelnden Freude erlernen, das ist die Frage. Das Geld schafft nicht Sicherheit, und es verleiht keinen Wert. Alle «Sicherheit», menschlich betrachtet, liegt einzig in der persönlichen Übereinstimmung mit sich selbst, und sie ist es, die den wahren Wert eines Menschen bestimmt.
Statt das Gefühl der persönlichen Überflüssigkeit damit zu betäuben, daß man immer mehr Überflüssiges erwirbt und hortet, möchte Jesus vielmehr erreichen, daß die Menschen aus dem Gefühl ihres Wertes leben, den sie in den Augen Gottes besitzen und den jeder an ihnen entdecken wird, der sich genügend auf sie einlässt. Gar nicht schroff genug kann deshalb Jesus vor der Illusion aller «Eigentumsbildung» warnen. ….. Es gibt keine «Rechte», die man gegeneinander geltend machen könnte, um auf diese Weise «Gerechtigkeit» zu schaffen ‑ wohin auch immer in den Evangelien man schaut, trifft man auf diese innere Konsequenz von allem, was Jesus sagt und tut. «Rechthaben», das ist für ihn nur die Umschreibung eines «Egoismus», der sich selbst noch nicht gefunden hat. …. Wie stets, läßt sich die Haltung Jesu auch gegenüber dem Geld nicht aus sozialen oder «politischen» Motiven, sondern nur religiös verstehen, aber eben nicht im Sinne einer «Verzichterklärung» auf das «Irdische», sondern als einer Konzentration auf das Wesentliche, als eines Abwerfens des Hinderlichen und Nebensächlichen. …. Erst wenn dieser nicht‑moralische, sondern ganz und gar «existentiell»‑religiöse Ansatz in der Einstellung Jesu zu Geldvermögen und Eigentum deutlich ist, ergibt sich ein Nebenaspekt, der zwar sehr wichtig, aber nicht unmittelbar intendiert ist: wer Frei ist vom Geld, der kann es verwenden, um anderen damit zu helfen, ….“ (Drewermann, Jesus von Nazareth, S. 482, Walterverlag, 1996)
Hinzuzufügen ist: ………der kann zu einer Wirtschaftsform kommen, die dem Wohl der Menschen dient.
Blinde Flecken bei Marx
Blinde Flecken bei Marx
Angesicht des sozialen Elends im Zusammenhang mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert formulierte Marx in seiner Analyse die Kritik zum kapitalistischen Gesellschaftssystem. Diese führte später zu einem dem Kapitalismus entgegengesetzten Gesellschaftskonzept. Seit der Auflösung der osteuropäischen sozialistischen Gesellschaften erschien diese Alternative endgültig als Illusion – eine Alternative, die für viele Menschen ein Schrecken war, die in diesen Systemen leben mußten.
War dies nur eine Frage der Umsetzung marxistischer Ideen und Vorstellungen oder gab es grundsätzliche Fehleinschätzungen, die notwendigerweise zu den schlechten Auswirkungen führen mußten, anders formuliert: war schon von ihren Ansätzen in der marxistischen Theorie die “böse“ Wirklichkeit verborgen?
Es gibt verschiedene Bereiche, wo das zutrifft:
(Ich beziehe mich u.a. auf Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie, dtv, 2002 und Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967)
· Das mechanistische reduktive Weltbild, das in den Anfängen der Aufklärung (Newton) stehen geblieben war,
· Der ökologische blinde Fleck: Die Natur wird als bloße zu bearbeitende Rohmasse ohne eigenen Wert betrachtet. Die Welt ist menschenzentriert.
· Der monetäre blinde Fleck: In der Ökonomie wird die Zirkulationssphäre (Geldsystem) zugunsten der Produktionssphäre vernachlässigt.
· Der feministische blinde Fleck: Die patriarchalische Gesellschaftstrukturen werden nicht hinterfragt
· Der psychologische blinde Fleck: Der Mensch wird als Vernunft gesteuert gesehen. Psychische Faktoren werden als bürgerlicher Überbau abgetan.
Ich beziehe mich auf die ersten drei Punkte:
Das mechanistisch reduktive Weltbild bei Marx
Die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie Quantenphysik, Relativitätstheorie, die Fragen, was ist Materie, was ist Objektivität fanden kaum Eingang in seiner Weltauffassung. Sie konnten es auch nicht, weil die Wissensgrundlage dafür fehlte. Sein Wissen bezog er aus dem Weltbild von Newton. Aber auch die Nachfolger blieben dem verhaftet. Das Ergebnis war ein Technikfetischismus, z.B. des technokratischen Funktionärstyps der Sowjetgesellschaft Stalins, wie er etwa auch auf der kapitalistischen Seite z. B. von Walther Rathenau, später von Howard Scott (USA; er vertrat eine „Wissenschaft vom sozialen Körper“ mit meßbaren Größen) geteilt wurde (s. G. Senft: Aufstieg u. Niedergang der Technokratie, Z.f. Sozialökonomie, 139/2003).
Dagegen gab es im Westen Marxisten, u.a. Markuse, die diesen Technikfetischismus als Problem ansahen. Die Analyse von Markuse, die er in seinem Buch « Der eindimensionale Mensch » vorträgt, hat bis heute an Aktualität nicht verloren. Sie wurde unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA der 60iger Jahre abgefaßt. Die Eindimensionalität bedeutet, daß in der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft die zweite Dimension, die Dimension von Opposition der fortschrittlichen Kräfte verloren gegangen ist: Die Arbeiterklasse ist nicht mehr länger der „natürliche“ Adressat revolutionärer Entwürfe.
Wie kam es dazu?
Wiederum stehen wir einem der beunruhigendsten Aspekte der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation gegenüber: dem rationalen Charakter ihrer Irrationalität.
Ihre Produktivität und Leistungsfähigkeit, ihr Vermögen, Bequemlichkeiten zu erhöhen und zu verbreiten, Verschwendung in Bedürfnis zu verwandeln und Zerstörung in Aufbau, das Ausmaß, in dem diese Zivilisation die Objektwelt in eine Verlängerung von Geist und Körper des Menschen überführt, macht selbst den Begriff der Entfremdung fragwürdig. Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder; sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Hi‑Fi-Empfänger, ihrem Küchengerät. Der Mechanismus selbst, der das Individuum an seine Gesellschaft fesselt, hat sich geändert, und die soziale Kontrolle ist in den neuen Bedürfnissen verankert, die sie hervorgebracht hat. ………………………
Es ist daher kein Wunder, daß die sozialen Kontrollen in den fortgeschrittensten Bereichen dieser Zivilisation derart introjiziert worden sind, daß selbst individueller Protest in seinen Wurzeln beeinträchtigt wird. Die geistige und gefühlsmäßige Weigerung »mitzumachen« erscheint als neurotisch und ohnmächtig. Das ist der sozialpsychologische Aspekt des politischen Ereignisses, von dem die gegenwärtige Periode gekennzeichnet ist: das Dahinschwinden der historischen Kräfte, die auf der vorhergehenden Stufe der Industriegesellschaft die Möglichkeit neuer Daseinsformen zu vertreten schienen…………..
Aber in der gegenwärtigen Periode erscheinen die technologischen Kontrollen als die Verkörperung der Vernunft selbst zugunsten aller sozialen Gruppen und Interessen ‑ in solchem Maße, daß aller Widerspruch irrational scheint und aller Widerstand unmöglich……….
Die Erzeugnisse durchdringen und manipulieren die Menschen; sie befördern ein falsches Bewußtsein, das gegen seine Falschheit immun ist. Und indem diese vorteilhaften Erzeugnisse mehr Individuen in mehr gesellschaftlichen Klassen zugänglich werden, hört die mit ihnen einhergehende Indoktrination auf, Reklame zu sein; sie wird ein Lebensstil, und zwar ein guter ‑ viel besser als früher ‑, und als ein guter Lebensstil widersetzt er sich qualitativer Änderung. So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden. Sie werden neubestimmt von der Rationalität des gegebenen Systems und seiner quantitativen Ausweitung………………
Wenn dieser Punkt erreicht ist, erstreckt sich Herrschaft ‑ in der Maske von Überfluß und Freiheit ‑ auf alle Bereiche des privaten und öffentlichen Daseins, integriert alle wirkliche Opposition und verleibt sich alle Alternativen ein. Die technologische Rationalität offenbart ihren politischen Charakter, indem sie zum großen Vehikel besserer Herrschaft wird und ein wahrhaft totalitäres Universum hervorbringt, in dem Gesellschaft und Natur, Geist und Körper in einem Zustand unaufhörlicher Mobilisation zur Verteidigung dieses Universums gehalten werden………(Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967, S.28 ff)
Mit der These von der Eindimensionalität der kapitalistischen Gesellschaft stellt sich Markuse gegen die marxistische Vorstellung von gesetzmäßigen, sich dialektisch vollziehenden Gesellschaftsentwicklungen. In diesen Vorstellungen von geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten gibt sich Marx als Kind seiner Zeit zu erkennen mit dem damals gängigen newtonschen Weltbild. Der heutige Physiker Fred Alan Wolf formuliert etwas populär dieses Weltbild so:
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Physik zum Modell nicht nur des physikalischen Universums, sondern auch des menschlichen Verhaltens geworden…….Jede Wirkung mußte eine bekannte Ursache haben. Jede Ursache mußte zu erklärbaren (meßbaren! ) Wirkungen führen. Damit wurde Zukunft eine logische Folge der Vergangenheit…. Selbst unser Denken mußte in irgeneiner Weise mit der Maschine Newton erklärt werden… Sie forschten nach allgemeinen Gesetzen, mit denen sich die Geschichte und das menschliche Verhalten erklären ließen. Karl Marx, z.B., nahm an, das Subjekt jeder Veränderung sei die Materie (was immer man damals unter Materie verstand!), und jede Veränderung sei das Ergebnis eines fortwährenden Konfliktes zwischen den Widersprüchen, die allen Dingen innewohnten…Diese Theorie, die als dialektischer Materialismus bekannt ist, erinnert in mancher Hinsicht an das zweite Newtonsche Axiom, das besagt, daß die Ursache einer Bewegungsänderung eine Kraft ist, und daß es die Materie ist, auf die die Kraft einwirkt…. (F.A. Wolf; Der Quantensprung ist keine Hexerei, Birkhäuser, 1986, S. 54 ff)
Dieses Weltbild wird noch heute von Verfechtern beider Gesellschaftssystem (kapitalistisch/ sozialistisch) vertreten (s.u.). Markuse greift dieses Weltbild unter dem Aspekt der Herrschaft an: es tauge nichts für eine befreite Gesellschaft:
„Zwischen dem naturwissenschaftlichen Denken und seiner Anwendung, zwischen dem Universum der naturwissenschaftlichen Sprache und dem des alltäglichen Sprechens und Verhaltens scheint eine engere Beziehung zu herrschen – eine Beziehung, worin sich beider unter derselben Logik und Rationalität von Herrschaft bewegen (a.a.O S. 169)…..
Wohlgemerkt, es geht nicht nur um Anwendung, sondern um Methoden und Begriffe der Naturwissenschaft.
Worin besteht die naturwissenschaftliche Methode: Sie quantifiziert, operationalisiert, abstrahiert. Sie führt zu mathematischen Strukturen – in der modernen Physik ist die Wirklichkeit überhaupt nur noch mathematisch verstehbar – und löst damit „die Wirklichkeit von allen immanenten Zwecken ab, trennte folglich das Wahre vom Guten, die Wissenschaft von der Ethik (1dimens.M. , S.162.).„ Das Tote wird zur Wirklichkeit, von der Welt bleibt nur noch die quantifizierbare Qualität übrig. Es ist ein reduziertes Weltbild. „Wahre Erkenntnis und Vernunft verlange Herrschaft über die Sinne – wenn nicht Befreiung von ihnen (a.a.O. S. 162)“ Außerhalb dieser Rationalität lebt man in einer Welt von Werten, und Werte, die aus der Realität heraus gelöst sind, subjektiv sind. Werte (künstlerische, moralische, geistige, religiöse) mögen wichtig sein (hohe Dignität), sind aber nicht wirklich, eingebildet, zählen weniger im Lebensvollzug, je wichtiger sie werden. Alles, was von der wissenschaftlichen Methode nicht verifiziert wird, hat dieselbe Entwirklichung, leidet darunter, das es nicht objektiv ist. „Der unwissenschaftliche Charakter dieser Ideen schwächt verhängnisvoller Weise die Opposition gegenüber der bestehenden Wirklichkeit; die Ideen werden zu bloßen Idealen, und ihr konkreter kritischer Inhalt verflüchtigt sich in die ethische oder metaphysische Atmosphäre. (a.a.O, S.163)“. Gefragt im Alltag sind die Macher, die Praktiker, die Realisten, alles andere bleibt für die Sonntagsreden.
Erstaunlicherweise entwickelt sich eine solche Naturwissenschaft mit ihrer Objektivität in einer solchen Weise, daß sie mehr und mehr abhängig vom Subjekt wird. Die objektive Qualität der äußeren materiellen Welt wird ja nicht direkt erfaßt, sondern ist Ergebnis von Experimenten. Es werden Wirkungen gemessen und damit Beziehungen und nicht das Ding an sich. Das wird besonders sichtbar am Begriff „Energie“. Es hat noch niemand Energie in der Hand gehalten, sondern sie ist immer nur in ihrer Wirkung erfahrbar. „…die Relativitätstheorie hat niemals alle Versuche aufgegeben, der Materie Eigenschaften beizulegen…..Aber oft ist eine meßbare Quantität keine Eigenschaft eines Dings, sondern eine Eigenschaft seiner Beziehung zu anderen Dingen… Die Messungen in der Physik haben es nicht direkt mit den uns interessierenden Dingen zu tun, sondern mit einer Art von Projektion, das Wort im weitest möglichen Sinne genommen. (Max Born, Physical Reality, in : Philosophical Quarterly,3, 1953, S.143, nach a.a.O., S. 164)“ Und W. Heisenberg sagt, für den Atomphysiker sei «das Ding an sich» schließlich eine mathematische Struktur, die indirekt aus der Erfahrung zu schließen ist (W.Heisenberg in seinem Buch Physik und Philosophie, 1959). Markuse kommentiert dies: „Die Dichte und Undurchdringlichkeit der Dinge verdunsten: die objektive Welt verliert ihre «anstößigen» Charakter, ihren Gegensatz zum Subjekt…erscheint die mathematische Natur, die wissenschaftliche Wirklichkeit, als ideelle Wirklichkeit. (a.a.O. S.164).“
Damit führt die Methode der Naturwissenschaft zu einer Entstofflichung der Natur. Der Glaube an die mathematische Erfassung der Welt als einzige Wirklichkeit wird zu einem neuen Mythos, der den Mythos des Mittelalters ersetzt, ist aber diesen und anderen überlegen, da er sich als wirksamer erweist. „Quine spricht vom «Mythos physikalischer Objekte» und sagt, daß hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Fundierung die physikalischen Objekte die Götter (Homers) nur dem Grad, nicht der Art nach verschieden sind. (a.a.O., S. 163). “
Der Alltagsbegriff Materie, der so schön griffig war – anschaulich, spürbar, bearbeitbar – verflüchtigt sich, wird zu einem dünnen Extrakt von Formeln. Nach dem Versuch, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, erscheint sie wieder auf dem Kopf. Aber die neue Anschauung ist wirksamer als alle vorangehenden. Die mathematische Logik erlaubt Voraussagen und zwar, indem sie Störfaktoren herausrechnet und die Lebenswelt von den unberechenbaren Ungewißheiten und Einzelheiten befreit: In der mathematischen Praxis erreichen wir, was uns in der empirischen Praxis versagt ist: Exaktheit; denn für die idealen Gestalten ergibt sich die Möglichkeit, sie in absoluter Identität zu bestimmen, .. als allgemein verfügbar….Ist man einmal bei den Formeln, so besitzt man damit im voraus schon die praktisch erwünschte Voraussicht- die Voraussicht dessen, was in der Erfahrung des konkreten Lebens zu erwarten ist (S.177) In dieser Weise entwickelt sich die Naturwissenschaft einen instrumentalistischen Charakter. Sie ist in sich technologisch geworden. Zwischen Naturwissenschaft und Technik herrscht eine enge Verbindung: In dem Maße, wie der Operationalismus ins Zentrum des wissenschaftlichen Unternehmens tritt, nimmt die Rationalität die Form methodischer Konstitution, Organisation und Handhabung der Materie als bloßen Stoffs der Kontrolle an, als Mittel, das sich für alle Ziele und Zwecke eignet – Mittel per se, an sich (S. 170) Mit ihrer Objektivität und Neutralität beansprucht sie die Welt so abzubilden wie sie an sich ist. Dieser Anspruch überträgt sich auf die gesamte Erfahrungswelt. :Während die Wissenschaft die Natur von allen immanenten Zwecken befreite und die Materie aller Qualitäten, mit Ausnahme quantifizierbarer, entkleidete, befreite die Gesellschaft die Menschen von der natürlichen Hierarchie persönlicher Abhängigkeiten und verband sie miteinander nach quantifizierbaren Qualitäten – nämlich als Einheiten abstrakter Arbeitskraft, berechenbarer Zeiteinheiten (S. 171).
Diese Erfahrungswelt reduziert sich auf berechenbaren, voraussagbaren Beziehungen von exakt bestimmbaren Einheiten. Individuelle, nichtquantifizierbare Qualitäten – Liebe, Schönheit, Glaube, – sind sekundär, haben etwas eingebildetes Unwirkliches. Die Naturwissenschaft suspendiert das Urteil darüber, was die Realität sein mag. Die Frage danach bezeichnet sie als sinnlos, da unbeantwortbar, verwirft sie zugunsten der Frage „Wie funktioniert etwas?“ Und stellt eine praktische Gewißheit her. Das metaphysische „Sein als solches“ weicht einem Instrumentensein. Diese Methode (Quantifizierung/Operationalisierung) zur Erkenntnis über die Welt zu gelangen entwirft eine geschichtliche Totalität – eine eindimensionale Welt. Aber es handelt sich um einen spezifischen, geschichtlich-gesellschaftlichen Entwurf, und das Bewußtsein, das diesen Entwurf unternimmt, ist das verborgene Subjekt (dieser) ..Wissenschaft; diese ist die Technik, die Kunst der ins Unendliche erweiterten Voraussicht. (S. 178).
Ein schönes Beispiel für neuzeitliche Naturwissenschaftler bieten die folgenden Texte:
Peter Mulser, Prof. f. theoretische Physik: Über Voraussetzungen einer quantitativen Naturbeschreibung;
In: V. Braitenberg/Inga Hosp (Hg.), Die Natur ist unser Modell von ihr, rororo, 1996, S. 156 ff
Das philosophische Nachdenken hat das Denken überhaupt geschärft und sukzessive zahlreiche vermeintlich tiefe Probleme als grundsätzlich unlösbar und somit als Scheinprobleme entlarvt. Wohl berühmtestes Beispiel ist das nicht erkennbare Kantsche «Ding an sich». Es scheint, als seien Erfolg und Nutzen philosophischen Denkens in der Aufgabe von Positionen und in der freiwilligen Beschränkung am größten gewesen. Der andere Aspekt traditioneller Naturerkenntnis und ‑Philosophie ist ihr Mangel an Folgerichtigkeit, die qualitative Naturbeschreibung tritt auf der Stelle. Sie lebt, in ihren besten Vertretern, von der Bildung neuer interessanter Assoziationen und geistreicher Bezüge und gehört somit mehr in das Reich von Kunst und Dichtung. In diesem vorwissenschaftlichen Feld kommt der Philosophie als Anreger und Wegbereiter, und auch als Regulativ für Geist und Psyche, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nur darf sie nicht den Anspruch gesicherter Erkenntnis erheben. Diese nämlich setzt als Postulat Nachprüfbarkeit voraus und fordert das Experiment.
Das Experimentieren als systematisches Befragen der Natur kannte das alte Denken nicht. Es ist eine echte Erfindung am Übergang zur Neuzeit, mit einschneidenden Folgen für Denken und Handeln. Die neue Methode der Naturwissenschaften führt zu systematischem Wissensaufbau und zu Lehr‑ und Übertragbarkeit von Wissen über alle historischen Kulturen hinweg. Wie durchschlagend ihr Erfolg war, geht aus der Tatsache hervor, daß die Naturwissenschaften ganze Themenkomplexe der Philosophie entrissen und letztere in ihr Vorfeld verwiesen, wo sie sich um die Grundlegung der wissenschaftlichen Disziplinen bemüht. (S. 156)……
Worauf gründet sich dieser Erfolg der Naturwissenschaften? Auf die Existenz isolierter und isolierbarer oder zumindest verdünnbarer Systeme. Diese Eigenschaft erlaubt die Ordnung nach « reinen » Fällen. Sie führt zu Reproduzier‑ und Steuerbarkeit. Bis heute haben die Wissenschaftler durch Abtrennen, durch « Zerhacken » immer wieder Erfolg gehabt. Wer weiß, wo und wie dieser Vorgang zum Stillstand kommen wird?
Und der Herausgeber Valentin Braitenber schreibt (S.11):
Schließlich entscheidet immer der Erfolg über die Bilder, die wir uns von der Welt machen: Die erfolgreichen sind wahr, die anderen nennen wir Irrtümer.
Schöner kann die Weltanschauung der heutigen kapitalistisch verfaßten oder auch technologisch bestimmten Gesellschaft in ihrer Arroganz und Totalität (Eindimensionalität) nicht beschrieben werden.
Diese spezifische Denkweise, die zur Beherrschung von Natur und Mensch führt, verändert sich auch nicht in einer anderen gesellschaftlichen Organisation, sie wohnt der Wissenschaft inne. Dies nicht gesehen zu haben, trieb Sozialisten zu gigantischen Fehlhandlungen mit zerstörerischen Folgen und unmenschlichen Ausmaßen.
Welche Aussichten gibt es:
Was ich herauszustellen versuche, ist, daß die Wissenschaft aufgrund ihrer eigenen Methode und Begriffe ein Universum entworfen und befördert hat, worin die Naturbeherrschung mit der Beherrschung des Menschen verbunden blieb – ein Band, das dazu tendiert, sich für dieses Universum als ganzes verhängnisvoll auszuwirken….Wenn dem so ist, würde die Änderung der Richtung des Fortschritts, die dieses verhängnisvolle Band lösen könnte, auch die Strukturen der Wissenschaft selbst beeinflussen — die Wissenschaft würde folglich zu wesentlich anderen Begriffen der Natur gelangen und wesentlich andere Tatsachen feststellen….. diese Idee zielt ab auf das Zur-Ruhe-Kommen der repressiven Produktivität der Vernunft, auf das Ende der Herrschaft im Genuß … zur Versöhnung von Logos und Eros….(S. 180 ff).
Daß diese Vernunft nur in begrenzter Weise die Probleme des Menschen zu lösen vermag, legt unter einem ganz anderen Aspekt Eugen Drewermann dar. Seine Behauptung:
Es ist nicht nur, daß die Naturwissenschaften auf alle menschlich relevanten Fragen (auf die Probleme von Subjektivität, Vernunft und Freiheit) Antworten weder geben können noch wollen, es ist vor allem, daß alle Ideologisierung der Naturwissenschaft, ja, schon ihre praktische, faktische Dominanz in allen Bereichen der Kultur (bis hinein in die Lehrpläne unserer Schulen und Universitäten) eine enorme Gefahr der Vereinseitigung des Blicks auf die Wirklichkeit darstellt ‑ mit allen sich daraus ergebenden Folgeschäden …….
Dieser Satz stammt aus seinem Buch: Im Anfang…, Die moderne Kosmologie und die Frage nach Gott (Glauben in Freiheit, Band 3, Walterverlag, 2002).
Im Folgenden sind einige seiner Gedanken zusammengestellt:
«Gnade um Gnade» (Joh 1,16) oder:
Die Dimension der Liebe und das Ende der Einsamkeit
In seinem berühmt gewordenen Essay Ich und Du aus dem Jahre 1923n zog MARTIN BUBER … die Folgerung aus der «Worthaftigkeit» des menschlichen Daseins, indem er zwischen der «Eswelt» und der «Duwelt» unterschied:……
Es sind demnach zwei konträre Formen des Sichverhaltens, je nachdem, ob wir die uns umgebende Wirklichkeit als Eswelt oder als Duwelt konstituieren; in dem einen wie in dem anderen Falle erscheint uns die Wirklichkeit auf grundverschiedene Weise. In der Sprache der KANTschen Erkenntniskritik können wir auch sagen, daß die Wirklichkeit, wenn wir sie als empirische mit den Sinnen erfahren und mit dem Verstand zu begreifen versuchen, sich nach Gesetzen geordnet darstellen wird; wir wissen aber bereits, daß es gerade diese «Weltbetrachtung» ist, die uns als «objektive Wahrheit» eine Wirklichkeit zeigt, in welcher die Sphäre des Subjekts sich als fremd (als nicht gemeint), als einsam (als allein gelassen) und in ihrer Existenz als absurd (als konfrontiert mit «sinnlosen» Notwendigkeiten und Zufällen) vorfinden muß. Es ist daher nicht möglich, zu erklären, das Universum selbst (oder sein «Schöpfer») sei «abweisend», «gleichgültig» und «grausam», wir müssen vielmehr feststellen, daß das Weltall beziehungsweise die Weltwirklichkeit uns allerdings in dieser Weise erscheinen muß, wenn wir uns nach Art der Naturwissenschaften dazu verhalten; bei objektiver Betrachtung des Universums werden wir in der Tat niemals etwas zu Gesicht bekommen, das uns als weise, wohlmeinend und gütig erscheinen könnte. Eben daran liegt es, daß sich von der Weltwirklichkeit her keinerlei «Gottesbeweis» führen läßt. Was KANT vor 200 Jahren aus erkenntnistheoretischen Gründen als Einsicht vorwegnahm, hat sich mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften (nicht zuletzt gerade in den vergangenen 5o Jahren) vollauf bestätigt. Die Trennlinie zwischen Wissen und Glauben, zwischen Physik und Metaphysik, zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist methodisch wie inhaltlich seither klar markiert und weder von der einen noch von der anderen Seite her durchlässig.
Um so wichtiger ist es zu betonen, daß es notwendigerweise neben der naturwissenschaftlichen Weltsicht eine andere gegenläufige Weise der Wirklichkeitsauslegung gibt und geben muß, in der allein so etwas wie Religion begründbar ist. Ein schweres Mißverständnis und im Endergebnis ein folgenschwerer Mißbrauch der Naturwissenschaften zum Zwecke gesellschaftspolitischer Ideologie liegt darin, die Sicht auf die Wirklichkeit, die wir naturwissenschaftlich gewinnen können, mit der Wirklichkeit «an sich» gleichzusetzen und alternativlos die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung für «bewiesene Wahrheiten» auszugeben: Anscheinend folgt dann aus den «Naturgesetzen» zum Beispiel der «DARWINismus» als Handlungsanleitung auch für die gesellschaftliche Praxis: im Kampf ums Dasein der «Rassen» gegeneinander (im Rassenwahn des Nationalsozialismus) oder im Konkurrenzprinzip des Kapitalismus (im Klassenwahn des wirtschaftstheoretischen Neoliberalismus) oder in den Erfolgsstrategien bei der Durchsetzung gewisser geistiger Inhalte, der «Meme» (im Griff nach Weltherrschaft durch die zentrale Kontrolle der Informationsnetze im Computerzeitalter) usw.; der menschlichen Kultur erwächst bei dieser Betrachtung dann wie von selber vermeintlich die «Pflicht», sich «naturgemäß» zu verhalten und (bei Verzerrung auch und gerade der «DARWINistischen» Überlebensstrategien der Evolution) den «Stärksten», den «Mächtigsten», den «Reichsten» und den Skrupellosesten die höchsten Gewinnchancen im Überlebenskampf in Aussicht zu stellen. Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, daß wir auf solche Weise nicht «natürlicher» und «besser angepaßt», sondern nur unmenschlicher und destruktiver zu werden drohen; jetzt aber können wir genauer sagen: Bei einer Verwechslung von naturwissenschaftlichen Aussagen mit der Natur «an sich selbst» wird die Herkunft der Naturwissenschaften aus einer Form der Selbstauslegung des menschlichen Daseins schlicht übergangen; und es steht daher nicht zu wundern, daß nach der Eliminierung des menschlichen Faktors in aller naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung sich eine so «erklärte» «Natur» selbst in eine Vorschrift zur Eliminierung der Menschlichkeit verwandelt.
Es ist nicht nur, daß die Naturwissenschaften auf alle menschlich relevanten Fragen (auf die Probleme von Subjektivität, Vernunft und Freiheit) Antworten weder geben können noch wollen, es ist vor allem, daß alle Ideologisierung der Naturwissenschaft, ja, schon ihre praktische, faktische Dominanz in allen Bereichen der Kultur (bis hinein in die Lehrpläne unserer Schulen und Universitäten) eine enorme Gefahr der Vereinseitigung des Blicks auf die Wirklichkeit darstellt ‑ mit allen sich daraus ergebenden Folgeschäden …….
In Wahrheit geht es nicht um eine «Uberlebensfrage» der menschlichen Spezies im Konkurrenzkampf der Arten, es geht um die Ermöglichung und um den Erhalt der Menschlichkeit des Menschen, wenn wir den naturwissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit als ergänzungsbedürftig betrachten und neben ihm komplementär einen anderen, in gewissen Sinne entgegengesetzten Zugangsweg postulieren, der vom Subjekt des Menschen seinen Ausgang nimmt und der die Bedürfnisse und Erfordernisse der Subjektivität der menschlichen Existenz als eine eigene Wirklichkeit jenseits der «Natur» berücksichtigt. Allerdings kommt es darauf an, die Forderungen der Subjektivität nicht fälschlicherweise in objektive Tatsachenbehauptungen zu verwandeln, wie es nicht nur Theologen unterlaufen kann.
Während Naturwissenschaftler versuchen, ihre Methoden und Begrifflichkeit auf die gesamte menschliche Lebenswelt auszuweiten, gibt es jenseits der Naturwissenschaft wiederum Tendenzen Phänomene, die für die Naturwissenschaft tabu sind, mit naturwissenschaftlichen Begriffen zu erklären. Am Beispiel des von Jung benannten Phänomens Synchronizität weist im folgenden Text Drewermann im Detail auf, welche Fehler auftauchen, wenn man beide Ebenen vermischt. Synchronizität beschreibt zwei Ereignisse, die keinen erkenntlichen kausalen Zusammenhang haben, aber für der Betrachter von Bedeutung sind: Jemand sieht einen Käfer –Skarabäus, Symbol des Todes – durch das Fenster in seinen Raum fliegen. Die Person ist beunruhigt. Zur selben Zeit stirbt ihr Vater, wie sich später herausstellt. In einem Gespräch mit Pauli, einem Atomphysiker, versucht Jung, neben Raum, Zeit und Kausalität das Phänomen Synchronizität als Kategorie einzuführen. Die detaillierte Argumentation von Drewermann kann im Folgende(kursiver Text) überlesen werden, ist aber interessant.
Als zum Beispiel C. G. JUNG über die «Vollständigkeit des Verstehens» nachdachte, versuchte er im Gespräch mit WOLFGANG PAULI, den schon erwähnten Gedanken der «Synchronizität» zu begründen…….
JUNG glaubte, mit diesem Konzept Physik wie Philosophie miteinander verbinden zu können, indem er die «Synchronizität» als ein akausales Prinzip «zu den drei anderen Prinzipien» hinzunahm……….«Wie die Einführung der Zeit als vierte Dimension in der modernen Physik das Postulat eines unanschaulichen Raumzeitkontinuums bedingt», so sollte nach JUNG «die Synchronizität mit der ihr anhaftenden charakteristischen Sinnqualität ein Weltbild von einer zunächst beinahe verwirrenden Unanschaulichkeit» erzeugen.» «Der Vorteil dieser Ergänzung», meinte er, sei «die Ermöglichung einer Auffassung, welche den psychoiden Faktor, nämlich einen apriorischen Sinn… mit in die Beschreibung und Erkenntnis der Natur einbezieht.»
Eigentümlich an dieser «Argumentation » JUNGs ist die Tatsache, daß er sich sinngemäß zwar auf die Quantenphysik bezieht, um eine akausale Dimension in die Betrachtung der Wirklichkeit einzuführen, daß er dann aber als Begründung seiner Vorstellung die (logisch mit der Quantenphysik unvereinbare) Relativitätstheorie anführt; im Grunde setzt er an die Stelle der Quantenphysik (von der wir hörten, daß sie vermutlich eine nicht‑kontinuierliche, diskrete Auffassung der Strukturen von Raum und Zeit erfordert) zur «Verknüpfung» mit dem kausalen Determinismus der Relativitätstheorie das, was er als «Synchronizität» bezeichnete und was, wie er glaubte, einen «psychoiden» (also doch wohl einen von unbewußtem Willen oder Wollen beeinflußbaren!) Faktor enthalten sollte. Man kann nicht anders sagen, als daß auf diese Weise psychisch verursachte Phänomene als Teile der physikalischen Realität betrachtet werden; eine solche Physikalisierung der Psychologie beziehungsweise eine derartige Psychologisierung der Physik aber verstößt nicht nur gegen die hierarchische Schichtung der Wirklichkeit ‑ sie überspringt die enorme Distanz, welche von der Evolution überwunden werden mußte, um zwischen Physik, Chemie, Biochemie, Biologie, Bioneurologie und Psychologie zu vermitteln ‑, es handelt sich, methodisch gesehen, in JUNGs Gedankengang zudem auch um das Musterbeispiel eines «Kurzschlusses»; dem Inhalt nach erfüllt sein «Synthese»‑Vorschlag auf geradezu klassische Weise den Tatbestand der Esoterik, die wir ebenso einfach wie korrekt als Beschreibung psychischer Sachverhalte durch den (fälschlichen) Gebrauch naturwissenschaftlicher Begriffe (wie Energie, Feld, Strahlung usw.) charakterisieren können. Die subjektive und die objektive Seite der Wirklichkeit werden auf diese Weise in JUNGs Konzept nicht miteinander verflochten, sondern miteinander vermischt, ja, in bestimmtem Umfang gegeneinander ausgetauscht…….
Ausschlaggebend für uns ist das äußerst problematische Bemühen von Pauli und Jung, eine objektive «Komplementarität» zwischen Naturwissenschaft und «Philosophie» (Theologie, Psychologie) herzustellen, so daß beide Betrachtungsweisen von der «Sache» her als zwei verschiedene, einander ergänzende Zugangswege zu ein und demselben Resultat anzusehen wären. Gerade der Vergleich mit NIELS BOHRs Komplementaritätsbegriff ist hier lehrreich: Die Beschreibung eines Elektrons als «Welle» oder «Teilchen» hängt davon ab, ob wir den Impuls oder den Ort des Teilchens messen wollen; beide Aspekte gehören zu einer vollständigen Beschreibung des Verhaltens eines Elektrons; wenngleich es logisch keine Verknüpfung zwischen beiden Betrachtungsweisen (bzw. Meßverfahren) gibt, so ergänzen doch beide einander; das logisch (und meßmethodisch) alternativ einander Ausschließende gehört doch zur Erstellung eines Gesamtbildes zusammen. Die Verwendung des Komplementaritätsbegriffs bei PAULI und JUNG suggeriert natürlich in gerade dieser Weise einen ebenso unauflöslichen Zusammenhang von «Kausalität» und «Synchronizität», mithin von wissenschaftlicher Naturbeschreibung und menschlicher Sinnsuche, und zwar so, als wenn dieser Zusammenhang selbst objektiv gegeben sein könnte; und genau an dieser Stelle liegt ein entscheidender Denkfehler. Alles, was C. G. JUNG in seinem «Synchronizitäts»‑Aufsatz hat zeigen können, war die offenbare Neigung von Menschen, selbst in eine Zufallsabfolge von Ereignissen (bei entsprechendem psychologischem Druck) einen für sie passenden «Sinn» hineinzulesen; unter gegebenen psychischen Voraussetzungen mag man sogar verstehen, warum einer bestimmten Person sich eine bestimmte Deutung der jeweiligen Begebenheiten als «evident» nahelegen möchte, doch besteht keinerlei Recht, derartigen «Projektionen» einen objektiven Wahrheitswert beizumessen; und in jedem Falle ist die Ebene der Deutung von Tatsachen eine andere als die Ebene der Tatsachen selbst…..
Mit anderen Worten: die gesuchte Komplementarität von «Kausalität» und «Sinn», von Naturwissenschaft und Philosophie, von objektiver Beschreibung und subjektiver Deutung des Naturgeschehens kann nicht «an und für sich» in der Natur selbst bestehen, sie kann sich allein aus einer Sehnsucht des menschlichen Bewußtseins ergeben, das in zwei konträren Weisen: «erkennend» und «wollend», «objektiv» und «subjektiv», wissenschaftlich und sinnsuchend sich zur Wirklichkeit zu verhalten vermag. Der Widerspruch selbst von Wissenschaft und Glauben besteht nicht «objektiv», er geht offenbar vom Menschen aus, indem dieser sich entweder objektiv ‑ erkennend oder subjektiv ‑sinnsuchend zur Wirklichkeit verhält; die gewünschte «Komplementarität» beider Zugangswege kann sich daher auch nicht aus dem «objektiven» Sein der Dinge selbst ergeben; sie entstammt, wenn möglich, nicht einer objektiven Einheit der Welt, sondern allein der Einheit des menschlichen Bewußtseins. Daß Wissen und Glauben überhaupt zusammenkämen, stellt zudem kein Erfordernis objektiver Naturerkenntnis dar ‑ ob die Natur einen «Sinn» hat oder nicht, ist keine Frage der Natur ‑, es ist allein ein Erfordernis der menschlichen Existenz, die als eine in beiden Weisen sich auslegt. Wäre es anders, so müßten Wissen und Glauben derselben Ebene der Wirklichkeit angehören, und so müßten sie beide denselben Rang besitzen. Das aber ist ersichtlich nicht der Fall……
Glauben und Wissen verhalten sich demnach nicht in der Weise «komplementär» zueinander wie das Modell von Welle und Korpuskel in der Elementarteilchenphysik, sondern sie befinden sich auf unterschiedlichen Rangstufen des Gewichts ihrer Fragestellungen. Alles «Glauben» ist wissenschaftlich irrelevant, existentiell aber höchst bedeutsam; umgekehrt ist alles positive «Wissen» existentiell eher unbedeutend, in der Wissenschaft indessen das einzige, auf das es ankommt. Aus dieser simplen Feststellung ergibt sich eine wichtige Folgerung: daß nämlich die «Synthese» von Wissen und Glauben, von Wissenschaft und Religion, von objektiver und subjektiver Betrachtung der Wirklichkeit nicht von einem weiteren Fortschritt der Wissenschaften zu erhoffen steht, ja, daß diese Synthese überhaupt keinen Auftrag an die künftige Wissenschaftsgeschichte darstellt, sondern daß sie nur geleistet werden kann von der «Dichte» beziehungsweise der Intensität der Existenz selbst her. Die «Synthese» von Glauben und Wissen ist eine Frage der Einheitlichkeit eines Lebens, das gleichermaßen «stark» sein muß im Fühlen wie im Denken; denn nur ein solches Leben wird sich fähig zeigen, die beiden so unterschiedlichen Weisen der Weltbetrachtung in Wissenschaft und Religion als einander komplementär (als wechselseitig bedürftig und ergänzend) aufeinander zu beziehen. Nicht um Erkenntnistheorie geht es daher, sondern um die Rückgewinnung wirklichen Lebens…….
Wie also lebt man «Notwendigkeit» und «Freiheit» «in einem», und wie soll es überhaupt möglich sein, daß beides im Leben des Einzelnen zusammenkommt? Die Antwort kann nur darin liegen, daß wir die Dimension der Anrede erweitern: zur Liebe. Niemand, der die kosmische Einsamkeit des Menschen bedauert, wird sich beim Anblick des Mondes und der Sterne seiner Lage im Weltall trösten lassen; keins der Gestirne antwortet auf das Asylantentum des menschlichen Daseins in den Weiten des Universums……
Dieses Alleinsein als eine Grundbefindlichkeit der menschlichen Existenz wird jeder aus eigenem Erleben irgendwie kennen: Es springt uns an beim Gang über die Straße, beim Sitzen am Fenster, beim Essen, beim Baden bei allen Tätigkeiten, die von innen her nicht gänzlich gefüllt, die geistig nicht völlig «kompakt» sind; da kriecht, mehr als Gefühl denn als Frage, wie ein kalter Strom eine Angst in uns hoch, die uns ans Herz greift, die unseren Körper krümmt wie unter einer unbekannten, drohenden Gefahr, und wir spüren zugleich den «Sinn» dieses «Zugriffs»: Plötzlich werden wir unserer Wesenseinsamkeit inne. All unsere Verrichtungen fallen auseinander und verlieren ihren Zusammenhalt. Bei allem, was wir tun, sehen wir uns selbst zu: wie wir gehen, sitzen, essen, schwimmen ‑ doch wer sind wir in all dem? Was ist das, das da geht, sitzt, ißt, schwimmt? Wir wissen es nicht, und zwar so lange nicht, wie wir zwar gegenwärtig sind, doch nicht in Beziehung, solange es nichts gibt, für das wir wesentlich da sind. Und so entdeckt sich, daß der Hintergrund dieser Angst aus dem Nichts an Beziehung selbst entsteht und besteht…….
In der Paradieserzählung ist es denn auch Gott, der dem «Menschen» schließlich……..die «Frau» erschafft, als sein passendes «Gegenüber». Die Einsamkeit des Menschen, mit anderen Worten, findet ihr Ende allein durch die Liebe. Sie allein vermag das gesamte Lebensgefühl eines Menschen so zu verändern, daß buchstäblich alles in einem anderen «Licht» erscheint………
Die Naturwissenschaften haben dieses ebenso alte wie romantisch wiederzubelebende Weltbild nicht eigentlich aufgehoben, sie haben es lediglich aus der Welt der Tatsachen verbannt und auf den symbolischen beziehungsweise existentiellen Kern seiner Bedeutung zurückgedrängt. Diese symbolisch‑existentielle Bedeutung aber war von Anfang an gegeben und bleibt unverzichtbar. Denn wäre die Sonne nicht auch ein Bild für das menschliche Bewußtsein, so stünden die Sterne nicht auch als Zielorte menschlicher Sehnsucht am Himmel, und schiene der Mond nicht auch als ein Traumbild von Trauer und Zärtlichkeit in das menschliche Herz, so wären die Gestirne niemals als göttliche Mächte verehrt worden; ……..
Symbolisch gelesen, verfügt der Sternenglaube der Alten bleibend und unvergänglich, weil aus dem Herzen des Menschen stammend, über Weisheit und Sinn; es ist aber einzig die Poesie der Liebe, die diesen Bedeutungskern wieder belebt; denn nur sie ist subjektiv und lyrisch genug, um diese Verschmelzung von Innen und Außen zu erreichen.
Rein psychologisch bereits wirkt sich das Empfinden der Liebe in einer Stärkung der Persönlichkeit aus. Sie verschmilzt nicht nur den Menschen mit seiner äußeren Natur, sie verbindet vor allem in ihm selber Denken und Fühlen, Bewußtsein und Unbewußtes, Seele und Körper, Rationalität und Affektivität, eben: «Subjektivität» und «Objektivität». Da das Wort «Liebe» mittlerweile für sehr verschiedene, oft widersprüchliche Einstellungen (von der «Caritas» bis zur Erotikindustrie) verwandt wird, sollten wir den Begriff der Liebe etwas näher beschreiben und sagen: Liebe sei jene Haltung, die von innen her die Subjekthaftigkeit eines fremden Lebens an sich selbst mit allen Kräften wünscht und fördert. ……..
Die Subjekthaftigkeit eines Menschen indessen ist sehr viel reicher; kein Mensch wird mit all seiner Liebe das Wesen eines anderen Menschen gänzlich zu umfassen und zu erfüllen vermögen. Um so unerschöpflicher ist deshalb der Wunsch, gerade das immer wieder neu zu versuchen: keine Umarmung, die nicht das Verlangen ausdrücken würde, den anderen ganz zu «begreifen»; doch dieses «Begreifen» vollzieht sich jenseits allen begrifflichen Denkens.
In gewissem Sinne stellt Liebe die tiefste Art des Verstehens dar, besteht sie doch gerade darin, sich ganz und gar in die Position des anderen hineinzuversetzen. Während alles objektive Erklären die Distanz und die Differenz von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt verstärkt (und damit letztlich die Einsamkeit des Erkennenden nur noch vergrößert), wird im Vorgang des Verstehens die Grenze der Subjekt‑Objekt‑Spaltung aufgehoben: Der Verstehende wird selber der andere, indem er versucht, die Welt mit dessen Augen zu betrachten; er nutzt seine eigene Subjektivität, um sich in die subjektive Welt des anderen hineinzubegeben; und nur so «begreift» er die innere Einheit und Verbundenheit aller Dinge, auch die Einheit von Körper und Seele, von Objekt und Subjekt; und solches «Begreifen» tut not………
Erklären und Verstehen, Naturwissenschaft und Daseinsauslegung (Hermeneutik), objektive Betrachtung und subjektive Einfühlung müssen mithin zusammenkommen, um der Not eines Menschen gerecht zu werden. Dabei kann das Verstehenwollen sich streckenweise des Erklärens bedienen, um den anderen besser zu «begreifen», das Umgekehrte aber ist schon aus methodischen Gründen unmöglich: Freiheit, Personalität und Subjektivität sind keine Kategorien der Naturwissenschaften. Die Folgerung daraus ist wichtig: Das Feld der Hermeneutik ist dem Menschen als Subjekt nicht nur näher und ursprünglicher als das Feld der Erklärungen, es ist auch unendlich viel weiter ‑ so wie mythische Symbole historisch früher sich dem Menschen eingeprägt haben als Fragen nach den Ursachen der Naturerscheinungen und so wie ihre Bedeutungen die Aussagedimension naturwissenschaftlicher Begriffe notwendigerweise bei weitem .übertreffen. ……
Mit anderen Worten: um zur Existenz eines fremden Ichs zu gelangen, bedarf es eines verstehenden, nicht eines erkennenwollenden Sich‑Verhaltens. Dann aber zeigt sich, daß dieses zweckfreie, grundlose Verstehen wie von selbst den Ausgangspunkt und Kern aller Moral bildet. ……..
Was wir daher zu sehen bekommen, ist zweifellos eine «Komplementarität» von Erklären undVerstehen, von Naturwissenschaft und Daseinshermeneutik, von Wissen und Glauben, von Objekt und Subjekt, doch ergibt sich diese «Komplementarität» gerade nicht durch eine Gegensätzlichkeit zweier Unvereinbarkeiten auf derselben Ebene der Realität…..: Noch ehe der Dualismus von Erklären und Verstehen, von Objekt und Subjekt sich überhaupt bilden kann, ist eine Subjekthaftigkeit vorauszusetzen, die beide Weisen der Selbstauslegung umschließt; von dem «transzendentalen Subjekt» hatte KANT gesprochen, doch dieses sein «Subjekt» war allein als Bedingung der Möglichkeit von (gegenständlicher) Erkenntnis gefordert. Was wir an dieser Stelle indessen entdecken, ist eine Ursprungseinheit, eine «Symmetrie» der Beziehung von Subjekt und Objekt aufgrund einer reinen Verschmelzung der Liebe, die auch die Ebene des «Erklärens» aufhebt in ein umfassenderes Verstehen, …..
In der Duwelt der Liebe geschieht es, daß ein Subjekt ein anderes Subjekt als ein solches entdeckt und im Vorgang des Verstehens mit ihm eins wird…….
Mehr noch: Wir sahen vorhin, daß alles Subjekthafte nur ermöglicht wird durch eine Anrede, die es in sich selber unbedingt meint; und so läßt sich jetzt auch sagen, daß alle Liebe in eben der Antwort besteht, die von jener «Anrede» angeregt wurde. Wir wären (psychologisch) niemals imstande, ein Subjekt zu werden beziehungsweise ein Ich auszubilden, ohne ein anderes Ich, das uns fundamental gemocht und gemeint hätte, und alle Liebe, die wir jemals im Leben fühlen und verschenken werden, entströmt diesem Reservoir an Subjekthaftigkeit, aus dem wir selbst hervorgegangen sind. Wir könnten nicht Liebende sein oder werden, wenn wir nicht selbst schon immer geliebt worden wären…….
Diese Liebe wird gefühlt und gelebt, ersehnt und gesucht, vor allem aber wird sie geglaubt. In jeder persönlichen Begegnung ist ein absolutes Du stets schon vorausgesetzt; um lieben zu können, ist es notwendig, an die Liebe zu glauben, und dieser Glaube muß stark genug sein, selbst die jederzeit möglichen Enttäuschungen und Widerstände zu überbrücken……..
Was wir bisher mit dem relativ neutralen Begriff der «Komplementarität» bezeichnet haben, erweist sich jetzt als eine unbedingte Entscheidung, die jeder im Gegenüber der Person des Mannes aus Nazareth treffen muß: will er sich weiterhin verstehen nach dem Auslegungsmodell der «Natur» (beziehungsweise der «Welt»), dann wird er in den Naturwissenschaften förmlich eine Bestätigung für einen Lebensentwurf finden, der an so etwas wie Liebe nicht glaubt; im Gegenteil, der größte Teil seiner Aktivitäten wird darauf abzielen, andere (Menschen und Tiere) in Instrumente seiner eigenen Zwecksetzungen zu verwandeln; «Liebe» ist in dieser Weltsicht allenfalls eine Einbildung, die unter der Ausschüttung eines bestimmten Hormons entsteht. Umgekehrt, wenn wir den Mut finden, die elementare Erfahrung der (absoluten) Anrede wesentlich zu beantworten ‑ wenn wir es wagen, Liebe zu glauben. Es wird die einzige Art sein, unsere kosmische Wesenseinsamkeit zu überwinden; es wird uns freilich auch in den größten Gegensatz bringen zu allem, was je «Geschichte» in Natur und Kultur gewesen ist, eine Umprägung in allem, eine Universalisierung des Besten in uns, eine Verschmelzung von Welt und Mensch, wie sie nie war