Ansichten

Die Weisheit einer Reise

Eine Reise

Auf der drittletzten der vielen Stationen meiner Reise warf mich eine heftige Grippe für 14 Tage auf das Krankenbett. Sie verhalf mir zu folgendem Traum:

Ich trieb ziemlich ermattet in einem tiefen Blau, das beruhigend in unergründlichen Stille langwellig pulsierte. Ich lag in einem kugeligen Käfig aus glänzenden Gitterstäben. Damit trieb ich auf andere kleine Käfigkugeln zu. In ihnen tanzten kleine giftgrüne Winzlinge, zum Teil ineinander verkrallt, die in ihrem Grün periodisch aufblitzten und die einen Höllenlärm veranstalteten, indem sie die Gitterstäbe putzten, dass vor lauter Glanz und durch ihr eigenes Aufleuchten das tiefe Blau im Hintergrund verschwand. Nur bei einigen, die vom Geschrei und  Getanze ermüdet darniederlagen, war ein Schimmer des Blaus sichtbar und ich hörte sie sagen:“ Am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“

Soweit der Traum, der mir wie eine Zusammenfassung meiner Reise vorkam: in den Städten, auf der Straße, in den Häusern traf ich auf gehetzte, meist sich selbst hetzende Menschen, und ich sah mich selbst darin wieder. Meine Reise mit den vielen Stationen war ein Beispiel dafür. Erst mein Körper, der sich diese Grippe zulegte, machte mich darauf aufmerksam. Fortan entleerte sich mein Kopf von allen Gedanken, jede Aktivität war zuviel, es war mir schwindelig. Die Krankheit schlug auf das Gehör. Ich hörte kaum noch etwas. Eine beruhigende Leere breitete sich in mir aus.

Da war ich also im blauen Meer gelandet. Ich war ermattet. Der Winzling in mir hatte aufgehört zu lärmen. Ach wie stolz sind wir im Westen auf diesen Zwerg, das Symbol unserer Individualität. Sie ist die Form unseres täglichen Bewußtseins. Kaum sind wir dem Schlaf der Nacht entwunden, springen wir in diese Form und fühlen uns getrennt von allem und allem, was wir spüren, während wir tief im Inneren uns nach der verlorenen Einheit sehnen. Doch wie ist sie zu erlangen? Ich las die folgende Geschichte:

Die notwendige Erfahrung des Umweges

Ein Mann hackte Holz am Rande eines Waldes und verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt. Als ein Einsiedler daher kam, fragte er ihn nach einem Wort für das Leben. Der Einsiedler sagte: „Gehe tiefer in den Wald. Da nahm der Mann seine Axt und ging tiefer in den Wald. Er fand schöne Bäume, fällte und verkaufte sie für gutes Geld. So wurde er wohlhabend. Eines Tages erinnerte er sich an die Worte des Einsiedlers. „Gehe tiefer in den Wald!“ Und so machte er sich erneut auf den Weg und fand eine Silbergrube. Er baute sie aus und wurde sehr reich. Nach Jahren aber fielen ihm erneut die Worte des Einsiedlers ein: „Gehe tiefer in den Wald!“. Er ging und fand wunderbare Edelsteine ‑ ein Symbol für die Erleuchtung. Er erfreute sich sehr daran, aber dann kamen ihm erneut die Worte des Einsiedlers in den Sinn: „Gehe tiefer in den Wald“. Und also machte er sich nochmals auf, ging tiefer in den Wald. So kam es, dass er sich eines Morgens wieder genau an dem Waldrand fand, an dem er vor langen Jahren beim Holzschlagen den Einsiedler getroffen hatte.

Wer einen Erfahrungsweg bis zum Ende geht, kehrt als veränderter Mensch zuletzt zurück in den Alltag. Es scheint für die Reifung eines Menschen – nach Jung für seine Individuation, nicht zu verwechseln mit seiner Individualisation – wohl notwendig zu sein, diesen Weg in die Waldestiefe zu gehen. Viele Märchen und Mythen der Völker beschreiben ihn. Oft wird er als Vertreibung aus dem Paradies benannt. Und was heißt hier Individuation? Ist es der Weg zu sich selbst? Der Hintergrund dieser Parabel zeigt, dass das Selbst zunächst „als Fülle von Gewohnheiten und Fokussierung sozialer Strukturen .. nicht ein letzter Grund“ ist; „ es bleibt ein Prozess der sich verändert und aus freier Entscheidung verändert werden kann.“ In der Parabel ist es die Entscheidung, tiefer in den Wald zu gehen. „Jeder ist eigentlich ein freies Wesen; sein Selbst, sein Ego, sein Charakter ist nicht ursprünglich, sondern erworben“ (Zitierung aus K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor Kreativität, 1996, s. auch ders. Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, 2007)

In diesen Zusammenhang paßt die Parabel von der Weisheit des Rabbis:

Weisheit des Rabbis

Die Schüler fragten den Rabbi, was das Geheimnis seiner Weisheit sei. Darauf antwortete er ihnen: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“. Die Schüler sahen sich betreten an und meinten, sie hätten nicht recht verstanden. Also fragten sie ihn er­neut: „Meister, was ist das Geheimnis deiner Weisheit?“. Er aber sagte: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“. Da wurden die Schüler ungehal­ten und erwiderten: „Meister, was du sagst, das tun wir auch, aber wir sind weit entfernt von deiner Weisheit“. Da schüttelte der Rabbi lächelnd den Kopf. „Nein“, sagte er, „wenn ihr sitzt, seid ihr schon aufgestanden; wenn ihr steht, seid ihr schon losgegangen; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen“.

Im Augenblick, so läßt sich diese Stelle  interpretieren, offenbart sich die Wirklichkeit. Ihn zu erleben, bedeutet, eins zu werden mit dem, was ist: „Ich bin, der ich bin !“, heißt es in der Bibel.

Den Augenblick zu erleben, ist letztlich ein spirituelles Ereignis. Mit einer solchen Weltsicht hat es der Verstand schwer, denn sie kommt aus der Erfahrung und nicht aus dem Nachdenken. Der Sinn des Lebens liegt weder hinter uns, noch vor uns, sondern im zeitlosen Jetzt. Im Hier und Jetzt erscheint die Wirklichkeit. Einmalig und Einzigartig ist unsere Person nur im Augenblick, als Ausdruck des Einen, was viel mit dem Göttlichen zu tun hat. Es offenbart das Kommen und Gehen – Geborenwerden und Sterben.

So oder ähnlich formuliert es Willigis Jäger, ein Benediktiner, der in seinen Schriften, Vorträgen und Seminaren, den Versuch unternimmt, westliche und östliche spirituelle Sichtweisen miteinander zu verbinden.

Den Augenblick zu leben – die Achtsamkeit -, ist für den westlichen Menschen wohl die schwerste aller Übungen. Sie zwingt uns, aus dem Strom der Gewohnheiten inne zu halten und unsere Ichbefriedigung zu unterbrechen. Der lärmende Zwerg in uns pausiert und erhascht einen Blick durch die glänzenden Stäbe seines Käfigs auf das tiefe Blau seiner Sehnsucht – die blaue Blume der Romantiker.

Eine Zen-Sutra sagt: „ unser Ichbewußtsein ist wie ein Affe..“ , Dieser Affe schwingt sich von Ast zu Ast, Baum zu Baum, durch den ganzen Wald. Doch wir sollten ihn aber nicht wegjagen, weil wir ihn für unsere Alltagsbewältigung unbedingt benötigen.

Als ich in Portugal wieder eintraf, war ich froh, beim Holzspalten wieder angekommen zu sein. Aber die Reise ist noch nicht zu ende.

Schon bald war der Winzling in mir wieder zugange mit der tiefen Sehnsucht:

Die Sehnsucht des Menschen

…….Es ist die Sehnsucht, heim zu kommen, den Platz zu finden, wo alles gut ist, wo man geliebt und angenommen ist. Der Mensch erfährt aber sehr bald im Leben, dass kein Mensch dem Menschen diese letzte Sicherheit geben kann, auch nicht der liebste Es bleibt diese unüberbrückbare Trennung, bis wir unser wahres Selbst gefunden haben, besser, bis unser wahres Selbst durch alle Verkrustungen und Fehlentwicklungen hindurchgebrochen ist. Menschen machen sich also auf diesen Weg, weil sie diese tiefste Sehnsucht in sich tragen, die letztlich die Sehnsucht Gottes selber ist. (Willigis Jäger: Wiederkehr der Mystik, 2005, S.80)

Am Ende entpuppt sich das Selbst als leer, wie das Meer in der Erinnerung blau ist.

Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der Sterne, der andere kundig der Stürme

Wird der eine führen durch die Sterne, wird der andere führen durch die Stürme

und am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein

(Reiner Kunze)

November 26, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar

Vertrauen und die Suche nach Glück

Vertrauen und die Suche nach Glück aus christlicher Sicht

Im christlichen Bekenntnis heißt es. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Denn, was wichtig für uns ist, wissen wir häufig am wenigsten.

Dazu eine Geschichte, die illustriert, wie wir manchmal mit Dem umgehen, von dem wir uns bedingungslos getragen wissen könnten.

Von Mulla Nsrudin, einem Derwisch aus dem 17. Jhs. , erzählte man, er sei eines Tages zu einem Schmied gegangen, um sich einen Mantel machen zu lassen, „In einer Woche“, sagte der Schneider, „ wenn Gott es will“. Aber der Mantel wurde nicht fertig. „In zwei Tagen, wenn Gott es will“, sagte der Schneider , aber der Mantel wurde nicht fertig. „Morgen, wenn Gott es will“, sagte der Schneider. – „Und wenn Du Gott aus dem Spiel lässt, wie lange dauert es dann noch?“ fragte Nasrudin. An der Art, wie wir den Namen Gottes gebrauchen, entscheidet sich, was für Menschen wir sind; denn je nachdem, steht „Gott“ für all, was uns hindert zu leben, oder für all das, was uns ermutigt, zu sein. (E. Drewermann, Jesus von Nazareth)

Nur: wer sind wir wirklich in all dem Wandel? Und: was ist da bleibend in uns?………….

Hier auf Erden sind wir wohl nie Abgeschlossene, nie ganz Fertige, nie ein Selbst, das sagen könnte wie ein Diamant, der unzerstörbar ist: «Mich gibt es für immer.» Doch selbst den Durchgang des Todes noch könnten wir verstehen als einen letzten Schritt, ins Unendliche zu reifen und uns selber zu begegnen und damit der ganzen Welt. Aus dem Augenblick der Ewigkeit würde die Ewigkeit des Augenblicks, eine Einsicht, die alles zusammenfaßt. (E. Drewermann, Vortrag, „Suche nach Glück und Sinn“)

Ein erschütterndes Geständnis oder Bekenntnis dazu formulierte der russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski einmal am Eingang seines Romans Schuld und Sühne, in dem es darum geht, wie Menschen bis zum Verbrecherischen geraten können. Es ist Dostojewskis Frage: Kann man einen Menschen richten? Darf man einen Menschen verurteilen? Wie kann man gegen den Abgrund, der einen Menschen bedroht, einander so anlieben, daß der andere einen Hintergrund, einen Grund gewinnt, sich wiederzufinden? Am Eingang seines Romans schildert Dostojewski den Trinker Marmeladow, einen Verzweifelten, einen Süchtigen, jemanden, der den Stern sucht in dem Glas, das vor ihm steht, und er versinkt darin immer tiefer – ein Hilfloser, der seine eigene Tochter auf die Straße schickt, um mit ihrer Schande das Geld zu verdienen, das ihre Mutter und ihre Geschwister brauchen. Als Sonja am Abend nach Hause kommt und sich weinend auf’s Lager wirft, küßt Marmeladow ihre Füße und streichelt sie: «Golubka, mein Täubchen», und doch greift er schon mit der Hand in die Schatulle, ihr die Kopeken zu entwenden und sich wieder zu besaufen. Da lallt er vor sich hin: «Ein solches Schwein wie mich sollte man kreuzigen.» Aber wie manchmal im Alkoholdelir fantasiert er weiter, von einer Welt der Harmonie: «Wenn Er kommen wird, sie alle zu richten, wird Er sagen: ‹Ihr Gerechten, ihr Guten, geht ein in die Hallen, die euch bereitet sind.› Aber dann wird Er sprechen: ‹Jetzt kommt her auch ihr, Mörder, Huren, Verbrecher, Säufer, Unglückliche. Kommt her auch ihr.› Dann werden die Guten und Gerechten sagen: ‹Aber Herr, warum denn berufst du auch sie, sie tragen das Antlitz des Viehs!› Und Er wird sagen: ‹Deshalb berufe ich sie, eben deshalb berufe ich sie, weil kein einziger von diesen je hat glauben können, daß er dessen würdig sei. Dann werden alle alles verstehen.

Dann werden alle alle verstehen. Dein Reich komme, Herr.» (E.Drewermann, s.o.)

Doch wie erreichen wir ein Vertrauen, so getragen zu werden?

Bei den Christen gibt Gott durch Offenbarung Gewißheit von seiner Existenz und läßt sich in der Bibel – letztlich ebenfalls durch Offenbarung entstanden -als sein Wort beschreiben.

Bei den Buddhisten kommt es darauf an, sich in geistiger Versenkung alle Begrifflichkeit, aber auch alle Sinnlichkeit und Begehrlichkeit zu entledigen und damit den Glauben an Gott bzw. an die Götter zu überwinden, da all die Götter der traditionellen Religionen nichts anderes waren als Spiegelungen des Bewußtseins, Projektionen, nichts als Blendwerke der Angst und der Hoffnung, die sich sogleich auflösten, wenn nur das Innere des Menschen sich weitgehend beruhigte.

Als das „Heilige“ gilt ihm das eigene Herz als Ort der Stille im Sinne dieser Entleerung, die keinen Grund hat. Es ist diese Entdeckung der Grundlosigkeit, die alle Lebewesen eignet, allen uns in der Welt begegnenden Erscheinungen, die allesamt untereinander verbindet.

 

Aber auch im Christentum gibt es eine Tradition, die dies genauso sieht. Es ist dies die Mystik des mittelalterlichen Meister Eckhart. Gott selber, lehrt er, ist grundlos. In der Abgeschiedenheit wird der Mensch wieder so wie da er nicht war. Auf diesem Wege in das Nichts muss die Seele sogar das Höchste der abendländischen Christenheit überwinden, den dreifaltigen Gott: Vater, Sohn, und heiliger Geist. Eckhart fordert den Durchgang durch sie und über sie hinaus in die <<Wüste der Gottheit>>, wie es auch von Jesus der Bibel berichtet wird.

Dazu E. Drewermann, Der 6. Tag, S. 329, Walter Verlag:

<<Die dem Verstand unbegründbare Wirklichkeit wird hier zu einer vertrauensvollen Selbstverständlichkeit des Daseins, und aus ihr zu leben heißt: Gott finden und in Gott geboren werden. Eine Alternative dazu scheint es nicht zu geben. Denn: Entweder ein Mensch bleibt bei dem Eindruck der «Grundlosigkeit» ‑ der Zufälligkeit der Ereignisse und der Kontingenz des Daseins aller Dinge ‑ stehen, oder er nimmt eben diese «Grundlosigkeit» zur Grundlage einer vertieften Weltsicht von Weisheit und Güte. In keinem Falle ist es möglich, die Welt von «Gott» her zu denken oder Gott von der Welt her als Erklärung ihres Daseins und Soseins zu denken. Im Gegenteil: die Entdeckung der Mystik lautet, daß der Gott, der dem Menschen als <<Schöpfer>> erscheint, streng von der Gottheit selbst unterschieden werden muß.>>

 

Die Zentrierung der Christenheit und damit des Westens auf das Ich, auf den Verstand hat nicht nur den Gott als Schöpfer der Welt angesichts der absurden Wirklichkeit, der Kontigenz des Daseins (Zufälligkeit) bis in das Groteske unglaubwürdig gemacht, sondern auch den Atheismus des Alltags hervorgebracht.

Sie hat zugleich die christlich-abendländischen Kultur zu der gewaltätigsten und gewaltbereitesten, zerstörerischsten Zivilisation der Geschichte der Menschheit gemacht

 

Wegen dieser Illusion über unsere behauptete Eigenständigkeit rennen wir hinter dem feed back der Menschen her, in der Hoffnung, dort unsere Einheit zu finden. Paradoxerweise haben wir sie bereits, wenn wir uns nur auf sie besinnen könnten, in der Stille mit sich, als Entleerung von dieser Illusion vom Getrenntsein, sozusagen in der religiösen Begegnung und kündigt sich dann als Gefühl des Gewolltseins an.

Dieses Gewolltsein ist sozusagen als Gegenbewegung zum Weg nach Innen auch außen erfahrbar: in der Liebe zweier Menschen – allerdings nur punktuell und als Modell. Doch wie erfahren es die vielen Menschen, die nie das Glück hatten, eine solche Liebe zu erleben? Es ist erfahrbar in der Unendlichkeit des Himmels. Schließe die Augen und entleere Dich vom Lärm Deiner Gedanken!

Dann geschieht das Wunder, sich mit der ganzen Welt verbunden zu fühlen. Eben noch im Zustand der Versenkung schwingt dieser zurück, als ob das Schließen der Augen zu einem Öffnen für den Anderen wird. Es handelt sich um die Entdeckung der Liebe: aus der eigenen Mitte entdeckt er ein Fühlen und Denken jenseits aller eigenen Zwecke, die Auszeichnung des anderen, dem unbedingte Bedeutung zukommt.

Führte ihn die Leere der Zwecklosigkeit in einem ersten Schritt aus der Welt, so nimmt er sie jetzt in die Welt hinein und findet sie wieder in der Zwecklosigkeit dieses Anderen, dieses Einen, den er liebt.

Ein solche Erfahrung ist alles andere als rational, sie ist eine Mischung aus hellsichtiger Wahrnehmung und sehnsüchtiger Projektion.

Die Entdeckung der Liebe ist nicht bloßer Subjektivismus, im Gegenteil: sie ist die stärkste Kraft der Selbstläuterung, gefürchtet von allen Mächtigen.

Unausweichlich wird der Liebende wie von selber merken, daß der andere, den er ins Herz geschlossen hat, kein «allervollkommenstes Wesen» darstellt, daß er nicht Gott ist, sondern nur sein erstes, wichtigstes Gottesbild, und daß es darauf ankommt, den Archetypus von «Mutter» und «Vater» nach und nach von ihm zu lösen, um ihn, als einen «einfachen» Menschen, wirklich so, wie er ist, lieben zu können. Es ist der Schimmer des Göttlichen, der den anderen liebenswert macht, doch indem der andere in seiner Liebe auf Gott verweist, braucht er selber nicht länger mehr «Gott» zu sein. Die «Inkarnation» des Göttlichen in der Liebe ist erneut nie anders denn als eine Chiffrensprache menschlicher Reifung zu verstehen, die darin besteht, im Fremden das Eigene zu finden, um im Eigenen die unendliche Sehnsucht nach dem ganz Anderen zu entfalten. ………….Was eben noch in der Mystik der Leere als das zu Überwindende ja, Täuschende erschien, das persönliche Ich, das wird jetzt in einer gegenläufigen Erfahrung zu dem Zentrum einer neuen und eigentlichen Sinnfindung und ‑begründung. Jene Aufhebung aller Zwecke in der Entdeckung der Leere wandelt sich jetzt zu der Absichtslosigkeit einer Zuwendung, die den Geliebten reinweg um seiner selbst willen in die Aura des Göttlichen stellt.

(Der 6. Tag, S. 355 und 354)

Im Archetypus der Liebe begegnen wir dieser Fähigkeit als kollektive Eigenschaft des Menschen. Wir begegnen hier unserem Selbst als Teil eines allumfassenden Selbst in der religiösen Erfahrung.

So würde die Gestalt Jesu als Chiffre eine Verkörperung dieses Archetypus sein. Ohne diese innere von allem Äußeren abzusehende Erfahrung bleibt jede religiöse Erfahrung die Projektion von illusionärer Konkretion:

Die konkret erfahrene Vaterperson wird zum Gottesbild und damit zum Aberglauben.

Dieser Weg der Entdeckung der Liebe wird zur unerhörten Möglichkeit, die Welt umzuformen in eine Stätte der Begegnung. Die Welt der Notwendigkeit, der Ursächlichkeit und Zweckmäßigkeit wird zu einer personenhaften Begegnung zur DU-Welt. Und nur dadurch wird der kalte Kosmos uns Menschen zur Heimat, in der wir erst dann seine Schönheit und Erhabenheit finden werden. Der Glaube an unabhängig existierende Phänomene, ob es unser eigenes Ich ist oder irgendein materieller Besitz, ist die Grundlage unserer Sympathien und Antipathien, die letzten Endes nur durch ein tiefes Verständnis der Lehre von der Leere überwunden werden können. Diese Transformation der Persönlichkeit erfordert eine radikale begriffliche Umerziehung ‑ eine Erneuerung auf jeder Ebene der Persönlichkeit.

In einer solchen Welt, in der man sich mit allem verbunden weist, wird es schwierig sein, den Menschen und seine Arbeit unter dem Aspekt der Profitmaximierung zu betrachten, Tiere in Tierversuchen und Massenhaltung als Sachen zu behandeln, Flüsse und die Luft zu verschmutzen, mit Atombomben die Erde unbewohnbar zu machen. Und auch der Alltag wird anders aussehen, wenn man die Projektionshaftigkeit der eigenen Existenz begreift.

Wie häufig ist der Alltag von Streit, Rechthaberei, Schuldzuweisungen, Aggressionen überdeckt!

Dieses Negative zu überwinden ist nur möglich demjenigen, der sich so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit sich findet, dass er nicht zu reagieren braucht. Das ist das Geheimnis der Bibelstelle: »Reagiert nicht auf das Böse».

 

Ich habe eine tiefe Traurigkeit darüber, wie schwer es ist, selbst in einem kleinen Kreis von Menschen friedlich mit einander umzugehen. Es gibt wohl eine Boshaftigkeit, die nicht reaktiv ist.

 

Schön wäre es, wenn ich mich so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit mir selbst fühlte, dass ich auf das Böse nicht zu reagieren brauchte.

 

Mit einemmal würde sich mitten im Alltäglichen zeigen, woraus wir Menschen wirklich leben: Nicht von Bindungen an anderen Menschen, sondern allein im Gegenüber eines diese Welt Überschreitenden – manche nennen es Gott -. Der Mann aus Nazareth sagte dazu:

Wenn einer zu mir kommt und nicht hasst seinen Vater und die Mutter und die Frau oder den Mann und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, und noch dazu sein eigenes Leben, kann er nicht mit mir sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, kann nicht mein Jünger sein. Lukas 14,26;27

 

In der Tat ist der Weg zu uns selber so etwas wie ein Kreuz. Es ist eine Form von Armut; es gibt nichts , worauf wir uns stützen könnten, auf Familie, Besitz, Gesundheit, Ansehen. All die Dinge gelten nicht, die wir festhalten zu können glauben, und doch ist es der Beginn einer wunderbaren Entdeckung: wie reich sind wir uns selber, wie viel Möglichkeiten schlummern in uns, die zu entfalten sind. Es gibt so etwas wie einen heiligen Eigensinn ein Gefühl für das, was nur wir selber sind und niemand an unserer Seite kann es uns wegerklären oder – kommentieren oder die Verantwortung dafür abnehmen.

 

Anmerkung

Was ist ein Archetypus?

In Jungs Tiefenpsychologie sind die Archetypen die nicht weiter rückführbaren Grundelemente. Sie vermitteln uns die wesentlichen Sinngehalte und strukturieren unser Verhalten und Denken. Außer daß sie Sinn stiften, können aber die Archetypen bei manchen psychologischen Phänomenen auch kausal wirken ……( Jung. Der Archetypus stellt die psychische Wahrscheinlichkeit dar ) …Wir könnten zum Beispiel sagen:>>Der Mutter-Archetyp hat Denken und Handeln der Frau verändert<< Indessen erleben wir die Archetypen niemals unmittelbar, da es sich um universelle transzendente Prinzipien handelt, doch leben sie sich durch uns aus. Wir schließen auf die Existenz der Archetypen durch transkulturelle Untersuchungen von Mythen und Ritualen sowie unzähligen Träume von Menschen überall auf der Welt. Mit anderen Worten, aus zahllosen indirekten Erfahrungen mit dem Archetypus schließen wir auf seine Natur, obwohl wir ihn niemals direkt und an sich erleben können.

Verlust des Vertrauens

Briefe an Ernst über Vertrauen

November 26, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar