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Finanzkrise Griechenland

Die Finanzkrise

In den Finanzkrisen bildet sich der Schuldner/Gläubiger-Konflikt auf der Geldebene ab.

Worin besteht dieser Konflikt und wie kommt es dazu?

  • Schulden, sind wesentliche Bestandteile einer Geldwirtschaft. Sie und damit als Gegenpart die Geldvermögen sind notwendig, weil eine Gesellschaft ein Verteilungsproblem hat: Es gibt Wirtschaftsteilnehmer, die mehr einnehmen als sie ausgeben (Profit) oder weniger ausgeben als sie einnehmen (Sparen) und dadurch einen Überschuss erzielen. Wird dieser Überschuss nicht für den Kauf von Produkten ausgegeben, weil die Geldhalter keinen Bedarf haben oder der Überschuss als Profit in Geld zu realisieren ist, dann müssen sich Schuldner finden, die den Überschuss übernehmen, um die Produkte (Markträumung) zu kaufen. Andernfalls werden die Produkte nicht abgesetzt, Profite nicht realisiert – die Volkswirtschaft schrumpft. (s. https://hajosli.wordpress.com/2009/11/08/modelle-2/). Die Volkswirtschaften sind als Geldsysteme dann krisenfest, d.h. sie schrumpfen nicht, wenn die Geldausgaben (Kosten) die künftigen Einnahmen sind. In einem solchen System sind Überschüsse (Zinsen, Profite, Rendite) nur möglich, wenn diese Überschüsse durch Schulden finanziert werden. Es entsteht das Schulden/Geldvermögen-Paar, das durch den Zinseszinseffekt exponentiell wächst und schließlich den Systemrahmen sprengt. Die Notwendigkeit, Geldüberschüsse zu erzielen, führt das kapitalistische Wirtschaftsystem auf die Suche nach immer neuen Schuldnern. Die finden sich, indem die Wirtschaft wächst (H.-Chr. Binswanger: “ Die Wachstumsspirale“, Metropolis, 2006). Das Modell funktioniert, solange schnelle Produktivitätsfortschritte und hohe Wachstumsraten die Überschüsse stabilisieren.
  • In einer fortgeschrittenen Volkswirtschaft wird es aber zunehmend schwieriger diese Schuldner bei Unternehmen (Investition) oder den Privathaushalten (Konsumkredite, Hypotheken usw.) zu finden, weil der Markt gesättigt ist, die Renditeerwartungen bei den Unternehmen und die Bonität möglicher Schuldner geringer wird. Das Vertrauen der Geldgeber in die Schuldenrückzahlbarkeit schwindet. Keynes spricht von der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, Marx vom tendenziellen Fall der Profitrate.

Dies ist der Hintergrund für den Schuldner/Gläubiger-Konflikt: es finden sich keine zuverlässigen Schuldner für die Anlage des Geldüberschusses der Gläubiger.

Anmerkg.: Inzwischen erreicht diese Erkenntnis sogar die öffentlichen Medien. In der Heute-Sendung des ZDF vom 8.5.2010 konnte der Börsenanalyst Bernd Müller (Dax-Müller) öffentlich erklären, dass die Schulden und damit gleichzeitig die Geldvermögen durch Zinseszins weltweit in einer systembedrohenden Weise angewachsen sind und nur eine Neuordnung dieser Schulden (Währungsreform, Schuldenerlass) diese Krise lösen könnte.

  • Die Rolle des Staates als “ infallibler Schuldner “ gewinnt dadurch eine immer größer werdende Bedeutung. “Infallibel“ (unfehlbar) ist der Staat insofern, als er in der Lage ist, die Rückzahlung von Schulden in die weite Zukunft zu verschieben und die Zinszahlung als Bedienung des Geldkapitals durch Neuverschuldung aufzubringen. Er mildert die Überschussproblematik kurzfristig, löst sie aber nicht. Die Anleger suchen andere Anlagemöglichkeiten. Es entstehen Spekulationsblasen. Schließlich schwindet auch das Vertrauen, dass der Staat die Schulden zurückzahlen kann, vor allem, wenn die schwache wirtschaftliche Leistung der Gesamtgesellschaft es unmöglich erscheinen lässt, dass der Staat durch Steuereinnahmen seine Schulden zurückzahlen kann. Dies ist in der Regel dann der Fall, wenn wie z.B. bei Griechenland der Schuldenberg sich der Größe der Wirtschaftsleistung nähert.

Die griechische Seite: Wie entstand in Griechenland dieser Schuldenberg?

  • Innenpolitisch löste die griechische Gesellschaft wie alle anderen Staaten die Überschussproblematik durch staatliche Schuldenübernahme.
  • Außenpolitisch übernahm es aber zudem diese Last anderer Staaten, indem es mehr Güter importiert als exportiert, was durch das gemeinsame Euro – Währungsgebiet besonders leicht möglich war. Dem Überschuss an Importgütern stand eine Geldschuldlast gegenüber, da diese Güter ja bezahlt werden mußten. Bei getrennten Währungsgebieten, würde dies normalerweise zu einer Währungsabwertung gegenüber dem exportüberschüssigen Gebiet führen, denn Geldschulden gegenüber dem Exportland führt zu erhöhter Nachfrage der Währung dieses Exportlandes, die dadurch aufgewertet wird. Diese Aufwertung begrenzt wiederum eine Gütereinfuhr, da die importierten Güter sich gegenüber einheimischen verteuerten. Verhindert würde dieser Vorgang durch Geldeinfuhr aus dem Exportausland, wenn also die entsprechenden ausländische Geldbesitzer Geld in das importierende Land anlegten. Das gilt z.B. für die USA. Bei einem einheitlichen Währungsgebiet entfallen die Regelungsmöglichkeiten. Die Schulden der einen Region sind somit Schulden der Gesamtregion. In dieser Situation befindet sich Griechenland auf der einen Seite und die Deutsche Wirtschaft auf der anderen.

Die Deutsche Seite: Wie wurde in Deutschland das Überschussproblem gelöst?

Der Geldüberschuss fand im deutschen Inland keine renditeträchtige Anlage, weil die Produktion wegen der schwachen Binnenwirtschaft keinen Absatz fand. Es fehlte das Geld der Konsumenten. Die Triebfeder für diese Entwicklung ist vor allem im deutschen Lohndumping zu suchen. Laut Eurosat stiegen die Lohnstückkosten von 2000 bis 2009 in Deutschland um 7%, bei den meisten anderen Euroländern aber über 20%. Wären die Löhne  der Produktivität gefolgt, lägen sie erheblich höher und für die  Binnenwirtschaft gäbe es Konsumenten, die die Produkte abgenommen hätten. Höhere Löhne hätten aber die Profite geschmälert. Aus dieser Klemme half das Ausland, z.B. Griechenland, indem es die Produkte abnahm, was wiederum besonders leicht möglich war, weil durch die deutsche Niedriglohnentwicklung die deutschen Produkte preislich mit den jeweilig einheimischen besser konkurrieren konnten. Das Eine – Lohndumping – bedingte das Andere – Außenhandelungleichgewicht und die Verschuldung der entsprechenden Auslandsstaaten. (s. Anmerkung)

Es ist deshalb unangebracht mit den Finger auf das verschuldete Griechenland zu zeigen. Deutschland löste seinen Gläubiger/Schuldnerkonflikt u.a. auf Kosten Griechenlands. Nun wird es von dieser Problematik eingeholt, indem es die Schulden übernimmt, soll das ganze System nicht schon jetzt abstürzen.

Gewöhnlich wird der Gläubiger/Schuldner-Konflikt dadurch gelöst, dass der Schuldner zahlungsunfähig wird. In der Insolvenz wird das Gläubiger/Schuldnerpaar aufgelöst, die Geldvermögen und damit der Überschuss abgeschmolzen. Das hat für die  Gesellschaft insgesamt schwerwiegende Folgen. Weniger schwerwiegend wäre es, wenn durch eine massive Besteuerung der geldvermögenden Eliten ein Anwachsen des Gläubiger/Schuldner-Konfliktes abgewendet würde.  In der augenblicklichen Situation reicht das aber nicht. Ohne eine geordnete und planmäßig ausgeführte Teilentschuldung ist eine Bewältigung der Krise nicht möglich.

Stattdessen werden aber Maßnahmen ergriffen, die die Krise noch vergrößern. Durch Sparen und Steuergeschenke für die geldvermögenden Eliten wird die Überschussproblematik verschärft.

Die politischen Eliten und die Mainstream-Wirtschaftswissenschaftler verstehen die Ursachen der Krise nicht oder wollen sie nicht verstehen. Sie ist in der Verteilungsproblematik, wie eingangs behauptet, zu finden.

Anmerkung: Michael Schlecht, Chef-Volkswirt der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, schreibt dazu im Magazin der Fraktion „clara“, Nr. 16, 2010, S. 20 Folgendes:

Insgesamt beläuft sich der Außhandelsüberschuss seit 2000 auf 1,4 Billionen Euro. Dieser Überschuss ist nur möglich, wenn in anderen Ländern Defizite, also Schulden gemacht werden. In Europa sind dies vor allem die Südländer. Das griechische Außenhandelsdefizit beläuft sich seit 2000 auf 300 Miliarden Euro, das spanische auf 650 Milliarden Euro und das portugiesische auf 180 Milliarden Euro….Dies führt zu einer Verschuldung, die sich mittelbar auch in Gestalt von wachsenden Staatsdefiziten auswirkt. Die Triebfeder für dieseEntwicklung liegt vor allem im deutschen Lohndumping. …..

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Juli 23, 2010 Posted by | Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar