Ansichten

Geld im Kapitalismus [ eine Präsentation ]

Geld oder Leben

Geld im Kapitalismus

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Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, unsere Lebenswerte in Geld auszudrücken, dass wir unser Geldsystem wie eine Naturkonstante betrachten, das von Spezialisten verwaltet wird. Das liegt vor allem auch daran, dass die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems untrennbar mit der Entstehung eines Geldsystems verbunden ist. Welche Bedeutung hat dort Geld?

„Geld oder Leben“ – in dieser Situation befindet sich der gewöhnliche Arbeiter, der nicht viel mehr als seine Arbeitskraft sein Eigentum nennt, wenn er dem Unternehmer als Eigentümer der Produktionsmittel gegenübersteht. Das beschreibt treffend Marx in seinem Werk zur Kritik der politischen Ökonomie „Das Kapital 1“ wie folgt:

Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein. Er und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in Verhältnis _zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer, nur dadurch unterschieden, daß der eine Käufer, der andre Verkäufer, beide also juristisch gleiche Personen sind. _Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, daß der Eigentümer der Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer in eine Ware. Er als Person muß sich beständig zu seiner Arbeitskraft als seinem Eigentum und daher seiner eignen Ware verhalten, und das kann er nur, soweit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend, für einen bestimmten Zeittermin, zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überläßt, also durch ihre Veräußerung nicht auf sein Eigentum an ihr verzichtet.

Insofern gibt er zwar nicht wie der Sklave sein ganzes Leben, sondern nur einen Teil davon

Der allgemeine Zwang, für Geld zu arbeiten, hat seinen letzten ökonomischen Grund darin, dass die Produktionsmittel für diese Güter denen gehören, die darin ihr Geld angelegt haben und nur produzieren lassen, was und wenn es sich für ihr Geldinteresse lohnt. So weit die Analyse aus der  marxistisch orientierten Zeitschrift „Gegenstandpunkt“.

Das ist Kapitalismus.

Allerdings bin ich mit der Formulierung der „Ebenbürtigkeit“ im Text von Marx nicht ganz einverstanden. Mitnichten ist der Verkäufer seiner Arbeitskraft dem geldbesitzenden Käufer als Warenbesitzer ebenbürtig. Das verkennt den Charakter der Ware in ihrer allgemeinsten Form (Geld) . Im Gegenteil: die Position des Verkäufers ist durch Ohnmacht gekennzeichnet. Selbst eine Sack Kartoffeln ist weniger fragil als die Ware Arbeitskraft. Da hat das Geld eine ganz andere – nämlich außerordentlich große Halbwertzeit. Der Geldbesitzer kann mit seinem Kauf warten, sofern er selbst das Geld nicht geborgt hat oder die Kosten dafür nicht auf andere abwälzen kann. Diesen Umstand lässt er sich rücksichtslos vergolden.

Zu welchen Zwängen und Schwierigkeiten, die wir tagtäglich erfahren, das Geldsystem innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystem führt, soll anhand eines Modells als Aufforderung zur Problematisierung und Diskussion erörtert werden.

Grafiken der Präsentation siehe Kreisläufe, Modelle


Geld oder Leben

– Nachbereitung –

Die Präsentation hatte das Ziel, den Zuhörern zu erklären, dass zur Profitrealisierung das kapitalistische Wirtschaftssystem sowohl im Produktions- als auch im Zirkulationsbereich durch die Entstehung von Schulden/Vermögen auf Wachstum notwendig angewiesen ist.

Bei der Vorstellung des grafischen Modells (1) des Wirtschaftssystems stellte sich sehr schnell die Frage nach dem Profit. Es war die Absicht, in der Darstellung zu zeigen, dass unter der Bedingung einer nicht schrumpfenden Volkswirtschaft in einem Kreislaufmodell, bei dem auf der Geldseite die Ausgaben in Form von Lohn auch die zukünftige Einnahmen (=Kaufkraft) der Lohnempfänger sind, ein Profit schwer realisierbar ist. Oft wird diese Erkenntnis auch bei Marxisten durch eine betriebswirtschaftlich orientierte Sichtweise über die Entstehung von Mehrwert versperrt. Bei dieser Sichtweise wird der Wert als der Ware anhaftend gesehen. Durch die Arbeit, gemessen an der gesellschaftlich bestimmten durchschnittlichen Arbeitszeit, wird er der Ware zugefügt, so die Vorstellung. Der Wert entsteht schon bei der Produktion im Einzelbetrieb und somit auch der Mehrwert und der Profit. Das versperrt den Blick dafür, dass auf der volkswirtschaftlichen Ebene in einem Kreislaufmodell bei dem die Ausgaben der Unternehmen gleich ihren zukünftigen Einnahmen sind, ein Profit gesamtwirtschaftlich gesehen nur über Verschuldung zu erreichen ist, es sei denn die Wirtschaft schrumpft.

Wo aber wird der Wert bestimmt? Im kapitalistischen Wirtschaftssystem wird für den Markt produziert. Dort, auf dem Markt, wird der Wert des Produktes im Tausch gegen Geld ermittelt – Geld als Wertmesser. Unter diesen Bedingungen stellt sich die Arbeit in der Verdopplung von Ware und Geld dar, denn es wird für einen anonymen Markt produziert, wobei es unerheblich ist, ob dafür überhaupt ein gesellschaftliches Bedürfnis besteht. Allein der zu erzielenden in Geld ausgedrückte Überschuss ist dafür Maß gebend. Diese Trennung von Arbeiten und Arbeitsziel wird im kapitalistischen Unternehmen dadurch erreicht, dass das Ergebnis der Produktion „privat“ angeeignet wird. Der Tausch der produzierten Ware auf dem Markt gegen Geld ermöglicht es dann, dass die unterschiedlichen Produktionsergebnisse gleichgesetzt werden können. Damit Waren überhaupt als Werte aufeinander bezogen werden können bedarf es eines Dritten, das unmittelbar Wert ist – das Geld (2).

Auf der Ebene des einzelnen Betriebes wird ja zunächst mehr produziert als die an der Produktion Beteiligten konsumieren können. Zum Beispiel wird in einer Bäckerei mehr Backwaren produziert, als Gesellen, Meister, Angestellte und der Inhaber selber konsumieren können. Der Überschuss wäre für sie wertlos. Erst beim Verkauf – also auf dem Markt – wird der Wert dieser Backwaren realisiert. Die produzierte Backwaren als Eigentum des Bäckerei-Inhabers erzielen dann auf dem Markt eine Geldsumme, von der der Geldbetrag abgezogen wird, der zur Erzeugung aufgebracht worden ist, nämlich Kosten für Lohn, Material, Energie usw.. Es entsteht ein Geldüberschuss, der zum Profit des Bäckerei-Inhabers wird. Die Verwendung des Begriffes Wert in diesem Zusammenhang führt leicht zu der Vorstellung von einer dem Ding anhaftenden Eigenschaft. Die Ware hat aber eine solche Eigenschaft nicht. Ihr Wert wird gesellschaftlich am Markt ermittelt. Der Begriff Überschuss würde diese begriffliche Schwierigkeit umgehen.

Ingo Stützel schreibt in seinem Artikel über marxistische Äquivalenzökonomie: Dem Wert auf der Spur (http://www.stuetzle.in-berlin.de/wp-content/uploads/Z%2071%20Dem%20Wert%20auf%20der%20Spur.pdf):

Es ist schlicht und einfach unmöglich [,den Wert zu messen oder <umzurechnen>, (hinzugefügt)]. Es ist gerade das konstitutive Moment der kapitalistischen Produktionsweise, dass sich die gesellschaftliche Gesamtarbeit über eine gegenständliche Vermittlung, das Geld, ex post herstellt. Das Geld ist gegenständlicher Ausdruck einer spezifischen Praxis. Einer Praxis, die Ungleiches gleich setzt. Die Vorstellung, man könne den Warentausch gerecht gestalten, indem äquivalente Wertgrößen miteinander getauscht werden, sitzt dem von Marx immer wieder kritisierten Phantasma auf, dass es einen Warentausch ohne Geld geben könnte, „ebenso wohl könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen.“ (KI, 102 Fn. 40)…. Der Wertcharakter der Waren kann überhaupt erst mit dem Geld konstatiert werden.“ (S.160-161)

Diese Aussage steht im Gegensatz zu der immer wieder geäußerten Meinung, das Geld sei ein bloßes Mittel ohne wesentliche Bedeutung für den Produktionsprozess, obwohl jede Finanzkrise zeigt, wie diese von Geld wesentlich bestimmt wird. Richtig ist, dass Zirkulations- und Produktionssphäre – manche sagen dazu Finanz- und Realwirtschaft – eine Einheit bilden.

Freilich verschleiert ein Kreislaufmodell, in dem die Haushalte und Unternehmen gleichrangig nebeneinander gestellt werden, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die zum Überschuss bzw. Profit führen. Es sind dies die Produktionsverhältnisse, bei denen die Ergebnisse der Produktion „privat“ angeeignet werden. Auf der Basis von Eigentumsverhältnissen vollzieht sich dadurch eine Trennung von Arbeit und Arbeitszielen. Das in den Lehrbüchern der Volkswirtschaft vorgestellte Kreislaufmodell bezeichnet die Haushalte als Lieferanten der sogenannten Produktionsfaktoren Arbeit, Boden, und Kapital gleichermaßen, so als ob zusätzlich zur Arbeit der Boden und das Kapital sich in den Unternehmen absurder Weise in Güter verwandeln. Diese Darstellung verfälscht, dass allein die Arbeitskraft in der Lage ist, in den Unternehmen die für den Markt bestimmten Leistungen zu erbringen und dass die Haushalte, die im Wesentlichen nur ihre Arbeitskraft besitzen, diese dazu an den Unternehmer für ihren Lebensunterhalt verkaufen müssen. Die Bezeichnung „Arbeiter“ wäre für jene Haushalte zutreffend, die im Wesentlichen bloß ihre Arbeitskraft besitzen. Sie dagegen als „Arbeitnehmer“ zu benennen, bzw. die Eigentümer von Unternehmen als „Arbeitgeber“ führt in die Irre. (3).

Dazu Ingo Stützel

„Stellt man jedoch die Frage radikal, d.h. die Frage nach einer unmittelbaren gesellschaftlichen Produktion, muss die Warenproduktion und damit die auf dem Wert [Warenwert (hinzugefügt)] basierende Produktion selbst in Frage gestellt werden….. Mit dieser apodiktischen Feststellung ist die Diskussion aber noch lange nicht zu Ende. Vielmehr sind damit die theoretischen Voraussetzungen formuliert, mit welchen bereits gescheiterte oder mögliche Planungsökonomien kritisiert und diskutiert werden können.

Damit steht die zentrale Frage im Mittelpunkt der Auseinandersetzung: Wie ist eine alternative, nicht-kapitalistische Ökonomie möglich?“ (s.161)

Anmerkungen

(1) Modelldenken

Menschen denken in Modellen. Nun sind alle Modelle Ansichten, Abstraktionen mit dem Versuch, eine ganzheitliche Erscheinung oder einen dynamischen Prozess – z.B. die Wirtschaft – auf sogenannte Wesenheiten zu reduzieren Wenn wir zum Beispiel von dem „Baum“ sprechen, haben wir eine bestimmte Vorstellung vom Baum – ein Modell: Krone rund, Stamm länglich, Wurzeln netzförmig. Im Alltag sprechen wir vom „elektrischen Strom“. Dahinter steht das Modell eines Wasserstroms in einem Schlauch. In der Tat lässt sich das wesentliche elektrische Gesetz, das Ohmsche Gesetz, anhand eines Wasserstroms im Schlauch ableiten. Modelle bilden bestimmte Aspekte der sog. Wirklichkeit ab und lassen Voraussagen zu, die dann, wenn das Abbild stimmt, regelmäßig eintreffen. In der Politik neuerdings üblich ist das Modell des Haushaltes einer schwäbischen Hausfrau (Merkel 2009), wenn über die Volkswirtschaft gesprochen wird. Damit wird die Notwendigkeit des Sparens begründet, wodurch es dem Haushalt und analog dazu der Volkswirtschaft wieder gut gehe. Leider stimmt an dieser Stelle das Modell nicht, da der Haushalt der schwäbischen Hausfrau ein offenes System ist, bei dem Geld von außen herein kommt und nach außen wieder abgeben wird. Die Volkswirtschaft ist ein geschlossenes System mit einem Geldkreislauf, bei dem – soll es ihr nicht schlecht gehen (schrumpfen) – die Ausgaben die zukünftigen Einnahmen sein müssen. Dient das Sparen dazu, Geld aus dem Geldkreislauf herauszuziehen, schrumpft die Volkswirtschaft.

(2) Ingo Stützel schreibt in seinem Artikel über marxistische Äquivalenzökonomie: Dem Wert auf der Spur, Literaturstelle s.o.):

Marx zeigt im Kapital, dass die Waren produzierende und privat verausgabte Arbeit nicht unmittelbar gesellschaftlich ist – ganz im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsformationen. Vielmehr stellt sich erst ex post heraus, ob die geleistete Arbeit tatsächlich Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit ist oder nicht – auf dem Markt via Geld. ….Was meint er aber damit? Marx geht davon aus, dass nur das Geld als unmittelbare Existenzform des Werts den Wert der Waren ausdrücken kann. Das bedeutet erst einmal qualitativ, dass privat verausgabte Arbeit überhaupt als gesellschaftliche, als Wert schaffende Arbeit anerkannt wird und als solche gilt. Der Wert kommt zwar bereits bei der Produktion „in Betracht“ wie Marx schreibt (KI, 87), aber er kann sicht erst als solcher im Tausch, d.h. in Bezug auf Geld als solcher beweisen. Darauf geht Marx vor allem in seinem Überarbeitungsmanuskript zur zweiten Auflage ein (MEGA² II.5: 30). Aber auch die zentrale Funktion des Geldes „Maß der Werte“ (KI, 109ff.) unterstreicht diesen Punkt. Das zeigt die Fußnote (KI, 109, Fn. 50) zu dieser Geldfunktion: „Die Frage, warum das Geld nicht unmittelbar die Arbeitszeit selbst repräsentiert, so dass z.B. eine Papiernote x Arbeitsstunden vorstellt, kommt ganz einfach auf die Frage heraus, warum auf Grundlage der Warenproduktion die Arbeitsprodukte sich als Waren darstellen müssen, denn die Darstellung der Ware schließt ihre Verdopplung in Ware und Geldware ein.“ Hier betont Marx unmissverständlich, dass die Arbeitszeit, die er bezüglich der abstrakten Arbeit meint, unmittelbar gar nicht messbar ist und dass die Frage, warum dies so ist, die Frage mit einschließt, warum sich die menschliche Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen in Ware und Geld darstellen muss.

(3) Marx Kritik der wertschaffenden Arbeit

DerWertneopreneblogsport.pdf/Gegenstandpunkt Sept10

Es ist der große Fehler der Freunde der „Arbeitswertlehre“, dass sie im Wert nicht die Indienstnahme der gesellschaftlichen Arbeit – dieses notwendigen „Stoffwechsels des Menschen mit der Natur“ – für einen ihr fremden und feindlichen Zweck erkennen, sondern, den bürgerlichen Ökonomen ähnlich, den Wert für eine hilfreiche Abstraktion halten, nämlich für die Gleichsetzung verschiedener Arbeiten und Arbeitsprodukte zum Zweck ihrer leichteren Vergleichbarkeit und Addition. Ihnen gilt die fürs Eigentum verrichtete Arbeit als eine ganz vernünftige Weise, die für die Gesellschaft notwendige Arbeit zu organisieren; kritikwürdig finden sie nur, dass die bürgerliche Welt nicht zugeben mag, dass der ganze schöne Wert aus Arbeit stammt. Marx‘ Kritik der wertschaffenden Arbeit verstehen sie als deren Rehabilitation und Aufwertung und setzen dem bürgerlichen Standpunkt den proletarischen Stolz der „Schöpfer allen Reichtums und aller Kultur“ entgegen, dass ihre Maloche die einzige und ganze Quelle des Reichtums sei. Aus dem Dienst, den die Arbeiterschaft dem Gemeinwesen leistet, leiten ihre politisch-ideologischen Fürsprecher ab, dass der „volle Arbeitsertrag“, der ihr zustünde, größer auszufallen hätte als der Lohn, den man ihr zahlt. Marx aber war kein Freund des echten Werts; er mochte den Arbeitern nicht dazu gratulieren, dass sie und nur sie den ganzen Wert schaffen. In seiner Kritik des Gothaer Programms (1875) tritt er einem entsprechenden Lob der Arbeit durch die damaligen Sozialdemokraten ausdrücklich entgegen: „Die Arbeit ist nicht die Quelle allen Reichtums“ – jedenfalls nicht, soweit nicht vom Wert, sondern vom materiellen Reichtum die Rede ist. Der hängt ebenso von Bedingungen der Natur wie vom Stand von Wissenschaft und Technik ab. „ Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpferkraft anzudichten „, setzt Marx hinzu: Sie sind die Nutznießer der Arbeit, die den Wert schafft. Ein sozialistisches Programm aber hätte sich solcher „bürgerlicher Redensarten“ zu enthalten (MEW 19, S. 15).

September 28, 2010 Posted by | Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar