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Paradigma der Naturwissenschaft

Paradigma der Naturwissenschaften

(Das Denkmodell der Naturwissenschaften, Referat)

Ich möchte im Folgenden die Vorstellungen referieren, mit denen der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph, K.H. Brodbeck in seinen Schriften und Büchern die Naturwissenschaften charakterisierte (dazu die Literaturliste).

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Auffassung, dass Menschen sich in ihrem Denken und Handeln von Modellen leiten lassen. Dadurch entsteht für sie eine Welt, wie sie sie sehen – eine Weltsicht. Er entwickelt das Konzept von der gegenseitigen Abhängigkeit von Denkmodellen und Handlungen. Denkmodelle sind für ihn zunächst erinnerte Handlungsprogramme. „Wir halten an Handlungsprogramme fest, weil sie einmal erfolgrein waren“ (s. 2, S. 106) ). Sie werden dann zu Denkgewohnheiten. Ob etwas als Erfolg angesehen wird, hängt wieder von unseren Erfahrungen ab, eingebettet in eine Vielzahl von Denkgewohnheiten. Denkmodelle haben also eine Geschichte und beziehen ihre Quellen aus dem sozialem Umfeld. Sie können „zur Welt des objektiven Geistes, der Paradigma“ (s.1. S. 123) werden. In diesem Sinn hat auch T.S. Kuhn (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1977) den Begriff Paradigma eingeführt.

Handlung, Handlungsprogramm, Denkmodell

Bei einer Handlung verwirklicht jemand etwas in einer bestimmten Absicht“ (s.1. S. 85). Diese Absicht wird Handlungsprogramm genannt. Die Absichtsausführung ist dann die Funktion der Handlung („Was ein Handlungsträge faktisch als Handlung vollbringt, erfüllt einen bestimmten Zweck“, s.1. S. 86). Ausgelöst wird diese Verknüpfung von Handlungsprogramm und -funktion durch eine Wahrnehmung. Es ergibt sich also eine Folge von: Wahrnehmung (Signal) ® Programm ® Funktion, die sehr mechanisch anmutet. Unterschieden vom bloßem Verhalten oder von maschinellen Vorgängen wird diese durch die Beeinflussung und ihre Abhängigkeit von Bewusstsein- Entscheidung- Kreativmöglichkeiten – kurz durch die Freiheit des Menschen.

Ich nenne deshalb allgemeine sequenzielle Muster, die Handlungen lenken, Handlungsprogramme.“ (s.7, S. 9) Körperliche Abläufe können solche Handlungsprogramme sein, aber auch Denkprozesse. Diese sind sprachlich vermittelt, etwa bei alltägliche Handlungen z.B. durch den folgenden Dialog: „Ich werde um 14 Uhr zum Mittagessen gehen“. Sprachliche Vermittlung heißt, sie haben sowohl individuelle, als auch soziale, gesellschaftliche Bedeutung. Sollen sie funktionieren müssen sie oft zu Gewohnheiten, zu Denkgewohnheiten werden, z.B. die Handlungsabläufe beim Autofahren. Als Gewohnheiten besitzen sie einen maschinellen, automatischen Charakter.

Man kann das Gehirn, wie das Gerald Edelman vorgeschlagen hat, auch so beschreiben, dass es im Bruchteil von Sekunden unentwegt Handlungsprogramme entwirft, die dann – das sind die Denkprozesse – auf die sinnliche Wahrnehmung projizieren und jene Muster ausgewählt werden, die „passen“.“ (s.7. S. 10).

Die zur Gewohnheit gewordenen Denkmodelle bilden den Rahmen, in dem gedacht wird und werden so zur Metaphysik. „Metaphysik wird also verstanden als ein allgemeiner Denkrahmen, in dem zwar gedacht wird, der aber als dieser Rahmen selbst in der Wissenschaft nicht explizit ist.“ (s.5, S.3)

In welchem Rahmen denken Naturwissenschaftler?

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Paradigma der Naturwissenschaften

 

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September 28, 2008 Posted by | Philosophie | , | Hinterlasse einen Kommentar

Tendenzieller Fall der Profitrate

Tendenzieller Fall der Profitrate

 

Der Tendenzielle Fall der Profitrate ist für Marxisten ein Eckfeiler für die Erklärung kapitalistischer Krisen. Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwertes zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital, wobei der Mehrwert sich aus der Differenz von den an einem Arbeitstag insgesamt erzeugten Werten und den Werten bestimmt, die zum Erhalt der Arbeitskraft notwendig sind. Das Gesamtkapital setzt sich dabei lediglich aus dem konstanten Kapital (Kosten für Produktionsmittel und Material) und variablen Kapital ((Lohnkosten) zusammen. Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass im Kampf um den Profit (Rendite) das Gesamtkapital durch Vergrößerung des konstanten Kapitals (Investition) erhöht wird, wodurch das Verhältnis von Mehrwert zu Gesamtkapital – also die Profitrate – „tendenziell“ erniedrigt wird. Tendenziell bedeutet, es geht um die Entwicklung der Durchschnittsprofitrate.Diese zunächst einleuchtende Behauptung soll an einem Beispiel verdeutlicht werde, das sich auf Marx beruft und von einem Marxisten Nick Beams auf der World Socialist Website (http://www.wsws.org/de/korres/korres.shtml) als Leserbrief am 04.04.2000 unter dem Titel “Der Fall der Profitrate“ veröffentlicht wurde:

Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwert zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital. Wenn das Gesamtkapital beispielsweise mit 100 angesetzt wird, bestehend aus konstantem Kapital in der Größenordnung von 80 und variablem Kapital von 20, und zugleich die Mehrwertrate 100 Prozent beträgt, was bedeutet, dass der Produktionsprozess einen Mehrwert von 20 hervorbringt, so ist die Profitrate 20/100 bzw. 20 Prozent.

Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass mit steigender Arbeitsproduktivität der Anteil des konstanten Kapitals am Produktionsprozess wächst. Das heißt, der Anteil der zugeführten lebendigen Arbeit geht im Verhältnis zu den Produktionsmitteln, die sie in Bewegung setzt, tendenziell zurück. Da jedoch die lebendige Arbeit die einzige Quelle des Mehrwerts darstellt, folgt daraus, dass die Profitrate, die sich aus dem Verhältnis zum eingesetzten Gesamtkapital errechnet, tendenziell ebenfalls sinkt.

Nehmen wir ein Kapital von 200, bestehend aus konstantem Kapital von 180 und variablem Kapital von 20. Bei einer Mehrwertrate von 100 Prozent, die einem Mehrwert von 20 entspricht, haben wir bei diesem Kapital eine Profitrate von 20/200 bzw. 10 Prozent.

 

Die an diesem Beispiel verdeutlichte Behauptung vom tendenziellen Fall der Profitrate, setzt voraus, dass der Mehrwert konstant bleibt. Kompliziert werden jedoch die Verhältnisse, wenn durch Investition, d.h. durch Sachkapitalvergrößerung, sowohl die notwendige Arbeit (variables Kapitals) verkleinert als auch der Mehrwert durch einen größeren Warenausstoß (Produktivitätsfortschritt aufgrund der Investition) erhöht wird. Insbesondere werden die Verwertungszusammenhänge nicht sorgfältig analysiert.

Zunächst entsteht ja auf der Produktionsseite ein Mehr an Waren, deren Wert erst am Markt bestimmt wird. Auch der Mehrwert hat seine Entsprechung in der Warenproduktion. Es sind wiederum hauptsächlich die Lohnbezieher, repräsentiert durch das variable Kapital, die die Werte bestimmen. Einfacher ausgedrückt: Die Lohnabhängigen kaufen die Waren, die sie selbst produzieren mit dem Lohn, den sie für ihre Arbeit erhalten. Was geschieht aber mit den Waren, die darüber hinaus produziert werden? Wer kauft sie? (s. Anmerkung 1).

Das Verwertungsproblem besteht darin, dass der Gewinn im kapitalistischen System durch ein Mehr an Geld realisiert wird ( G —W— G + MG). Der Warenüberschuss (Mehr an Waren) erhält erst durch den Umtausch in Geld seinen Wert (Mehrwert, Gewinn).

Wo aber sind die Abnehmer, die dafür das Geld geben? Das können ja nicht die Lohnabhängigen sein. Sie haben mit ihrem als Lohn erhaltenem Geld den Teil der Waren abgeräumt, der äquivalent als Kosten zu diesem Geld ist. Der andere Teil ist der Warenüberschuss. Wie könnte eine Verwertung des Warenüberschusses aussehen?

1. Durch das größere Warenangebot gehen die Preise im Durchschnitt runter, die Lohnabhängigen können mehr kaufen. Oder sie erhalten einen höheren Lohn und können sich dadurch mehr kaufen. Das Mehr an Waren wird so als Mehrwert zu den Lohnabhängigen transferiert – nach Marx und den Kapitalismusvertretern ein unwahrscheinlicher Fall, weil das Erzielen von Profit (Mehrwert) für den Unternehmer überlebensnotwendig ist.

2. Die Unternehmerschaft könnten den Warenüberschuss selbst konsumieren, indem sie ihn untereinander abnehmen (kaufen). Das dafür notwendige Geld wird durch Kredite bereitgestellt, die beim gegenseitigen Leistungstausch wieder getilgt werden. Sie konsumieren so den Profit durch ihr Luxusleben – Bauen von Palästen.

3. Eine besondere Art des Unternehmerkonsums ist die Investition., wobei auch hier wieder Kredite eine Rolle spielen (s.o.). Dies ist der oben geschildert Fall von Erhöhung des Sachkapitals. Investitionen führen zu Produktionssteigerungen entweder durch Produktionsausweitung oder Produktivitätssteigerungen. Wird diese nicht an die Lohnabhängigen durch Arbeitszeitverkürzung weitergegeben, vergrößert sich der Warenüberschuss und damit das oben skizzierte Problem.

4. Oder der Warenüberschuss wird ohne gleichzeitigen Import ausländischer Ware in andere Länder exportiert. Das Heimatland hat dann einen Exportüberschuss. Der ausländische Empfänger hat entweder Schulden, für die er Zinsen zahlt oder die als Gegenwert gezahlte ausländische Währung wird vom Exporteur in die ausländische Wirtschaft renditeträchtig investiert. Die Profite werden durch Exportüberschuss ins Ausland transferiert. Güterexport bei gleichzeitigem Güterimport ändert an dem Warenüberschuss nichts.

5. Das Problem lässt sich kurzfristig aber auch durch Kreditvergabe lösen. Durch eine Kreditvergabe erhalten Wirtschaftsteilnehmer das für die Markträumung des Warenüberschusses nötige Geld. Gesamtwirtschaftlich bedeutet dies Wirtschaftswachstum und zwar dann, wenn der Schuldner zur Tilgung seines Kredites zusätzliche Leistungen erbringen muss, um das für die Tilgung nötige Geld zu verdienen. Das Problem wird im wahrsten Sinne des Wortes dadurch potenziert, dass die Schuldenaufnahme Zinsforderungen nach sich zieht. Die Dynamik gerät zu einem exponentiellen Wachstum. Hauptträger der Schuldenaufnahme sind zu 70 % die Unternehmen, die die Zinsforderungen als Kapitalkosten an die Warenabnehmer – die ursprünglichen Leistungslieferanten – weiterreichen: Löhne werden gekürzt, Arbeiter entlassen, Preise erhöht. Deren Fähigkeit zur Warenabnahme schwindet und das Verwertungsproblem verschärft sich.

An dieser Stelle wird sichtbar, wie wichtig die Vorgänge auf der Verwertungsebene, die man auch Zirkulationssphäre nennen könnte, für die Profitentstehung sind.

Für beide Fälle gilt aber, dass irgendwann die Bedürfnisse für eine Warenkauf gesättigt sind und der Verwertungsprozess stoppt. Keynes spricht dann von einer langfristig abnehmenden Grenzleistungsfähigkeit des Investitions- Kapitals, nämlich die Fähigkeit, Rendite zu erbringen. Dieser Begriff beschreibt auf diesem Erklärungshintergrund viel klarer die Probleme einer kapitalistischen Wirtschaft als der Begriff vom tendenziellen Fall der Profitrate, weil er die Vorgänge in der Zirkulationsspäre stärker einbezieht. Das die Warenzirkulation erst ermöglichende Geldsystem kommt dadurch stärker in die Analyse als bei Marxisten.

In dem oben erwähnten Artikel von Nick Beams über den Fall der Profitrate kommt es deswegen auch zu Widersprüchen. Dort heißt es:

Mit anderen Worten, während die technologische Entwicklung den Anteil des konstanten Kapitals steigert und damit die Durchschnittsprofitrate senkt, erhöht sie gleichzeitig auch den erzielten Mehrwert und führt damit tendenziell zu einer höheren Profitrate. Wenn die Steigerung der Mehrarbeit hinreichend groß ist, kann der Fall der Profitrate aufgehalten oder sogar umgekehrt werden.

Gerade diese Argumentation benutzen ja heutige Wirtschaftswissenschaftler, wenn sie ein ständiges Wirtschaftswachstum auf hohem Niveau fordern, um Krisen zu vermeiden oder zu überwinden.

So bezeichnet er auch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate als einzige wissenschaftliche Erklärungsgrundlage für den wirtschaftlichen Nachkriegsboom und sein Ende:

Die Entwicklung und Verbreitung der Fließbandproduktion in der gesamten kapitalistischen Welt während der Periode nach dem Krieg führte zu einer enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität. Das heißt, diese Methoden ergaben vermittels einer erheblichen Herabsetzung der notwendigen Arbeit einen höheren Mehrwert.

Diese Erklärung übersieht, dass der Krieg eine riesige Kapitalvernichtung war und die Leistung des Kapitals, Rendite zu erwirtschaften auf einem hohen Niveau wieder starten konnte. Die Deutung von Keynes passt dazu besser. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist die eine Erklärung für den Nachkriegsboom. Die Fähigkeit einer kapitalistischen Wirtschaft bei geringer Kapitalakkumulation wegen starker Warennachfrage hohe Rendite zu erbringen, ist die andere.

Anmerkung 1 zu „Tendenzieller Fall der Profitrate) (Probst S. 15)

…Die Macht erwächst aus der Begehrtheit der produzierten Waren; sind sie hingegen nicht begehrt, kann sich – salopp gesagt – „ der Kapitalst seine Produktionsmittel vor’s Knie nageln….

September 17, 2007 Posted by | Philosophie | Hinterlasse einen Kommentar

Bedeutung der Zirkulationssphäre bei Marx

Die Bedeutung der Zirkulations – und Produktionssphäre für die Kapitalismuskritik

Für die meisten Kapitalismuskritiker ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln die Grundlage des Kapitalismus und Grund für dessen Profitorientierung. Sie beziehen sich dabei auf Marx. Die Vorgänge in der Zirkulationssphäre werden lediglich als Abbilder dieser Produktionsverhältnisse gesehen.

Der Besitzer der Ware Arbeitskraft und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in ein Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer…..Sie kontrahieren als freie rechtlich ebenbürtige Personen…. Sie beziehen sich nur als Warenbesitzer zueinander und tauschen Äquivalent gegen Äquivalent. ..“ ( Marx: Das Kapital Bd.I, S. 182 – 190, zit. nach Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)

Hier wird Geld als Ware der Ware Arbeitskraft gleichgesetzt (äquivalent). Geld ist eine neutrales den Wirtschaftsprozess vermittelndes Wirtschaftsgut. Insofern ist die Kritik ausschließlich in der Produktion zu suchen. Als Besitzer des knappen Wirtschaftsgutes Produktionsmittel ist der Kapitalist in der Lage, den besitzlosen Arbeiter zu erpressen, um sich den von ihm erzeugten Mehrwert anzueignen. Die Entstehung und Aneignung des Mehrwertes lässt sich wie folgt erklären:

Der Unternehmer als Eigentümer der Produktionsmittel bezahlt den Arbeiter für z.B. 8 Stunden Arbeit. Dabei kauft er dessen Arbeitskraft zu einem Wert (Lohn), der durch die Reproduktionskosten der Arbeitskraft bestimmt wird. Dies ist die nötige Warenmenge, um den Arbeiter einen Tag arbeitsfähig zu erhalten. Beispielsweise reichen dazu 4 Stunden Arbeit. Der Unternehmer benutzt bzw. gebraucht aber diese Arbeitskraft 8 Stunden lang. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist also größer als sein Tauschwert (Lohn gegen Arbeitskraft). So entsteht zunächst eine Warenmenge, die doppelt so groß ist wie die nötige Wahrenmenge zum Erhalt der Arbeitskraft. Beim Verkauf dieser Warenmenge am Markt wird u.U. ein Wert erzeugt der doppelt so groß ist wie der Wert zum Erhalt der Arbeitskraft. Die Differenz ist der Mehrwert, der beim Unternehmer verbleibt. Der Warenverkauf und damit die Mehrwertrealisierung muß aber gegen andere Marktteilnehmer als Konkurrenten durchgesetzt werden. Dies führe zur Profitorientierung des gesamten Produktionsprozesses (Herstellung + Verwertung), weil sonst der Warenanbieter vom Markt gedrängt würde, auf seiner Ware sitzen bliebe, dadurch die Produktion einschränken und Arbeitskräfte entlassen müßte. Diese Profitorientierung – die Orientierung auf „Mehr“ – übergeht das Ziel, die Produktion entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu organisieren, führt zur Entfremdung des Menschen von seinen Produkten. Auch Privateigentum an Produktionsmitteln in den Händen von Arbeitenehmern würde an dieser Situation nichts ändern. Insofern ist es folgerichtig, das Privateigentum an Produktionsmittel und den Markt gänzlich abzuschaffen, um diese Verwerfung zu überwinden.

An dieser Einschätzung der sich auf Marx berufenen Sozialisten setzt die Kritik der Freiwirtschaftler an. Sie argumentieren, dass es die Produktion von Waren für den Markt schon jahrhundertlang gegeben habe und dies zunächst nicht zur Profitorientierung des Wirtschaftens führte. Erst die Vervollkommnung des Geldwesens, das Auftreten und das Ansammeln von Geldkapital ermöglichte diese Entwicklung. Geld kann im Gegensatz zu allen anderen Waren gehortet (Schatzbildung), dadurch verknappt und dem Wirtschaftskreislauf als notwendiges Tauschmittel entzogen werden. Mit den weiteren Eigenschaften der Schlagfertigkeit (Schnäppchenkauf) und der Transportfähigkeit ist es eben nicht äquivalent zu anderen Waren. Die Möglichkeit der Schatzbildung zeichnet den Geldbesitzer aus und begründet seine besondere Machtstellung, die allerdings durch den Staat abgesichert sein muß. Im Übrigen hat dies schon Marx so gesehen, aber die entsprechenden Folgerungen daraus verweigert, ja sogar bekämpft (s. Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)

Wie wirkt sich diese Machtstellung aus?

Der Geldbesitzer lässt sich die Preisgabe der Vorteile des Geldbesitzes (Hortungsfähigkeit, Schlagfertigkeit, Transportfähigkeit), damit Produktionsmittel erworben werden können, durch den Zins bezahlen. Der Unternehmer muß wegen dieser Zinszahlung Profit erzeugen, anderenfalls geht er in den Konkurs. Steht aber Finanzkapital zinslos zur Verfügung ist der Erwerb von Produktionsmittel erleichtert und die Erpressungsmöglichkeit des Unternehmers gegenüber dem Lohnabhängigen verringert, die Mehrwertaneignung schwindet, der Profit geht gegen null. (s. auch Jürgen Probst, Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft, 2.Auflg. 1998, Selbstverlag, Hannover, Anmerkung 1)

Unstrittig ist für alle Kapitalismuskritiker, dass der Mehrwert durch Arbeit, also in der Produktion entsteht. Die Freiwirtschaftler werfen den Marxisten vor, dass sie blind für die Vorgänge in der Zirkulationssphäre seien und deren Konsequenzen für die Produktionssphäre nicht sehen, insbesondere nicht zwischen Geldbesitzern (Geldkapital) und Unternehmern (Besitzer von Sachkapital) unterschieden. Produktionsmittel (Sachkapital) und alle anderen am Wirtschaftsprozess beteiligten Größen müssen durch den Einsatz von Geldkapital erworben werden. Auch Marx spricht immer wieder vom Geldbesitzer: „Der Geldbesitzer hat den Tageswert der Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher ihr Gebrauch während des ganzen Tages. …“. Danach ist der Unternehmer zunächst Geldbesitzer, um dann später in der Produktion Eigentümer von Produktionsmittel zu sein. Doch in der modernen kapitalistischen Wirtschaft sind Unternehmer nicht so sehr Eigentümer von Produktionsmitteln, sondern eher deren Besitzer, die zwar über die Verwendung von Produktionsmitteln bzw. Mehrwert bestimmen können, aber die eigentlichen Eigentümer die Geldbesitzer sind, die ihnen das Geld als Kredit zum Erwerb von Produktionsmittel , von Material, Gebäuden und Arbeitskraft geliehen haben. Deutsche Unternehmer haben in der Regel 60 bis 80% ihres Unternehmens mit Fremdmittel finanziert. Sichtbar wird dieser Eigentümer dann, wenn das Unternehmen die Zinsen nicht mehr zahlen kann und das Eigentum im Konkurs eingefordert wird.

Der Geldgeber – Geldkapitalist – bestimmt die Regeln, nach denen das Spiel „Produktion“ in Unternehmen gespielt wird. Die „Spielregeln“ der Produktion: das sind nicht nur die Zinsforderungen – das sind die „Produktionsverhältnisse“ einschließlich der eigentumsrechtlich ausgeformten Dispositionsbefugnisse des Kapitals im Unternehmen. Das bedeutet vor allem die Produktion von Waren unter dem Diktat der Profitmaximierung, wie es beim Geldverleihen staatlich sanktioniert ist

Dabei ist der Zins nicht bloß eine Erscheinung des Profits. Er unterscheidet sich von diesem in besonderem Maße:

(1) Der Zins wird zuerst ausgehandelt, erst dann wird das Geld unter Risikominimierung (Sicherheiten) verliehen. Um einen Gewinn, der immer mit einem Risiko behaftet ist, zu erzielen, muß vorher Geld ausgeliehen und investiert werden.

(2) Der Zins kann im Gegensatz zum Profit weder theoretisch noch praktisch auf Null fallen.

(3) Die Summe aller Zinsen nimmt proportional mit den Investitionen und der Kapitalmasse zu. Die Summe aller Gewinne geht in dieser Hinsicht relativ zurück (Keynes: abnehmende Grenzfähigkeit des investierten Kapitals)

Es überrascht also überhaupt nicht, daß unter den Bedingungen des kapitalistischen Geldes sich Eigentumsformen herausgebildet haben und gesetzlich kodifiziert bzw. anerkannt wurden, bei denen der Geldkapitalgeber das letzte Wort hat.

Es ist vor allem zu hinterfragen, ob die Gier nach Mehr in der Produktion angesiedelt ist, die als Profitmaximierung zwangsläufig aus dem Marktgeschehen abzuleiten ist. Es ist durchaus denkbar, dass sich ein Unternehmer bei Sicherung seines Unternehmereinkommens mit einer Null-Rendite zufrieden gibt. Natürlich ist der Interessenskonflikt zwischen Produktionsmittelbesitzern und den Arbeitern an diesen Produktionsmittel nicht zu leugnen, auch nicht, dass die eigene veraltete Warenproduktion durch eine effektivere verdrängt werden kann. Sozialisten sehen in diesem Interessenkonflikt den Kern des Problems der kapitalistische Produktionsweise: Solange Menschen von ihren Lebens- und Produktionsgrundlagen, den Produktionsmitteln getrennt werden, seien sie erpreßbar und müßten sich den Zielen der Besitzer unterwerfen. Es ginge nicht um Verteilungsfragen oder Verrechnungsfragen – sondern die Grundlagen der Produktion überhaupt seien zu kritisieren und in Frage zu stellen.

Dazu sagt Bernd Senf ( Geldfluß und Realwirtschaft…., Skript auf der website http://www.berndsenf.de, 2002): Marxistisch betrachtet, wären mit der Überwindung..“ .der Probleme in der Zirkulationssphäre „… der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital …… – zwar nicht überwunden. Wenn aber der Druck des Geldkapitals gegenüber der übrigen Gesellschaft – auch gegenüber den Unternehmerkapitalisten – zum dominierenden Konflikt geworden ist, sollte dann nicht die Lösung dieses Konflikts erste Priorität bekommen, ohne dass deswegen die anderen Konflikte verdrängt werden müssen?

Darüber hinaus ist zu bedenken, dass in dem großen leidvollen Experiment des realexistierenden Sozialismus, das Privateigentum an Produktionsmittel und der Markt zwar abgeschafft wurde, aber keinesfalls die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, indem der Kapitalismus als Staatskapitalismus erhalten blieb.

September 17, 2007 Posted by | Philosophie, Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Betrachtungen zu Marx

Betrachtungen zur Marxschen Kapitalismusanalyse

Obwohl Marx in Theorie und Praxis angetreten war, die Entfremdung des Menschen von seiner eigentlichen Natur und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, mündete die Praxis der sich auf ihn berufenden Nachfolger in das Gegenteil: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nahm im GULAG riesige Ausmaße, die Entfremdung des Menschen von seinen Lebensgrundlagen Natur und Gemeinschaft in den staatlichen Planungen bizarre Dimensionen an (die Menschen in Massen organisiert, die Arbeit unter dem Diktat von Produktionsziffern, Raubbau an der Natur usw.). Ich glaube, dass die Weichenstellungen für diesen negativen Ausgang schon in den unausgesprochenen weltanschaulichen Grundlagen von Marx zu finden sind. Wie seine kapitalistischen Gegner, geht er von dem reduktiven, mechanistischen Weltbild eines Newton aus, das das Weltbild seiner Zeit war und von dem auch heute die meisten westlichen Menschen, vor allem Naturwissenschaftler beherrscht sind.

Die folgende kommentierte Zusammenstellung von Texten verschiedener Autoren soll das erläutern. Gleichzeitig kommen diese Betrachtungen zu Ergebnissen, die den Vorstellungen von den sog. Freiwirtschaftlern sehr nahe sind (s. auch: www.inwo.de ) Als Vorlage und Beleg für die Marxsche Kapitalismusanalyse diente mir die Darstellung der Marxschen Wirtschafttheorie in dem Buch von Bernd Senf (1) (Die blinden Flecken der Ökonomie, Wirtschaftstheorien in der Krise, dtv. 2. Auflg. 2002). Der Theologe Eugen Drewermann nähert sich dem Thema aus der metaphysischen Sicht: ( E. Drewermann, Jesus von Nazareth, Walterverlag, 1996 und , Jesus und das Geld, Humanwirtschaft Nr. 3, 2003, S.34). Verzichtend auf eigene Formulierungen, möchte auf diese Veröffentlichungen mit ihren umfassenden Darlegungen neugierig machen, außerdem auf die Arbeiten von Erich Fromm (Haben oder Sein, dtv. 32.Auflg. 2004) und Herbert Markuse ( Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967).

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Betrachtungen zur Marxschen Kapitalismusanalyse

 

September 17, 2007 Posted by | Philosophie | Hinterlasse einen Kommentar

Blinde Flecken bei Marx

Blinde Flecken bei Marx

 

Angesicht des sozialen Elends im Zusammenhang mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert formulierte Marx in seiner Analyse die Kritik zum kapitalistischen Gesellschaftssystem. Diese führte später zu einem dem Kapitalismus entgegengesetzten Gesellschaftskonzept. Seit der Auflösung der osteuropäischen sozialistischen Gesellschaften erschien diese Alternative endgültig als Illusion – eine Alternative, die für viele Menschen ein Schrecken war, die in diesen Systemen leben mußten.

War dies nur eine Frage der Umsetzung marxistischer Ideen und Vorstellungen oder gab es grundsätzliche Fehleinschätzungen, die notwendigerweise zu den schlechten Auswirkungen führen mußten, anders formuliert: war schon von ihren Ansätzen in der marxistischen Theorie die “böse“ Wirklichkeit verborgen?

 

Es gibt verschiedene Bereiche, wo das zutrifft:

(Ich beziehe mich u.a. auf Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie, dtv, 2002 und Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967)

· Das mechanistische reduktive Weltbild, das in den Anfängen der Aufklärung (Newton) stehen geblieben war,

· Der ökologische blinde Fleck: Die Natur wird als bloße zu bearbeitende Rohmasse ohne eigenen Wert betrachtet. Die Welt ist menschenzentriert.

· Der monetäre blinde Fleck: In der Ökonomie wird die Zirkulationssphäre (Geldsystem) zugunsten der Produktionssphäre vernachlässigt.

· Der feministische blinde Fleck: Die patriarchalische Gesellschaftstrukturen werden nicht hinterfragt

· Der psychologische blinde Fleck: Der Mensch wird als Vernunft gesteuert gesehen. Psychische Faktoren werden als bürgerlicher Überbau abgetan.

Ich beziehe mich auf die ersten drei Punkte:

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Blinde Flecken

 

 

 

September 15, 2007 Posted by | Philosophie | Hinterlasse einen Kommentar