Ansichten

Die Weisheit einer Reise

Eine Reise

Auf der drittletzten der vielen Stationen meiner Reise warf mich eine heftige Grippe für 14 Tage auf das Krankenbett. Sie verhalf mir zu folgendem Traum:

Ich trieb ziemlich ermattet in einem tiefen Blau, das beruhigend in unergründlichen Stille langwellig pulsierte. Ich lag in einem kugeligen Käfig aus glänzenden Gitterstäben. Damit trieb ich auf andere kleine Käfigkugeln zu. In ihnen tanzten kleine giftgrüne Winzlinge, zum Teil ineinander verkrallt, die in ihrem Grün periodisch aufblitzten und die einen Höllenlärm veranstalteten, indem sie die Gitterstäbe putzten, dass vor lauter Glanz und durch ihr eigenes Aufleuchten das tiefe Blau im Hintergrund verschwand. Nur bei einigen, die vom Geschrei und  Getanze ermüdet darniederlagen, war ein Schimmer des Blaus sichtbar und ich hörte sie sagen:“ Am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“

Soweit der Traum, der mir wie eine Zusammenfassung meiner Reise vorkam: in den Städten, auf der Straße, in den Häusern traf ich auf gehetzte, meist sich selbst hetzende Menschen, und ich sah mich selbst darin wieder. Meine Reise mit den vielen Stationen war ein Beispiel dafür. Erst mein Körper, der sich diese Grippe zulegte, machte mich darauf aufmerksam. Fortan entleerte sich mein Kopf von allen Gedanken, jede Aktivität war zuviel, es war mir schwindelig. Die Krankheit schlug auf das Gehör. Ich hörte kaum noch etwas. Eine beruhigende Leere breitete sich in mir aus.

Da war ich also im blauen Meer gelandet. Ich war ermattet. Der Winzling in mir hatte aufgehört zu lärmen. Ach wie stolz sind wir im Westen auf diesen Zwerg, das Symbol unserer Individualität. Sie ist die Form unseres täglichen Bewußtseins. Kaum sind wir dem Schlaf der Nacht entwunden, springen wir in diese Form und fühlen uns getrennt von allem und allem, was wir spüren, während wir tief im Inneren uns nach der verlorenen Einheit sehnen. Doch wie ist sie zu erlangen? Ich las die folgende Geschichte:

Die notwendige Erfahrung des Umweges

Ein Mann hackte Holz am Rande eines Waldes und verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt. Als ein Einsiedler daher kam, fragte er ihn nach einem Wort für das Leben. Der Einsiedler sagte: „Gehe tiefer in den Wald. Da nahm der Mann seine Axt und ging tiefer in den Wald. Er fand schöne Bäume, fällte und verkaufte sie für gutes Geld. So wurde er wohlhabend. Eines Tages erinnerte er sich an die Worte des Einsiedlers. „Gehe tiefer in den Wald!“ Und so machte er sich erneut auf den Weg und fand eine Silbergrube. Er baute sie aus und wurde sehr reich. Nach Jahren aber fielen ihm erneut die Worte des Einsiedlers ein: „Gehe tiefer in den Wald!“. Er ging und fand wunderbare Edelsteine ‑ ein Symbol für die Erleuchtung. Er erfreute sich sehr daran, aber dann kamen ihm erneut die Worte des Einsiedlers in den Sinn: „Gehe tiefer in den Wald“. Und also machte er sich nochmals auf, ging tiefer in den Wald. So kam es, dass er sich eines Morgens wieder genau an dem Waldrand fand, an dem er vor langen Jahren beim Holzschlagen den Einsiedler getroffen hatte.

Wer einen Erfahrungsweg bis zum Ende geht, kehrt als veränderter Mensch zuletzt zurück in den Alltag. Es scheint für die Reifung eines Menschen – nach Jung für seine Individuation, nicht zu verwechseln mit seiner Individualisation – wohl notwendig zu sein, diesen Weg in die Waldestiefe zu gehen. Viele Märchen und Mythen der Völker beschreiben ihn. Oft wird er als Vertreibung aus dem Paradies benannt. Und was heißt hier Individuation? Ist es der Weg zu sich selbst? Der Hintergrund dieser Parabel zeigt, dass das Selbst zunächst „als Fülle von Gewohnheiten und Fokussierung sozialer Strukturen .. nicht ein letzter Grund“ ist; „ es bleibt ein Prozess der sich verändert und aus freier Entscheidung verändert werden kann.“ In der Parabel ist es die Entscheidung, tiefer in den Wald zu gehen. „Jeder ist eigentlich ein freies Wesen; sein Selbst, sein Ego, sein Charakter ist nicht ursprünglich, sondern erworben“ (Zitierung aus K.-H. Brodbeck, Erfolgsfaktor Kreativität, 1996, s. auch ders. Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, 2007)

In diesen Zusammenhang paßt die Parabel von der Weisheit des Rabbis:

Weisheit des Rabbis

Die Schüler fragten den Rabbi, was das Geheimnis seiner Weisheit sei. Darauf antwortete er ihnen: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“. Die Schüler sahen sich betreten an und meinten, sie hätten nicht recht verstanden. Also fragten sie ihn er­neut: „Meister, was ist das Geheimnis deiner Weisheit?“. Er aber sagte: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“. Da wurden die Schüler ungehal­ten und erwiderten: „Meister, was du sagst, das tun wir auch, aber wir sind weit entfernt von deiner Weisheit“. Da schüttelte der Rabbi lächelnd den Kopf. „Nein“, sagte er, „wenn ihr sitzt, seid ihr schon aufgestanden; wenn ihr steht, seid ihr schon losgegangen; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen“.

Im Augenblick, so läßt sich diese Stelle  interpretieren, offenbart sich die Wirklichkeit. Ihn zu erleben, bedeutet, eins zu werden mit dem, was ist: „Ich bin, der ich bin !“, heißt es in der Bibel.

Den Augenblick zu erleben, ist letztlich ein spirituelles Ereignis. Mit einer solchen Weltsicht hat es der Verstand schwer, denn sie kommt aus der Erfahrung und nicht aus dem Nachdenken. Der Sinn des Lebens liegt weder hinter uns, noch vor uns, sondern im zeitlosen Jetzt. Im Hier und Jetzt erscheint die Wirklichkeit. Einmalig und Einzigartig ist unsere Person nur im Augenblick, als Ausdruck des Einen, was viel mit dem Göttlichen zu tun hat. Es offenbart das Kommen und Gehen – Geborenwerden und Sterben.

So oder ähnlich formuliert es Willigis Jäger, ein Benediktiner, der in seinen Schriften, Vorträgen und Seminaren, den Versuch unternimmt, westliche und östliche spirituelle Sichtweisen miteinander zu verbinden.

Den Augenblick zu leben – die Achtsamkeit -, ist für den westlichen Menschen wohl die schwerste aller Übungen. Sie zwingt uns, aus dem Strom der Gewohnheiten inne zu halten und unsere Ichbefriedigung zu unterbrechen. Der lärmende Zwerg in uns pausiert und erhascht einen Blick durch die glänzenden Stäbe seines Käfigs auf das tiefe Blau seiner Sehnsucht – die blaue Blume der Romantiker.

Eine Zen-Sutra sagt: „ unser Ichbewußtsein ist wie ein Affe..“ , Dieser Affe schwingt sich von Ast zu Ast, Baum zu Baum, durch den ganzen Wald. Doch wir sollten ihn aber nicht wegjagen, weil wir ihn für unsere Alltagsbewältigung unbedingt benötigen.

Als ich in Portugal wieder eintraf, war ich froh, beim Holzspalten wieder angekommen zu sein. Aber die Reise ist noch nicht zu ende.

Schon bald war der Winzling in mir wieder zugange mit der tiefen Sehnsucht:

Die Sehnsucht des Menschen

…….Es ist die Sehnsucht, heim zu kommen, den Platz zu finden, wo alles gut ist, wo man geliebt und angenommen ist. Der Mensch erfährt aber sehr bald im Leben, dass kein Mensch dem Menschen diese letzte Sicherheit geben kann, auch nicht der liebste Es bleibt diese unüberbrückbare Trennung, bis wir unser wahres Selbst gefunden haben, besser, bis unser wahres Selbst durch alle Verkrustungen und Fehlentwicklungen hindurchgebrochen ist. Menschen machen sich also auf diesen Weg, weil sie diese tiefste Sehnsucht in sich tragen, die letztlich die Sehnsucht Gottes selber ist. (Willigis Jäger: Wiederkehr der Mystik, 2005, S.80)

Am Ende entpuppt sich das Selbst als leer, wie das Meer in der Erinnerung blau ist.

Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der Sterne, der andere kundig der Stürme

Wird der eine führen durch die Sterne, wird der andere führen durch die Stürme

und am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein

(Reiner Kunze)

Advertisements

November 26, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar

Vertrauen und die Suche nach Glück

Vertrauen und die Suche nach Glück aus christlicher Sicht

Im christlichen Bekenntnis heißt es. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Denn, was wichtig für uns ist, wissen wir häufig am wenigsten.

Dazu eine Geschichte, die illustriert, wie wir manchmal mit Dem umgehen, von dem wir uns bedingungslos getragen wissen könnten.

Von Mulla Nsrudin, einem Derwisch aus dem 17. Jhs. , erzählte man, er sei eines Tages zu einem Schmied gegangen, um sich einen Mantel machen zu lassen, „In einer Woche“, sagte der Schneider, „ wenn Gott es will“. Aber der Mantel wurde nicht fertig. „In zwei Tagen, wenn Gott es will“, sagte der Schneider , aber der Mantel wurde nicht fertig. „Morgen, wenn Gott es will“, sagte der Schneider. – „Und wenn Du Gott aus dem Spiel lässt, wie lange dauert es dann noch?“ fragte Nasrudin. An der Art, wie wir den Namen Gottes gebrauchen, entscheidet sich, was für Menschen wir sind; denn je nachdem, steht „Gott“ für all, was uns hindert zu leben, oder für all das, was uns ermutigt, zu sein. (E. Drewermann, Jesus von Nazareth)

Nur: wer sind wir wirklich in all dem Wandel? Und: was ist da bleibend in uns?………….

Hier auf Erden sind wir wohl nie Abgeschlossene, nie ganz Fertige, nie ein Selbst, das sagen könnte wie ein Diamant, der unzerstörbar ist: «Mich gibt es für immer.» Doch selbst den Durchgang des Todes noch könnten wir verstehen als einen letzten Schritt, ins Unendliche zu reifen und uns selber zu begegnen und damit der ganzen Welt. Aus dem Augenblick der Ewigkeit würde die Ewigkeit des Augenblicks, eine Einsicht, die alles zusammenfaßt. (E. Drewermann, Vortrag, „Suche nach Glück und Sinn“)

Ein erschütterndes Geständnis oder Bekenntnis dazu formulierte der russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski einmal am Eingang seines Romans Schuld und Sühne, in dem es darum geht, wie Menschen bis zum Verbrecherischen geraten können. Es ist Dostojewskis Frage: Kann man einen Menschen richten? Darf man einen Menschen verurteilen? Wie kann man gegen den Abgrund, der einen Menschen bedroht, einander so anlieben, daß der andere einen Hintergrund, einen Grund gewinnt, sich wiederzufinden? Am Eingang seines Romans schildert Dostojewski den Trinker Marmeladow, einen Verzweifelten, einen Süchtigen, jemanden, der den Stern sucht in dem Glas, das vor ihm steht, und er versinkt darin immer tiefer – ein Hilfloser, der seine eigene Tochter auf die Straße schickt, um mit ihrer Schande das Geld zu verdienen, das ihre Mutter und ihre Geschwister brauchen. Als Sonja am Abend nach Hause kommt und sich weinend auf’s Lager wirft, küßt Marmeladow ihre Füße und streichelt sie: «Golubka, mein Täubchen», und doch greift er schon mit der Hand in die Schatulle, ihr die Kopeken zu entwenden und sich wieder zu besaufen. Da lallt er vor sich hin: «Ein solches Schwein wie mich sollte man kreuzigen.» Aber wie manchmal im Alkoholdelir fantasiert er weiter, von einer Welt der Harmonie: «Wenn Er kommen wird, sie alle zu richten, wird Er sagen: ‹Ihr Gerechten, ihr Guten, geht ein in die Hallen, die euch bereitet sind.› Aber dann wird Er sprechen: ‹Jetzt kommt her auch ihr, Mörder, Huren, Verbrecher, Säufer, Unglückliche. Kommt her auch ihr.› Dann werden die Guten und Gerechten sagen: ‹Aber Herr, warum denn berufst du auch sie, sie tragen das Antlitz des Viehs!› Und Er wird sagen: ‹Deshalb berufe ich sie, eben deshalb berufe ich sie, weil kein einziger von diesen je hat glauben können, daß er dessen würdig sei. Dann werden alle alles verstehen.

Dann werden alle alle verstehen. Dein Reich komme, Herr.» (E.Drewermann, s.o.)

Doch wie erreichen wir ein Vertrauen, so getragen zu werden?

Bei den Christen gibt Gott durch Offenbarung Gewißheit von seiner Existenz und läßt sich in der Bibel – letztlich ebenfalls durch Offenbarung entstanden -als sein Wort beschreiben.

Bei den Buddhisten kommt es darauf an, sich in geistiger Versenkung alle Begrifflichkeit, aber auch alle Sinnlichkeit und Begehrlichkeit zu entledigen und damit den Glauben an Gott bzw. an die Götter zu überwinden, da all die Götter der traditionellen Religionen nichts anderes waren als Spiegelungen des Bewußtseins, Projektionen, nichts als Blendwerke der Angst und der Hoffnung, die sich sogleich auflösten, wenn nur das Innere des Menschen sich weitgehend beruhigte.

Als das „Heilige“ gilt ihm das eigene Herz als Ort der Stille im Sinne dieser Entleerung, die keinen Grund hat. Es ist diese Entdeckung der Grundlosigkeit, die alle Lebewesen eignet, allen uns in der Welt begegnenden Erscheinungen, die allesamt untereinander verbindet.

 

Aber auch im Christentum gibt es eine Tradition, die dies genauso sieht. Es ist dies die Mystik des mittelalterlichen Meister Eckhart. Gott selber, lehrt er, ist grundlos. In der Abgeschiedenheit wird der Mensch wieder so wie da er nicht war. Auf diesem Wege in das Nichts muss die Seele sogar das Höchste der abendländischen Christenheit überwinden, den dreifaltigen Gott: Vater, Sohn, und heiliger Geist. Eckhart fordert den Durchgang durch sie und über sie hinaus in die <<Wüste der Gottheit>>, wie es auch von Jesus der Bibel berichtet wird.

Dazu E. Drewermann, Der 6. Tag, S. 329, Walter Verlag:

<<Die dem Verstand unbegründbare Wirklichkeit wird hier zu einer vertrauensvollen Selbstverständlichkeit des Daseins, und aus ihr zu leben heißt: Gott finden und in Gott geboren werden. Eine Alternative dazu scheint es nicht zu geben. Denn: Entweder ein Mensch bleibt bei dem Eindruck der «Grundlosigkeit» ‑ der Zufälligkeit der Ereignisse und der Kontingenz des Daseins aller Dinge ‑ stehen, oder er nimmt eben diese «Grundlosigkeit» zur Grundlage einer vertieften Weltsicht von Weisheit und Güte. In keinem Falle ist es möglich, die Welt von «Gott» her zu denken oder Gott von der Welt her als Erklärung ihres Daseins und Soseins zu denken. Im Gegenteil: die Entdeckung der Mystik lautet, daß der Gott, der dem Menschen als <<Schöpfer>> erscheint, streng von der Gottheit selbst unterschieden werden muß.>>

 

Die Zentrierung der Christenheit und damit des Westens auf das Ich, auf den Verstand hat nicht nur den Gott als Schöpfer der Welt angesichts der absurden Wirklichkeit, der Kontigenz des Daseins (Zufälligkeit) bis in das Groteske unglaubwürdig gemacht, sondern auch den Atheismus des Alltags hervorgebracht.

Sie hat zugleich die christlich-abendländischen Kultur zu der gewaltätigsten und gewaltbereitesten, zerstörerischsten Zivilisation der Geschichte der Menschheit gemacht

 

Wegen dieser Illusion über unsere behauptete Eigenständigkeit rennen wir hinter dem feed back der Menschen her, in der Hoffnung, dort unsere Einheit zu finden. Paradoxerweise haben wir sie bereits, wenn wir uns nur auf sie besinnen könnten, in der Stille mit sich, als Entleerung von dieser Illusion vom Getrenntsein, sozusagen in der religiösen Begegnung und kündigt sich dann als Gefühl des Gewolltseins an.

Dieses Gewolltsein ist sozusagen als Gegenbewegung zum Weg nach Innen auch außen erfahrbar: in der Liebe zweier Menschen – allerdings nur punktuell und als Modell. Doch wie erfahren es die vielen Menschen, die nie das Glück hatten, eine solche Liebe zu erleben? Es ist erfahrbar in der Unendlichkeit des Himmels. Schließe die Augen und entleere Dich vom Lärm Deiner Gedanken!

Dann geschieht das Wunder, sich mit der ganzen Welt verbunden zu fühlen. Eben noch im Zustand der Versenkung schwingt dieser zurück, als ob das Schließen der Augen zu einem Öffnen für den Anderen wird. Es handelt sich um die Entdeckung der Liebe: aus der eigenen Mitte entdeckt er ein Fühlen und Denken jenseits aller eigenen Zwecke, die Auszeichnung des anderen, dem unbedingte Bedeutung zukommt.

Führte ihn die Leere der Zwecklosigkeit in einem ersten Schritt aus der Welt, so nimmt er sie jetzt in die Welt hinein und findet sie wieder in der Zwecklosigkeit dieses Anderen, dieses Einen, den er liebt.

Ein solche Erfahrung ist alles andere als rational, sie ist eine Mischung aus hellsichtiger Wahrnehmung und sehnsüchtiger Projektion.

Die Entdeckung der Liebe ist nicht bloßer Subjektivismus, im Gegenteil: sie ist die stärkste Kraft der Selbstläuterung, gefürchtet von allen Mächtigen.

Unausweichlich wird der Liebende wie von selber merken, daß der andere, den er ins Herz geschlossen hat, kein «allervollkommenstes Wesen» darstellt, daß er nicht Gott ist, sondern nur sein erstes, wichtigstes Gottesbild, und daß es darauf ankommt, den Archetypus von «Mutter» und «Vater» nach und nach von ihm zu lösen, um ihn, als einen «einfachen» Menschen, wirklich so, wie er ist, lieben zu können. Es ist der Schimmer des Göttlichen, der den anderen liebenswert macht, doch indem der andere in seiner Liebe auf Gott verweist, braucht er selber nicht länger mehr «Gott» zu sein. Die «Inkarnation» des Göttlichen in der Liebe ist erneut nie anders denn als eine Chiffrensprache menschlicher Reifung zu verstehen, die darin besteht, im Fremden das Eigene zu finden, um im Eigenen die unendliche Sehnsucht nach dem ganz Anderen zu entfalten. ………….Was eben noch in der Mystik der Leere als das zu Überwindende ja, Täuschende erschien, das persönliche Ich, das wird jetzt in einer gegenläufigen Erfahrung zu dem Zentrum einer neuen und eigentlichen Sinnfindung und ‑begründung. Jene Aufhebung aller Zwecke in der Entdeckung der Leere wandelt sich jetzt zu der Absichtslosigkeit einer Zuwendung, die den Geliebten reinweg um seiner selbst willen in die Aura des Göttlichen stellt.

(Der 6. Tag, S. 355 und 354)

Im Archetypus der Liebe begegnen wir dieser Fähigkeit als kollektive Eigenschaft des Menschen. Wir begegnen hier unserem Selbst als Teil eines allumfassenden Selbst in der religiösen Erfahrung.

So würde die Gestalt Jesu als Chiffre eine Verkörperung dieses Archetypus sein. Ohne diese innere von allem Äußeren abzusehende Erfahrung bleibt jede religiöse Erfahrung die Projektion von illusionärer Konkretion:

Die konkret erfahrene Vaterperson wird zum Gottesbild und damit zum Aberglauben.

Dieser Weg der Entdeckung der Liebe wird zur unerhörten Möglichkeit, die Welt umzuformen in eine Stätte der Begegnung. Die Welt der Notwendigkeit, der Ursächlichkeit und Zweckmäßigkeit wird zu einer personenhaften Begegnung zur DU-Welt. Und nur dadurch wird der kalte Kosmos uns Menschen zur Heimat, in der wir erst dann seine Schönheit und Erhabenheit finden werden. Der Glaube an unabhängig existierende Phänomene, ob es unser eigenes Ich ist oder irgendein materieller Besitz, ist die Grundlage unserer Sympathien und Antipathien, die letzten Endes nur durch ein tiefes Verständnis der Lehre von der Leere überwunden werden können. Diese Transformation der Persönlichkeit erfordert eine radikale begriffliche Umerziehung ‑ eine Erneuerung auf jeder Ebene der Persönlichkeit.

In einer solchen Welt, in der man sich mit allem verbunden weist, wird es schwierig sein, den Menschen und seine Arbeit unter dem Aspekt der Profitmaximierung zu betrachten, Tiere in Tierversuchen und Massenhaltung als Sachen zu behandeln, Flüsse und die Luft zu verschmutzen, mit Atombomben die Erde unbewohnbar zu machen. Und auch der Alltag wird anders aussehen, wenn man die Projektionshaftigkeit der eigenen Existenz begreift.

Wie häufig ist der Alltag von Streit, Rechthaberei, Schuldzuweisungen, Aggressionen überdeckt!

Dieses Negative zu überwinden ist nur möglich demjenigen, der sich so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit sich findet, dass er nicht zu reagieren braucht. Das ist das Geheimnis der Bibelstelle: »Reagiert nicht auf das Böse».

 

Ich habe eine tiefe Traurigkeit darüber, wie schwer es ist, selbst in einem kleinen Kreis von Menschen friedlich mit einander umzugehen. Es gibt wohl eine Boshaftigkeit, die nicht reaktiv ist.

 

Schön wäre es, wenn ich mich so geschützt, so behütet, so im Ausgleich mit mir selbst fühlte, dass ich auf das Böse nicht zu reagieren brauchte.

 

Mit einemmal würde sich mitten im Alltäglichen zeigen, woraus wir Menschen wirklich leben: Nicht von Bindungen an anderen Menschen, sondern allein im Gegenüber eines diese Welt Überschreitenden – manche nennen es Gott -. Der Mann aus Nazareth sagte dazu:

Wenn einer zu mir kommt und nicht hasst seinen Vater und die Mutter und die Frau oder den Mann und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, und noch dazu sein eigenes Leben, kann er nicht mit mir sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, kann nicht mein Jünger sein. Lukas 14,26;27

 

In der Tat ist der Weg zu uns selber so etwas wie ein Kreuz. Es ist eine Form von Armut; es gibt nichts , worauf wir uns stützen könnten, auf Familie, Besitz, Gesundheit, Ansehen. All die Dinge gelten nicht, die wir festhalten zu können glauben, und doch ist es der Beginn einer wunderbaren Entdeckung: wie reich sind wir uns selber, wie viel Möglichkeiten schlummern in uns, die zu entfalten sind. Es gibt so etwas wie einen heiligen Eigensinn ein Gefühl für das, was nur wir selber sind und niemand an unserer Seite kann es uns wegerklären oder – kommentieren oder die Verantwortung dafür abnehmen.

 

Anmerkung

Was ist ein Archetypus?

In Jungs Tiefenpsychologie sind die Archetypen die nicht weiter rückführbaren Grundelemente. Sie vermitteln uns die wesentlichen Sinngehalte und strukturieren unser Verhalten und Denken. Außer daß sie Sinn stiften, können aber die Archetypen bei manchen psychologischen Phänomenen auch kausal wirken ……( Jung. Der Archetypus stellt die psychische Wahrscheinlichkeit dar ) …Wir könnten zum Beispiel sagen:>>Der Mutter-Archetyp hat Denken und Handeln der Frau verändert<< Indessen erleben wir die Archetypen niemals unmittelbar, da es sich um universelle transzendente Prinzipien handelt, doch leben sie sich durch uns aus. Wir schließen auf die Existenz der Archetypen durch transkulturelle Untersuchungen von Mythen und Ritualen sowie unzähligen Träume von Menschen überall auf der Welt. Mit anderen Worten, aus zahllosen indirekten Erfahrungen mit dem Archetypus schließen wir auf seine Natur, obwohl wir ihn niemals direkt und an sich erleben können.

Verlust des Vertrauens

Briefe an Ernst über Vertrauen

November 26, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar

Das Elend der naturwissenschaftlichen Annahmen

 

Das Elend der naturwissenschaftlichen Annahmen

Eine meiner hartnäckigen Überzeugungen ist die Annahme, die Dinge, die wir wahrnehmen, gäbe es an sich, getrennt von den anderen – Tief in meinem Inneren ist eingebrannt, daß in unserer Welt voneinander unabhängig existierende Objekte auf voll vorhersagbarer Weise aufeinander einwirken. Dabei hat diese Weltsicht – und sie ist eine spezielle, seit der Aufklärung existierende, vom Christentum beeinflußte Sicht – bis in das politische Handeln Folgen: Die so verbreitete Unterscheidung zwischen Völkern, Rassen, Nationen, Familien, Berufen, schlechte und böse Menschen usw. , hat eine ihrer Wurzeln in jener Denkweise, welche die Dinge als an und für sich voneinander getrennt (inhärent), unverbunden und „zerstückelt“ in noch kleinere Bestandteile vorstellt. Ich ordne mich da gut in die Reihe der meisten Naturwissenschaftler und Ingenieure ein, die über den Rand ihres Spezialwissen nur mühsam sehen können, dabei aber die Sichtweise haben, daß ihre Vorstellungen die allgemeine Sichtweise sei. Eine Erklärung gibt das folgende Zitat:

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Physik zum Modell nicht nur des physikalischen Universums, sondern auch des menschlichen Verhaltens geworden…….Jede Wirkung mußte eine bekannte Ursache haben. Jede Ursache mußte zu erklärbaren (meßbaren! ) Wirkungen führen. Damit wurde Zukunft eine logische Folge der Vergangenheit…. Selbst unser Denken mußte in irgeneiner Weise mit der Maschine Newton erklärt werden… Sie forschten nach allgemeinen Gesetzen, mit denen sich die Geschichte und das menschliche Verhalten erklären ließen. Karl Marx, z.B., nahm an, das Subjekt jeder Veränderung sei die Materie (was immer man damals unter Materie verstand!), und jede Veränderung sei das Ergebnis eines fortwährenden Konfliktes zwischen den Widersprüchen, die allen Dingen innewohnten…Diese Theorie, die als dialektischer Materialismus bekannt ist, erinnert in mancher Hinsicht an das zweite Newtonsche Axiom, das besagt, daß die Ursache einer Bewegungsänderung eine Kraft ist, und daß es die Materie ist, auf die die Kraft einwirkt…. (F.A. Wolf; Der Quantensprung ist keine Hexerei, Birkhäuser, 1986, S. 54 ff)

Diese Sichtweise ist auch heute noch die herrschende Sichtweise der Naturwissenschaftler. Dazu folgender Text:

Peter Mulser, Prof. f. theoretische Physik: Über Voraussetzungen einer quantitativen Naturbeschreibung;

In: V. Braitenberg/Inga Hosp (Hg.), Die Natur ist unser Modell von ihr, rororo, 1996, S. 156 ff

<<Das philosophische Nachdenken hat das Denken überhaupt geschärft und sukzessive zahlreiche vermeintlich tiefe Probleme als grundsätzlich unlösbar und somit als Scheinprobleme entlarvt. Wohl berühmtestes Beispiel ist das nicht erkennbare Kantsche «Ding an sich». Es scheint, als seien Erfolg und Nutzen philosophischen Denkens in der Aufgabe von Positionen und in der freiwilligen Beschränkung am größten gewesen. Der andere Aspekt traditioneller Naturerkenntnis und ‑Philosophie ist ihr Mangel an Folgerichtigkeit, die qualitative Naturbeschreibung tritt auf der Stelle. Sie lebt, in ihren besten Vertretern, von der Bildung neuer interessanter Assoziationen und geistreicher Bezüge und gehört somit mehr in das Reich von Kunst und Dichtung. In diesem vorwissenschaftlichen Feld kommt der Philosophie als Anreger und Wegbereiter, und auch als Regulativ für Geist und Psyche, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nur darf sie nicht den Anspruch gesicherter Erkenntnis erheben. Diese nämlich setzt als Postulat Nachprüfbarkeit voraus und fordert das Experiment.

Das Experimentieren als systematisches Befragen der Natur kannte das alte Denken nicht. Es ist eine echte Erfindung am Übergang zur Neuzeit, mit einschneidenden Folgen für Denken und Handeln. Die neue Methode der Naturwissenschaften führt zu systematischem Wissensaufbau und zu Lehr‑ und Übertragbarkeit von Wissen über alle historischen Kulturen hinweg. Wie durchschlagend ihr Erfolg war, geht aus der Tatsache hervor, daß die Naturwissenschaften ganze Themenkomplexe der Philosophie entrissen und letztere in ihr Vorfeld verwiesen, wo sie sich um die Grundlegung der wissenschaftlichen Disziplinen bemüht. (S. 156)……

Worauf gründet sich dieser Erfolg der Naturwissenschaften? Auf die Existenz isolierter und isolierbarer oder zumindest verdünnbarer Systeme. Diese Eigenschaft erlaubt die Ordnung nach « reinen » Fällen. Sie führt zu Reproduzier‑ und Steuerbarkeit. Bis heute haben die Wissenschaftler durch Abtrennen, durch « Zerhacken » immer wieder Erfolg gehabt. Wer weiß, wo und wie dieser Vorgang zum Stillstand kommen wird?

Und der Herausgeber Valentin Braitenber schreibt (S.11):

Schließlich entscheidet immer der Erfolg über die Bilder, die wir uns von der Welt machen: Die erfolgreichen sind wahr, die anderen nennen wir Irrtümer.>>

 

Die Naturwissenschaftler sollten es anders wissen, wenn sie gründlich wären. Gründlich, da meine ich, sie müßten sich mit den Grundlagen ihrer Wissenschaft beschäftigen und das ist heute die Relativitäts- und Quantentheorie.

Weiter lesen hier als PDF-Dokument

DasElend+Leere

 

 

 

 

 

September 21, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar

Mystik und Wirklichkeit

MYSTIK UND WIRKLICHKEIT

Die mystische Erfahrung

Das mystische Bewusstsein könnte beschrieben werden als eine Dimension des Erfahrens, in der alles so ist, wie es ist, und so wie es ist, auch vollkommen ist. Dort ist man nicht glücklich und nicht unglücklich, nicht zufrieden oder unzufrieden, nicht froh und nicht traurig. Frohsein wäre bereits ein Weniger, genauso Traurigsein. Angenommensein und Liebe gehören bereits zu einer untergeordneten Region. Es gibt keine Seligkeit, kein Glück im Sinne eines Gefühls. Alle anderen Bewusstseinsebenen erscheinen daneben relativ, während jener Zustand in sich geschlossen und vollkommen ist und bis aufs Äußerste erfüllt. Die anderen Bewusstseinszustände sind vorläufig und unerfüllt. In diesem Bewusstsein sind Form und Formlosigkeit eins. Es ist die Erfüllung all unserer Sehnsüchte. Es gibt dort nicht Subjekt und Objekt, sondern nur Sein. Dort erfährt der Mensch seinen göttlichen Ursprung und er ist geneigt zu sagen „Ich bin Gott“ Dieses Wort enthält jedoch keinerlei Arroganz. Darin ist kein Ich. Es ist vielmehr getragen von einer ungeheueren Demut und begleitet vom Bedürfnis, allen Lebewesen zu dieser Erfahrung zu verhelfen. Hier hat das erste Gelübde des Buddhismus seinen Grund: „Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe, sie alle zu retten“

Im mystischen Bewusstsein erkennt der Mensch, dass sein rationales Verständnis dieser Welt nur wie der Blick durch ein Schilfrohr zum Himmel ist, also ein sehr begrenzter Teilausschnitt. Unser konzeptionelles Verständnis des Kosmos, mag es‘ noch so wissenschaftlich sein, ist ein erbärmliches Teilverständnis. Von dieser Sicht aus ist Wissenschaft einengend. Allmählich jedoch beginnt die Wissenschaft, das transpersonale Bewusstsein in ihre Forschungen mit einzubeziehen; denn sie hat gemerkt, dass die Welt mit den Newtonschen und Cartesianischen t Kategorien allein nicht erklärbar ist.

Mit unseren wissenschaftlichen und religiösen Systemen machen wir eine Menge kosmischen Lärm und meinen, wir könnten damit Gott erreichen. Unsere Gebete, unsere Gedanken an Gott sind jedoch angesichts dieser großen mystischen Erfahrung nicht mehr als das Kochen im kleinen Reagenzglas Ich.

Die Gefahr, dass wir uns mit all unseren Vorstellungen von Gott selber anbeten, ist sehr groß. Die Idolatrie religiöser Begriffe ist die große Gefahr der Religion. Wir sind arrogant, wenn wir uns von Gott ein Bild machen oder ihn in unseren Konzepten festhalten. Eckhart sagt mit Recht: „Einen Gott, den ich begreifen kann, das ist nicht Gott‘

Unsere religiösen Systeme gleichen Computerprogrammen. Wie der Computer außerhalb seiner Programme keine neuen Erkenntnisse liefern kann, so bleiben auch die theologischen Aussagen über Gott eng begrenzt, wenn wir sie nicht erweitern durch die mystische Erfahrung. Das systeminterne Denken ist das große Hindernis der Theologie.

Wir haben auch zu lernen, dass Mystik sich nicht unbedingt in einem frommen Vokabular ausdrücken muss, als ob mystische Zustände etwas mit Bigotterie oder Betschwesterntum zu tun hätten. Mystik ist vielmehr die Erfahrung des Alltäglichen, des Hier und Jetzt. Diese Erfahrung kann sehr banal sein. Sie kann im Verwesen genauso gemacht werden wie in einer aufblühenden Blume, dem Wind oder einer religiösen Zeremonie. Wir müssen uns auch klar darüber sein, dass es wohl Lebewesen gibt, deren Bewusstsein ganz anders organisiert ist als das unsere.

So ist es Zeit, die Sicherheit unseres Ichbewusstseins etwas zu erschüttern und mutig in andere Bewusstseinsräume vorzudringen. Manche Menschen bekommen Angst. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, als unsere Angst einzugestehen und trotzdem weiterzugehen. Manche bekommen Zweifel, weil ihr Glaubensgebäude erschüttert wird. Freilich kann eine enge, dogmatisch verstandene Konfession ein Hindernis sein, in dieses neue Bewusstsein hineinzugehen, aber wenn wir unsere Heiligen Bücher neu lesen lernen, finden wir darin Möglichkeiten, auch unser Glaubensverständnis zu interpretieren.

Ein anderes Weltbild

 

Wir definieren, diagnostizieren, therapieren, philosophieren, theologisieren noch immer auf der Grundlage eines Welt‑ und Menschenbildes, das überholt ist.

Ich werde versuchen, an die Stelle eines naiven Homozentrismus und Geozentrismus ein anderes Menschen‑ und Weltverständnis zu setzen. Ich möchte dabei nicht überzeugen, sondern die Augen für eine neue Perspektive von Leben und Sterben öffnen. Oft ist es ein Erkenntnisschub, der unser Weltbild erschüttert. Einen solchen Erkenntnisschub brachten für mich meine persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre und die Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Dabei bin ich kein Naturwissenschaftler und verstehe nur sehr laienhaft die mathematischen Formeln und physikalischen Vorgänge. Wir haben uns im Westen einseitig entwickelt. Die Ratio dominiert in einer verheerenden Weise. Wir sind falsch erzogen. Erziehung sollte Vorbereitung auf die Inspirationen aus unserem tiefsten Wesen sein. Ratio und Psyche sollten Ausdrucksformen unseres wahren Wesens werden. Aber wir trainieren vom Kindergarten bis zur Habilitation nur unsere Ratio. Es wurde bisher noch kein Curriculum entwickelt, um Menschen in eine umfassendere Bewusstseinsebene zu führen.

Mit einem Bild ließe sich dieses Weltverständnis erläutern: Es ist das Bild vom Tänzer und vom Tanz. Gott sehe ich als den Tänzer, der gleichsam das Universum tanzt. Seine Tanzschritte sind die Evolution. Tänzer und Tanz können nur zusammen auftreten. Es gibt keinen Tanz ohne Tänzer und keinen Tänzer ohne Tanz. Es gibt keine Form ohne Geist. Der Tanz ist zeitlos. Es gibt darin nicht Anfang und nicht Ende. Jeder Moment ist das Ganze und er ist vollkommen. Und nur im Augenblick können wir diese Wirklichkeit erfahren. Man tanzt nicht, um mit einem Tanz zum Ende zu kommen. Man tanzt um des Tanzes willen. In dieser psychosomatischen Form Mensch bin ich ein ganz individueller, unverwechselbarer, kostbarer Schritt dieser Urwirklichkeit. Darin liegt die Einmaligkeit und Bedeutung dieser meiner Existenz und darin liegt die Bedeutung aller möglichen Seinsweisen. Es ist immer die Urwirklichkeit, die sich in der jeweiligen Form ausdrückt, und es geht immer darum, sich als diese Urwirklichkeit zu erfahren.

Die Schwierigkeit, Wirklichkeit zu benennen

 

Ein in der christlichen Tradition gebrauchtes Wortpaar für die verschiedenen Formen der Spiritualität ist „kataphatisch“ und „apophatisch“ (kata = hinab, hinein; apo = weg). Es gibt wohl keine Religion, die nicht einen zweifachen Weg zu Gott zeigt. Die kataphatische Spiritualität arbeitet mit Bewusstseinsinhalten, d. h. mit Bildern, Symbolen, Vorstellungen und Begriffen. Sie ist inhaltsorientiert und geht von der Überzeugung aus, dass der Mensch Bilder und Begriffe braucht, um Gott zu erkennen, und dass sie für die Entfaltung des religiösen Lebens von größter Bedeutung sind.

Die apophatische Spiritualität ist auf das reine, leere Bewusstsein hin orientiert. Inhalte werden als Hindernis angesehen. Solange das Bewusstsein an Bildern oder Konzepten festhält, ist es noch nicht dort, wo die eigentliche Erfahrung Gottes möglich ist. Bilder und Vorstellungen verdunkeln das Göttliche mehr als dass sie es erhellen. Sie sind Glasfenster, die vom Licht, das dahinter leuchtet, erhellt werden. Wer das Licht sehen will, muss hinter die Glasfenster schauen. Der fundamentale Unterschied in den Religionen liegt also nicht in den Lehren und Riten der einzelnen Religionen, sondern zwischen der esoterischen oder exoterischen Spiritualität dieser Religionen.

Gott ‑ ein Prozess

 

Die Urwirklichkeit, die wir „Gott“ nennen, ist nicht statisch, sie ist auch nicht im rationalen Sinne linear. Sie zielt nicht auf einen Punkt Omega. Sie ist immer gleichzeitig Alpha und Omega. Die Wellen kommen und gehen, das Meer ist immer gleichbleibend. Die Energien verändern die Oberfläche. Nicht das Wasser fließt weiter, die Energien schaffen aus Wasser neue Wellen. Mit anderen Worten: Gott offenbart sich im Baum als Baum und im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Und wenn der Mensch stirbt, offenbart sich Gott im Sterben und Verwesungsprozess. Was bleibt, ist nicht notwendigerweise eine individuelle oder personale Struktur, wie sie sich der Mensch vorstellt. Es ist eine neue Seinsweise. Das gleiche göttliche Leben offenbart sich in einer neuen Struktur. Ob diese vollkommen neue individuelle oder personelle Struktur eine Verbindung mit der vorausgehenden Form behält, ist für mich unwichtig. Wiedergeboren wird immer nur dieses Urprinzip Gott. Ganz gleich in welcher Form wir eventuell wiederkommen, es ist immer eine Form Gottes. Man könnte dies eine kosmische Religiosität nennen. Ansätze einer solchen Religiosität sind deutlich sichtbar. Aber zunächst kann sie sich wohl, wie das eigentlich immer war, nur auf Häretiker, heilige Narren, Weise und Nonkonformisten stützen. Im römischen Katechismus kommt der Begriff „Mystik“ nicht einmal vor.

Es dauert noch einige Zeit, bis die Spezies Mensch sich als eine zeitbedingte und vergängliche Spieler Gottes verstehen kann. Manche Religionen erlagen der Versuchung, durch Schrecken zu herrschen, wenn ihnen die Inspiration fehlte. Sie drohten mit Vergeltung im Jenseits oder mit einer schlimmen Wiedergeburt, mindestens aber mit Verbrennen der Leiber und Schriften.

Ursünde oder Individuation?

 

Was wir gemeinhin Ursünde nennen, ist keine Sünde. Sie ist vielmehr ein notwendiger Schritt in der Menschheitsentwicklung. Der Mensch musste aus dem paradiesischen Zustand der Symbiose heraus. „Die psychologische Grundtatsache, dass das Ich vom wahren Selbst und von der Ganzheit der Psyche abgetrennt und selbständig geworden ist, wird theologisch projiziert in dem Mythos vom Abfall des Menschen von Gott und vom Abfall der Welt vom Urzustand“ (E. Neumann, Kulturentwicklung und Religion, Frankfurt/M. 198 1, S. 178.)

In Wirklichkeit fällt nicht das böse menschliche Ich vom göttlichen Selbst ab, sondern umgekehrt, Gott zieht sich gleichsam zurück, damit der Mensch erwachsen werden kann. Erwachsen zu werden ist ein schmerzhafter Prozess, den auch die Mystik durchaus kennt. Es gehört zum Weg der Verwandlung, am Kreuz diese Spannung zu erleiden.

In der Persönlichkeitsentfaltung des Mystikers handelt es sich also nicht, wie oben bereits gesagt, um einen regressiven Prozess der Ichauflösung. Der mystische Weg wird immer durch eine Ichstärkung vorbereitet. Das Ich entfaltet sich auf dem Weg. Am Ende steht nicht eine Ichauflösung, sondern das Bewusstsein verändert sich, bis nicht mehr das Ich das Zentrum darstellt, sondern das Selbst, um welches das Ich kreist.

Die falsche Mystik kann das Abgründige des Numinosen nicht annehmen, darum erklärt sie die Welt für gefallen, verschuldet, gesunken, verführt, getäuscht und verdorben. Sie will es nicht wahrhaben, dass Leben und Schöpfung in der Polarität und Spannung geschehen müssen, zu der auch der Teufel, das Böse, die Schuld, die Sünde und der Tod gehören. Falsche Mystik hält letztlich die Schöpfung für einen Irrtum Gottes oder für das Werk eines zweitrangigen Demiurgen.

Worauf dagegen wahre Mystik aufbaut, umschreiben folgende Aussagen:

Es gibt eine Deutung von Baal‑Schem‑Tow, dem Begründer der chassidischen Bewegung, zu dem Satz: „Mit Gott ging Noa“. Dort heißt es am Ende: „Darum, wenn sich der Vater von ihm entfernte, wusste Noa: Das ist, damit ich gehen lerne.“ Gott musste den Menschen gleichsam allein lassen, wie eine Mutter ihr Kind allein lassen muss, damit es selbständig wird.

Ein Sufitext lässt Gott sprechen: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; deshalb schuf ich die Welt. Wir haben in dieser Welt Gott zu erkennen. Und wir haben zu erkennen, dass wir eine Erscheinungsform Gottes sind. Ein Wort aus dem Judentum lautet: „Gott und die Welt sind gleichsam Zwillinge „

Eckhart meint, dass die Welt so alt ist wie Gott: „Auf einmal und zugleich, als Gott war, da er seinen ihm gleich ewigen Sohn als ihm völlig gleichen Gott erzeugte, schuf er auch die Welt“. Desgleichen kann zugegeben werden, dass die Welt von Ewig­keit her gewesen ist“. Gott und Welt gehören zusammen. Sie sind zwei Aspekte der einen Wirklichkeit.

Die Welt ist die Offenbarung des Göttlichen Prinzips. Gott kann nur in der Form erfahren und erkannt werden. Darum kehrt echte Mystik immer zurück in die Welt. Sie hat einen Weltauftrag.

Christliche, buddhistische und andere Redogmatisierungen geben manchen mystischen Erfahrungen einen weltfeindlichen Anstrich. Aber echte Mystik ist menschenfreundlich. Ein chassidisches Wort drückt das so aus: „Einer kauft sich im Winter einen Pelz, ein anderer Brennholz. Und was ist der Unterschied zwischen ihnen? Jener will nur sich, dieser auch anderen Wär­me spenden“ Echte Mystik versteht sich als Erlösungsweg des Menschen. Der „mystische Liebestod, der nicht zur Auferste­hung führt, ist ein Versagen!“

Der Teufel, unser Zwillingsbruder

Am Anfang der christlichen Religion steht die Dualität von Gott und Schöpfung, Licht und Dunkel, Michael und Luzifer, Versucher und Versuchten. Mit dem Glauben an Gott wurde uns der Glaube an den Teufel vermittelt. Mit diesem Glauben haben wir so manche Tragödie in der Weltgeschichte auf andere abgeschoben, statt die Gründe bei uns selbst zu suchen und Verantwortung zu übernehmen.

Mit dem Teufel versuchen wir, das Böse in dieser Welt zu erklären. Das Böse wurde personalisiert und, als die Gegenkraft des Göttlichen von Gott getrennt gesehen. Der Teufel wurde so zur Projektionsfigur, auf die man alles Böse abschob. Er steht für unseren persönlichen und für den kollektiven Schatten. Wenn es uns nicht gelingt, diese Dualität, die offensichtlich zur Struktur der Schöpfung gehört, in uns zur Harmonie zu bringen, bleiben wir den negativen Kräften dieses Kampfes ausgesetzt. Inquisitor und Angeklagter, Richter und Henker, Freund und Feind, Vorgesetzter und Untergebener finden sich in uns. In uns müssen wir sie zum Einklang bringen.

Die Teufelshypothese muss nicht aufrechterhalten werden. Sie ist sogar höchst bedenklich. Das, wofür der Teufel stand, soll aber deshalb nicht verschwinden. Wir brauchen etwas, was unsere Sensibilität dem Bösen gegenüber lebendig hält. Wir brauchen zeitgemäßere Metaphern für jene Macht des Bösen, die in jedem von uns relevant ist. Wir brauchen eine neue Sprache für das B öse. Was die christliche Tradition „Dämonen“ nennt, sind Kräfte, die wir nicht personifizieren müssen. Das wirklich Böse in unserer Welt hat andere Namen: Religiöser und politischer Machtmissbrauch, Unterdrückung der Schwachen durch ausbeuterische Wirtschaftssysteme, Umweltzerstörung, Genmanipulation, rassische und kulturelle Entwurzelung von Millionen durch Vertreibung und Flucht, Hass auf den Nachbarn und Verhaftetsein im Materiellen.

Nicht der Teufel hat die erste Atombombe geworfen, die Juden unter Hitler und die Gegner Stalins im Kommunismus vernichtet. Nicht der Teufel hat unter den Japanern im letzten Krieg die Menschen Südostasiens tyrannisiert. Nicht der Teufel hat die Kreuzfahrer auf den Weg geschickt. Nicht der Teufel hat die Scheiterhaufen von Inquisition und Hexenverfolgung angezündet. Nicht der Teufel zerstört unseren Lebensraum. Nicht der Teufel ist schuld, dass wir mit unseren Nachbarn nicht auskommen. Das Böse in uns ist am Werk. Dieses Böse in uns gilt es zu erkennen. Wenn wir es da erkannt haben, erfahren wir auch, dass wir an Verbrechen, die weit weg von uns begangen werden, beteiligt sind.

Wir erfahren als Einzelne immer stärker, dass wir mit allem verbunden sind im Guten wie im Bösen. Der Teufel ist Symbol für das Böse und so unser Zwillingsbruder. Er ist in unserer Persönlichkeitstruktur angelegt und gehört zum Strukturprinzip der Schöpfung. Wenn es uns gelingt, unsere Schattenenergien für das Gute fruchtbar zu machen, haben wir ihn als Gehilfen gewonnen, der tatsächlich das Gute schafft, obwohl er anscheinend das Böse will.

Eng mit dem Teufel verbunden ist die Angst vor der Hölle. Diese Angst kommt aus einem archaischen Gottesbild. Der Gott, der ewige Verdammnis auferlegen kann, spukt immer noch in den Köpfen. Mit einem dualistischen Denkmodell lässt sich die letzte Wirklichkeit aber nicht erklären. Die mystische Erfahrung ist immer eine Erfahrung der Einheit, sie ist Unio mystica, Ganzheit, Nicht­Zwei. Dazu gehört auch das, was wir Menschen böse nennen.

Der Wandel der Welt beginnt in uns

 

Grundlegende Wandlung der Welt wird niemals durch ein neues Gesellschaftssystern geschehen, sondern nur über den Wandel des Einzelnen. Wir schreien immer gleich nach dem großen Chirurgen, der die entscheidende Operation vornehmen soll. Aber wer wirklich die Weit ändern will, verlässt sich auf keinen Spezialisten. Nur wer selber aus dem Schema der Gesellschaft heraustritt und Habgier, Erwerbsucht, Machtstreben überwindet, wird etwas ändern.

Wir erwarten den großen Erlöser auch in der Religion von außen: Da macht es schon einer, wir brauchen uns nur an seinen Rockzipfel zu hängen. Wahre religiöse Führer jedoch wollten nicht erlösen. Sie haben vielmehr zur Umkehr aufgerufen, zur Metanoia, zur Wende nach innen, zum Wesentlichen hin, zu unserer göttlichen Natur. Aber der Mensch hat die Religionsstifter lieber zur Ehre der Altäre erhoben und betet sie an, statt diese Metanoia, die sie vorgelebt haben, an sich selbst zu vollziehen. Denn der Weg der Verwandlung ist lange und beschwerlich. Er führt über die Auseinandersetzung mit unserem Schatten und mit dem Teufel.

Die andere Anthropologie des Jesus von Nazareth

 

Wer war Jesus? Wir wissen nicht viel von ihm. Suchende Menschen hörten von ihm und seinem Wirken und schöpften aus seiner Lehre Deutung und Kraft für ihr Leben. Was der Bericht, der einem angeblichen Jünger von ihm namens Johannes zugeschrieben wird, von ihm und von uns sagt, ist revolutionierend. Da steht z. B.: „Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben“ (Joh 17,20fl) Und dann heißt es weiter: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“. „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit“. ‑“Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt“ ‑ Worte führen uns ins Begreifen und sie können uns das Begreifen verstellen. Oft ist es die Auslegung der religiösen Sprache, die uns das Begreifen verstellt. Ich will einfach sagen, in welcher Weise mir diese Worte Lebenshilfe geben.

Gott nennen wir Vater“, Jesus nennen wir „Sohn“, wir nennen uns „Kinder Gottes“ Was steht hinter diesen Metaphern? Gibt uns unsere christliche Religion, geben uns die genannten Begriffe Antwort auf diese Fragen: Was ist Gott, wer war Jesus, wer bin ich? Wer war Jesus? Können wir an Jesus ablesen, wer wir sind? Jesus ist der Typus des Menschen schlechthin. Er ist das Modell, an dem wir erkennen können, wer wir sind.

Er war ganz Mensch und er war ganz Gott, sagen wir als Christen. Er war ganz Mensch, das ist einleuchtend, aber was heißt: Er war ganz Gott? Wir sind ganz Mensch, das können wir verstehen, können wir auch mit Jesus sagen, ich bin ganz Gott?

Der Vater manifestiert sich im Sohn, d. h. in allen materiellen, psychischen und geistigen Formen. Es existiert nichts, was nicht Sohn des Vaters wäre. Es existiert nichts, was nicht aus ihm geboren wäre. Sohn ist also eine Umschreibung für alles, was geschaffen ist. Die Schrift sagt bei Johannes: „Nichts ist entstanden ohne ihn. In allem Geschaffenen war er das Leben“ (Joh 1,3)

Wir sind eine Epiphanie (Erscheinung) Gottes. Wir sind Söhne und Töchter Gottes. Die Schwierigkeit beginnt flür viele, wenn gefolgert wird, dass jeder Mensch „Sohn Gottes“ ist, ja, dass alles, was existiert „Sohn Gottes“ ist. Alles, was existiert ist Manifestation dieser Urwirklichkeit, die Jesus „Vater“ nannte. Jeder und jedes kann also sagen: „Ich bin Sohn Gottes“ In einer anderen Version sagen wir sogar: „Wir sind Kinder Gottes“ Jesus war ein Mensch wie wir, tief erleuchtet. Er unterscheidet sich nicht von uns, außer dass er immer in der Einheitserfahrung mit dem stand, was er „Vater“ nannte oder „Reich Gottes“ oder, wie Johannes es ausdrückt, „ewiges Leben“.

Diese tiefe mystische Einheitserfahrung wird ihm bei der Taufe bestätigt. Dort heißt es, dass eine Stimme erscholl: „Dieser ist mein geliebter Sohn“ Bei unserer Taufe wurde jedem von uns das Gleiche bestätigt. Damals öffnete sich gleichsam der Himmel über jedem und eine Stimme erscholl. Auch über uns ist dieses Wort gesprochen.

Jesus ist das Modell, an dem wir ablesen sollen, wer wir sind. Jesus hat diese göttliche Seinsweise nirgendwo für sich allein in Anspruch genommen. „Das Reich Gottes ist in Euch“, sagte er. „Du musst wiedergeboren werden“, erklärt er Nikodemus, „dann kannst Du erfahren, wer du bist“. Wem diese Metanoia, diese Wende nach Innen, gelingt, der erfährt, dass er eins ist mit diesem Urprinzip, das wir Abendländer Gott nennen. Und er wagt dann sogar zu sagen: „Bevor Abraham ward, bin ich“. Denn was wir zutiefst sind, göttliches Leben, kennt keine Zeit.

An Jesus können wir ablesen, wer wir sind. Söhne und Töchter Gottes, Kinder des ewigen Vaters. Das sind Bilder und Metaphern, die wir zu deuten haben. Eckhart drückt es mit dem Wort „Gottesgeburt in der Seele“ so aus: „Und es gebiert der Vater seinen Sohn in der Seele in derselben Weise, wie er ihn in der Ewigkeit gebiert und nicht anders. … Er gebiert mich als seinen Sohn und als denselben Sohn. Ich sage noch mehr: Er gebiert mich nicht allein als seinen Sohn; er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Sein und als seine Natur. … Was Gott wirkt, das ist eins; darum gebiert er mich als seinen Sohn ohne jeden Unterschied. … und ich bin derselbe Sohn und nicht ein anderer“ (Quint, 185,25) Es trifft auch auf uns zu, was Jesus von sich sagt: „Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt“. Eckhart geht bis zur letztmöglichen Einheit. Darum sagt er in der gleichen Predigt: „Ich dachte neulich darüber nach, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir sehr wohl überlegen, denn wenn ich von Gott (etwas) nehmen würde, so wäre ich unter Gott wie ein Knecht und er im Geben wie ein Herr. So aber soll es mit uns nicht sein im ewigen Leben“ (Quint, 186,14). Josef Quint, Meister Eckhart, München 1979, S. 29. 7 A. a. 0., S. 180.

Wir sind gottesgestaltig. Jesus sagt aus seiner Einheitserfahrung heraus: „Ich und der Vater sind eins“ und „Wer mich sieht, sieht den Vater“. Und er sagt: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“. „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit. Unter „eins sein“ verstehe ich nicht Einigkeit, sondern Einheit. In der Eucharistie feiern wir diese Einheit von Gott und Mensch. Darin liegt ihre tiefste Bedeutung. Brot und Wein sind nur die Exponenten für die ganze Schöpfung. So wie auf dem Altar nicht nur Brot und Wein sind, sondern auch diese andere Dimension, die wir Gott nennen, so sind auch wir nicht nur Menschen aus Fleisch und Blut, aus Psyche und Geist. Auch in uns offenbart sich diese andere Dimension Gott. Wir sind gottesgestaltig. Das sagt auch der Mystiker, wenn er diese Einheitserfahrung macht. Und das sagt nicht nur der klassische Mystiker des Mittelalters. Immer wieder brechen Menschen, die ich begleiten darf, zu einer Erfahrung durch, aus der heraus sie tief erschüttert das Gleiche bekennen. Wir essen uns selber im Brot auf dem Altar, wie Augustinus meint. Religion bedeutet nichts anderes, als die Welt mit anderen Augen sehen, mit den Augen, die von innen sehen. Uns selbst und die Welt in einer Weise zu begreifen, die nicht um das kleine Ich kreist.

Wir Christen haben uns klein geredet. Wir haben zu viel von Sünde und Moral gesprochen und zu wenig von unserem Adel, dem Adel, den uns Jesus verkündet hat. Unsere Religion ist zur Karfreitagsreligion geworden, es fehlt die Auferstehung und die Freiheit, die uns Jesus gebracht hat.

Religion und Heilige Schriften

 

Mystiker und Heilige Schriften kann man auf ganz verschiedener Ebene lesen und verstehen. Ein deutliches Beispiel scheint mir im Neuen Testament das Gespräch Jesu mit der Samariterin zu sein. (Joh 4,5) Er spricht schon längst vom Wasser des Lebens, während die Frau immer noch das natürliche Brunnenwasser meint.

Jesus verweist bei dieser Gelegenheit auch auf die Tatsache, dass Gott nicht etwas ist, was man auf diesem oder jenem Berg anbeten kann, sondern dass Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden muss: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,24)

Wenn Jesus vom Vater gesprochen hat, meinte er damit nicht ein väterliches Superego. Er wollte einen Gott aufzeigen, der, weder sinnenhaft noch intellektuell begreifbar, nur erfahrbar ist. Für die meisten Menschen jedoch war Gott aber Vater, der liebt und straft, selig macht und verdammt.

Wer meint, das Absolute sei eine Art großer Vater, der über alle wacht wie ein Schäfer über seine Herde, der praktiziert Religion wie ein Bittsteller. Sein Ziel ist schlicht und einfach, Schutz und Segen jenes Gottes zu erhalten und ihm als Gegenleistung Verehrung und Dankbarkeit entgegenzubringen. Er versucht in Übereinstimmung mit dem zu leben, was er für Gottes Gesetz hält, und hofft, dass er dafür den Lohn des ewigen Lebens erhält. Diese Art von Religion verfolgt das Ziel, erlöst zu werden, erlöst von Schmerzen, von Leiden, vom Übel, letzten Endes sogar vom Tod.

Angelus Silesius und Eckhart ‑ um nur zwei zu nennen ‑ haben die Schrift auf einer ganz anderen Ebene verstanden. Sie haben sie von ihrer religiösen Erfahrung her interpretiert. So dichtet Angelus Silesius: „Wer Gott um Gaben bitt‘, der ist gar übel dran. Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an“. Eckhart sagt: „Du erniedrigst den unendlichen Gott zur melkenden Kuh, die man um der Milch und des Käses, um des eigenen Profits willen schätzt. Diese machen aus Gott eine Ziege, füttern ihn mit Wort-Blättem. Ebenso machen sie aus Gott einen Schauspieler, geben ihm ihre alten und schlechten Kleider“.

„Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, (also) von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt. Man mag dich zwar wohl hinnehmen, aber das Beste ist es doch nicht. Denn wahrlich, wenn einer wähnt in Innerlichkeit, Andacht, süßer Verzücktheit und in besonderer Begnadung Gottes mehr zu bekommen als beim Herdfeuer oder im Stalle, so tust du nicht anders, als ob du Gott nähmest, wändest ihm einen Mantel um das Haupt und schöbest ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in einer (bestimmten) Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist. Wer aber Gott ohne Weise sucht, der erfasst ihn, wie er in sich selbst ist; und ein solcher Mensch lebt mit dem Soh“ne und der ist das Leben selbst“.

Solche Beispiele dürfen uns nicht dazu verleiten, das mündliche Beten zu verachten. Eckhart war Priester und Ordensmann. Er hat sicher die Messe gelesen und das Offizium gebetet. Solange wir Menschen sind, werden wir das Göttliche ansprechen und auch feiern. Das können wir nur in Wort, Bild, Zeremonie und Ritus. Es ist jedoch wichtig, sich dabei bewusst zu bleiben, dass dies nur „Finger“ sind, die auf den Mond zeigen. Es sind wohl nur ganz wenige Menschen berufen, sich in einen liturgielosen Raum zurückzuziehen.

Heilige Schriften und Religion insgesamt sind also Niederschlag tiefer mystischer Erfahrung, und umgekehrt ist es Aufgabe der Religion, den Menschen zu einer solchen Erfahrung zu wecken.

Willigis Jäger: aus Wiederkehr der Mystik, 4. Auflage, 2006, Herder

September 21, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar