Ansichten

Neoklassische Annahmen

Das Saysche Theorem eine neoklassische Annahme

 

Die heutige volkswirtschaftliche Lehre und Forschung fußt auf der Theorie der Neoklassik. Eine ihrer Glaubensätze besagt:

Die Produktion (das Angebot) von Gütern schafft ihre (seine) eigene Nachfrage nach Gütern.

 

Diese Aussage wurde als Saysche Theorem im Jahre 1803 von Jean-Baptiste Say formuliert. Sie wird von der heutigen neoliberalen, angebotsorientierten Wirtschaftspolitik vertreten, deren Credo lautet: Alles ist zu fördern, das die Güterproduktion erleichtert. Das sind Steuererniedrigung für Unternehmer, Rückfahren von Lohnforderungen, denn sie sind Produktionskosten (über Kapitalkosten wird nicht gesprochen) und die Förderung von Geldakkumulation, weil das die Investitionen fördert.

Wie soll es durch die Stärkung der Angebotsseite zur Nachfrageerhöhung kommen? Gemeint ist Folgendes:

In einer Fabrik werden Fahrräder hergestellt. Deren Arbeiter erhalten dafür Lohn. Mit dem verdienten Geld kaufen sie Produkte anderer Hersteller. Die Fabrikbesitzer und die anderen Hersteller erwirtschaften Gewinn. Ein Teil des gewonnenen Geldes fließt in Investitionen oder zu Zulieferer, die damit mehr Geld in ihren Taschen haben. So steigt die allgemeine Kaufkraft und es gibt genügend Leute, die sich heue Fahrräder kaufen können.

 

Dahinter steht die richtige Vorstellung, dass in einer Volkswirtschaft die heutigen Ausgaben die zukünftigen Einnahmen sind. Dies kann als ein volkswirtschaftliches Axiom bezeichnet werden und lautet: In einer Volkswirtschaft, die durch Geldwirtschaft gekennzeichnet ist, gilt, dass die volkswirtschaftlichen Ausgaben die zukünftigen Einnahmen sind oder anders betrachtet, bei einer stabilen (!) Volkswirtschaft ist die Summe aller Ausgaben gleich der Summe aller Einnahmen.

Dieser Aussage liegt das volkswirtschaftlich Kreislaufmodell zugrunde: Während das Geld in die eine Richtung fließt, strömen entgegengesetzt die Güter bzw. Leistungen. Die Neoklassiker konstruieren daraus aber eine Automatik: Die Ausgaben erzwingen die Einnahmen und die Einnahmen bewirken automatisch auch die Ausgaben.

 

Nur was passiert mit einer Volkswirtschaft, in der das eingenommene Geld nicht wieder ausgegeben wird ? Zum Beispiel wird das Geld auf Schweitzer Konten verschoben oder in internationalen Spekulationsblasen transferiert, weil dort höhere Rendite winken, anstatt die heimischen Wirtschaft anzukurbeln, deren Absatzmarkt bereits gesättigt ist? Oder die Fabrikbesitzer leben im Ausland und investieren den Gewinn lieber dort. Oder das Geld wird schlicht und einfach bar gehortet mit dem Ziel, es für ein günstiges Schnäppchen auszugeben.

 

Die angebotsorientierten Vorschläge der Neoliberalen blenden die eigenständige Wirkung unseres Geldsystems auf die Wirtschaftsprozesse völlig aus.

Vor allem blenden sie die Verteilungsfrage aus.

Die Probleme treten dann auf, wenn große Teile des eingenommene Geld sich auf wenige Personen verteilt. Bei diesem Personenkreis häuft sich ein Überschuss von Geldvermögen an. Wenn dieses Geld nicht wieder ausgegeben wird, sei es als Konsum oder Investition (eine besondere Konsumart), sondern in die Schweiz verschoben wird oder in Spekulationsblasen verschwindet, fehlt es der Volkswirtschaft. Diesem nicht ausgegebenen Überschuss stehen produzierte Güter, bzw. Leistungen gegenüber, die nicht vom Markt geräumt werden. Unternehmen gehen pleite, die Volkswirtschaft schrumpft.

 

Ein Rechenbeispiel möge das Problem verdeutlichen.

Hier wird die sog. reiche Gruppe, bei der die Einnahmen größer sind als die Ausgaben und die einen Bevölkerungsanteil von 25% umfassen soll, in ihren Einnahmen dem großen Rest der Bevölkerung gegenübergestellt. Die Annahme von 40% Einnahmeanteil dieser Bevölkerungsgruppe am BIP, hier mit 2000 Mrd. €./Jahr angegeben, kommt der bundesrepublikanischen Wirklichkeit recht nahe. Beim großen Teil der Bevölkerung sind im Wesentlichen die Ausgaben so groß wie die Einnahmen. Die Ausgaben des kleinen reichen Teils mögen bei konstant (!) z.B. 720 Mrd. Euro/Jahr liegen, das sind 36% des anfänglichen (!) BIP von 2000 Mrd. €. Der Gewinn würde dann anfänglich bei 4% BIP liegen oder 10% des anfänglichen Einkommens, der voraussetzungsgemäß angehäuft wird. Da die Ausgaben immer auch die zukünftigen Einnahmen sind, schrumpft das BIP im folgenden Jahr, in unserem Beispiel um 80 Mrd. € (4% von 2000). Das BIP schrumpft unter diesen Voraussetzungen solange , bis die Ausgaben der reichen Gruppe gleich deren Einnahmen sind, d.h. bis in unserem Beispiel 720 Mrd. € 40% des dann erreichten BIP ausmachen, also auf 1800 Mrd. €. Der Gewinn ist dann natürlich auf null geschrumpft (Marx: tendenzielle Fall der Profitrate = Keynes: Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals).

Das Entscheidende bei diesem Vorgang ist, dass der reiche Teil seine Einnahmen nicht konsumieren kann und dadurch Vermögen anhäuft. Diente diese Anhäufung nun auch dazu, die anfänglich ungleiche Einkommensverteilung zu Lasten des ärmeren Teils weiter zu verschieben, z.B. durch Rationalisierungs-Investitionen oder Kreditvergabe, würde sich letztlich die Krisendynamik verschärfen.

Unser Wirtschafts- und Geldsystem kann so nicht krisenfest funktionieren:

Eine extrem ungleichmäßige Einkommensverteilung führt zu wirtschaftlichen Störungen. Solche Einkommensverhältnisse entstehen vor allem dann, wenn es in der Gesellschaft Möglichkeiten gibt, durch den bloßen Besitz von knappen, aber für alle notwendigen Gütern leistungsloses Einkommen zu erzielen (gewinnbringendes Vermögen, s. www.dr-wo.de/schriften/feudalismus/) . In einer modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaft sind:

  • Produktionsmittel knappe Güter. – Ihr Besitz führt zu Profiten.
  • Weiterhin ist der Boden ein knappes, nicht vermehrbares Gut. – Sein Besitz führt zur Bodenrente.
  • Aber besonders ist Geld ein solches Gut, denn das Geld ist nicht nur bloßes Tausch- , sondern auch Aufbewahrungsmittel, das durch Hortung (Verschiebung, Spekulation) dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden kann und dadurch knapp wird. Dies ist die Liquiditätspräferenz des Geldes, die dazu führt, dass der Zins nicht unter den Liquiditätswert (erfahrungsgemäß 2%) sinkt. – Der Besitz von Geld führt in unserem Geldsystem zum Zins als leistungsloses Einkommen.

 

Eine langfristig wirksame und nachhaltige Therapie kann nur in Maßnahmen liegen, die verhindern, dass durch den Besitz von knappen gesellschaftlich nötigen Gütern, im großen Stil leistungsloses Einkommen erzielt wird, z.B. durch den Besitz von Geld, Boden, Produktionsmitteln u.a..)

Das kann sein:

  • eine Besteuerung der Kapitalvermögen
  • eine Besteuerung von Kapitalerträgen
  • eine Besteuerung liquider Mittel, durch Einführung einer Rückhaltegebühr (s. H. Creutz: Das Geldsyndrom; u. www.INWO.de)

Steuern in der Art der Tobin‑Steuer, bzw. Besteuerung von Finanztransfer

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September 21, 2007 Posted by | Wirtschaft | 2 Kommentare

Das Elend der naturwissenschaftlichen Annahmen

 

Das Elend der naturwissenschaftlichen Annahmen

Eine meiner hartnäckigen Überzeugungen ist die Annahme, die Dinge, die wir wahrnehmen, gäbe es an sich, getrennt von den anderen – Tief in meinem Inneren ist eingebrannt, daß in unserer Welt voneinander unabhängig existierende Objekte auf voll vorhersagbarer Weise aufeinander einwirken. Dabei hat diese Weltsicht – und sie ist eine spezielle, seit der Aufklärung existierende, vom Christentum beeinflußte Sicht – bis in das politische Handeln Folgen: Die so verbreitete Unterscheidung zwischen Völkern, Rassen, Nationen, Familien, Berufen, schlechte und böse Menschen usw. , hat eine ihrer Wurzeln in jener Denkweise, welche die Dinge als an und für sich voneinander getrennt (inhärent), unverbunden und „zerstückelt“ in noch kleinere Bestandteile vorstellt. Ich ordne mich da gut in die Reihe der meisten Naturwissenschaftler und Ingenieure ein, die über den Rand ihres Spezialwissen nur mühsam sehen können, dabei aber die Sichtweise haben, daß ihre Vorstellungen die allgemeine Sichtweise sei. Eine Erklärung gibt das folgende Zitat:

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Physik zum Modell nicht nur des physikalischen Universums, sondern auch des menschlichen Verhaltens geworden…….Jede Wirkung mußte eine bekannte Ursache haben. Jede Ursache mußte zu erklärbaren (meßbaren! ) Wirkungen führen. Damit wurde Zukunft eine logische Folge der Vergangenheit…. Selbst unser Denken mußte in irgeneiner Weise mit der Maschine Newton erklärt werden… Sie forschten nach allgemeinen Gesetzen, mit denen sich die Geschichte und das menschliche Verhalten erklären ließen. Karl Marx, z.B., nahm an, das Subjekt jeder Veränderung sei die Materie (was immer man damals unter Materie verstand!), und jede Veränderung sei das Ergebnis eines fortwährenden Konfliktes zwischen den Widersprüchen, die allen Dingen innewohnten…Diese Theorie, die als dialektischer Materialismus bekannt ist, erinnert in mancher Hinsicht an das zweite Newtonsche Axiom, das besagt, daß die Ursache einer Bewegungsänderung eine Kraft ist, und daß es die Materie ist, auf die die Kraft einwirkt…. (F.A. Wolf; Der Quantensprung ist keine Hexerei, Birkhäuser, 1986, S. 54 ff)

Diese Sichtweise ist auch heute noch die herrschende Sichtweise der Naturwissenschaftler. Dazu folgender Text:

Peter Mulser, Prof. f. theoretische Physik: Über Voraussetzungen einer quantitativen Naturbeschreibung;

In: V. Braitenberg/Inga Hosp (Hg.), Die Natur ist unser Modell von ihr, rororo, 1996, S. 156 ff

<<Das philosophische Nachdenken hat das Denken überhaupt geschärft und sukzessive zahlreiche vermeintlich tiefe Probleme als grundsätzlich unlösbar und somit als Scheinprobleme entlarvt. Wohl berühmtestes Beispiel ist das nicht erkennbare Kantsche «Ding an sich». Es scheint, als seien Erfolg und Nutzen philosophischen Denkens in der Aufgabe von Positionen und in der freiwilligen Beschränkung am größten gewesen. Der andere Aspekt traditioneller Naturerkenntnis und ‑Philosophie ist ihr Mangel an Folgerichtigkeit, die qualitative Naturbeschreibung tritt auf der Stelle. Sie lebt, in ihren besten Vertretern, von der Bildung neuer interessanter Assoziationen und geistreicher Bezüge und gehört somit mehr in das Reich von Kunst und Dichtung. In diesem vorwissenschaftlichen Feld kommt der Philosophie als Anreger und Wegbereiter, und auch als Regulativ für Geist und Psyche, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Nur darf sie nicht den Anspruch gesicherter Erkenntnis erheben. Diese nämlich setzt als Postulat Nachprüfbarkeit voraus und fordert das Experiment.

Das Experimentieren als systematisches Befragen der Natur kannte das alte Denken nicht. Es ist eine echte Erfindung am Übergang zur Neuzeit, mit einschneidenden Folgen für Denken und Handeln. Die neue Methode der Naturwissenschaften führt zu systematischem Wissensaufbau und zu Lehr‑ und Übertragbarkeit von Wissen über alle historischen Kulturen hinweg. Wie durchschlagend ihr Erfolg war, geht aus der Tatsache hervor, daß die Naturwissenschaften ganze Themenkomplexe der Philosophie entrissen und letztere in ihr Vorfeld verwiesen, wo sie sich um die Grundlegung der wissenschaftlichen Disziplinen bemüht. (S. 156)……

Worauf gründet sich dieser Erfolg der Naturwissenschaften? Auf die Existenz isolierter und isolierbarer oder zumindest verdünnbarer Systeme. Diese Eigenschaft erlaubt die Ordnung nach « reinen » Fällen. Sie führt zu Reproduzier‑ und Steuerbarkeit. Bis heute haben die Wissenschaftler durch Abtrennen, durch « Zerhacken » immer wieder Erfolg gehabt. Wer weiß, wo und wie dieser Vorgang zum Stillstand kommen wird?

Und der Herausgeber Valentin Braitenber schreibt (S.11):

Schließlich entscheidet immer der Erfolg über die Bilder, die wir uns von der Welt machen: Die erfolgreichen sind wahr, die anderen nennen wir Irrtümer.>>

 

Die Naturwissenschaftler sollten es anders wissen, wenn sie gründlich wären. Gründlich, da meine ich, sie müßten sich mit den Grundlagen ihrer Wissenschaft beschäftigen und das ist heute die Relativitäts- und Quantentheorie.

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DasElend+Leere

 

 

 

 

 

September 21, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar

Mystik und Wirklichkeit

MYSTIK UND WIRKLICHKEIT

Die mystische Erfahrung

Das mystische Bewusstsein könnte beschrieben werden als eine Dimension des Erfahrens, in der alles so ist, wie es ist, und so wie es ist, auch vollkommen ist. Dort ist man nicht glücklich und nicht unglücklich, nicht zufrieden oder unzufrieden, nicht froh und nicht traurig. Frohsein wäre bereits ein Weniger, genauso Traurigsein. Angenommensein und Liebe gehören bereits zu einer untergeordneten Region. Es gibt keine Seligkeit, kein Glück im Sinne eines Gefühls. Alle anderen Bewusstseinsebenen erscheinen daneben relativ, während jener Zustand in sich geschlossen und vollkommen ist und bis aufs Äußerste erfüllt. Die anderen Bewusstseinszustände sind vorläufig und unerfüllt. In diesem Bewusstsein sind Form und Formlosigkeit eins. Es ist die Erfüllung all unserer Sehnsüchte. Es gibt dort nicht Subjekt und Objekt, sondern nur Sein. Dort erfährt der Mensch seinen göttlichen Ursprung und er ist geneigt zu sagen „Ich bin Gott“ Dieses Wort enthält jedoch keinerlei Arroganz. Darin ist kein Ich. Es ist vielmehr getragen von einer ungeheueren Demut und begleitet vom Bedürfnis, allen Lebewesen zu dieser Erfahrung zu verhelfen. Hier hat das erste Gelübde des Buddhismus seinen Grund: „Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe, sie alle zu retten“

Im mystischen Bewusstsein erkennt der Mensch, dass sein rationales Verständnis dieser Welt nur wie der Blick durch ein Schilfrohr zum Himmel ist, also ein sehr begrenzter Teilausschnitt. Unser konzeptionelles Verständnis des Kosmos, mag es‘ noch so wissenschaftlich sein, ist ein erbärmliches Teilverständnis. Von dieser Sicht aus ist Wissenschaft einengend. Allmählich jedoch beginnt die Wissenschaft, das transpersonale Bewusstsein in ihre Forschungen mit einzubeziehen; denn sie hat gemerkt, dass die Welt mit den Newtonschen und Cartesianischen t Kategorien allein nicht erklärbar ist.

Mit unseren wissenschaftlichen und religiösen Systemen machen wir eine Menge kosmischen Lärm und meinen, wir könnten damit Gott erreichen. Unsere Gebete, unsere Gedanken an Gott sind jedoch angesichts dieser großen mystischen Erfahrung nicht mehr als das Kochen im kleinen Reagenzglas Ich.

Die Gefahr, dass wir uns mit all unseren Vorstellungen von Gott selber anbeten, ist sehr groß. Die Idolatrie religiöser Begriffe ist die große Gefahr der Religion. Wir sind arrogant, wenn wir uns von Gott ein Bild machen oder ihn in unseren Konzepten festhalten. Eckhart sagt mit Recht: „Einen Gott, den ich begreifen kann, das ist nicht Gott‘

Unsere religiösen Systeme gleichen Computerprogrammen. Wie der Computer außerhalb seiner Programme keine neuen Erkenntnisse liefern kann, so bleiben auch die theologischen Aussagen über Gott eng begrenzt, wenn wir sie nicht erweitern durch die mystische Erfahrung. Das systeminterne Denken ist das große Hindernis der Theologie.

Wir haben auch zu lernen, dass Mystik sich nicht unbedingt in einem frommen Vokabular ausdrücken muss, als ob mystische Zustände etwas mit Bigotterie oder Betschwesterntum zu tun hätten. Mystik ist vielmehr die Erfahrung des Alltäglichen, des Hier und Jetzt. Diese Erfahrung kann sehr banal sein. Sie kann im Verwesen genauso gemacht werden wie in einer aufblühenden Blume, dem Wind oder einer religiösen Zeremonie. Wir müssen uns auch klar darüber sein, dass es wohl Lebewesen gibt, deren Bewusstsein ganz anders organisiert ist als das unsere.

So ist es Zeit, die Sicherheit unseres Ichbewusstseins etwas zu erschüttern und mutig in andere Bewusstseinsräume vorzudringen. Manche Menschen bekommen Angst. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, als unsere Angst einzugestehen und trotzdem weiterzugehen. Manche bekommen Zweifel, weil ihr Glaubensgebäude erschüttert wird. Freilich kann eine enge, dogmatisch verstandene Konfession ein Hindernis sein, in dieses neue Bewusstsein hineinzugehen, aber wenn wir unsere Heiligen Bücher neu lesen lernen, finden wir darin Möglichkeiten, auch unser Glaubensverständnis zu interpretieren.

Ein anderes Weltbild

 

Wir definieren, diagnostizieren, therapieren, philosophieren, theologisieren noch immer auf der Grundlage eines Welt‑ und Menschenbildes, das überholt ist.

Ich werde versuchen, an die Stelle eines naiven Homozentrismus und Geozentrismus ein anderes Menschen‑ und Weltverständnis zu setzen. Ich möchte dabei nicht überzeugen, sondern die Augen für eine neue Perspektive von Leben und Sterben öffnen. Oft ist es ein Erkenntnisschub, der unser Weltbild erschüttert. Einen solchen Erkenntnisschub brachten für mich meine persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre und die Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Dabei bin ich kein Naturwissenschaftler und verstehe nur sehr laienhaft die mathematischen Formeln und physikalischen Vorgänge. Wir haben uns im Westen einseitig entwickelt. Die Ratio dominiert in einer verheerenden Weise. Wir sind falsch erzogen. Erziehung sollte Vorbereitung auf die Inspirationen aus unserem tiefsten Wesen sein. Ratio und Psyche sollten Ausdrucksformen unseres wahren Wesens werden. Aber wir trainieren vom Kindergarten bis zur Habilitation nur unsere Ratio. Es wurde bisher noch kein Curriculum entwickelt, um Menschen in eine umfassendere Bewusstseinsebene zu führen.

Mit einem Bild ließe sich dieses Weltverständnis erläutern: Es ist das Bild vom Tänzer und vom Tanz. Gott sehe ich als den Tänzer, der gleichsam das Universum tanzt. Seine Tanzschritte sind die Evolution. Tänzer und Tanz können nur zusammen auftreten. Es gibt keinen Tanz ohne Tänzer und keinen Tänzer ohne Tanz. Es gibt keine Form ohne Geist. Der Tanz ist zeitlos. Es gibt darin nicht Anfang und nicht Ende. Jeder Moment ist das Ganze und er ist vollkommen. Und nur im Augenblick können wir diese Wirklichkeit erfahren. Man tanzt nicht, um mit einem Tanz zum Ende zu kommen. Man tanzt um des Tanzes willen. In dieser psychosomatischen Form Mensch bin ich ein ganz individueller, unverwechselbarer, kostbarer Schritt dieser Urwirklichkeit. Darin liegt die Einmaligkeit und Bedeutung dieser meiner Existenz und darin liegt die Bedeutung aller möglichen Seinsweisen. Es ist immer die Urwirklichkeit, die sich in der jeweiligen Form ausdrückt, und es geht immer darum, sich als diese Urwirklichkeit zu erfahren.

Die Schwierigkeit, Wirklichkeit zu benennen

 

Ein in der christlichen Tradition gebrauchtes Wortpaar für die verschiedenen Formen der Spiritualität ist „kataphatisch“ und „apophatisch“ (kata = hinab, hinein; apo = weg). Es gibt wohl keine Religion, die nicht einen zweifachen Weg zu Gott zeigt. Die kataphatische Spiritualität arbeitet mit Bewusstseinsinhalten, d. h. mit Bildern, Symbolen, Vorstellungen und Begriffen. Sie ist inhaltsorientiert und geht von der Überzeugung aus, dass der Mensch Bilder und Begriffe braucht, um Gott zu erkennen, und dass sie für die Entfaltung des religiösen Lebens von größter Bedeutung sind.

Die apophatische Spiritualität ist auf das reine, leere Bewusstsein hin orientiert. Inhalte werden als Hindernis angesehen. Solange das Bewusstsein an Bildern oder Konzepten festhält, ist es noch nicht dort, wo die eigentliche Erfahrung Gottes möglich ist. Bilder und Vorstellungen verdunkeln das Göttliche mehr als dass sie es erhellen. Sie sind Glasfenster, die vom Licht, das dahinter leuchtet, erhellt werden. Wer das Licht sehen will, muss hinter die Glasfenster schauen. Der fundamentale Unterschied in den Religionen liegt also nicht in den Lehren und Riten der einzelnen Religionen, sondern zwischen der esoterischen oder exoterischen Spiritualität dieser Religionen.

Gott ‑ ein Prozess

 

Die Urwirklichkeit, die wir „Gott“ nennen, ist nicht statisch, sie ist auch nicht im rationalen Sinne linear. Sie zielt nicht auf einen Punkt Omega. Sie ist immer gleichzeitig Alpha und Omega. Die Wellen kommen und gehen, das Meer ist immer gleichbleibend. Die Energien verändern die Oberfläche. Nicht das Wasser fließt weiter, die Energien schaffen aus Wasser neue Wellen. Mit anderen Worten: Gott offenbart sich im Baum als Baum und im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Und wenn der Mensch stirbt, offenbart sich Gott im Sterben und Verwesungsprozess. Was bleibt, ist nicht notwendigerweise eine individuelle oder personale Struktur, wie sie sich der Mensch vorstellt. Es ist eine neue Seinsweise. Das gleiche göttliche Leben offenbart sich in einer neuen Struktur. Ob diese vollkommen neue individuelle oder personelle Struktur eine Verbindung mit der vorausgehenden Form behält, ist für mich unwichtig. Wiedergeboren wird immer nur dieses Urprinzip Gott. Ganz gleich in welcher Form wir eventuell wiederkommen, es ist immer eine Form Gottes. Man könnte dies eine kosmische Religiosität nennen. Ansätze einer solchen Religiosität sind deutlich sichtbar. Aber zunächst kann sie sich wohl, wie das eigentlich immer war, nur auf Häretiker, heilige Narren, Weise und Nonkonformisten stützen. Im römischen Katechismus kommt der Begriff „Mystik“ nicht einmal vor.

Es dauert noch einige Zeit, bis die Spezies Mensch sich als eine zeitbedingte und vergängliche Spieler Gottes verstehen kann. Manche Religionen erlagen der Versuchung, durch Schrecken zu herrschen, wenn ihnen die Inspiration fehlte. Sie drohten mit Vergeltung im Jenseits oder mit einer schlimmen Wiedergeburt, mindestens aber mit Verbrennen der Leiber und Schriften.

Ursünde oder Individuation?

 

Was wir gemeinhin Ursünde nennen, ist keine Sünde. Sie ist vielmehr ein notwendiger Schritt in der Menschheitsentwicklung. Der Mensch musste aus dem paradiesischen Zustand der Symbiose heraus. „Die psychologische Grundtatsache, dass das Ich vom wahren Selbst und von der Ganzheit der Psyche abgetrennt und selbständig geworden ist, wird theologisch projiziert in dem Mythos vom Abfall des Menschen von Gott und vom Abfall der Welt vom Urzustand“ (E. Neumann, Kulturentwicklung und Religion, Frankfurt/M. 198 1, S. 178.)

In Wirklichkeit fällt nicht das böse menschliche Ich vom göttlichen Selbst ab, sondern umgekehrt, Gott zieht sich gleichsam zurück, damit der Mensch erwachsen werden kann. Erwachsen zu werden ist ein schmerzhafter Prozess, den auch die Mystik durchaus kennt. Es gehört zum Weg der Verwandlung, am Kreuz diese Spannung zu erleiden.

In der Persönlichkeitsentfaltung des Mystikers handelt es sich also nicht, wie oben bereits gesagt, um einen regressiven Prozess der Ichauflösung. Der mystische Weg wird immer durch eine Ichstärkung vorbereitet. Das Ich entfaltet sich auf dem Weg. Am Ende steht nicht eine Ichauflösung, sondern das Bewusstsein verändert sich, bis nicht mehr das Ich das Zentrum darstellt, sondern das Selbst, um welches das Ich kreist.

Die falsche Mystik kann das Abgründige des Numinosen nicht annehmen, darum erklärt sie die Welt für gefallen, verschuldet, gesunken, verführt, getäuscht und verdorben. Sie will es nicht wahrhaben, dass Leben und Schöpfung in der Polarität und Spannung geschehen müssen, zu der auch der Teufel, das Böse, die Schuld, die Sünde und der Tod gehören. Falsche Mystik hält letztlich die Schöpfung für einen Irrtum Gottes oder für das Werk eines zweitrangigen Demiurgen.

Worauf dagegen wahre Mystik aufbaut, umschreiben folgende Aussagen:

Es gibt eine Deutung von Baal‑Schem‑Tow, dem Begründer der chassidischen Bewegung, zu dem Satz: „Mit Gott ging Noa“. Dort heißt es am Ende: „Darum, wenn sich der Vater von ihm entfernte, wusste Noa: Das ist, damit ich gehen lerne.“ Gott musste den Menschen gleichsam allein lassen, wie eine Mutter ihr Kind allein lassen muss, damit es selbständig wird.

Ein Sufitext lässt Gott sprechen: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; deshalb schuf ich die Welt. Wir haben in dieser Welt Gott zu erkennen. Und wir haben zu erkennen, dass wir eine Erscheinungsform Gottes sind. Ein Wort aus dem Judentum lautet: „Gott und die Welt sind gleichsam Zwillinge „

Eckhart meint, dass die Welt so alt ist wie Gott: „Auf einmal und zugleich, als Gott war, da er seinen ihm gleich ewigen Sohn als ihm völlig gleichen Gott erzeugte, schuf er auch die Welt“. Desgleichen kann zugegeben werden, dass die Welt von Ewig­keit her gewesen ist“. Gott und Welt gehören zusammen. Sie sind zwei Aspekte der einen Wirklichkeit.

Die Welt ist die Offenbarung des Göttlichen Prinzips. Gott kann nur in der Form erfahren und erkannt werden. Darum kehrt echte Mystik immer zurück in die Welt. Sie hat einen Weltauftrag.

Christliche, buddhistische und andere Redogmatisierungen geben manchen mystischen Erfahrungen einen weltfeindlichen Anstrich. Aber echte Mystik ist menschenfreundlich. Ein chassidisches Wort drückt das so aus: „Einer kauft sich im Winter einen Pelz, ein anderer Brennholz. Und was ist der Unterschied zwischen ihnen? Jener will nur sich, dieser auch anderen Wär­me spenden“ Echte Mystik versteht sich als Erlösungsweg des Menschen. Der „mystische Liebestod, der nicht zur Auferste­hung führt, ist ein Versagen!“

Der Teufel, unser Zwillingsbruder

Am Anfang der christlichen Religion steht die Dualität von Gott und Schöpfung, Licht und Dunkel, Michael und Luzifer, Versucher und Versuchten. Mit dem Glauben an Gott wurde uns der Glaube an den Teufel vermittelt. Mit diesem Glauben haben wir so manche Tragödie in der Weltgeschichte auf andere abgeschoben, statt die Gründe bei uns selbst zu suchen und Verantwortung zu übernehmen.

Mit dem Teufel versuchen wir, das Böse in dieser Welt zu erklären. Das Böse wurde personalisiert und, als die Gegenkraft des Göttlichen von Gott getrennt gesehen. Der Teufel wurde so zur Projektionsfigur, auf die man alles Böse abschob. Er steht für unseren persönlichen und für den kollektiven Schatten. Wenn es uns nicht gelingt, diese Dualität, die offensichtlich zur Struktur der Schöpfung gehört, in uns zur Harmonie zu bringen, bleiben wir den negativen Kräften dieses Kampfes ausgesetzt. Inquisitor und Angeklagter, Richter und Henker, Freund und Feind, Vorgesetzter und Untergebener finden sich in uns. In uns müssen wir sie zum Einklang bringen.

Die Teufelshypothese muss nicht aufrechterhalten werden. Sie ist sogar höchst bedenklich. Das, wofür der Teufel stand, soll aber deshalb nicht verschwinden. Wir brauchen etwas, was unsere Sensibilität dem Bösen gegenüber lebendig hält. Wir brauchen zeitgemäßere Metaphern für jene Macht des Bösen, die in jedem von uns relevant ist. Wir brauchen eine neue Sprache für das B öse. Was die christliche Tradition „Dämonen“ nennt, sind Kräfte, die wir nicht personifizieren müssen. Das wirklich Böse in unserer Welt hat andere Namen: Religiöser und politischer Machtmissbrauch, Unterdrückung der Schwachen durch ausbeuterische Wirtschaftssysteme, Umweltzerstörung, Genmanipulation, rassische und kulturelle Entwurzelung von Millionen durch Vertreibung und Flucht, Hass auf den Nachbarn und Verhaftetsein im Materiellen.

Nicht der Teufel hat die erste Atombombe geworfen, die Juden unter Hitler und die Gegner Stalins im Kommunismus vernichtet. Nicht der Teufel hat unter den Japanern im letzten Krieg die Menschen Südostasiens tyrannisiert. Nicht der Teufel hat die Kreuzfahrer auf den Weg geschickt. Nicht der Teufel hat die Scheiterhaufen von Inquisition und Hexenverfolgung angezündet. Nicht der Teufel zerstört unseren Lebensraum. Nicht der Teufel ist schuld, dass wir mit unseren Nachbarn nicht auskommen. Das Böse in uns ist am Werk. Dieses Böse in uns gilt es zu erkennen. Wenn wir es da erkannt haben, erfahren wir auch, dass wir an Verbrechen, die weit weg von uns begangen werden, beteiligt sind.

Wir erfahren als Einzelne immer stärker, dass wir mit allem verbunden sind im Guten wie im Bösen. Der Teufel ist Symbol für das Böse und so unser Zwillingsbruder. Er ist in unserer Persönlichkeitstruktur angelegt und gehört zum Strukturprinzip der Schöpfung. Wenn es uns gelingt, unsere Schattenenergien für das Gute fruchtbar zu machen, haben wir ihn als Gehilfen gewonnen, der tatsächlich das Gute schafft, obwohl er anscheinend das Böse will.

Eng mit dem Teufel verbunden ist die Angst vor der Hölle. Diese Angst kommt aus einem archaischen Gottesbild. Der Gott, der ewige Verdammnis auferlegen kann, spukt immer noch in den Köpfen. Mit einem dualistischen Denkmodell lässt sich die letzte Wirklichkeit aber nicht erklären. Die mystische Erfahrung ist immer eine Erfahrung der Einheit, sie ist Unio mystica, Ganzheit, Nicht­Zwei. Dazu gehört auch das, was wir Menschen böse nennen.

Der Wandel der Welt beginnt in uns

 

Grundlegende Wandlung der Welt wird niemals durch ein neues Gesellschaftssystern geschehen, sondern nur über den Wandel des Einzelnen. Wir schreien immer gleich nach dem großen Chirurgen, der die entscheidende Operation vornehmen soll. Aber wer wirklich die Weit ändern will, verlässt sich auf keinen Spezialisten. Nur wer selber aus dem Schema der Gesellschaft heraustritt und Habgier, Erwerbsucht, Machtstreben überwindet, wird etwas ändern.

Wir erwarten den großen Erlöser auch in der Religion von außen: Da macht es schon einer, wir brauchen uns nur an seinen Rockzipfel zu hängen. Wahre religiöse Führer jedoch wollten nicht erlösen. Sie haben vielmehr zur Umkehr aufgerufen, zur Metanoia, zur Wende nach innen, zum Wesentlichen hin, zu unserer göttlichen Natur. Aber der Mensch hat die Religionsstifter lieber zur Ehre der Altäre erhoben und betet sie an, statt diese Metanoia, die sie vorgelebt haben, an sich selbst zu vollziehen. Denn der Weg der Verwandlung ist lange und beschwerlich. Er führt über die Auseinandersetzung mit unserem Schatten und mit dem Teufel.

Die andere Anthropologie des Jesus von Nazareth

 

Wer war Jesus? Wir wissen nicht viel von ihm. Suchende Menschen hörten von ihm und seinem Wirken und schöpften aus seiner Lehre Deutung und Kraft für ihr Leben. Was der Bericht, der einem angeblichen Jünger von ihm namens Johannes zugeschrieben wird, von ihm und von uns sagt, ist revolutionierend. Da steht z. B.: „Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben“ (Joh 17,20fl) Und dann heißt es weiter: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“. „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit“. ‑“Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt“ ‑ Worte führen uns ins Begreifen und sie können uns das Begreifen verstellen. Oft ist es die Auslegung der religiösen Sprache, die uns das Begreifen verstellt. Ich will einfach sagen, in welcher Weise mir diese Worte Lebenshilfe geben.

Gott nennen wir Vater“, Jesus nennen wir „Sohn“, wir nennen uns „Kinder Gottes“ Was steht hinter diesen Metaphern? Gibt uns unsere christliche Religion, geben uns die genannten Begriffe Antwort auf diese Fragen: Was ist Gott, wer war Jesus, wer bin ich? Wer war Jesus? Können wir an Jesus ablesen, wer wir sind? Jesus ist der Typus des Menschen schlechthin. Er ist das Modell, an dem wir erkennen können, wer wir sind.

Er war ganz Mensch und er war ganz Gott, sagen wir als Christen. Er war ganz Mensch, das ist einleuchtend, aber was heißt: Er war ganz Gott? Wir sind ganz Mensch, das können wir verstehen, können wir auch mit Jesus sagen, ich bin ganz Gott?

Der Vater manifestiert sich im Sohn, d. h. in allen materiellen, psychischen und geistigen Formen. Es existiert nichts, was nicht Sohn des Vaters wäre. Es existiert nichts, was nicht aus ihm geboren wäre. Sohn ist also eine Umschreibung für alles, was geschaffen ist. Die Schrift sagt bei Johannes: „Nichts ist entstanden ohne ihn. In allem Geschaffenen war er das Leben“ (Joh 1,3)

Wir sind eine Epiphanie (Erscheinung) Gottes. Wir sind Söhne und Töchter Gottes. Die Schwierigkeit beginnt flür viele, wenn gefolgert wird, dass jeder Mensch „Sohn Gottes“ ist, ja, dass alles, was existiert „Sohn Gottes“ ist. Alles, was existiert ist Manifestation dieser Urwirklichkeit, die Jesus „Vater“ nannte. Jeder und jedes kann also sagen: „Ich bin Sohn Gottes“ In einer anderen Version sagen wir sogar: „Wir sind Kinder Gottes“ Jesus war ein Mensch wie wir, tief erleuchtet. Er unterscheidet sich nicht von uns, außer dass er immer in der Einheitserfahrung mit dem stand, was er „Vater“ nannte oder „Reich Gottes“ oder, wie Johannes es ausdrückt, „ewiges Leben“.

Diese tiefe mystische Einheitserfahrung wird ihm bei der Taufe bestätigt. Dort heißt es, dass eine Stimme erscholl: „Dieser ist mein geliebter Sohn“ Bei unserer Taufe wurde jedem von uns das Gleiche bestätigt. Damals öffnete sich gleichsam der Himmel über jedem und eine Stimme erscholl. Auch über uns ist dieses Wort gesprochen.

Jesus ist das Modell, an dem wir ablesen sollen, wer wir sind. Jesus hat diese göttliche Seinsweise nirgendwo für sich allein in Anspruch genommen. „Das Reich Gottes ist in Euch“, sagte er. „Du musst wiedergeboren werden“, erklärt er Nikodemus, „dann kannst Du erfahren, wer du bist“. Wem diese Metanoia, diese Wende nach Innen, gelingt, der erfährt, dass er eins ist mit diesem Urprinzip, das wir Abendländer Gott nennen. Und er wagt dann sogar zu sagen: „Bevor Abraham ward, bin ich“. Denn was wir zutiefst sind, göttliches Leben, kennt keine Zeit.

An Jesus können wir ablesen, wer wir sind. Söhne und Töchter Gottes, Kinder des ewigen Vaters. Das sind Bilder und Metaphern, die wir zu deuten haben. Eckhart drückt es mit dem Wort „Gottesgeburt in der Seele“ so aus: „Und es gebiert der Vater seinen Sohn in der Seele in derselben Weise, wie er ihn in der Ewigkeit gebiert und nicht anders. … Er gebiert mich als seinen Sohn und als denselben Sohn. Ich sage noch mehr: Er gebiert mich nicht allein als seinen Sohn; er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Sein und als seine Natur. … Was Gott wirkt, das ist eins; darum gebiert er mich als seinen Sohn ohne jeden Unterschied. … und ich bin derselbe Sohn und nicht ein anderer“ (Quint, 185,25) Es trifft auch auf uns zu, was Jesus von sich sagt: „Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt“. Eckhart geht bis zur letztmöglichen Einheit. Darum sagt er in der gleichen Predigt: „Ich dachte neulich darüber nach, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir sehr wohl überlegen, denn wenn ich von Gott (etwas) nehmen würde, so wäre ich unter Gott wie ein Knecht und er im Geben wie ein Herr. So aber soll es mit uns nicht sein im ewigen Leben“ (Quint, 186,14). Josef Quint, Meister Eckhart, München 1979, S. 29. 7 A. a. 0., S. 180.

Wir sind gottesgestaltig. Jesus sagt aus seiner Einheitserfahrung heraus: „Ich und der Vater sind eins“ und „Wer mich sieht, sieht den Vater“. Und er sagt: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“. „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit. Unter „eins sein“ verstehe ich nicht Einigkeit, sondern Einheit. In der Eucharistie feiern wir diese Einheit von Gott und Mensch. Darin liegt ihre tiefste Bedeutung. Brot und Wein sind nur die Exponenten für die ganze Schöpfung. So wie auf dem Altar nicht nur Brot und Wein sind, sondern auch diese andere Dimension, die wir Gott nennen, so sind auch wir nicht nur Menschen aus Fleisch und Blut, aus Psyche und Geist. Auch in uns offenbart sich diese andere Dimension Gott. Wir sind gottesgestaltig. Das sagt auch der Mystiker, wenn er diese Einheitserfahrung macht. Und das sagt nicht nur der klassische Mystiker des Mittelalters. Immer wieder brechen Menschen, die ich begleiten darf, zu einer Erfahrung durch, aus der heraus sie tief erschüttert das Gleiche bekennen. Wir essen uns selber im Brot auf dem Altar, wie Augustinus meint. Religion bedeutet nichts anderes, als die Welt mit anderen Augen sehen, mit den Augen, die von innen sehen. Uns selbst und die Welt in einer Weise zu begreifen, die nicht um das kleine Ich kreist.

Wir Christen haben uns klein geredet. Wir haben zu viel von Sünde und Moral gesprochen und zu wenig von unserem Adel, dem Adel, den uns Jesus verkündet hat. Unsere Religion ist zur Karfreitagsreligion geworden, es fehlt die Auferstehung und die Freiheit, die uns Jesus gebracht hat.

Religion und Heilige Schriften

 

Mystiker und Heilige Schriften kann man auf ganz verschiedener Ebene lesen und verstehen. Ein deutliches Beispiel scheint mir im Neuen Testament das Gespräch Jesu mit der Samariterin zu sein. (Joh 4,5) Er spricht schon längst vom Wasser des Lebens, während die Frau immer noch das natürliche Brunnenwasser meint.

Jesus verweist bei dieser Gelegenheit auch auf die Tatsache, dass Gott nicht etwas ist, was man auf diesem oder jenem Berg anbeten kann, sondern dass Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden muss: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,24)

Wenn Jesus vom Vater gesprochen hat, meinte er damit nicht ein väterliches Superego. Er wollte einen Gott aufzeigen, der, weder sinnenhaft noch intellektuell begreifbar, nur erfahrbar ist. Für die meisten Menschen jedoch war Gott aber Vater, der liebt und straft, selig macht und verdammt.

Wer meint, das Absolute sei eine Art großer Vater, der über alle wacht wie ein Schäfer über seine Herde, der praktiziert Religion wie ein Bittsteller. Sein Ziel ist schlicht und einfach, Schutz und Segen jenes Gottes zu erhalten und ihm als Gegenleistung Verehrung und Dankbarkeit entgegenzubringen. Er versucht in Übereinstimmung mit dem zu leben, was er für Gottes Gesetz hält, und hofft, dass er dafür den Lohn des ewigen Lebens erhält. Diese Art von Religion verfolgt das Ziel, erlöst zu werden, erlöst von Schmerzen, von Leiden, vom Übel, letzten Endes sogar vom Tod.

Angelus Silesius und Eckhart ‑ um nur zwei zu nennen ‑ haben die Schrift auf einer ganz anderen Ebene verstanden. Sie haben sie von ihrer religiösen Erfahrung her interpretiert. So dichtet Angelus Silesius: „Wer Gott um Gaben bitt‘, der ist gar übel dran. Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an“. Eckhart sagt: „Du erniedrigst den unendlichen Gott zur melkenden Kuh, die man um der Milch und des Käses, um des eigenen Profits willen schätzt. Diese machen aus Gott eine Ziege, füttern ihn mit Wort-Blättem. Ebenso machen sie aus Gott einen Schauspieler, geben ihm ihre alten und schlechten Kleider“.

„Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, (also) von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt. Man mag dich zwar wohl hinnehmen, aber das Beste ist es doch nicht. Denn wahrlich, wenn einer wähnt in Innerlichkeit, Andacht, süßer Verzücktheit und in besonderer Begnadung Gottes mehr zu bekommen als beim Herdfeuer oder im Stalle, so tust du nicht anders, als ob du Gott nähmest, wändest ihm einen Mantel um das Haupt und schöbest ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in einer (bestimmten) Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist. Wer aber Gott ohne Weise sucht, der erfasst ihn, wie er in sich selbst ist; und ein solcher Mensch lebt mit dem Soh“ne und der ist das Leben selbst“.

Solche Beispiele dürfen uns nicht dazu verleiten, das mündliche Beten zu verachten. Eckhart war Priester und Ordensmann. Er hat sicher die Messe gelesen und das Offizium gebetet. Solange wir Menschen sind, werden wir das Göttliche ansprechen und auch feiern. Das können wir nur in Wort, Bild, Zeremonie und Ritus. Es ist jedoch wichtig, sich dabei bewusst zu bleiben, dass dies nur „Finger“ sind, die auf den Mond zeigen. Es sind wohl nur ganz wenige Menschen berufen, sich in einen liturgielosen Raum zurückzuziehen.

Heilige Schriften und Religion insgesamt sind also Niederschlag tiefer mystischer Erfahrung, und umgekehrt ist es Aufgabe der Religion, den Menschen zu einer solchen Erfahrung zu wecken.

Willigis Jäger: aus Wiederkehr der Mystik, 4. Auflage, 2006, Herder

September 21, 2007 Posted by | Religion | Hinterlasse einen Kommentar

Tendenzieller Fall der Profitrate

Tendenzieller Fall der Profitrate

 

Der Tendenzielle Fall der Profitrate ist für Marxisten ein Eckfeiler für die Erklärung kapitalistischer Krisen. Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwertes zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital, wobei der Mehrwert sich aus der Differenz von den an einem Arbeitstag insgesamt erzeugten Werten und den Werten bestimmt, die zum Erhalt der Arbeitskraft notwendig sind. Das Gesamtkapital setzt sich dabei lediglich aus dem konstanten Kapital (Kosten für Produktionsmittel und Material) und variablen Kapital ((Lohnkosten) zusammen. Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass im Kampf um den Profit (Rendite) das Gesamtkapital durch Vergrößerung des konstanten Kapitals (Investition) erhöht wird, wodurch das Verhältnis von Mehrwert zu Gesamtkapital – also die Profitrate – „tendenziell“ erniedrigt wird. Tendenziell bedeutet, es geht um die Entwicklung der Durchschnittsprofitrate.Diese zunächst einleuchtende Behauptung soll an einem Beispiel verdeutlicht werde, das sich auf Marx beruft und von einem Marxisten Nick Beams auf der World Socialist Website (http://www.wsws.org/de/korres/korres.shtml) als Leserbrief am 04.04.2000 unter dem Titel “Der Fall der Profitrate“ veröffentlicht wurde:

Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Mehrwert zu dem im Produktionsprozess eingesetzten Gesamtkapital. Wenn das Gesamtkapital beispielsweise mit 100 angesetzt wird, bestehend aus konstantem Kapital in der Größenordnung von 80 und variablem Kapital von 20, und zugleich die Mehrwertrate 100 Prozent beträgt, was bedeutet, dass der Produktionsprozess einen Mehrwert von 20 hervorbringt, so ist die Profitrate 20/100 bzw. 20 Prozent.

Der tendenzielle Fall der Profitrate ergibt sich daraus, dass mit steigender Arbeitsproduktivität der Anteil des konstanten Kapitals am Produktionsprozess wächst. Das heißt, der Anteil der zugeführten lebendigen Arbeit geht im Verhältnis zu den Produktionsmitteln, die sie in Bewegung setzt, tendenziell zurück. Da jedoch die lebendige Arbeit die einzige Quelle des Mehrwerts darstellt, folgt daraus, dass die Profitrate, die sich aus dem Verhältnis zum eingesetzten Gesamtkapital errechnet, tendenziell ebenfalls sinkt.

Nehmen wir ein Kapital von 200, bestehend aus konstantem Kapital von 180 und variablem Kapital von 20. Bei einer Mehrwertrate von 100 Prozent, die einem Mehrwert von 20 entspricht, haben wir bei diesem Kapital eine Profitrate von 20/200 bzw. 10 Prozent.

 

Die an diesem Beispiel verdeutlichte Behauptung vom tendenziellen Fall der Profitrate, setzt voraus, dass der Mehrwert konstant bleibt. Kompliziert werden jedoch die Verhältnisse, wenn durch Investition, d.h. durch Sachkapitalvergrößerung, sowohl die notwendige Arbeit (variables Kapitals) verkleinert als auch der Mehrwert durch einen größeren Warenausstoß (Produktivitätsfortschritt aufgrund der Investition) erhöht wird. Insbesondere werden die Verwertungszusammenhänge nicht sorgfältig analysiert.

Zunächst entsteht ja auf der Produktionsseite ein Mehr an Waren, deren Wert erst am Markt bestimmt wird. Auch der Mehrwert hat seine Entsprechung in der Warenproduktion. Es sind wiederum hauptsächlich die Lohnbezieher, repräsentiert durch das variable Kapital, die die Werte bestimmen. Einfacher ausgedrückt: Die Lohnabhängigen kaufen die Waren, die sie selbst produzieren mit dem Lohn, den sie für ihre Arbeit erhalten. Was geschieht aber mit den Waren, die darüber hinaus produziert werden? Wer kauft sie? (s. Anmerkung 1).

Das Verwertungsproblem besteht darin, dass der Gewinn im kapitalistischen System durch ein Mehr an Geld realisiert wird ( G —W— G + MG). Der Warenüberschuss (Mehr an Waren) erhält erst durch den Umtausch in Geld seinen Wert (Mehrwert, Gewinn).

Wo aber sind die Abnehmer, die dafür das Geld geben? Das können ja nicht die Lohnabhängigen sein. Sie haben mit ihrem als Lohn erhaltenem Geld den Teil der Waren abgeräumt, der äquivalent als Kosten zu diesem Geld ist. Der andere Teil ist der Warenüberschuss. Wie könnte eine Verwertung des Warenüberschusses aussehen?

1. Durch das größere Warenangebot gehen die Preise im Durchschnitt runter, die Lohnabhängigen können mehr kaufen. Oder sie erhalten einen höheren Lohn und können sich dadurch mehr kaufen. Das Mehr an Waren wird so als Mehrwert zu den Lohnabhängigen transferiert – nach Marx und den Kapitalismusvertretern ein unwahrscheinlicher Fall, weil das Erzielen von Profit (Mehrwert) für den Unternehmer überlebensnotwendig ist.

2. Die Unternehmerschaft könnten den Warenüberschuss selbst konsumieren, indem sie ihn untereinander abnehmen (kaufen). Das dafür notwendige Geld wird durch Kredite bereitgestellt, die beim gegenseitigen Leistungstausch wieder getilgt werden. Sie konsumieren so den Profit durch ihr Luxusleben – Bauen von Palästen.

3. Eine besondere Art des Unternehmerkonsums ist die Investition., wobei auch hier wieder Kredite eine Rolle spielen (s.o.). Dies ist der oben geschildert Fall von Erhöhung des Sachkapitals. Investitionen führen zu Produktionssteigerungen entweder durch Produktionsausweitung oder Produktivitätssteigerungen. Wird diese nicht an die Lohnabhängigen durch Arbeitszeitverkürzung weitergegeben, vergrößert sich der Warenüberschuss und damit das oben skizzierte Problem.

4. Oder der Warenüberschuss wird ohne gleichzeitigen Import ausländischer Ware in andere Länder exportiert. Das Heimatland hat dann einen Exportüberschuss. Der ausländische Empfänger hat entweder Schulden, für die er Zinsen zahlt oder die als Gegenwert gezahlte ausländische Währung wird vom Exporteur in die ausländische Wirtschaft renditeträchtig investiert. Die Profite werden durch Exportüberschuss ins Ausland transferiert. Güterexport bei gleichzeitigem Güterimport ändert an dem Warenüberschuss nichts.

5. Das Problem lässt sich kurzfristig aber auch durch Kreditvergabe lösen. Durch eine Kreditvergabe erhalten Wirtschaftsteilnehmer das für die Markträumung des Warenüberschusses nötige Geld. Gesamtwirtschaftlich bedeutet dies Wirtschaftswachstum und zwar dann, wenn der Schuldner zur Tilgung seines Kredites zusätzliche Leistungen erbringen muss, um das für die Tilgung nötige Geld zu verdienen. Das Problem wird im wahrsten Sinne des Wortes dadurch potenziert, dass die Schuldenaufnahme Zinsforderungen nach sich zieht. Die Dynamik gerät zu einem exponentiellen Wachstum. Hauptträger der Schuldenaufnahme sind zu 70 % die Unternehmen, die die Zinsforderungen als Kapitalkosten an die Warenabnehmer – die ursprünglichen Leistungslieferanten – weiterreichen: Löhne werden gekürzt, Arbeiter entlassen, Preise erhöht. Deren Fähigkeit zur Warenabnahme schwindet und das Verwertungsproblem verschärft sich.

An dieser Stelle wird sichtbar, wie wichtig die Vorgänge auf der Verwertungsebene, die man auch Zirkulationssphäre nennen könnte, für die Profitentstehung sind.

Für beide Fälle gilt aber, dass irgendwann die Bedürfnisse für eine Warenkauf gesättigt sind und der Verwertungsprozess stoppt. Keynes spricht dann von einer langfristig abnehmenden Grenzleistungsfähigkeit des Investitions- Kapitals, nämlich die Fähigkeit, Rendite zu erbringen. Dieser Begriff beschreibt auf diesem Erklärungshintergrund viel klarer die Probleme einer kapitalistischen Wirtschaft als der Begriff vom tendenziellen Fall der Profitrate, weil er die Vorgänge in der Zirkulationsspäre stärker einbezieht. Das die Warenzirkulation erst ermöglichende Geldsystem kommt dadurch stärker in die Analyse als bei Marxisten.

In dem oben erwähnten Artikel von Nick Beams über den Fall der Profitrate kommt es deswegen auch zu Widersprüchen. Dort heißt es:

Mit anderen Worten, während die technologische Entwicklung den Anteil des konstanten Kapitals steigert und damit die Durchschnittsprofitrate senkt, erhöht sie gleichzeitig auch den erzielten Mehrwert und führt damit tendenziell zu einer höheren Profitrate. Wenn die Steigerung der Mehrarbeit hinreichend groß ist, kann der Fall der Profitrate aufgehalten oder sogar umgekehrt werden.

Gerade diese Argumentation benutzen ja heutige Wirtschaftswissenschaftler, wenn sie ein ständiges Wirtschaftswachstum auf hohem Niveau fordern, um Krisen zu vermeiden oder zu überwinden.

So bezeichnet er auch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate als einzige wissenschaftliche Erklärungsgrundlage für den wirtschaftlichen Nachkriegsboom und sein Ende:

Die Entwicklung und Verbreitung der Fließbandproduktion in der gesamten kapitalistischen Welt während der Periode nach dem Krieg führte zu einer enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität. Das heißt, diese Methoden ergaben vermittels einer erheblichen Herabsetzung der notwendigen Arbeit einen höheren Mehrwert.

Diese Erklärung übersieht, dass der Krieg eine riesige Kapitalvernichtung war und die Leistung des Kapitals, Rendite zu erwirtschaften auf einem hohen Niveau wieder starten konnte. Die Deutung von Keynes passt dazu besser. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist die eine Erklärung für den Nachkriegsboom. Die Fähigkeit einer kapitalistischen Wirtschaft bei geringer Kapitalakkumulation wegen starker Warennachfrage hohe Rendite zu erbringen, ist die andere.

Anmerkung 1 zu „Tendenzieller Fall der Profitrate) (Probst S. 15)

…Die Macht erwächst aus der Begehrtheit der produzierten Waren; sind sie hingegen nicht begehrt, kann sich – salopp gesagt – „ der Kapitalst seine Produktionsmittel vor’s Knie nageln….

September 17, 2007 Posted by | Philosophie | Hinterlasse einen Kommentar

Bedeutung der Zirkulationssphäre bei Marx

Die Bedeutung der Zirkulations – und Produktionssphäre für die Kapitalismuskritik

Für die meisten Kapitalismuskritiker ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln die Grundlage des Kapitalismus und Grund für dessen Profitorientierung. Sie beziehen sich dabei auf Marx. Die Vorgänge in der Zirkulationssphäre werden lediglich als Abbilder dieser Produktionsverhältnisse gesehen.

Der Besitzer der Ware Arbeitskraft und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in ein Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer…..Sie kontrahieren als freie rechtlich ebenbürtige Personen…. Sie beziehen sich nur als Warenbesitzer zueinander und tauschen Äquivalent gegen Äquivalent. ..“ ( Marx: Das Kapital Bd.I, S. 182 – 190, zit. nach Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)

Hier wird Geld als Ware der Ware Arbeitskraft gleichgesetzt (äquivalent). Geld ist eine neutrales den Wirtschaftsprozess vermittelndes Wirtschaftsgut. Insofern ist die Kritik ausschließlich in der Produktion zu suchen. Als Besitzer des knappen Wirtschaftsgutes Produktionsmittel ist der Kapitalist in der Lage, den besitzlosen Arbeiter zu erpressen, um sich den von ihm erzeugten Mehrwert anzueignen. Die Entstehung und Aneignung des Mehrwertes lässt sich wie folgt erklären:

Der Unternehmer als Eigentümer der Produktionsmittel bezahlt den Arbeiter für z.B. 8 Stunden Arbeit. Dabei kauft er dessen Arbeitskraft zu einem Wert (Lohn), der durch die Reproduktionskosten der Arbeitskraft bestimmt wird. Dies ist die nötige Warenmenge, um den Arbeiter einen Tag arbeitsfähig zu erhalten. Beispielsweise reichen dazu 4 Stunden Arbeit. Der Unternehmer benutzt bzw. gebraucht aber diese Arbeitskraft 8 Stunden lang. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist also größer als sein Tauschwert (Lohn gegen Arbeitskraft). So entsteht zunächst eine Warenmenge, die doppelt so groß ist wie die nötige Wahrenmenge zum Erhalt der Arbeitskraft. Beim Verkauf dieser Warenmenge am Markt wird u.U. ein Wert erzeugt der doppelt so groß ist wie der Wert zum Erhalt der Arbeitskraft. Die Differenz ist der Mehrwert, der beim Unternehmer verbleibt. Der Warenverkauf und damit die Mehrwertrealisierung muß aber gegen andere Marktteilnehmer als Konkurrenten durchgesetzt werden. Dies führe zur Profitorientierung des gesamten Produktionsprozesses (Herstellung + Verwertung), weil sonst der Warenanbieter vom Markt gedrängt würde, auf seiner Ware sitzen bliebe, dadurch die Produktion einschränken und Arbeitskräfte entlassen müßte. Diese Profitorientierung – die Orientierung auf „Mehr“ – übergeht das Ziel, die Produktion entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu organisieren, führt zur Entfremdung des Menschen von seinen Produkten. Auch Privateigentum an Produktionsmitteln in den Händen von Arbeitenehmern würde an dieser Situation nichts ändern. Insofern ist es folgerichtig, das Privateigentum an Produktionsmittel und den Markt gänzlich abzuschaffen, um diese Verwerfung zu überwinden.

An dieser Einschätzung der sich auf Marx berufenen Sozialisten setzt die Kritik der Freiwirtschaftler an. Sie argumentieren, dass es die Produktion von Waren für den Markt schon jahrhundertlang gegeben habe und dies zunächst nicht zur Profitorientierung des Wirtschaftens führte. Erst die Vervollkommnung des Geldwesens, das Auftreten und das Ansammeln von Geldkapital ermöglichte diese Entwicklung. Geld kann im Gegensatz zu allen anderen Waren gehortet (Schatzbildung), dadurch verknappt und dem Wirtschaftskreislauf als notwendiges Tauschmittel entzogen werden. Mit den weiteren Eigenschaften der Schlagfertigkeit (Schnäppchenkauf) und der Transportfähigkeit ist es eben nicht äquivalent zu anderen Waren. Die Möglichkeit der Schatzbildung zeichnet den Geldbesitzer aus und begründet seine besondere Machtstellung, die allerdings durch den Staat abgesichert sein muß. Im Übrigen hat dies schon Marx so gesehen, aber die entsprechenden Folgerungen daraus verweigert, ja sogar bekämpft (s. Georg Otto, Warum der Marxismus scheitern mußte, Grüne Reihe, 1991)

Wie wirkt sich diese Machtstellung aus?

Der Geldbesitzer lässt sich die Preisgabe der Vorteile des Geldbesitzes (Hortungsfähigkeit, Schlagfertigkeit, Transportfähigkeit), damit Produktionsmittel erworben werden können, durch den Zins bezahlen. Der Unternehmer muß wegen dieser Zinszahlung Profit erzeugen, anderenfalls geht er in den Konkurs. Steht aber Finanzkapital zinslos zur Verfügung ist der Erwerb von Produktionsmittel erleichtert und die Erpressungsmöglichkeit des Unternehmers gegenüber dem Lohnabhängigen verringert, die Mehrwertaneignung schwindet, der Profit geht gegen null. (s. auch Jürgen Probst, Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft, 2.Auflg. 1998, Selbstverlag, Hannover, Anmerkung 1)

Unstrittig ist für alle Kapitalismuskritiker, dass der Mehrwert durch Arbeit, also in der Produktion entsteht. Die Freiwirtschaftler werfen den Marxisten vor, dass sie blind für die Vorgänge in der Zirkulationssphäre seien und deren Konsequenzen für die Produktionssphäre nicht sehen, insbesondere nicht zwischen Geldbesitzern (Geldkapital) und Unternehmern (Besitzer von Sachkapital) unterschieden. Produktionsmittel (Sachkapital) und alle anderen am Wirtschaftsprozess beteiligten Größen müssen durch den Einsatz von Geldkapital erworben werden. Auch Marx spricht immer wieder vom Geldbesitzer: „Der Geldbesitzer hat den Tageswert der Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher ihr Gebrauch während des ganzen Tages. …“. Danach ist der Unternehmer zunächst Geldbesitzer, um dann später in der Produktion Eigentümer von Produktionsmittel zu sein. Doch in der modernen kapitalistischen Wirtschaft sind Unternehmer nicht so sehr Eigentümer von Produktionsmitteln, sondern eher deren Besitzer, die zwar über die Verwendung von Produktionsmitteln bzw. Mehrwert bestimmen können, aber die eigentlichen Eigentümer die Geldbesitzer sind, die ihnen das Geld als Kredit zum Erwerb von Produktionsmittel , von Material, Gebäuden und Arbeitskraft geliehen haben. Deutsche Unternehmer haben in der Regel 60 bis 80% ihres Unternehmens mit Fremdmittel finanziert. Sichtbar wird dieser Eigentümer dann, wenn das Unternehmen die Zinsen nicht mehr zahlen kann und das Eigentum im Konkurs eingefordert wird.

Der Geldgeber – Geldkapitalist – bestimmt die Regeln, nach denen das Spiel „Produktion“ in Unternehmen gespielt wird. Die „Spielregeln“ der Produktion: das sind nicht nur die Zinsforderungen – das sind die „Produktionsverhältnisse“ einschließlich der eigentumsrechtlich ausgeformten Dispositionsbefugnisse des Kapitals im Unternehmen. Das bedeutet vor allem die Produktion von Waren unter dem Diktat der Profitmaximierung, wie es beim Geldverleihen staatlich sanktioniert ist

Dabei ist der Zins nicht bloß eine Erscheinung des Profits. Er unterscheidet sich von diesem in besonderem Maße:

(1) Der Zins wird zuerst ausgehandelt, erst dann wird das Geld unter Risikominimierung (Sicherheiten) verliehen. Um einen Gewinn, der immer mit einem Risiko behaftet ist, zu erzielen, muß vorher Geld ausgeliehen und investiert werden.

(2) Der Zins kann im Gegensatz zum Profit weder theoretisch noch praktisch auf Null fallen.

(3) Die Summe aller Zinsen nimmt proportional mit den Investitionen und der Kapitalmasse zu. Die Summe aller Gewinne geht in dieser Hinsicht relativ zurück (Keynes: abnehmende Grenzfähigkeit des investierten Kapitals)

Es überrascht also überhaupt nicht, daß unter den Bedingungen des kapitalistischen Geldes sich Eigentumsformen herausgebildet haben und gesetzlich kodifiziert bzw. anerkannt wurden, bei denen der Geldkapitalgeber das letzte Wort hat.

Es ist vor allem zu hinterfragen, ob die Gier nach Mehr in der Produktion angesiedelt ist, die als Profitmaximierung zwangsläufig aus dem Marktgeschehen abzuleiten ist. Es ist durchaus denkbar, dass sich ein Unternehmer bei Sicherung seines Unternehmereinkommens mit einer Null-Rendite zufrieden gibt. Natürlich ist der Interessenskonflikt zwischen Produktionsmittelbesitzern und den Arbeitern an diesen Produktionsmittel nicht zu leugnen, auch nicht, dass die eigene veraltete Warenproduktion durch eine effektivere verdrängt werden kann. Sozialisten sehen in diesem Interessenkonflikt den Kern des Problems der kapitalistische Produktionsweise: Solange Menschen von ihren Lebens- und Produktionsgrundlagen, den Produktionsmitteln getrennt werden, seien sie erpreßbar und müßten sich den Zielen der Besitzer unterwerfen. Es ginge nicht um Verteilungsfragen oder Verrechnungsfragen – sondern die Grundlagen der Produktion überhaupt seien zu kritisieren und in Frage zu stellen.

Dazu sagt Bernd Senf ( Geldfluß und Realwirtschaft…., Skript auf der website http://www.berndsenf.de, 2002): Marxistisch betrachtet, wären mit der Überwindung..“ .der Probleme in der Zirkulationssphäre „… der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital …… – zwar nicht überwunden. Wenn aber der Druck des Geldkapitals gegenüber der übrigen Gesellschaft – auch gegenüber den Unternehmerkapitalisten – zum dominierenden Konflikt geworden ist, sollte dann nicht die Lösung dieses Konflikts erste Priorität bekommen, ohne dass deswegen die anderen Konflikte verdrängt werden müssen?

Darüber hinaus ist zu bedenken, dass in dem großen leidvollen Experiment des realexistierenden Sozialismus, das Privateigentum an Produktionsmittel und der Markt zwar abgeschafft wurde, aber keinesfalls die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, indem der Kapitalismus als Staatskapitalismus erhalten blieb.

September 17, 2007 Posted by | Philosophie, Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Betrachtungen zu Marx

Betrachtungen zur Marxschen Kapitalismusanalyse

Obwohl Marx in Theorie und Praxis angetreten war, die Entfremdung des Menschen von seiner eigentlichen Natur und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, mündete die Praxis der sich auf ihn berufenden Nachfolger in das Gegenteil: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nahm im GULAG riesige Ausmaße, die Entfremdung des Menschen von seinen Lebensgrundlagen Natur und Gemeinschaft in den staatlichen Planungen bizarre Dimensionen an (die Menschen in Massen organisiert, die Arbeit unter dem Diktat von Produktionsziffern, Raubbau an der Natur usw.). Ich glaube, dass die Weichenstellungen für diesen negativen Ausgang schon in den unausgesprochenen weltanschaulichen Grundlagen von Marx zu finden sind. Wie seine kapitalistischen Gegner, geht er von dem reduktiven, mechanistischen Weltbild eines Newton aus, das das Weltbild seiner Zeit war und von dem auch heute die meisten westlichen Menschen, vor allem Naturwissenschaftler beherrscht sind.

Die folgende kommentierte Zusammenstellung von Texten verschiedener Autoren soll das erläutern. Gleichzeitig kommen diese Betrachtungen zu Ergebnissen, die den Vorstellungen von den sog. Freiwirtschaftlern sehr nahe sind (s. auch: www.inwo.de ) Als Vorlage und Beleg für die Marxsche Kapitalismusanalyse diente mir die Darstellung der Marxschen Wirtschafttheorie in dem Buch von Bernd Senf (1) (Die blinden Flecken der Ökonomie, Wirtschaftstheorien in der Krise, dtv. 2. Auflg. 2002). Der Theologe Eugen Drewermann nähert sich dem Thema aus der metaphysischen Sicht: ( E. Drewermann, Jesus von Nazareth, Walterverlag, 1996 und , Jesus und das Geld, Humanwirtschaft Nr. 3, 2003, S.34). Verzichtend auf eigene Formulierungen, möchte auf diese Veröffentlichungen mit ihren umfassenden Darlegungen neugierig machen, außerdem auf die Arbeiten von Erich Fromm (Haben oder Sein, dtv. 32.Auflg. 2004) und Herbert Markuse ( Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967).

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Betrachtungen zur Marxschen Kapitalismusanalyse

 

September 17, 2007 Posted by | Philosophie | Hinterlasse einen Kommentar

Blinde Flecken bei Marx

Blinde Flecken bei Marx

 

Angesicht des sozialen Elends im Zusammenhang mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert formulierte Marx in seiner Analyse die Kritik zum kapitalistischen Gesellschaftssystem. Diese führte später zu einem dem Kapitalismus entgegengesetzten Gesellschaftskonzept. Seit der Auflösung der osteuropäischen sozialistischen Gesellschaften erschien diese Alternative endgültig als Illusion – eine Alternative, die für viele Menschen ein Schrecken war, die in diesen Systemen leben mußten.

War dies nur eine Frage der Umsetzung marxistischer Ideen und Vorstellungen oder gab es grundsätzliche Fehleinschätzungen, die notwendigerweise zu den schlechten Auswirkungen führen mußten, anders formuliert: war schon von ihren Ansätzen in der marxistischen Theorie die “böse“ Wirklichkeit verborgen?

 

Es gibt verschiedene Bereiche, wo das zutrifft:

(Ich beziehe mich u.a. auf Bernd Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie, dtv, 2002 und Herbert Markuse, Der eindimensionale Mensch, Luchterhand, 1967)

· Das mechanistische reduktive Weltbild, das in den Anfängen der Aufklärung (Newton) stehen geblieben war,

· Der ökologische blinde Fleck: Die Natur wird als bloße zu bearbeitende Rohmasse ohne eigenen Wert betrachtet. Die Welt ist menschenzentriert.

· Der monetäre blinde Fleck: In der Ökonomie wird die Zirkulationssphäre (Geldsystem) zugunsten der Produktionssphäre vernachlässigt.

· Der feministische blinde Fleck: Die patriarchalische Gesellschaftstrukturen werden nicht hinterfragt

· Der psychologische blinde Fleck: Der Mensch wird als Vernunft gesteuert gesehen. Psychische Faktoren werden als bürgerlicher Überbau abgetan.

Ich beziehe mich auf die ersten drei Punkte:

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Blinde Flecken

 

 

 

September 15, 2007 Posted by | Philosophie | Hinterlasse einen Kommentar

Sozialsystem – Kapitalertrag – Wirtschaftskrise

Wie unser Sozialsystem das Finanzkapital wachsen läßt

Die folgende Arbeit stützt sich auf die Veröffentlichung von Dr. Dieter Petschow: Vom Sozialstaat zur Finanzdiktatur, 2004 (unter www.berndsenf.de zu finden, im Folgenden “Petschow“ genannt). Darin entwickelt der Arzt Petschow aus der Sicht eines mittelständischen Unternehmers Argumente über die Dysfunktion unseres Wirtschaftssystems anhand von Daten, die er dem Statistischen Taschenbuch, dem BMfA, BmfFi, der Bundesbank u.a. entnommen hat.

Die Ursache für die Wirtschaftskrise der BRD sehen die meisten Experten in dem “veralteten“ Sozialsystem: “Wir leben über unsere Verhältnisse !“ Das Sozialsystem müsse reformiert werden, worunter meistens eine Kürzung der sozialen Zuwendungen verstanden wird. Diesen Kritikern fällt auf, daß zwischen 1970 und 2002 die Wirtschaftskraft, ausgedrückt als BIP1, zwar von 345 Mia. Euro auf 2100 Mia. Euro nominal zugenommen habe, daß aber die Sozialquote, ausgedrückt als Anteil der Sozialausgaben am BIP, im selben Zeitraum von 24% auf 36% gestiegen sei. Dies wird als das eigentliche Problem unserer Wirtschaft gesehen, weil dieses Wachstum der Sozialverpflichtungen die Unternehmen, bzw. die Produktionsspäre (Lohn) – das ist die gesamtvolkswirtschaftliche Produktion, ausgedrückt durch das BIP – belasten würde.

1 BIP: Bruttoinlandsprodukt = Gesamtheit aller innländisch produzierter Waren + Dienstleistungen, ausgedrückt in deren Preisen

Stimmt es, daß unsere Wirtschaft an den wachsenden Ausgaben im Sozialbereich leidet? Falsch!

Wer behauptet, unsere Wirtschaft leide an dem ausufernden Sozialstaat, vernachlässigt, daß im gleichen Maße wie die Sozialquote steigt, auch die Kapitalertragsqoute (Bruttokapitalertrag pro BIP) wächst, nämlich von 16 % im Jahre 1970 auf 35% im Jahre 2002. (Erklärung 1 u. 2)

Betrachtet man die Nettoströme, so wird sogar deutlich, daß nur die entsprechende Quote des Kapitalertrages steigt (Erklärung 3 und 4)

(Nettobetrag Kapitalsertragsquote 1970 = 10% auf 2002 = 28%), und zwar um das 2,8fache. Die entsprechende Quote der Sozialausgaben bleiben praktisch konstant (Nettobetrag der Sozialquote war 1970 17% und 2002 19%)

Nicht das Wachstum der Sozialabgaben belastet die Wirtschaft, sondern das Wachstum des Kapitalsertrags

Die Zunehmende Bedienung des Kapitals belastet die Volkswirtschaft.

Zu diesem Unterschied zwischen Netto- und Bruttoaussagen kommt es, weil mit den Sozialausgaben, also den Ausgaben der Rentner, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern usw. auch immer ein Zinsanteil bezahlt wird, den der Produzent als Kapitalkosten auf die Preise schlägt. (Erklärung 3)

3. Wachstum der Sozialausgaben als Durchlaufposten für den Kapitalertrag.

Dieser Zusammenhang zwischen Wachstum der Sozialausgaben und Vermehrung des Kapitalertrages ist direkt ablesbar. Dazu folgende Erläuterung:

An anderer Stelle (Erklärung 3) wurde erörtert, daß in den Preisen auch Zinsanteile enthalten sind und damit alle Sozialausgaben auch gleichzeitig Zinszahlungen bedeuten (geschätzt 1970 auf 16 % und 2002 auf 35%). Dadurch wird ein erheblicher Teil der Wachstumsrate im Sozialbudget an den Kapitalertrag weitergereicht. Die Sozialabgaben beim Lohn stiegen von 12% auf 21% also um 9%. Genau um denselben Betrag (nämlich von 4 auf 13 %) stiegen die indirekten Zinszahlungen aus dem Sozialbudget. Der Anstieg der Sozialabgaben findet sich damit als Anstieg des Kapitalertrags wieder.

Dieser Betrag von 9% des BIP wird als Durchlaufposten an das Finanzkapital weitergereicht.

Eine andere Betrachtungsweise läßt folgendes Bild entstehen: 1970 betrug der Zuschuß aus Steuern für das Sozialbudget 12 % des BIP, die Abgaben des Sozialbudget an das Finanzkapital in Form von Zinsen in den Preisen betrug nur 4% des BiP. Im Jahre 2002 war dieser Zuschuß nur wenig erhöht auf 15%, die Abgaben an das Finanzkapital über die Preise erhöhten sich sehr viel mehr auf 13%. Derr Zuschuß wurde praktisch an die Kapitalgeber weitergereicht.

Der Anstieg der Kosten, der im Produktionsbereich als Anstieg der Sozialbereichs wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit eine verstärkte Alimentation des Finanzkapitals.

Das Finanzkapital braucht von seinem Ertrag nur Steuern zu entrichten (Abgabe an das Steuerbudget), eine soziale Abgabepflicht , wie sie der Produktionsbereich kennt, gibt es nicht..

3. Problemlösungen

Die meisten Wirtschaftsexperten, sowohl auf der sog. Rechten bzw. konservativen Seite, als auch auf der sog. linken, und auch die meisten Politiker weigern sich, die Ursache unserer Wirtschaftskrise überhaupt im Finanzsektor, bzw. beim Finanzkapital, bzw. in der Zirkulationsspäre zu suchen. Sie sehen die Ursachen in der Produktionssphäre bzw. bei den Unternehmen. Entsprechend sind die Lösungsvorschläge entweder angebotsorientiert: Produktionskosten runter, Steuern erniedrigen und Einfluß des Staates dadurch beschneiden oder sie sind nachfrageorientiert: Löhne durch Arbeitszeitverkürzung erhöhen, Steuern erhöhen, bzw. Schulden aufnehmen, um dadurch den Staat wieder fähig zu machen, durch Investitionen die Wirtschaft anzukurbeln. Beide Ansätze beschäftigen sich besonders mit der Situation des Staates, genauer mit dessen Schulden. Sie verkennen dabei die Tatsache, daß die Unternehmen zu ca. 60 % fremdfinanziert (verschuldet lt. dt. Bundesbank 1971-1996, nach Pedschow 80%) sind, d.h. den deutschen Unternehmern gehört nur noch ca. 40% (bzw. 20%) des Produktiv-Besitzes. Eigentümer und damit Arbeitgeber ist im Wesentlichen nur noch der Kapitalgeber. (s. Erklärung 5)

Auch beim Sprechen über die “Globalisierung“ wird häufig übersehen, daß es sich dabei primär um die Globalisierung von Finanströmen handelt.

Sieht man dagegen die Ursachen im Finanzsektor bzw. in der Zirkulationsspäre bieten sich zwei Strategien zur Problemlösung an.

· Steuerbezogen Problemlösung

Aus der obigen Saldo-Betrachtung zur Berechnung der Nettoquoten geht hervor, daß die Kapitalgeber zwar Einnahmen aus dem Lohn (Produktions)- Steuer- und Sozialtopf erhalten, aber keine Abgaben an das Sozialbudget haben und netto immer weniger an das Steuerbudget abgeben (1970 betrug der Nettoabfluß 3%, 2002 nur noch 2%).

Würde der von 1970 bis 2002 zu beobachtende Anstieg der Zuzahlungen des Sozialbudget an den Kapitalertrag als sozialpflichtige Abgabe steuerlich abgeschöpft und an die Produktionsspäre zurückgegeben käme es zu einer erheblichen Verringerung der BIP-Belastung. Petschow drückt dies konkret wie folgt aus:

Daneben erfreuen sich Kapitalertragsbezieher ihrer fehlenden Beteiligungspflicht an der Finanzierung sowohl unseres Staates als auch dessen Sozialsysteme. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits in seinem Urteil über die freiwillige Krankenversicherung der Rentner darauf hingewiesen, dass alle (!) Einkommensarten zur Sozialversicherung herangezogen werden müssen. ……..Da diese Regelung nur möglich wird mit einer strikten Kapitalverkehrskontrolle, die ihrerseits das Ausplündern ganzer Volkswirtschaften verhinderte (nicht nur bei uns!), sind hier Bankstrukturmaßnahmen notwendig, wenn sich Deutschland nicht erneut in ein Armenhaus verwandeln soll. Alternativ wären derartige Sozialabgaben zu zahlen dort, wo Kapital- Kosten steuermindernd gelten gemacht werden, beim Finanzamt! Wenn die Behauptung gilt, dass Kapital Arbeitsplätze schaffe, warum ist dann dieser Arbeit(splatz)geber von den in Deutschland geltenden Sozialversicherungspflichten befreit?…….Beteiligte sich Kapitalertrag wie Unternehmer-Gewinn an den Arbeitgeberpflichten, so wäre jedes Bruttogehalt in Deutschland um 22% entlastet. Unternehmer hätten im Jahre 2002 180 Milliarden €uro mehr Gewinn. Dieser Betrag wäre entweder zu versteuern oder stände zur Verfügung als Jahres-Brutto-Lohn von 40.000 €uro für 4.5 Millionen arbeitsuchender Mitmenschen. Überproportionaler Kapitalertrag ist allein die Ursache für Arbeitsplatzabbau und permanent steigende Arbeitslosigkeit. Arbeit haben wir genug – nur das Geld für die Bezahlung läuft durch unberechtigte Hände. Es handelt sich um eine verfassungswidrige systemische Bereicherung einer Minderheit aus der Arbeit der Mehrheit. (Petschow, S.41)

Gegen diese Lösung spräche, daß die Zurückhaltemöglichkeit des Finanzkapitals bestehen bliebe. Außerdem könnten sich die Sozialeabgabepflichten in den Preisen wiederfinden.

· Änderung der Geldsystems (s. auch Erklärung 5)

Diese Strategie setzt an der Liquditätspreferenz des Geldes an, die als die eigentliche Ursache für die Bevorzugung des Finanzkapitals bzw. dem besonderen Wachstum des Geldvermögens (der Schulden, 1970 bis 2001 von 473 Mia. auf 6158 Mia. Є) gesehen wird.

Durch eine Nutzungsgebühr auf Bar- bzw. Girogeld soll der Liquiditätswert neutralisiert werden. Dadurch könnte der Zins bei entsprechenden Kapitalangebot , den Marktgesetzen gehorchend, auch auf null fallen. Das automatische exponentielle Wachstum des Kapitals und damit der wachsende Anspruch an das BIP wäre unterbrochen. (Nicht der Zins ist das Problem, sondern, daß er nicht den Marktgesetzen gehorcht. Näheres dazu in der entsprechenden Literatur, z. B. Helmut Creutz, Das Geldsyndrom oder D. Löhr/ J.Jenetzky, Neutrale Liquidität oder die Zeitschriften Humanwirtschaft, Zeitschr. f Soz., sowie die Internetseiten der INW, www.inwo.de.)

Erklärungen und Tabellen in folgenden Dokumenten

erklarungen-zum-artikel-sozialsystem.doc

tabellesozialsystem.doc

September 13, 2007 Posted by | Wirtschaft | 1 Kommentar

Zur Geschichte des Geldes

Zur Geschichte des Geldes

Die Geschichte des Geldes lässt sich in mehrere Stufen einteilen, die zwar sachlich deutlich verschieden, zeitlich aber nicht gegeneinander abzugrenzen sind. Im wesentlichen unterscheiden wir folgende Stufen:

Naturaltausch und Naturalgeld

Metallgeld und Münzgeld

Bargeld (Papiergeld und Münzen)

Buchgeld/Giralgeld

Naturaltausch und Naturalgeld

Zur Zeit der Naturaltauschwirtschaft war Geld im heutigen Sinne unbekannt. Die Güter wurden unmittelbar „Ware gegen Ware“ eingetauscht. Der Naturaltausch brachte jedoch für die Tauschpartner Schwierigkeiten mit sich, wie z.B. Transport der Waren, Finden eines geeigneten Tauschpartners, Beschaffung der benötigten Tauschgüter, unterschiedliche Bewertung der Waren, ferner Verderblichkeit und Unteilbarkeit mancher Güter. Die Verwendung von Gebrauchs- und Schmuckgegenständen (z.B. Beile, Äxte, Spieße, Trommeln, Ringe, Muscheln, Perlen), aber auch von Lebensmitteln, Bekleidung und Vieh (wie Zucker, Kakao, Tee, Stockfisch, Mandeln, Salz, Tabak, Leinwand, Felle, Seide, Baumwolle) als Zwischentauschmittel (= Naturalgeld) war ein wesentlicher Schritt in der Entwicklung des Geldes. Das Naturalgeld brachte gegenüber dem direkten Warentausch mehrere Vorteile: Der Wert der Tauschgegenstände war allgemein bekannt und anerkannt. Sie waren in der Regel leicht transportierbar, teilbar und konnten aufbewahrt werden. Der Wert zu tauschender Güter konnte durch das Naturalgeld leichter verglichen werden – der Tausch wurde somit wesentlich erleichtert. Damit besaß es alle Eigenschaften, die auch unser modernes Geld auszeichnet: allgemein (staatlich) anerkannt; ausgezeichnete Transportfähigkeit, haltbares Wertaufbewahrungsmittel, Bewertungsmittel (s. Abschnitt Funktion des Geldes). Naturaltausch und Naturalgeld beschränken sich nicht nur auf die Steinzeit, sondern reichen in ihrer Anwendung bis in unsere jüngste Vergangenheit. Anfang des 15. Jahrhunderts gab es beispielsweise eine englisch-isländische Marktordnung mit folgenden „Preisen“ (Tauschwerten):

48 Ellen Tuch = 120 Stockfische

eine Tonne Wein = 100 Stockfische

Hufeisen für 5 Pferde = 20 Stockfische

1/8 Tonne Honig = 15 Stockfische

1/2 Tonne Tran = 15 Stockfische

Die bekannteste Form des Naturalgeldes dürfte die Kaurimuschel sein, die auch heute noch unter den Namen „Diwarra“ und „Tambu“ in Melanesien (Südsee) gültiges Zahlungsmittel ist. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wird auch in unseren Breitengraden manchmal wieder auf die Urform des Geldes zurückgegriffen (z.B. „Zigarettenwährung“ nach dem Zweiten Weltkrieg). Dieses Beispiel mag nochmals verdeutlichen, wie fließend die Grenzen beim Thema Geld sind.

Metallgeld und Münzgeld

Als besonders geeignetes Zwischentauschmittel wurden schließlich die Metalle (wie Gold, Silber, Kupfer) erkannt. Aus den Anfängen dieser Entwicklung stammt der Begriff des Wägegeldes, d.h., die zur Zahlung verwendeten Metalle wurden abgewogen (vgl. Geldnamen wie Pfund, Lire). Später erhielten die Metalle bestimmte Formen, sie wurden in Ringe, Stäbe und Barren gegossen (vgl. Geldnamen wie Rubel, Mark). Ungefähr 650 Jahre v.Chr. wurden die ältesten uns bekannten Münzen von den Lydern (König Krösus) in Kleinasien hergestellt. Zunächst wurden vollwertige Münzen (= Kurantmünzen) aus Gold und Silber, später durchwegs unterwertige Münzen (= Scheidemünzen) geprägt. Silber war lange Zeit das führende Münzmetall.

Anfang des Mittelalters waren große Silbererzvorkommen z.B. im Harz entdeckt und ausgebeutet worden. Da die Landesfürsten das Schürfrecht besaßen ,verdienten sie an der Geldherstellung. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in dieser Zeit die Städte, die lokalen Fürsten, Äbte und Äbtissinnen das Recht hatten, eigenes Geld herauszugeben, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte: Alle fünf bis sechs Jahre und später auch in kürzeren Abständen wurde es verrufen, das heißt, es musste gegen neues Geld eingetauscht werden. Dabei war es üblich, drei neue gegen vier alte Münzen zu wechseln. Mit dem Gewinn wirtschaftete der jeweilige Fürst oder Abt mehr und mehr anstelle sonstiger Steuern und Abgaben. Man nannte dieses System damals „Renovatio Monetae“. In der Zeit zwischen 1100 und 1400 war eine weit verbreitete Form der mit einem Abschlag versehenen lokalen Geldsysteme die so genannten „Brakteaten“, sehr dünne Silbermünzen, die nur einseitig geprägt wurden. Sie dienten als lokale Tauschwährung. Gold‑ und massive Silbermünzen gab es damals zwar auch, sie wurden jedoch zur Hauptsache im Fernhandel und zum Kauf von Luxusgütern verwendet.

Die Brakteaten waren beim Volk zwar verständlicherweise nicht sehr beliebt. Sie hatten jedoch zur Folge, dass die Kaufkraft der Währungen in fast ganz Europa während langer Zeit sehr stabil blieb. Das heißt, es gab damals kaum Inflation, die Preise für Waren stiegen also nicht an. Zudem erhöhte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Denn nun war kaum mehr jemand daran interessiert, diese Brakteaten als Ersparnis auf die Seite zu legen. Das lokale Geld wurde vielmehr rasch wieder ausgegeben und ‑ auch zugunsten künftiger Generationen ‑ in langfristige Investitionen gelenkt: in die Verbesserung des Bodens, der Verkehrswege, der Produktions‑ und Bewässerungsanlagen, in Wind und Wassermühlen, in Weinpressen und in die besagten Kathedralen. Wegen der ständigen Gefahr einer Verrufung, wurde das Geld von seinen Besitzern zügig zu Markte getragen und sorgte für den Austausch von Waren. Durch diesen stetigen Umsatz konnte die nach Zusammenbruch des Römischen Reiches in die Naturalwirtschaft zurückgefallene Wirtschaft wieder erste Schritte in Richtung Arbeitsteilung unternehmen. Weil sich die Silberrnünzen immer mehr in der arbeitsteiligen Wirtschaft als Tauschmittel etablierten, bestimmte ihren Wert nicht mehr der Gebrauchsnutzen des Silbers, sondern zunehmend auch der Wert der dafür zu erwerbenden Waren. Dadurch waren die Münzen wertvoller als ihr Materialwert und es lohnte sich, verschatztes Silber wieder einzuschmelzen und dem Wirtschaftskreislauf zuzuführen. Die Zentren der neuen Arbeitsteilung ‑ die Städte erlebten einen nie gekannten Zuwachs an wirtschaftlicher Kraft, kulturellem Schaffensdrang, Wohlstand sowie politischer Macht.

(Den gleichen Effekt hat die Umlaufsicherung bei vielen Regionalgeldern wie dem Hagener VolmeTALER. Beim bayrischen Regiogeld „Chiemgauer“ wird die Umlaufsicherung mittlerweile auf elektronischem Wege vollautomatisch erhoben und als Regionalbeitrag sinnvollen Projekten wieder zur Verfügung gestellt.)

Das Verschwinden der lokalen Währungen im Mittelalter hatte zwei Gründe. Einerseits missbrauchten manche Machthaber das System dahingehend, dass sie das Geld immer rascher verriefen, um sich so persönlich bereichern zu können. Zum anderen zentralisierte sich die staatliche Macht immer stärker. Die Könige beanspruchten das Recht zur Geldschöpfung wieder für sich allein, nicht zuletzt zur Finanzierung von Kriegen, die nun Europa überzogen. Die Folgen für die Bevölkerung, die zuvor markant zugenommen hatte, waren dramatisch. Mit dem Verschwinden der Brakteaten kam es zu einem wirtschaftlichen Niedergang, zu Hungersnöten und zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang. (2)

Wie der Silbergehalt der Münzen sich im Laufe der Geschichte veränderte, zeigt folgende Aufstellung:

Jahr – Geldeinheit

Silbergehalt

Zeitlich gesehen ergeben sich in diesem Abschnitt ebenfalls Überschneidungen. Babylonier, Ägypter, Griechen und Römer verfügten bereits über geprägtes Metallgeld. Andererseits zahlte man 1.000 Jahre nach den Römern in Brandenburg und Mecklenburg noch mit ungeprägtem Metallgeld (vgl. Wendisches Hacksilber).

Papiergeld

Die Erfindung des Münzgeldes war zweifellos ein großer Fortschritt. Münzen aus Edelmetall besaßen den Vorteil der Wertbeständigkeit gegenüber anderen Tauschgegenständen. Die Ausweitung des Handels und damit auch des Geldverkehrs brachte jedoch die Notwendigkeit mit sich, das schwere Münzgeld durch eine bequemere Zahlungsart zu ersetzen. Andererseits mag auch die vorübergehende Geldknappheit mancher Landesherren die Erfindung des Papiergeldes beschleunigt haben. Man berichtet so vom Kommandanten der spanischen Festung Alham de Granada, der während der Belagerung 1438 n.Chr. durch die Mauren fehlendes Münzgeld durch Papierzettel mit Wertangabe und Siegel ersetzte und deren Annahme zwingend für jedermann vorschrieb. Das erste Papiergeld war also nicht Geld an sich, sondern als Anweisung zur Auszahlung von Münzgeld gedacht. Als die eigentlichen Schöpfer des Papiergeldes gelten die Chinesen. Marco Polo fand auf seinen Reisen 1276 kaiserliche Banknoten aus Papier. Wieder einer anderen Schilderung zufolge gilt der Schwede Johan Palmstruch (1661) als „Erfinder“ des Papiergeldes. Papiergeld braucht Vertrauen, d.h., es muss von jedermann jederzeit in Waren oder andere Vermögenswerte umgetauscht werden können. In früherer Zeit wurde dieses Vertrauen durch eine vollständige Golddeckung ­im Laufe der Geschichte nunmehr durch eine teilweise Deckung gestützt. Heute besteht keine Golddeckungspflicht der Notenbanken mehr (= freie Währung). Die Deckung besteht in der Bundesrepublik Deutschland allein im Vertrauen, (= Kaufkraft). Aber es braucht natürlich auch einen Staat, der dieses Vertrauen schützt und möglich macht.

Buchgeld/Giralgeld

Das Buch- oder Giralgeld, über das man z.B. mit Scheck und Überweisung verfügen kann, ist die moderne Geldform. Nur etwa 12 % des gesamten Geldumlaufs besteht aus Münzen und Banknoten, der weitaus größere Teil befindet sich als Buchgeld auf Giro- und Termingeldkonten. Ende 1995 waren Banknoten im Wert von rund 238 Milliarden DM und Münzen im Wert von ca. 15 Milliarden DM im Umlauf. Dennoch hat das Bargeld als Zahlungsmittel im Endverbrauch eine große Bedeutung. Im Jahre 2002 betrug der Anteil von Bargeld als Zahlungsmittel im Endverbrauch ca. 70%, (Quelle: Helmut Creutz „Die 29 Irrtümer rund ums Geld)

Buch- oder Giralgeld hat bereits eine lange Geschichte hinter sich. Die Italiener bedienen sich dieser Form des Geldes bereits seit mehr als 300 Jahren durch die Übertragung von Guthaben in den Büchern der Banken. Als die vielen Vorteile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs (Scheck, Überweisung, Dauerauftrag, Lastschrift) mehr und mehr erkannt wurden, führte dies Anfang der 60er Jahre zu einer raschen Einführung der bargeldlosen Lohn- und Gehaltszahlung, und der Umgang mit Buchgeld ist heute etwas Selbstverständliches.

Quelle: http://www.sparkasse-bonn.de/privatkunde/jungesangebot/schulservice/schulservice426.htm

Funktionen des Geldes

Mit Hilfe des Geldes können wir Waren oder Dienstleistungen verschiedenster Art miteinander vergleichen, sogar ein Mofa mit einem Brötchen. Jeder wird natürlich sagen, dass das Mofa mehr wert ist als das Brötchen. Um wie viel es aber mehr wert ist, das können wir erst mit Hilfe des Geldes ausdrücken. Geld dient also als Wertmaß.

Was aber ist das Geld, und wie entsteht es?

Sachlich betrachtet ist Geld lediglich ein Mittel, um eine Leistung gegen eine andere einzutauschen. Wir können auch von einem allgemeinen Tausch‑oder Zahlungsmittel sprechen. Dazu muss es auch allgemein anerkannt, d.h. letztlich unter staatlicher Aufsicht sein. Ohne Geld müssten wir umständlich im Tauschhandel Güter und Dienstleistungen gegen andere Güter oder Dienstleistungen eintauschen. Das wäre ziemlich zeitraubend. Deshalb haben die Menschen das Geld erfunden, mit dem sie anstelle des Tauschhandels Kaufhandel betreiben können.

Das Geld wirkt dabei wie ein Transportmittel oder ein Förderband: Der Kartoffelhändler gibt dem Bauer Geld und erhält dafür Kartoffeln. Der Bauer reicht dies Geld weiter an einen Saatguthändler und erhält dafür Saatgut. Der Saatguthändler reicht das Geld weiter an einen Düngemittelproduzent und erhält dafür Düngemittel usw. Während das Geld in die eine Richtung fließt, bewegen sich die Güter in die andere.

Die Einführung des Geldes veränderte nicht nur die Handelsformen, sondern förderte auch die Entstehung einer Vielzahl von spezialisierten Berufen. Der Familienvater, der bisher alles selber herstellen musste, was er für sich und seine Familie benötigte, konnte nun vieles gegen Geld „eintauschen“. Er hatte jetzt auch Zeit, sich auf eine einzige Tätigkeit zu spezialisieren: Er fertigte beispielsweise nur noch Schuhe. Die verkaufte er gegen Geld, und mit diesem Zahlungsmittel kaufte er Nahrung, Getränke, Kleider, ein Haus, natürlich auch Material und Werkzeug. Damit war die arbeitsteilige Wirtschaft geschaffen, in der sich jeder auf bestimmte Tätigkeiten spezialisierte. Denn Geld und Arbeitsteilung bedingen sich gegenseitig.

Ein weiterer Vorteil für den einzelnen Händler des Handels „Ware gegen Geld“ ist: Niemand muss dabei erworbenes Geld sofort wieder gegen andere Ware eintauschen. Es kann aufbewahrt werden. Wir nennen das Geld‑Aufbewahren „sparen“. Geld ist also auch ein Wertaufbewahrungsmittel. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist das wiederum ein Nachteil. Man kann das Geld-Aufbewahren „sparen“ auch Horten nennen, von Geld, das man überschüssig hat, wenn. Wenn das Geld aber gehortet wird, steht es aber nicht mehr als Tauschmittel zur Verfügung. Es fehlt dann der Wirtschaft. Warum eignet sich Geld gegenüber anderen Gütern so gut als Wertaufbewahrungsmittel ?

Weil es fast unbegrenzt haltbar ist. So sind z.B. alle Hersteller und Händler von Kleidung, Nahrung, HiFi‑Geräten usw. dazu gezwungen, ihre Waren loszuwerden, da diese sonst aufgrund von Mode, Alterung und Lagerkosten an Wert so stark verliere n, dass damit kein Gewinn mehr zu erzielen ist. Und auch den von Arbeit lebenden Menschen bleibt nichts anderes, als ihre Leistung Tag für Tag anzubieten, sofern sie nicht nur von Luft und Liebe leben wollen. Demgegenüber stehen diejenigen, die reich genug sind, um mit dem Geld selbst zu handeln, unter keinem vergleichbaren Angebotsdruck. Geld schimmelt nicht, kommt nicht aus der Mode und braucht keine teuer gemieteten Lagerhallen. Die Folge dieser Wundereigenschaften ist, dass Geld zwar gerne genommen, aber nur dann wieder hergegeben wird, wenn es sich richtig lohnt.

Und damit sind wir schon bei des Pudels Kern! Denn wer wenig Geld hat, muss es ausgeben, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten ‑ ihm bleibt keine Wahl. Aber jemand, der selbst bei einem luxuriösen Lebensstil noch viel Geld übrig hat, würde den restlichen Haufen doch sicherlich auf seiner hohen Kante lassen ‑ wenn nicht ein sehr ernstes, volkswirtschaftliches Problem damit verbunden wäre: das Geld, das da zigtausendfach auf der hohen Kante liegt, fehlt im alltäglichen Geldkreislauf! Der produzierten Menge an Waren und Dienstleistungen muss nämlich immer die entsprechende Geldmenge gegenüberstehen, sonst hat man entweder Inflation (zu viel Geld im Vergleich zur Warenmenge) oder Deflation (zu wenig Geld im Vergleich zur Warenmenge). Um es nun wieder herauszulocken aus seinem Safe, haben sich die Menschen etwas ausgedacht, nämlich denjenigen zu belohnen, der das Geld als Kredit der Allgemeinheit wieder zur Verfügung stellt.

Hört sich gut an?

Aber es ist eine sehr große Dummheit!

Um zu zeigen, wie dumm diese Idee ist, folgender Vergleich­

Geld ist in seiner Funktion als Tauschmittel ein öffentliches Gut. Genauso sind es auch unsere Straßen, die mit unseren Steuergeldern gebaut wurden, um unserem Waren‑ und Personenverkehr zu dienen. Auch das Geld dient ja dem Austausch von Waren und Arbeitsleistungen, daher ist es schlimm, wenn sein Fluss blockiert wird. Stelle dir vor, ein Autofahrer blockiere die Autobahn, indem er dort parkt und einen kilometerlangen Stau bewirkt. Stellen dir weiter vor, ein Polizist käme daher, und er würde die gleiche Idee wie im Geldwesen anwenden, so würde er etwa sagen:

„Werter Herr ‑ wir empfinden es als ungünstig, dass der Verkehrsfluss ins Stocken geraten ist; wären sie bereit, für 400 Euro die Straße wieder freizumachen?“ ‑ „Hm, kommt drauf an… Wie lange soll ich die Straße denn freimachen?“ „Nun ja, einige Tage wären schon gut; was halten sie von 2 Wochen?“ ‑ „Na gut, dann sagen wir doch gleich ein ganzer Monat für 800,‑ Euro, ok?“ ‑“Einverstanden!“.

Vollkommen idiotisch und undenkbar; das animiert ja geradezu, die Autobahn zu verstopfen! So ist es, und genau diesen Fall haben wir in unserem Geldsystem! Wer Geld dem Kreislauf vorenthält, wird nicht bestraft, sondern er bekommt eine „Belohnung“ für die Nicht‑Hortung von Geld, genannt Zins.

Mit dem Zins löst man also das Geld gewissermaßen frei, das sonst festgefroren und dem Kreislauf entzogen bliebe ‑..“eine Art Tribut, den man zu zahlen hat, damit die Besitzer überschüssigen Geldes es anderen leihweise überlassen und der Kreislauf geschlossen bleibt. Das heißt aber auch, dass derjenige mit Kosten belastet wird, der mit seiner Kreditaufnahme, das ist der Schuldner, für die Schließung des Kreislaufes sorgt!“(4) Ohne Schuldner würde unsere Geldwirtschaft nicht funktionieren.

Wenn der Gläubiger sein Geld verleiht, hat er ein Geldguthaben, das auch Geldvermögen genannt wird und der Schuldner dagegen eine Geldschuld. Geldvermögen und Geldschuld sind also ein Paar.

In der Bundesrepublik gibt es zur Zeit die unvorstellbare Menge von ca. 4 000 000 000 000 € Schulden und ca. 4 000 000 000 000 Geldvermögen

Was das Geld für den Güterfluß ist, bedeutet der Kredit – die Schuld – für den Geldfluß.

Der Schuldner wirkt aber noch in einer anderen Weise positiv für die Wirtschaft. Er wird in der Zukunft Güter anbieten, um mit dem eingenommenen Geld seine Schulden zu tilgen. Ohne ihn wäre es möglich, dass in der Zukunft dem Geld des Gläubigers erheblich weniger Güter entgegenstehen und der Gläubiger einen herben Wertverlust seines Geldes hinnehmen müßte. Ohne den Schuldner machte das „Sparen“ keinen Sinn.

Warum zahlt der Gläubiger nicht dem Schuldner für seinen Nutzen, den er aus ihm zieht? Weil der Gläubiger in einer größeren Machtposition steht.

1. Wenn ein zukünftiger Schuldner für ein Unternehmen Geld benötigt, so muss er an Geld kommen, um diese Unternehmung tätigen zu können. Wenn ein potentieller Gläubiger Geld besitzt, so kann er es anderen Marktteilnehmern für zur Verfügung stellen, aber er muss es nicht, denn für ihn ist es günstiger, es in den Händen zu halten. Vielleicht bietet sich für ein „Schnäppchen“ eine gute Kaufgelegenheit oder er befürchtet, daß er ganz plötzlich Geld benötigt.

  1. Der Schuldner muss Güter verkaufen, um tilgen zu können. Der Gläubiger kann mit den Tilgungsgeld des Schuldners Güter kaufen, aber er muss es nicht.(3)

Noch ein weiteres Problem ist mit unseren Geld-Spielregeln verbunden:

Durch die Zinsen kommen nämlich zu dem ohnehin großen Geldberg beständig noch hübsche Sümmchen dazu, so dass dieser Berg immer schneller immer größer wird. Es ist wie bei einem Schneeball, der am Schluß zu einer Riesenlawine wird. Entsprechen wachsen dann auch die Schulden. (4)

Wie entsteht nun Geld?

Auch bei der Entstehung von neuem Geld wird sichtbar, wie wichtig Schulden sind. Neues Geld gibt die Bundesbank als Kredit für die Banken aus, die dafür den Leitzins zahlen. Die Banken geben dieses Geld als Kredite an ihre Kreditnehmer – Schuldner – weiter, die ihre Kunden sind.

Geld ist auch Wertübertragungsmittel

Nehmen wir folgenden Fall an: Die Großmutter möchte ihrem Enkelkind gerne etwas in einem ganz bestimmten Wert zum Geburtstag schenken. Sie weiß aber nicht recht, ob sie dem Enkel z. B. einen Kassettenrecorder, einen Plattenspieler, ein Kofferradio oder etwas anderes von gleichem Wert schenken soll. Was tut sie? Sie schenkt statt einer Ware Geld (= Kaufkraft). Sie überträgt damit den in Aussicht gestellten Wert in Form von Geld. Mit der Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs wurde Geld auch ein Mittel des Kapitaltransportes. Man kann heute bequem vom Schreibtisch aus Zahlungen über jede Entfernung leisten. All die bisher genannten Funktionen kann das Geld freilich nur dann zufrieden stellend erfüllen, wenn jeder bereit ist, jederzeit seine Waren oder Dienstleistungen gegen das Geld herzugeben. Deshalb waren die ersten Geldstücke überhaupt aus edlen, wertvollen Metallen, die schon immer sehr begehrt waren. Denken wir nur an den Dukaten aus Gold, den Golddollar oder die Goldmark des Deutschen Kaiser‑Reiches, mit der man bei uns bis zum Ersten Weltkrieg bezahlte.

Zusammengefasst hat Geld diese Funktionen:

Wertmaß und Wertmesser

Allgemein anerkanntes Tausch- oder Zahlungsmittel

Wertaufbewahrungsmittel (Wertspeicher)

Seine Funktion als Wertspeicher verhindert seine Funktion als allgemeines Tauschmittel.

Zur Behebung dieser Schwierigkeit dient der Zins, das ist die Belohnung, den Wertspeicher anderen zur Verfügung zu stellen.

Wertspeicher gegen Tauschmittel !!

Welche andere Möglichkeit gibt es, diese Schwierigkeit zu beheben?

Alles über Umlaufgebühr und Regio-Geld ( www.regionalgeld.de )

Der Artikel ist aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt und stammt imWesentlichen aus http://www.wellermanns.de/Gerhard/Geld_Geschichte.htm#Zur%20Geschichte%20des%20Geldes. Weitere Quellen (1) Brakteaten: Karl Walker:“ Das Geld der Geschichte“; http://userpage.fu-berlin.de/~roehringw/walker; (2) Jens Hakens u.a., Welche rolle spielt das Geld?, Fairconomy, Nr. 1 2005, (2) Thomas Koudela, Ökonomie, Marktwirtschaft jenseits des Kapitalismus, 2004, EWK-Verlag, www.ewk-verlag.de u. (3) Eine Alternative zur Beschäftigungskrise, www.koudela.net, (4) Thomas v. Tubeuf, Humannwirtschaft – 02/2006, sowie www.inwo.de.

September 13, 2007 Posted by | Wirtschaft | 5 Kommentare

Kritik am Bedingungslosen Grundeinkommen, Werner

Kritik an dem Modell von Götz Werner „Einkommen für alle“

(Bedingungsloses Grundeinkommen, BGE)

Das Besondere am Werner-Modell ist der Vorschlag, das Grundeinkommen aus der Konsumsteuer zu finanzieren, bei gleichzeitigem Wegfall aller auf Einkommen und Erträgen erhobenen Steuern.

Was passiert mit einer Volkswirtschaft, wenn das Einkommen bzw. die Erträge aus der Produktion

( dank der von Werner viel beschworenen durch Investition erzeugten Rationalisierung )

auf immer weniger Schultern verteilt wird?

Werner verkennt, wie unser Geldsystem funktioniert:

Geld wird im Prinzip über Schulden für Unternehmen und den Staat in das Wirtschaftssystem eingespeist. Letztlich bezahlen die Unternehmer damit Lohn- und Kapitalkosten an die in den Produktionsprozess eingebundenen Wirtschaftsteilnehmer. Über deren Konsum (Abnahme von Waren = Entnahme von Leistungen) erreicht das Geld wieder die Unternehmen, die damit die Schulden und Schuldenkosten bedienen können. Dies ist der Wirtschaftskreislauf: Geld fließt in die eine Richtung, Leistungen in die andere.

Wenn aber die Zahl der Abnehmer in diesem Kreisprozess schwindet, immer mehr aus dem Produktionsprozess herausfallen, wer nimmt dann die Waren ab, so dass der Unternehmer seine Kosten begleichen und seinen Profit in Geld realisieren kann?

Die Lösung von Werner besteht darin, dass alle ein Grundeinkommen erhalten, mit dem dieser Überhang an Leistungen vom Markt abgeräumt wird und das konsumsteuerfinanziert ist. Doch woher kommt das Geld für das Grundeinkommen derjenigen, die aus dem Produktionsprozess herausgefallen sind? Aus der Besteuerung ihres eigenen Konsums? Dies ist so, als wolle sich Münchhausen an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Es kann auch nicht aus der Konsumsteuer der im Produktionsprozess eingebundenen Wirtschaftsteilnehmern kommen, da diese dann weniger Waren abnehmen würden (s. Ergänzung, Berechnung)

  1. Realistischerweise muss jemand für dieses Grundeinkommen als Vorschuss Schulden aufnehmen, z.B. der Staat. Durch den Konsum werden dann zwar die ursprünglichen Schulden zurückgeführt, aber es bleibt ein Teil stehen, der durch die fälligen Zinsen erwachsen ist. Das Geldvermögen der Geldbesitzer steigt. (Schon jetzt existieren in Deutschland 6 Billionen € Schulden, denen die gleich große Summe von Geldvermögen gegenüber stehen. Etwa 70 % dieser Schulden fallen auf die Unternehmen und 25 % auf den Staat, die die Kosten dafür an die Konsumenten weiterreichen).

    Sehr viel wichtiger ist, dass der Überschuss (Gewinn) des reichen Bevölkerungsanteils, der sich aus der Differenz von Einkommen zu Ausgaben ergibt, nicht besteuert wird. Er trägt dann nicht zum Aufkommen des BGEs bei. Der Mangel, der sich aus dem Auseinanderklaffen zwischen arm und reich ergibt, wird auf die Allgemeinheit verteilt. Der Staat entledigt sich vollständig der Aufgabe, für eine gerechte Verteilung des gemeinschaftlich erarbeiteten Volkseinkommen zu sorgen. Schlimmer noch: Durch Verstärkung dieser Ungleichverteilung wird letztlich die Maschine Volkswirtschaft gegen die Wand gefahren. (s. Artikel Modelle..)

  2. Oder die Geldbesitzer werden zur Kasse gebeten, bzw. besteuert, auch alle jene, die aufgrund von Besitz leistungsloses Einkommen beziehen, sowie jene, deren Einkommensgröße jenseits einer angemessenen Leistungsrelation liegt (die Ackermanns).
  3. Oder die Waren bleiben liegen, die entsprechenden Firmen gehen Pleite, die Volkswirtschaft schrumpft. Es kommt zu den bekannten Konjunkturtälern bis hin zum Zusammenbruch des Wirtschaftssystems (Argentinien).

Letztlich wird man nicht vermeiden können, die Verteilungsfrage zu stellen, um das Grundeinkommen dazu zu benutzen, die Masse der Leistungsträger – die arbeitsfähige Bevölkerung – am Produktivitätsfortschritt der Volkswirtschaft zu beteiligen (Fall 2). Daran wird man die Modelle zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) messen müssen.

Im Folgenden Dokument eine Berechnung des BGE

Berechnung-des-bedingungslosen-grundeinkommen




September 13, 2007 Posted by | Wirtschaft | 1 Kommentar