Ansichten

Basarökonomie


Basarökonomie

Das statistische Bundesamt ( www.destatis.de ) liefert in einer Tabelle Informationen über deutsche Importe zwischen 1950 und 2007. Daraus wurde die unten stehende Grafik als Auszug angefertigt.

Einfuhr (Mill. Eur)

Import-Grafik

Aus dieser Aufstellung ist zu entnehmen: Heute hat der Rohstoffexport nicht mehr die Bedeutung wie vor 50 Jahren. Sein Anteil am Gesamtaufkommen ist erheblich gefallen. Diese Tatsache hat eine riesige Debatte unter den Wirtschaftsfachleuten über die Einschätzung der Bedeutung des Exportes für die Gesamtwirtschaft losgetreten. Angestoßen wurde sie von einem Prof. Sinn – Direktor des ifo-Institutes – der sich mit seinen Thesen erfolgreich durch den Blätterwald und die Talkshows bewegte. Er prägte den Ausdruck von der deutschen „Basarökonomie“. Darunter ist zu verstehen, dass Deutschland die Exportgüter nicht mehr selbst produziert, sondern sie als Vorleistungen importiert, um sie zusammengeschraubt und so veredelt wieder ausführt. Das wäre eine Exporttätigkeit ohne nennenswerte inländische Wertschöpfung. Deutschland könnte so Exportweltmeister sein, ohne eine einheimische Produktionsbasis zu haben.

Dazu H.W. Sinn (Die Welt, 26.01.2004)

„Deutschland beliefert die Welt mit billigen und guten Produkten, die es zunehmendem Maße nicht mehr selbst erzeugt, sondern in seinem osteuropäischen Hinterland produzieren lässt.“

Nun könnte man meinen, dass mit seiner Kritik dieser Professor auf die Exportindustrie und ihrem Gejammer über die angeblich geringe deutsche Wettbewerbsfähigkeit zielt. Weit gefehlt! Er zäumt das Pferd von hinten auf. Die Erfolge der deutschen Exportindustrie sieht er nicht als Folge, dass deutsche Produkte im Ausland wegen ihres guten Preis/Güte-Verhältnisses gefragt sind. Er sieht dies als Zeichen eine Schwäche der deutschen Wirtschaft. Seine Argumentation: Da die dt. Löhne zu hoch sind, sieht sich die Exportindustrie gezwungen, billige Vorprodukte im Ausland einzukaufen, um kostengünstig und im Endpreis billig zu produzieren. Als gestandener Vertreter der neoliberalen Angebotstheorie (s. meinen Artikel über das Say’sche Theorem) und Globalisierungsverfechtern fordert er: „ Löhne runter, um diesen Importen zu begegnen“. Beweis: Der steigende Anteil von Importen in der Vorleistungskette der Exportproduktions-Statistik.

In der Tat:

Im Jahre 1980 lag die Importquote des Exportes bei ca. 25%. Sie stieg im Jahre 2002 auf 37% und lag 2005 bei 42%. (s. IMK-Tabellen 1;9;10). Beeindruckend?

Das ruft nun die Wirtschaftsfachleute auf den Plan, die das Nachfrage-Modell von Keynes vertreten und manchmal skeptisch der globalen Verflechtung gegenüber stehen.

Ausgerechnet sie preisen nun die Bedeutung der Exportindustrie, die für die globale Verflechtung und Deregulierung der Weltmärkte eintreten. So stehen sich auf der einen Seite die Institute der deutschen Wirtschaft (DIW, HWWI, ifo, Ifw) und auf der anderen Seite die gewerkschaftsnahen Institute und Organisationen (Böckler-Stiftung, IMK, Friedrich-Ebert-Stiftung usw.) gegenüber. Manchmal weichen die Fronten auf.

Zum Beispiel

Der Vertreter Dr. H.U. Brautzsch des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (Mitglied der Leibnitz-Gesellschaft, in deren Vorstand der ehem. Unternehmer-Verbands-Funktionär Henkel sitzt) weist in einer Studie für das IMK (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, gewerkschaftsnah) nach (H.U. Bautzsch u.a., Globalisierung u. Beschäftigung…., IMK Studies, 1. 2008), dass bei der stark angestiegenen Importquote, die als Beleg für die Basarökonomie-These gilt, die Re-Exporte nicht berücksichtigt worden sind. Rechnet man diesen Export heraus, so zeigt sich ein relatives stabiles Bild der Importquote.

Stolz wird von den Befürwortern einer starken Exportindustrie darauf verwiesen, wie sehr diese zur Bruttowertschöpfung beiträgt. (Dazu ein Bericht aus einer Info-Schrift der Böckler-Stiftung, die sich auf die Studie von Brautzsch beruft). Alle Studien betonen, dass gleichzeitig mit dem Export Importe notwendig werden, die in Konkurrenz mit den einheimischen Produkten diese verdrängen, was ein Verlust an einheimischer Bruttowertschöpfung gleich kommt. Dies entspricht meinen Überlegungen, die ich in dem Papier „Export und heimische Wirtschaft“

https://hajosli.wordpress.com/2008/02/29/export-und-heimische-wirtschaft/

wie folgt beschrieben habe:

Der Güterimport wächst im gleichen Maße wie der Güterexport. Dies ist unmittelbar einsichtig, denn Länder tauschen Güter aus. Die exportierte Warenmenge ist gleich der importierten, sonst entsteht ein Handelsdefizit oder -überschuss. Handelt es sich bei den Importgütern um solche, die auch im eigenen Land produziert werden, geraten diese Industrien unter Absatzschwierigkeiten bzw. Preisdruck, weil das Angebot steigt. Der Druck wird an die Lohnkosten weitergeben bis hin zur Arbeitslosigkeit. Hat also ein Industriezweig mit seinen Produkten im Inland Absatzschwierigkeit und versucht er, durch erhöhten Export auszuweichen, um Arbeitsplätze zu sichern, geschieht dies letztlich auf Kosten anderer Industriezweige, die nicht exportieren können (Beispiel könnte sein Autoindustrie/ Textilindustrie).

Tatsächlich zeigen die Statistiken z.B. für 2002 unter Berücksichtigung des Entzuges durch Import einen positiven Beitrag der Exportindustrie zur Bruttowertschöpfung von 100 Mrd. €.(s. www.boecklerimpuls.de, boeklerimpuls, 3, 2008 )

Wichtig ist in diesem Zusammenhang festzustellen, dass dies nur durch einen Exportüberschuss möglich ist. Das bedeutet, dass das Ausland in Deutschland mehr Güter einkauft, als es dafür liefert.

Das Ausland schuldet damit Deutschland gegenüber Leistungen. Im Geldsystem heißt das wiederum, Deutschland hat dem Ausland einen Kredit gegeben. Diesem Kredit steht ein Geldvermögen gegenüber. Mit anderen Worten, gleichzeitig zum Exportüberschuss ist Geld in das Ausland exportiert worden. Im obigen Papier habe ich das wie folgt ausgedrückt:

Der Geldexport erhöht sich im gleichen Maße wie der Güterexport. Dieser Fall liegt bei einem Exportüberschuss vor. Das exportierende Unternehmen könnte z.B. für den Güterverkauf die entsprechende Fremdwährung akzeptieren, die es dann in den jeweiligen ausländischen Real- oder Finanzmarkt anlegt. Genauso könnten aber auch im Austausch zur heimischen Währung Kapitalbesitzer in der Fremdwährung investieren. Beides entspricht auf der volkswirtschaftlichen Ebene einem Geldexport. Dem Exportland steht dieses Geld dann nicht mehr zur Markträumung zur Verfügung.

Entsprechend weist Deutschland 2002 in der Leistungsbilanz einen Überschuss von 48,2 Mrd. Euro und ein Kapitaldefizit von 42,8 Mrd. Euro auf. (s. Tabelle unten)

In der Leistungsbilanz wird neben der Handels- und der Dienstleistungsbilanz auch der grenzüberschreitende Transfer von Erwerbs- und Vermögenseinkommen (z.B. Überweisungen von ausländischen Beschäftigten in ihre Heimat) und die sogenannten laufenden Übertragungen (z.B. Zahlungen Deutschlands an die EU) erfasst.

Das Ausland muss diesen Überschuss natürlich bezahlen. Da eigene Lieferungen zum Bezahlen fehlen, muss sich dass Ausland in Deutschland verschulden. Mit jeder Milliarde Euro mehr Exportüberschuss wachsen die Schulden an. Der Schuldenberg des Auslands gegenüber Deutschland wächst also beständig. Dieser Vorgang wird etwas missverständlich als „Kapitalabfluss“ bezeichnet und scheint etwas Schlechtes zu sein. In Wirklichkeit ist es nur die logische Folge ständiger Exportüberschüsse.

Deutschland hat seit 2001 in der Leistungsbilanz einen Überschuss. Mithin seit 2001 auch ein „Defizit in der Kapitalbilanz“ – also einen Kapitalabfluss. Dieser Tatbestand wird genutzt, um die Bewertung umzudrehen: „Auf jeden Fall verlieren wir im Umfang des Außenbeitrags Kapital an das Ausland.“ (Sinn, Hans-Werner: Basar-Ökonomie Deutschland, S. 34.)

Ursache und Wirkung werden verkehrt. Es wird behauptet: Das Ausland verschuldet sich gegenüber Deutschland nicht weil die deutschen Produkte so begehrt sind, sondern weil Deutsche ihr Geld im Ausland anlegen. Der Exportüberschuss entsteht dann quasi von alleine. Keine Folge von Leistung, sondern lediglich von Kapitalflucht. Jedoch: Wenn deutsche Kapitalbesitzer ihr Geld nicht ans Ausland verleihen bzw. dort anlegen würden, dann könnten die Exportüberschüsse gar nicht bezahlt werden.

(aus: Wirtschaftspolitische Informationen 6/2005, Gewerkschaft verdi)

Mit anderen Worten, wenn Deutschland gegenüber der USA einen Exportüberschuss aufweist, leiht es den Amerikanern Geld. Im Falle der USA geht dieser Exportüberschuss nur solange gut, wie das Währungsverhältnis stabil bleibt. Sinkt der Dollar, sinkt auch der Wert der Schulden. Wir schenken den Amerikanern Geld. Eine andere Möglichkeit zeigt die Hypothekenkrise. Hier kann der Steuerzahler direkt sehen, wie sein Geld in den USA „verbraten“ wird. Das ist das Ergebnis, wenn zu sehr auf Exporte gesetzt wird.

Der Export ist sinnvoll, wenn dafür Güter eingeführt werden, die im Binnenmarkt nicht hergestellt werden können oder wofür die notwendigen Arbeitskräfte oder Ressourcen fehlen.

Auch die internationale Arbeitsteilung macht unter bestimmten Bedingungen Sinn. Ihre Befürworter berufen sich dabei auf die Theorie des „komparativen Kostenvorteils“, die 1806 erstmals von David Ricardo formuliert wurde.

Diese Theorie besagt, dass die Vorteilhaftigkeit des Handels zwischen zwei Ländern von den relativen Kosten der produzierten Güter zueinander abhängt, d.h. , wenn ein Land für ein produziertes Gut auf weniger Einheiten eines anderen Gutes verzichten muss als das andere Land. In diesem Fall sollte jedes Land sich auf das Gut spezialisieren, das es relativ (komparativ) günstiger herstellen kann. Die Theorie Ricardos beinhaltet eine Forderung nach einem weltweit freien Handel, der bei Spezialisierung der Staaten auf ihre komparativen Kostenvorteile zum Vorteil aller ist.

Vor allem der Autor Michael Dauderstädt weist in seinem Artikel: „Sind unsere Löhne zu hoch? Schlaflose Nächte in der Basarökonomie“ (s. Anhang) auf Ricardo hin. Dazu aber in einem weiteren Mail. Für heute möchte ich aus diesem Artikel nur eine Stelle zitieren, die das oben Gesagt bestätigt:

Aber, wie oben schon gesagt, alle Kosten in Deutschland zu senken, um alle Preise senken zu können, macht keinen Sinn, außer man will das Ausland dauerhaft mit Exportüberschüssen und dem dazugehörigen Geld beglücken. Die Kosten der einen sind die Einkommen der anderen. Wer die Kosten und damit die Einkommen senkt, muss sich fragen, wer die billigeren Produkte kaufen soll. Letztlich entspricht der gesamte Konsum in etwa der Bruttolohnmasse und nur, wenn diese wächst, wächst auch der Konsum und das Volkseinkommen. (M. Dauderstädt, S.10).

Vor allem die letzten zwei Sätze zeigen Übereinstimmungen mit Aussagen, die ich in einem Artikel über ein Wirtschaftsmodell formuliert habe https://hajosli.wordpress.com/2007/09/13/modelle/. Da heißt es am Anfang:

In einer Volkswirtschaft, die durch Geldwirtschaft gekennzeichnet ist, gilt, dass die volkswirtschaftlichen Ausgaben die zukünftigen Einnahmen sind oder anders betrachtet, bei einer stabilen Volkswirtschaft ist die Summe aller Ausgaben gleich der Summe aller Einnahmen.

(s. auch volkswirtschaftliche Buchhaltung der Gesamtwirtschaft, stat. Bundesamt)

Wenn dieses Gleichgewicht nicht mehr stimmt, wenn z.B. mehr ausgegeben wird als eingenommen, bedeutet es, dass mehr Güter produziert als konsumiert wurden. Eine Möglichkeit dieses Problem zu lösen, ist die Aufnahme von Schulden zur Markträumung des Warenüberschusses. Die USA verfolgt seit Jahren diese Politik, wobei zum großen Teil das Ausland das nötige Kapital bereitstellt. Deutschland verfolgt seit Jahren die Politik des Exportüberschusses, wobei der Warenüberschuss und damit der Gewinn ins Ausland transferiert wird, das dann den Schuldner stellt. Hintergrund für das volkswirtschaftliche Ungleichgewicht liegt, wie in der Modellbeschreibung ausgeführt, besonders in einer extremen Ungleichgewichtigkeit der Einkommensverhältnisse. Diese entstehen vor allem dann, wenn es in der Gesellschaft Möglichkeiten gibt, durch den bloßen Besitz von knappen, aber für alle notwendigen Gütern leistungsloses Einkommen zu erzielen. In einer modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaft sind:

  • Produktionsmittel knappe Güter. – Ihr Besitz führt zu Profiten.
  • Weiterhin ist der Boden ein knappes, nicht vermehrbares Gut. – Sein Besitz führt zur Bodenrente.
  • Geld ist ein solches Gut, denn das Geld ist nicht nur bloßes Tausch- , sondern auch Aufbewahrungsmittel, das durch Hortung dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden kann. Dies ist die Liquiditätsreferenz des Geldes, die dazu führt, dass der Zins nicht unter den Liquiditätswert (erfahrungsgemäß 2%) sinkt. Der Besitz von Geld führt zum Zins als leistungsloses Einkommen.

Advertisements

Mai 20, 2008 Posted by | Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar